Inschriftenkatalog: Rhein-Hunsrück Kreis

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 60: Rhein-Hunsrück-Kreis I (2004)

Nr. 27 Oberwesel, Kath. Pfarrkirche Unserer Lieben Frau (1308), um 1331

Beschreibung

Glasfenster mit Bauinschrift. Sie besteht aus einem Anfangskreuz und 44 Einzelbuchstaben und befindet sich in jener Maßwerkbrücke, die die fünf 18,50 m hohen Chorfenster auf halber Höhe unterteilt. Da an dieser Stelle jede der drei Bahnen eines Fensters mit einem liegenden Dreiblatt abschließt, dessen Lanzetten jeweils einem Buchstaben Platz bieten, verläuft die Inschrift in zwei Zeilen, die mit der oberen beginnend von links nach rechts zu lesen sind. Das Trägermaterial der gemalten bzw. zugeschnittenen Buchstaben1) besteht aus hellen, gelbgrünen Glasscheiben. Die Zwickel zwischen ihnen und dem schmalen weißen Rand des jeweiligen Dreiblattes sind bahnenweise wechselnd mit rotem und blauem Glas gefüllt. Bis auf wenige Reste ist der sonstige mittelalterliche Bestand der Glasmalereien in Liebfrauen verloren; die heutigen Glasmalereien in den Rechteckfeldern der Chorfenster stammen aus einer in den Jahren 1895 bis 1898 von dem Freiburger Glasmaler Fritz Geiges durchgeführten Neuverglasung2). Die bereits Ende des 16. Jahrhunderts erstmals erwähnte, 1855 im Wortlaut publizierte und 1877 mustergültig durch F. Schneider edierte Inschrift galt spätestens seit 19123) als verloren. Sie wurde jedoch - allerdings in desolatem Zustand - im Jahr 1991 im Verlauf langjähriger Renovierungsmaßnahmen an Ort und Stelle aufgefunden, ausgebaut, identifiziert4), anschließend restauriert, textlich wiederhergestellt und im Sommer 1996 erneut an ihrem ursprünglichen Platz angebracht. Von den insgesamt 44 Buchstaben haben sich 30 sowie das Anfangskreuz im Original erhalten5).

Erg. nach Schneider6).

Maße: Dm. (einer Glasscheibe) 15, Bu. 11,5-14,5 cm.

Schriftart(en): Gotische Majuskel.

Glasmalerei

 Dr. Eberhard J. Nikitsch (ADW) [1/2]

  1. + I[NC]HO[A]T[A FV]I·T·a) EC/CL[E]SI[A] S(AN)C(T)[E] MARIE· ·AN(N)Ob) [D(OMI)NI MC]CCoc)· ·OCT·AVO·

Übersetzung:

Begonnen wurde die Kirche der heiligen Maria im Jahre des Herrn 1308.

Kommentar

Bei der Schrift handelt es sich um eine für das zweite Viertel des 14. Jh. typische gotische Majuskel mit flächigen, keilförmig verbreiterten Schäften, starken Bogenschwellungen und leicht eingerollten bzw. ausgezogenen Zierlinien an den Buchstabenenden. Das mit nahezu parallelen Schäften gebildete A ist flachgedeckt, dabei ist der rechte Schaft ausgesprochen breit, Deck- und Mittelbalken sind dagegen auffällig dünnstrichig ausgeführt. An Zierformen werden lediglich Halbnodus und ein den Schaft begleitender Zierstrich bei I verwendet. Als Worttrenner dienen unregelmäßig gesetzte Punkte7).

Mangels vergleichbarer Quellen stellt die wiedergewonnene Inschrift ein äußerst wichtiges Zeugnis für die Geschichte8) der Liebfrauenkirche dar und läßt sich gut mit den bisher bekannten Daten vereinbaren: 1309 bzw. 1312 erhielt Erzbischof Balduin von Trier die damalige Reichsstadt Oberwesel von König Heinrich VII., seinem Bruder, als Pfandbesitz, 1331 erfolgte die Weihe des Hochaltars im neuerbauten Chor der Kirche, 1339 verlieh er dem Liebfrauenstift neue Statuten, und 1351 (dendrochronologisch datiert) war der Westturm fertiggestellt. Es ist offensichtlich, daß die Chorverglasung mit der Inschrift frühestens mit der baulichen Fertigstellung der mittleren Maßwerkzone der Chorfenster angebracht werden konnte9) - somit dürfte die Inschrift frühestens im Zusammenhang mit der Kirchweihe 1331 und nicht schon 1308 angefertigt worden sein. Trifft dies zu, ergeben sich einige fundamentale Fragen: Welchen Grund gab es für den oder die unbekannten Auftraggeber der Inschrift, weit über 20 Jahre später mit ungewöhnlich großen, geradezu monumentalen, öffentlich sichtbaren und gut zu lesenden Buchstaben ausdrücklich auf das Jahr des Baubeginns hinzuweisen? Wieso plazierte man die Inschrift gerade an diesem ausgefallenen Standort10) und verwandte mit farbigem Glas11) ein für Bauinschriften kostbares Material als Beschreibstoff? Warum wurde auf die naheliegende Nennung und Darstellung des bzw. der Stifter verzichtet12) und nicht einmal die zugehörigen Wappen in den Glasfenstern angebracht?

Im Gegensatz zur bisherigen Forschung13), die nahezu einstimmig in Erzbischof Balduin von Trier den Erbauer der Liebfrauenkirche und den Stifter ihrer Ausstattung sieht und in ihr gar den "Höhepunkt des Balduinischen Kirchenbaues"14) feiert, ergab die eingehende Diskussion dieser Fragen ein völlig neues Bild15): Der für den Verlust des Reichsfreiheit Oberwesels verantwortliche Balduin war weder Bauherr noch Stifter noch ein besonderer Wohltäter der Liebfrauenkirche. Stadt und Stift, die wirklichen Bauherren, dürften aus Opportunitätsgründen auf die figürliche Darstellung ihrer selbst verzichtet haben, ebenso auf die Nennung von Namen und die Anbringung von Wappen. Standort, Inhalt und Form dieser Inschrift dürften demnach eher als inhaltlich zwar dezenten, sonst aber unübersehbaren Hinweis16) der Stadt und der Stiftsherren an den ungeliebten Stadtherren Balduin zu verstehen sein, daß mit dem Bau ihrer Kirche bereits im Jahr 1308, also vor seiner Zeit, begonnen worden war und daß Planung und Bau in einem reichsstädtischen Bewußtsein wurzelten, das durch die Pfandherrschaft Balduins nicht obsolet geworden war.

Als Hersteller der Oberweseler Glasmalereien könnte eine in Mainz ansässige Werkstatt17) in Frage kommen, die zwischen 1320 und 1340 auch in Bacharach, Mainz und Oppenheim tätig war.

Textkritischer Apparat

  1. Diese Konstruktion ist zwar im klassischen Latein nicht nachweisbar, wird aber in mittellateinischen Texten und auch gelegentlich in mittelalterlichen Inschriften verwendet; vgl. dazu Nikitsch, Kirchenbau 8 Anm. 28 und 31.
  2. Über A waagerechter Kürzungsstrich.
  3. o über dem mittleren C, dessen linke Hälfte neu angefertigt wurde.

Anmerkungen

  1. Für die Herstellung der originalen Buchstaben wurden zwei Verfahren angewandt: Der gewünschte Buchstabe wurde zum einen von der unter dem kreisrunden Trägerglas liegenden Vorlage durchgepaust und die verbleibende Fläche zwischen seinem Umriß und dem Glasrand mit Schwarzlot ausgemalt. So entstanden helle, durchscheinende Buchstaben vor einem dunklen Hintergrund (so hergestellt: Anfangskreuz und 24 Buchstaben). Zum andern schnitt man die Buchstaben gemäß der Vorlage aus dem Glas und fixierte sie mit Bleiruten (so hergestellt: 6 Buchstaben); allerdings wurden auch hier die in Zierlinien auslaufenden Buchstabenenden mit Schwarzlot gestaltet. Die Malfarbe wurde dann durch Aufbrennen mit dem Grundglas verbunden.
  2. Vgl. dazu Parello, Glasmalereien pass.
  3. Vgl. Oidtmann 152 Anm. 2. - Noch Petz Anm. 101 war der Ansicht, daß die Inschrift während der Restaurierung der Kirche 1892-95 verloren gegangen war.
  4. Vgl. dazu und zur gesamten Inschrift die beiden damals entstandenen Aufsätze des Verf., Wiederentdeckung, pass. und Kirchenbau, pass.
  5. Dr. Hartmut Scholz (CVMA, Arbeitsstelle Freiburg) und den mit der Wiederherstellung der Oberweseler Glasfenster betrauten Restauratoren der Firma Binsfeld in Trier, allen voran Herrn Norbert Kölzer, bin ich für ihre gern gewährten fachlichen Auskünfte zu größtem Dank verpflichtet. Ihrer Erfahrung ist es zu verdanken, daß bei jedem einzelnen Buchstaben aufgrund der Beschaffenheit des Trägerglases sicher entschieden werden konnte, ob es sich um ein mittelalterliches Original oder um eine im 19. oder 20. Jh. hergestellte Kopie handelte.
  6. Schneider überlieferte die Inschrift in gotische Majuskeln nachahmenden Drucktypen in folgender Version: + IN[C]HOATA [F][V]IT ECCLESIA SCE MARIE A[N]O DNI [MC]CC OCTAVO, wobei er die damals bereits verlorenen bzw. nicht mehr lesbaren, von ihm ergänzten Buchstaben in eckige Klammern setzte. - Vgl. dazu und zu den verschiedenen Erhaltungsgraden der Inschrift Nikitsch, Kirchenbau pass.
  7. Die Worttrenner treten nicht nur an ihrer üblichen Stelle zwischen zwei Einzelwörtern auf, sondern - schwer erklärbar -auch innerhalb eines Wortes. Da jedoch bei den verschiedenen Restaurierungen auch originale Buchstaben untereinander vertauscht wurden, könnte etwa das bei FVIT das Wortende des neuangefertigten D(OMI)NI markiert haben, während das bei OCTAVO rätselhaft bleibt.
  8. Vgl. zum Folgenden Einleitung Kap. 2.1.7.
  9. Die vorgeschlagene Datierung wird durch die jüngsten Ergebnisse der Bauforschung (vgl. Sebald, Großinventar 30) unterstützt, wonach "zum Zeitpunkt der Weihe (...) Apsis, Chorjoche und Turm (...) vielleicht bis in die Höhe des Obergadens vollendet" waren. Die von Sebald selbst (ebd. 33 Anm. 14) vorgenommene Datierung der Oberweseler Scheiben in die "40er Jahre des 14. Jhs., spätestens um 1350", erscheint von daher zwar nicht ausgeschlossen, ist jedoch keinesfalls zwingend. Daß der Chor bis zu seiner erst 1386/89 erfolgten Einwölbung möglicherweise ein provisorisches Flachdach besessen haben dürfte, spielt in diesem Zusammenhang keine Rolle.
  10. Die Durchsicht der bislang publizierten Bände des CVMA (Deutschland) und der Editionen des deutschen Inschriften-Unternehmens führte zu dem erstaunlichen Ergebnis, daß eine in der vorliegenden Art konzipierte Bauinschrift auf Glasfenstern sonst nirgends nachzuweisen ist; vgl. dazu Nikitsch, Kirchenbau 9f. Anm. 31. - Hinsichtlich Ausführung und Anbringungsart lassen sich zum Vergleich die ebenfalls aus Einzelbuchstaben bestehenden Inschriften auf einigen, Ende des 12. Jh. entstandenen Glasfenstern des Straßburger Münsters heranziehen, die allerdings Szenen aus der Genesis kommentieren; vgl. dazu Beyer, Les vitreaux 477 mit Abb. 420; freundlicher Hinweis meines Heidelberger Kollegen Dr. Harald Drös.
  11. Da spätmittelalterliche Glasfenster in der Regel mit figürlichen Szenen und Darstellungen geschmückt werden, dienen die beigegebenen Inschriften meist der erläuternden Erklärung; daher handelt es sich typologisch oft um Namens- und Stifterinschriften; vgl. dazu die Beispiele bei Becksmann, Fensterstiftungen 65ff. und Schmid, Selbstdarstellung 101ff. - Bauinschriften finden sich dagegen überwiegend auf mit dem entsprechenden Bauwerk fest verbundenen Bauteilen wie Pfeilern und Mauern eingehauen oder auf separaten Tafeln in das Mauerwerk eingelassen, nur gelegentlich werden sie auch an die Wände gemalt; vgl. dazu Kloos, Epigraphik 64f.; Funken, Bauinschriften 8ff. und Neumüllers-Klauser, Schrift und Sprache 62ff.
  12. Selbst wenn man annimmt, diese Informationen hätten auf den heute verlorenen Glasscheiben gestanden, bliebe es unwahrscheinlich, daß dieses den seit der 2. Hälfte des 16. Jh. nachweisbaren Überlieferern der Inschrift entgangen wäre oder daß sie es nicht mitgeteilt hätten.
  13. Vgl. dazu die bibliographischen Nachweise bei Sebald, Goldaltar 88ff., der sich dieser Auffassung anschließt und die Liebfrauenkirche als einen "blockhaft vor der Stadtmauer aufragenden Baukörper" interpretiert, der "auch die politischen Interessen dieses mächtigen Bauherren" (ebd. 90) wiederspiegele.
  14. So Ronig, Kunst unter Balduin 498.
  15. Vgl. zum Folgenden ausführlich Nikitsch, Kirchenbau 9ff.
  16. Bezeichnenderweise kann die sich über die fünf Chorfenster erstreckende Inschrift nur von einem bestimmten Punkt der Kirche aus rasch und vollständig erfaßt und gelesen werden: vom Hauptaltar aus, dem Standort des mit dem Gesicht nach Osten zelebrierenden Priesters. Und der Priester, der 1331 die ersten sakralen Handlungen an diesem Altar vollzog, war der Konsekrator der Kirche, Erzbischof Balduin von Trier.
  17. Vgl. dazu Becksmann, Farbverglasung 386 mit Anm. 74 und Rauch 65f.

Nachweise

  1. Braun und Hogenberg, Urbium fol. 24 (erw.).
  2. Bertius, Commentariorum 3, 289 (erw.)
  3. Merian, Topographia Hassiae 171 (erw.).
  4. Brouwer/Masen, Antiquitatum 2, 211 (erw.).
  5. Manuscripta fol. 55v (freundlicher Hinweis meines Kollegen Dr. Rüdiger Fuchs).
  6. Brouwer/Masen, Metropolis 1, 253.
  7. Rhein. Antiquarius II 8, 14.
  8. Lotz, Kunst-Topographie 1, 482.
  9. NN., Liebfrauenkirche 3.
  10. Bock, Baudenkmale 1. Serie (Art. Die ehemalige Stiftskirche Unserer Lieben Frau zu Oberwesel) 1.
  11. Schneider, Ober-Wesel 184 (mit zeichnerischer Wiedergabe der Inschrift).
  12. Vuy, Geschichte 148.
  13. Hermann, Führer 19.
  14. Oidtmann, Glasmalereien 1, 152f. mit Abb. 266 (zeichnerische Wiedergabe eines Details der Inschrift aus Fenster I 10 A).
  15. Rave, Baukunst 47.
  16. von Lepel, Wandmalereien 10.
  17. Clemen, Gotische Monumentalmalereien 342.
  18. Jahn, Stiftskirche 419 Anm. 4.
  19. Pauly, Stifte 268.
  20. Schwarz, Chronik 29.
  21. Petz, Lettner 80
  22. Nikitsch, Oberwesel 181.
  23. Nikitsch, Wiederentdeckung 18 mit Abb. 1 (Wiedergabe der gesamten Inschrift).
  24. Sebald, Großinventar 33 Anm. 14.
  25. Nikitsch, Kirchenbau 8.
  26. Rauch, Memoria und Macht 66 Anm. 1.
  27. Kdm. Rhein-Hunsrück 2.2, 201f. mit Abb. 64.
  28. Fuchs, Mos Treverensis 114.

Zitierhinweis:
DI 60, Rhein-Hunsrück-Kreis I, Nr. 27 (Eberhard J. Nikitsch), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di060mz08k0002707.