Inschriftenkatalog: Rhein-Hunsrück Kreis

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 60: Rhein-Hunsrück-Kreis I (2004)

Nr. 25† Berlin, ehem. Schloßmuseum (aus Boppard) nach 1327

Beschreibung

Maßgefäß (sogenannter Berliner Sömmer) mit Meisterinschrift. Im November 18551) für 80 Taler von der damaligen brandenburgisch-preußischen Kunstkammer aus dem Kölner Handel erworben, gelangte das Stück 1875 in das Deutsche Gewerbemuseum, von dort aus 1921 in die Bestände des Berliner Stadtschlosses und gilt seit 1945 als verschollen2). Das runde Hohlgefäß mit zwei außen geschuppten Griffen, drei als Tiertatzen gebildeten Füßen und außen einzeilig umlaufender Inschrift3) erinnert - abgesehen von dem anderslautenden Text, dem Fehlen der Maßerweiterung und der unterschiedlichen Wappenkonstellation - in seinem Äußeren sehr an zwei aus Boppard stammende Sömmer4). Der Textbeginn wird durch zwei kleine übereinander stehende Wappen markiert.

Nach Inventarbuch und Karteikarte (Foto).

Maße: H. 20,7, Dm. 44,5 cm.

Schriftart(en): Gotische Majuskel, erhaben.

sogenannter Berliner Sömmer

© Preußischer Kulturbesitz, Kunstgewerbemuseum [1/1]

  1. MAGIST(ER)a) · IOH(ANN)ESb) · DE · CONFLVE(N)TIAc) · CANTIFEXd) · FECITe) · MEf) · T(EM)P(OR)E · EP(ISCOP)I · BALDEWINI ·

Übersetzung:

Meister Johannes von Koblenz, Kannenmacher5), machte mich zur Zeit des Erzbischofs Balduin.

Wappen:
Stadt Boppard6); Hochstift Trier7)

Kommentar

Obwohl sich alle drei Maßgefäße mit geringen Unterschieden äußerlich entsprechen, wurden für die Inschrift des Berliner Sömmers - soweit auf dem Foto und der Nachzeichnung erkennbar - zwar ähnliche, aber nicht unbedingt die gleichen Buchstabenformen verwendet. So sind etwa beim unzialen E die Bogenenden leicht eingezogen, das S erscheint spiegelverkehrt mit kaum durchgeführter Schwellung, der Bogen des runden T ist dünn nach innen gezogen, der Balken mit kaum wahrnehmbarer Schwellung ausgeführt, W ist durch zwei aneinandergesetzte V gebildet. Zudem ist die Inschrift zumindest teilweise in stark gekürzter Form und auf lateinisch abgefaßt. Allerdings findet der ungewöhnliche Kürzungspunkt bei MAGISTER seine Entsprechung bei den M- bzw. N-Kürzungen der beiden anderen Sömmer.

Durch die inschriftliche Nennung Erzbischof Balduins von Trier (Regierungszeit 1308-1354) ergibt sich ein klarer Zeitrahmen für die Herstellung des Berliner Sömmers, darüber hinaus spricht die veränderte Wappenanordnung zusammen mit den epigraphischen Indizien für den Guß zu einer bestimmten Zeit. Dieser dritte Sömmer könnte eine Reaktion auf ein gut bekanntes stadtgeschichtliches Ereignis darstellen: Da Balduin seine ihm durch die Verpfändung der damaligen Reichsstadt Boppard 1309/12 zugefallenen Herrschaftsrechte nicht durchsetzen konnte, eroberte er im September 1327 die ihm Widerstand leistende Stadt8) und versetzte sie damit faktisch in den Status einer kurtrierischen Amtsstadt. Wie bei fundamentalen Herrschaftsänderungen dieser Art öfters nachgewiesen9), könnten die kurfürstlichen Amtleute die auch Anfertigung von neuen Maßgefäßen verlangt haben, die zwar das gewohnte Aussehen und den gleichen Inhalt wie die bisherigen haben konnten, zugleich aber durch das Hinzufügen des Trierer Wappens10) und die inschriftliche Nennung des Stadtherrn die neuen Machtverhältnisse dokumentierte sollten.

Obwohl es sich bei dem Berliner Sömmer zweifellos um ein Maßgefäß handelt, sucht man vergebens nach der in der Regel immer vorhandenen Angabe des Maßes. Da jedoch alle drei Sömmer vor den späteren Maßänderungen in etwa das gleiche Aussehen und den gleichen Rauminhalt hatten, könnte die Maßangabe auf dem etwas später hergestellten Berliner Sömmer entbehrlich gewesen sein. Dies erlaubt den Schluß, daß die drei Gefäße auch noch in einer anderen Beziehung miteinander gestanden haben: Auf dem etwas jüngeren Berliner Sömmer spricht jetzt nicht mehr die städtische Obrigkeit, sondern der bis dahin nicht bezeugte Meister und Kannenmacher Johannes von Koblenz, der in der inschriftlichen Datierung auf die geänderten Machtverhältnisse offensichtlich Rücksicht nimmt bzw. nehmen muß. Dagegegen nennen die beiden, sich textlich entsprechenden, Rechtssicherheit vermittelnden Inschriften der beiden älteren Sömmer aus der Reichsstadtzeit - zumindest indirekt - die städtischen Auftraggegeber, den Grund der Herstellung sowie die Funktion der durch die Stadtwappen als speziell städtisch ausgewiesenen Maßgefäße.

Diese Überlegungen und die auffallende Übereinstimmung in den äußeren Formen lassen also kaum einen Zweifel daran, daß der Berliner Sömmer aus Boppard stammt und daß - trotz unterschiedlicher Schriftformen - einem Meister Johannes von Koblenz11) die wohl in Boppard erfolgte Herstellung aller drei Sömmer in zwei vermutlich kurz aufeinander folgenden Abschnitten vor und nach 1327 zuzuschreiben ist.

Textkritischer Apparat

  1. S spiegelverkehrt, Kürzung durch überschriebenen Punkt über T angezeigt.
  2. S spiegelverkehrt, Kürzung durch Balken über ES angezeigt.
  3. Bis CON ist die von Meyer in Normalschrift und ohne Kennzeichnung der Kürzungen gebotene Transkription auf dem Foto textlich nachvollziehbar. Meyer dürfte die handschriftlich in Normalschrift erfolgte Transkription der Karteikarte übernommen haben, ohne die Inschrift am damals bereits nicht mehr zugänglichen Original überprüfen zu können.
  4. I klein über dem T (Nachzeichnung). - Karteikarte und (ihr folgend) Meyer überliefern gegen die erkennbar um buchstabengetreue Wiedergabe bemühte Nachzeichnung im Inventarbuch artifex.
  5. C spiegelverkehrt (Nachzeichnung).
  6. Meyer überliefert irrtümlich in statt me der Karteikarte.

Anmerkungen

  1. Vgl. zum Folgenden die Angaben im Inventarbuch des (heutigen) Kunstgewerbemuseums Berlin (Inv.-Nr. K 4176) mit dem Vermerk "von Gurthe in Cöln gekauft" und zur Geschichte des Museums Schönberger, Kunstgewerbemuseum, Vorwort.
  2. Laut Stempeleintrag im Inventarbuch wurde das Stück während des 2. Weltkrieges zunächst im Keller des Berliner Stadtschlosses in Sicherheit gebracht, später dann in den Flakturm Friedrichshain ausgelagert. Dort verbrannten im Mai 1945 zahlreiche Objekte. Allerdings wurden aus diesem Bestand bis zum Frühjahr 1946 unzählige erhaltene Werke in die Sowjetunion verbracht, zudem kam ein kleiner Teil bereits im Sommer 1945 in amerikanischen Besitz nach Wiesbaden. Der Verbleib des Sömmers läßt sich also nicht mit letzter Sicherheit feststellen. - Freundliche Auskunft von Herrn Lothar Lambacher, Kunstgewerbemuseum der Staatlichen Museen zu Berlin, dem ich zudem herzlich für Kopien aus dem Inventarbuch und der Inventarkarte danke.
  3. Beschreibung nach dem Schwarz-Weiß-Foto auf der Inventarkarte des Kunstgewerbemuseums Berlin.
  4. Vgl. die beiden vorhergehenden Kat.-Nrr.
  5. Bei der merkwürdigen Berufsbezeichnung CANTIFEX dürfte es sich um eine sonst nicht nachgewiesene Wortschöpfung aus cantharus (Kanne, Humpen) und facio (ich mache) handeln, ähnlich der Bildung von artifex (ars und facio); vgl. Georges, Handwörterbuch 596. - Vergleichbare Berufsbezeichnungen wären cantafusor (Kannengießer) und califex (Kelchmacher, Kannengießer); vgl. dazu Ribbe/Henning, Familiengeschichtsforschung 339.
  6. Ein einköpfiger Reichsadler. - Meyer 106 bringt das Adlerwappen mit Kaiser Heinrich VII., dem Bruder Erzbischof Balduins von Trier, zusammen, nimmt wohl deswegen als Provenienz des Maßgefäßes Trier an und datiert es in den Zeitraum zwischen 1308 (Regierungsantritt Balduins) und 1313 (Tod Heinrichs).
  7. Ein Kreuz.
  8. Vgl. dazu ausführlich Volk, Boppard 188ff.
  9. Vgl. Nr. 23 Anm. 18.
  10. Vergleichbares scheint sich hinsichtlich des Bopparder Gerichtssiegels abgespielt zu haben, das wohl erst nach 1327 den mit dem Kreuz-Wappen des Hochstifts Trier belegten Reichsadler zeigt; vgl. dazu den Hinweis bei Volk, Boppard 197.
  11. Bereits Meyer 108ff. hat auf einige im Trierer Gebiet nachgewiesene Erzgießer des 13./14. Jh. mit dem Namen Johannes hingewiesen, sie aber eher hypothetisch mit Johannes von Koblenz in Verbindung gebracht. Da sich Herkunftsnamen ändern können, könnten allerdings zwei Meister näher in Betracht kommen: Der in der 1. Hälfte des 14. Jh. als Erz- und Glockengießer arbeitende Meister Johannes von Mainz (vgl. zu ihm Nr. 39) sowie der als Mit-Verfertiger der Türzieher des Trierer Doms bekannte Meister JOHANNES DE BINCIO (vgl. zu ihm künftig DI Trier). Da von diesen beiden Meistern keine Maßgefäße überliefert sind und sie von den Bopparder Sömmern völlig verschiedene Schriftformen benutzen, können sie zumindest aufgrund dieser Kriterien nicht mit Johannes von Koblenz identifiziert werden. Trotz des zeitlichen Abstandes dürfte es sich aber bei Johann um den "meister Johan der kanningisser" gehandelt haben, der 1358 als Zeuge und 1368 als Vater seiner Tocher Katherine in Urkunden des Koblenzer St. Kastor-Stiftes nachweisbar ist; vgl. dazu Schmidt, Geschichte I.2 Nrr. 1010 und 1211; freundlicher Hinweis von Herrn Michael Koelges, Boppard-Hirzenach.

Nachweise

  1. Kunstgewerbemuseum der Staatlichen Museen zu Berlin, Inventarbuch, Inv.-Nr. K 4176 mit Nachzeichnung der Inschrift.
  2. Kunstgewerbemuseum, Karteikarte mit Foto und Nachzeichnung der Inschrift.
  3. Meyer, Bronzen 106 mit Abb. 1.
  4. Theuerkauff-Liederwald, Bronze- und Messinggefäße 491 mit Abb. 6 S. 122.

Zitierhinweis:
DI 60, Rhein-Hunsrück-Kreis I, Nr. 25† (Eberhard J. Nikitsch), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di060mz08k0002501.