Inschriftenkatalog: Rhein-Hunsrück Kreis

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 60: Rhein-Hunsrück-Kreis I (2004)

Nr. 16† Boppard, Kath. Pfarrkirche St. Severus 2.V.13.Jh.

Beschreibung

Wandmalerei mit Darstellungen aus der Legende des hl. Severus an der nördlichen Hochwand des östlichsten Jochs. Die Wandmalerei wurde 1892 "unter der alten Tünche" aufgedeckt, zusammen "mit einem vollständige(n) Dekorationssystem ... aus der Erbauungszeit der Kirche" und einer Wandmalerei mit Szenen aus der Legende der Zehntausend Märtyrer sowie aus der Legende des hl. Ägidius. Sie befanden sich allerdings "in dermaassen beschädigtem Zustande, dass ein blosses Nachretouchiren ausgeschlossen war". Daher wurden die Wandmalereien zunächst "auf das Sorgfältigste gepaust", dann wurden sie offensichtlich vollständig entfernt und nach den Kopien "auf neuen Putz in Caseinfarben neu aufgemalt"1). Somit wurde auch der einzige, von einem verläßlichen Augenzeugen zufällig überlieferte Rest "von der alten Unterschrift"2), die noch auf dem Severuszyklus zu sehen war, ebenfalls vernichtet3). Die zum Teil gereimten, in der Art einer romanischen Majuskel ausgeführten Inschriften, die sich heute in zahlreichen Schrift- oder Spruchbändern über beide Wandmalereien verteilen, wurden erst bei dieser Gelegenheit unter Mitwirkung des damaligen Salziger Pfarrers Nick den Gemälden beigefügt4). Da sie offenbar ausnahmslos ohne formalen und inhaltlichen Bezug zu den originalen Inschriften hergestellt wurden5), können sie hier nicht berücksichtigt werden6).

Nach Clemen.

Wandmalerei des hl. Severus

 Akademie der Wissenschaften und Literatur Mainz [1/3]

  1. [- - -] INTRAT SARCOPHAGO SEVERUS7)

Übersetzung:

Severus steigt in den Sarkophag.

Versmaß: Ein Hexameter.

Kommentar

Der überlieferte Inschriftenrest bezieht sich auf eine zentrale Begebenheit in der Vita des hl. Severus von Ravenna8), der, als er seinen Tod nahen fühlte, das Grab seiner früheren Frau und Tochter öffnen ließ, worauf deren Skelette zur Seite rückten: Severus betete, legte sich zu ihnen und verstarb. Die entsprechenden Szenen sind in der zweiten Reihe der Wandmalerei in den letzten Bildern dargestellt9).

Die Datierung der Inschrift orientiert sich an den Bau- und Weihedaten10) der im 12. und 13. Jahrhundert neu erbauten, vermutlich zwischen 1225 und 1237 geweihten Kirche. Das Thema der Wandmalerei dürfte auf den damaligen Patrozinienwechsel von St. Peter und St. Johannes zu St. Severus zurückzuführen sein.

Anmerkungen

  1. Alle Zitate bei Clemen/Cuno, Restauration 20 bzw. 22. - Die dem damaligen Denkmälerarchiv der Rheinprovinz übergebenen Originalpausen sind im Nachfolgearchiv, dem Planarchiv des heutigen Landesamtes für Denkmalpflege in Mainz, nicht mehr auffindbar; vorhanden sind dagegen die im Sommer 1896 nach den neu angefertigten Malereien entstandenen Aquarellkopien (freundlicher Hinweis von Frau Susanne Kern, Bodenheim/Rhein).
  2. So Clemen nach einer Mitteilung des Bopparder Amtsgerichtsrates van Rossum.
  3. Daher ist es äußerst irreführend, wenn - trotz Kenntnis der Restaurationsgeschichte - noch in der jüngsten Publikation zu den Bopparder Wandmalereien so getan wird, als handele es sich ausnahmslos um den Bestand aus dem 13. Jahrhundert; so Rudolf, Bardenhewer 185.
  4. Vgl. dazu die entsprechenden Bemerkungen von Clemen 482ff. - Zudem zeigen alle von Clemen nach den Originalpausen abgebildeten Bopparder Wandmalereien stets leere Schrift- bzw. Spruchbänder.
  5. Ein signifikanter Beleg dieser Vorgehensweise ist die inhaltliche Nichtberücksichtigung des überlieferten Fragments.
  6. Edition der Texte bei Clemen 482ff.
  7. Der Hexameter-Schluß belegt, daß die Inschrift nur unvollständig überliefert wurde.
  8. Vgl. dazu ausführlich Clemen 483f.
  9. Vgl. dazu Clemen Taf. 31 und Kdm. Rhein-Hunsrück 2.1, Abb. 132.
  10. Vgl. zum Folgenden ebd. 207ff.

Nachweise

  1. Clemen, Romanische Monumentalmalereien 482 Anm. 12.
  2. Kubach/Verbeek, Denkmälerinventar I 79.
  3. Kern, Wandmalerei (Ms.).

Zitierhinweis:
DI 60, Rhein-Hunsrück-Kreis I, Nr. 16† (Eberhard J. Nikitsch), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di060mz08k0001602.