Inschriftenkatalog: Rhein-Hunsrück Kreis

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 60: Rhein-Hunsrück-Kreis I (2004)

Nr. 33 Oberwesel, Kath. Pfarrkirche Unserer Lieben Frau 1340

Beschreibung

Grabplatte des Speyrer Domdekans Hartmann von Landsberg, innen plan in die Nordwand des südlichen Nebenchors eingelassen. Große Platte aus rotem Sandstein mit Umschrift zwischen Linien. Im vertieften Feld unter einer Kielbogenarkade halbreliefierte, geschwungene Figur des Verstorbenen in reich gefälteltem priesterlichem Gewand (Albe und Kasel). Auf dem Haupt ein Birett, vor der Brust in beiden Händen den Meßkelch haltend. In den oberen Zwickeln je ein Wappen. Das rechte obere Drittel der Platte ist abgetreten, die oberen Buchstabenenden der Umschrift sind zum Teil überputzt.

Maße: H. 225, B. 120, Bu. 6 cm.

Schriftart(en): Gotische Majuskel.

Grabplatte des Hartmann von Landsberg

 Thomas G. Tempel (ADW) [1/2]

  1. + ANNO · D(OMI)NI · Mo · CCC · / XXX · IX · I(N) · OCTAVA · E(PI)PH(AN)IE · O(BIIT) · HARTMANNVS · / DE · LANDISBERG · DECAN(VS) / · ECC(LESI)E · MAIORIS · SPIRENSIS · CIVITAT(IS)

Übersetzung:

Im Jahr des Herrn 1339, am achten Tag nach (dem Fest) der Erscheinung (des Herrn) (13. Januar) starb Hartmann von Landsberg, Dekan der Domkirche der Stadt Speyer.

Wappen:
Landsberg1)Rathsamhausen2)

Kommentar

Die unten aufgerauhten, auffällig flach eingehauenen Buchstaben waren zur Aufnahme einer schwarzen, glattgestrichenen Füllmasse3) vorgesehen, die die kunstvoll ausgeführte Figur des Verstorbenen eindrucksvoll kontrastiert haben dürfte. Vermutlich erklärt sich dadurch das Fehlen von Zierformen und Varianten; lediglich M erscheint in links geschlossen unzialer bzw. gerundet unzialer Form. Als Worttrenner dienen Quadrangeln.

Hartmann entstammte einer am Oberrhein begüterten, weitverzweigten Familie4) mit späterem Stammsitz auf der elsässischen Burg Landsberg (Dép. Bas-Rhin). Aufgrund der Wappen dürfte es sich bei seinen Eltern5) um Walter gen. Hacker von Landsberg und seine unbekannte erste Frau, eine geborene von Rathsamhausen, gehandelt haben. Weder über die Gründe, die den damaligen Speyrer Domdekan bewogen haben, Oberwesel zu besuchen6), noch über die Ursache seines Todes und das anschließende Begräbnis in einer ihm fremden Kirche liegen verläßliche Nachrichten vor. Daß es sich bei dem Denkmal in Oberwesel um eine Grabplatte und nicht um ein Kenotaph handeln dürfte, zeigt die heute noch an der Außenseite des Speyrer Doms neben dem östlichen Südportal befindliche, in gotischer Majuskel in einen Sandsteinquader eingehauene, vierzeilige Gedächtnisinschrift7), die in fast gleichlautenden Worten ebenfalls den Tod des Domdekans mitteilt, allerdings zum Jahr 1340. Diese nur scheinbare Unstimmigkeit8) in der Datierung erklärt sich durch den spätestens seit dem 13. Jahrhundert in der Erzdiözese Trier verwendeten Annunziationsstil9) mit Jahresanfang am 25. März: Der 13. Januar 1339 im trierischen Oberwesel war eben gleichzeitig der 13. Januar10) 1340 sowohl in Speyer als auch in den restlichen Bistümern des deutschen Sprachraumes.

Die einem hohen geistlichen Würdenträger11) angemessene, höchst qualitätvolle Grabplatte dürfte aufgrund ihrer stilistischen Merkmale von der Hand stammen, die wenige Jahre zuvor die Deckplatte für das Hochgrab des Oberweseler Stiftsdekans Johannes angefertigt hat. Ob es sich wie bei dieser nur um ein sich an der Tradition der sogenannten Rheinpfälzischen Werkstätten orientierendes "Schulwerk"12) handelt, muß auch im Fall der jüngeren Platte der kunsthistorischen Diskussion überlassen bleiben.

Anmerkungen

  1. Geteilt, oben ein Sechsberg.
  2. Innerhalb eines Schildbords ein Balken.
  3. Nur noch in geringen Resten erhalten; vgl. auch Nr. 29 mit Anm. 1.
  4. Als bekannteste Vertreterin dieses Geschlechts gilt Äbtissin Herrad von Landsberg (+ 1196) vom benachbarten Kloster Odilienberg, berühmt durch ihre vielbenutzte Enzyklopädie "Hortus deliciarum"; vgl. dazu Curschmann, Herrad von Hohenburg (Landsberg) pass. mit Kritik an der bisherigen Identifizierung (Sp. 1139).
  5. Vgl. zum Folgenden Kindler von Knobloch, Geschlechterbuch 2, 450ff. mit Stammtafel S. 452 und zum Stammsitz Hotz, Handbuch 109. - Bei Möller, Stammtafeln AF II Taf. 70 und 71 wird diese Verbindung allerdings nicht erwähnt.
  6. Möglicherweise hängt sein Aufenthalt mit der Bekanntschaft mit seinem aus Oberwesel stammenden "Mit-Stiftsherren" Otto von Schönburg auf Wesel zusammen, der ab 1329 als Domherr und ab 1344 bis zu seinem Tod 1355 als Domscholaster in Speyer nachweisbar ist; vgl. zu ihm Fouquet, Domkapitel 792 Nr. 343.
  7. ANNO · D(OMI)NI · MoCCCo · XLo · IN · / OCTA(VA) · E(PI)PH(AN)IE · O(BIIT) · HARTMANVS · / DE · LANDESBERG · DECAN(VS) · / ECC(LESI)E · SPIRENSIS; vgl. dazu Kdm. Speyer 294.
  8. Kdm. Speyer 294 bezeichnen das Todesdatum des Oberweseler Grabmals als "irrig".
  9. Vgl. dazu Schmidt, Mos Treverensis pass. sowie Einleitung Kap. 1.
  10. Rätselhaft bleibt allerdings, warum das jüngere Speyrer Seelbuch (vgl. dazu Reimer, Todtenbuch 417) und (ihm folgend?) Fouquet, Domkapitel 729 als Tagesdatum für Hartmanns Tod den 11. Januar 1340 angeben.
  11. Der in geheimer Wahl vom Kapitel bestimmte Domdekan folgte in der kirchlichen Hierarchie Speyers nach dem Dompropst als zweiter Prälat direkt auf den Bischof und war gleichzeitig Sprecher der gesamten Speyrer Geistlichkeit; vgl. dazu Fouquet, Domkapitel 52ff.
  12. So Suckale, Hofkunst 102.

Nachweise

  1. NN., Liebfrauenkirche 14.
  2. Lehfeldt, Bau- und Kunstdenkmäler 612.
  3. v. Busch und Glasschröder, Seelbuch I 48 Anm. 2.
  4. Campignier, Liebfrauen- und St. Martinsstift 46 (übers.).
  5. Kdm. Rhein-Hunsrück 2.2, 320 mit Abb. 192.
  6. Fuchs, Mos Treverensis 112.

Zitierhinweis:
DI 60, Rhein-Hunsrück-Kreis I, Nr. 33 (Eberhard J. Nikitsch), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di060mz08k0003302.