Inschriftenkatalog: Rhein-Hunsrück Kreis

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 60: Rhein-Hunsrück-Kreis I (2004)

Nr. 6a Boppard, Burgstr. 2 6.Jh.?

Beschreibung

Grabstein des Knaben Achifracius. Der bislang unbeachtete Stein wurde Anfang Juni 2003 bei Aufräumungsarbeiten im Keller des Hauses Burgstr. 2 durch den Besitzer zufällig entdeckt1). Da der Grabstein im Originalzustand als waagerecht (damit entgegen der Leserichtung) in den Unterbau der Treppe eingesetzte Spolie aufgefunden wurde und auch keine späteren Veränderungen festzustellen sind, ist mit Sicherheit davon auszugehen, daß er bereits während des Baus der Kellertreppe des damaligen kurtrierischen Zoll- und Kelterhauses2) und nicht erst 1876 mit der Errichtung des heutigen Wohn- und Geschäftshauses als 'Ausstellungsstück' eingefügt wurde. Kleiner hochrechteckiger Quader aus Kalkstein mit siebenzeiliger Inschrift zwischen Linien. Die rechte Seite ist beschädigt, dadurch geringer Schriftverlust.

Maße: H. 11,5, B. 9, Bu. 1,5-2 cm.

Schriftart(en): Vorkarolingische Kapitalis, Typ 1 (Spätrömisch-christliche Schrift).

Grabstein des Achifracius

© Dr. Eberhard J. Nikitsch (ADW) [1/1]

  1. HIC REQVI/ESCIT IN / PACE A/CHIFRA/CIVSa) VIXI[T] / ANNVS / V

Übersetzung:

Hier ruht in Frieden Achifracius. Er lebte 5 Jahre.

Kommentar

Die in einheitlicher Stärke in scriptura continua ausgeführte Schrift zeigt durchgehend spitzes A mit linkssschrägem Mittelbalken, teilweise N mit eingezogenem Schrägschaft, unziales Q mit eckigem Bogen und rechtsschräger Cauda sowie R mit gerader Cauda. Auffällig ist die Bildung des S mit rundem oberem, dann aber mit spitz ansetzendem, als rechtsschräger Schaft ausgeführtem unterem Bogen.

Obwohl der neu aufgefundene Stein bei Q und S bereits eckige Buchstabenelemente zeigt, gehen die Ecken und Spitzen (statt herkömmlicher Bögen) eindeutig auf mangelhaftes Können des Herstellers zurück - dies beweisen auch die leichten Entrundungen in den sonst nicht vereckten Bögen von P und R. Aufgrund des ansonsten charakteristischen Schriftbildes ist der Stein dennoch der Gruppe der älteren Bopparder Grabsteine zuzurechnen. Allerdings weist er im Vergleich zu ihnen sowohl durch die äußere Form (hoch- statt querrechteckig) als auch durch den abweichenden Inschriftenbeginn (REQVIESCIT statt QVIESCIT) fundamentale Veränderungen auf, die erst an späteren fränkischen Grabsteinen zu beobachten sind3).

Der sicher nicht gallo-romanische Personennamen ACHIFRACIVS ließ sich im inschriftlichen Vergleichsmaterial bislang nicht nachweisen, möglich wäre jedoch eine germanische Deutung. Aus dem Bereich der Ostgermania sind mehrere vergleichbare Namensanfänge (etwa Ach-ila, Ach-vin, Achi-ulf) nachweisbar, womit das erste Element Achi- verglichen werden könnte. Als Grundlage käme germ. *agiz 'Schrecken' oder germ. *agjo 'Schneide, Schwert' in Frage. Für das namenkundlich bislang nicht belegte Zweitelement -fracius könnte man germ. *frak- 'frech, kühn' (mit n-Infix im Namen der 'Franken', die gelegentlich auch ohne [n] vorkommen) anführen. Jedoch dürfte germ. *wræk- 'Rache, Verfolgung' vorzuziehen sein, das als Namenstamm belegt ist. Es ergäbe sich so ein sinnvoller Namen mit der Bedeutung von etwa 'Schwertverfolger' oder 'schrecklicher Rächer', freilich mit romanischem Lautersatz [fr] für [wr] und der ebenfalls in der Romania auftauchenden Graphie 〈ch〉 für 〈g〉 vor palatalem Vokal4). Die vom klassischen Latein abweichende Form ANNVS für ANNOS ist ein typisches Merkmal spätantiken Sprachwandels5). Aufgrund seiner ambivalenten Merkmale nimmt der unscheinbare Grabstein im Bopparder Material eine wichtige Zwischenstellung ein und dürfte in das 6. Jahrhundert zu datieren sein.

Textkritischer Apparat

  1. Die freie Stelle hinter dem Anfangsbuchstaben A ist offensichtlich unbearbeitet geblieben, es konnten dort keine Buchstabenreste nachgewiesen werden. - Bei dem an dem unteren Bogenabschnitt des ersten C erkennbaren punktförmigen Element handelt es sich eindeutig um eine Beschädigung und nicht um die Cauda eines möglichen G.

Anmerkungen

  1. Freundliche Auskunft von Herrn Heinrich Nick, Boppard.
  2. Der gewölbte und von Säulen getragene Keller dieses Hauses (Ansicht aus dem Jahr 1853 bei Schlad, Das alte Boppard) wird im Inventarband nicht behandelt; vgl. dazu Kdm. Rhein-Hunsrück 2.1, 519 und 628f. mit Abb. 382f.
  3. Vgl. dazu die Nrr. 7-12 mit ihren durchgehend von Schaftverlängerungen und eckigen Formen geprägten Buchstaben.
  4. Freundliche Hinweise von Herrn Prof. Dr. Wolfgang Haubrichs, Saarbrücken, vom 25. Juni und 21. Juli 2003.
  5. Vgl. den Kommentar zu Nr. 1.

Zitierhinweis:
DI 60, Rhein-Hunsrück-Kreis I, Nr. 6a (Eberhard J. Nikitsch), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di060mz08k00006a8.