Inschriftenkatalog: Rhein-Hunsrück Kreis

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 60: Rhein-Hunsrück-Kreis I (2004)

Nr. 22 St. Goar, Evang. Stiftskirche A.14.Jh.

Beschreibung

Namensbeischrift des hl. Johannes Evangelist. Wandmalerei, innen an der Nordwand der ebenerdigen Kapelle (ehemalige Taufkapelle) im südlichen Chorflankenturm. Überlebensgroße, jugendliche Figur des mit Tunika und Mantel bekleideten Heiligen, der mit der linken Hand auf sein Marterinstrument hinweist, ein mit zwei Reifen umzogenes, mit siedendem Öl gefülltes Faß. Die leicht nach rechts geschwungene, mit Nimbus und gelocktem Haar versehene Figur steht in einer gemalten Rechtecknische. Die schwarz aufgemalte Inschrift beginnt links oben etwas außerhalb des Rahmens und verläuft - mit Rücksicht auf den Nimbus - leicht bogenförmig. Zumindest bis zum Beginn des 20. Jh. dürfte die Wandmalerei unangetastet1) geblieben sein, auch die behutsamen Restaurierungen der späteren Zeit2) (zuletzt 1962) wahrten weitgehend den originalen Bestand.

Maße: H. 160, B. 71, Bu. 3-4 cm.

Schriftart(en): Gotische Majuskel.

Wandmalerei des Johannes Evangelist

 Thomas G. Tempel (ADW) [1/1]

  1. + S(ANCTUS) I(OHANNES)a) · EWANGELISTA ·

Kommentar

Die wenigen Buchstaben sind als flächige Majuskeln mit zum Teil keilförmig verbreiterten Sporen und deutlicher Bogenschwellung bei E und T ausgeführt. Das geschlossene E erscheint unzial und kapital, G mit weit nach oben verlängerter, leicht gebogener Cauda. Als Worttrenner dienen Punkte.

Die Kapelle dürfte zusammen mit dem Südturm ab der Mitte des 13. Jahrhunderts erbaut worden sein. Unter Berücksichtigung der unauffälligen Schriftformen und der kunsthistorischen Einordnung der elegant ausgeführten Wandmalerei3) erscheint eine Datierung in den Anfang des 14. Jahrhunderts vertretbar, die jüngst vorgeschlagene Datierung ins 13. Jahrhundert4) dagegen deutlich zu früh. Die spezielle Ausmalung eines Teils der Kapelle mit der Einzelfigur des Heiligen steht wahrscheinlich in direktem Zusammenhang mit dem an diesem Standort vermuteten Johannes-Evangelisten-Altar5), vor dem 1329 die Gräfin Adelheid von Katzenelnbogen6) bestattet wurde.

Textkritischer Apparat

  1. I mit hochgestelltem kleinen o, das sowohl als ein etwas verunglücktes Kürzungszeichen als auch als zweiter Buchstabe des Namens aufzufassen sein könnte. Die untypisch tropfenförmig nach unten hängende linke Serife des I könnte aus einer mißverstandenen Restaurierung des an dieser Stelle fehlenden Worttrenners entstanden sein.

Anmerkungen

  1. So ausdrücklich Bardenhewer/Renard, Wiederherstellung 56.
  2. Vgl. dazu künftig Kern.
  3. Vgl. zu den Kriterien (Abkehr vom romanischen Zackenstil, "gotische" Durchbildung der Figuren) grundsätzlich Glatz, Wandmalereien 83ff. und Kern, Wandmalerei sowie Clemen, Gotische Monumentalmalereien 357 ("von hoher Qualität"); Spennemann-Weber-Haupt 13 ("vorzügliches Wandbild aus dem späten 13. Jahrhundert"); von Ledebur 12 ("um die Wende zum 14. Jahrhundert"). - Obwohl sich das eher selten verwendete Attribut des Ölfasses vornehmlich im 12. und 13. Jh. im Rheinland und im nördlichen Deutschland nachweisen läßt, entspricht der jugendliche Typus, der Zeigegestus und die Farbgebung der Kleidung (bläuliche Tunika, roter Mantel) ganz den Gepflogenheiten der Zeit um 1300; vgl. dazu Braun, Tracht und Attribute 370ff. sowie Lechner, Johannes der Evangelist 111 und 119.
  4. So Elenz, Tätigkeitsbericht 447.
  5. Das Gewölbe der kleinen Kapelle wurde in der zweiten Hälfte des 15. Jh. mit den Evangelistensymbolen ausgemalt; vgl. Nr. 121.
  6. Vgl. Nr. 26.

Nachweise

  1. Spennemann-Weber-Haupt, St. Goar, Abb. 11.
  2. von Ledebur, Stiftskirche, Abb. S. 9.
  3. Imhof, Stiftskirche, Abb. S. 12.
  4. Elenz, Tätigkeitsbericht, Abb. S. 447.
  5. Kern, Wandmalerei (Ms.).

Zitierhinweis:
DI 60, Rhein-Hunsrück-Kreis I, Nr. 22 (Eberhard J. Nikitsch), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di060mz08k0002207.