Inschriftenkatalog: Rhein-Hunsrück Kreis

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 60: Rhein-Hunsrück-Kreis I (2004)

Nr. 2 Boppard, Kath. Pfarrkirche St. Severus 5.-1.H.6.Jh.?

Beschreibung

Grabstein des Diakons Besontio und seiner Nichte (bzw. Enkelin) Justiciola. Im Oktober 1973 in Zweitverwendung in zwei Teilen bei Ausschachtungsarbeiten in der Gemarkung "Im Proffen" aufgefunden1), danach zu Ostern 1974 innen an der Westwand von St. Severus angebracht. Nahezu quadratische Platte aus Kalkstein, im mittleren Drittel des Feldes innerhalb eines linierten Rahmens fünfzeilige Inschrift zwischen Doppellinien. Darüber ein großes Christogramm, flankiert von zwei Tauben; über jeder Taube ein lateinisches Kreuz mit dreiecksförmig verbreiterten Enden. Rechter Rand abgearbeitet, geringer Schriftverlust durch eine längs der Mitte verlaufende Bruchstelle. Die fehlenden Textteile der wieder zusammengefügten Steinhälften wurden ergänzt, die Buchstaben, Linien und Figuren neu rot ausgemalt.

Maße: H. 73, B. 69, Bu. 2,5 cm.

Schriftart(en): Vorkarolingische Kapitalis, Typ 1 (Spätrömisch-christliche Schrift).

Grabstein des Besontio und der Justiciola

© Thomas G. Tempel (ADW) [1/1]

  1. HIC IN PACE Q[VIE]SCVNT BENEDICTVS / IACONISa) BES[ON]TIO ET NEPTIS SVA / BENEDICTA PV[ELL]A IVSTICIOLA / OBIIT IVSTIC[I]OLA PVELLA VIIIb) KA(LENDAS) / ET IACONISa) BESONTIO VIIb) K(ALENDAS) APRI(LES)c)

Übersetzung:

Hier ruhen in Frieden der gesegnete Diakon Besontio und seine Nichte (bzw. Enkelin), das gesegnete Mädchen Justiciola. Das Mädchen Justiciola starb am achten (Tag) und der Diakon Besontio am siebten (Tag) vor den Kalenden des April.

Datum: 25. bzw. 26. März.

Kommentar

Die sehr feinstrichig und in einheitlicher Stärke in scriptura continua ausgeführte Inschrift zeigt durchgehend spitzes A mit rechtsschrägem Mittelbalken, E mit stark verkürzten Balken, K mit direkt am Schaft ansetzendem, verkürztem unteren Schrägbalken, L mit linksschräg nach unten gerichtetem Balken, offenes P und offenes R mit gerader Cauda.

Trotz der in der Inschrift zweimal verwendeten und damit offenbar so beabsichtigten Schreibweise IACONIS wurde der Stein seit seiner Entdeckung ohne Diskussion stets so behandelt, als ob die korrekte Form DIACONIS vorliegen würde2). Ohne eine andere Interpretation dieses Wortes anbieten zu können, muß jedoch darauf hingewiesen werden, daß in vergleichbaren frühchristlichen Inschriften die Schreibung dieses Titels nicht den sonst öfters zu beobachtenden vulgärlateinischen Einflüssen unterliegt und daher in der Regel korrekt erfolgt3). Während die Namensformen Justiciola und Besontio zweifellos dem gallo-romanischen Bereich zugeordnet werden können, muß stark bezweifelt bleiben, ob sich Besontio tatsächlich aus dem damaligen Vesontio, heute Besançon (Dép. Doubs), ableiten läßt4). Im Gegensatz zur häufig benutzten Eingangsformel läßt sich das für die beiden kurz nacheinander Verstorbenen merkwürdigerweise identisch verwendete Epitheton BENEDICTVS im Mittelrheingebiet kein weiteres Mal und auch sonst nur selten nachweisen5).

Sollte der Verstorbene, der zusammen mit seiner Nichte bzw. Enkelin offenbar in einem Doppelgrab beigesetzt wurde, tatsächlich das Amt eines Diakons ausgeübt haben, unterstützte er als Inhaber des untersten kirchlichen Weihegrades den Priester der damaligen Bopparder Kirche6) bei dessen Aufgaben. Er besaß die Kompetenz zu Unterricht und Predigt und war berechtigt, die Taufe zu spenden. Der von der Ausführung her qualitätvollste Bopparder Stein wurde erstmals von Eiden ins 6./7. Jahrhundert datiert, gehört aber aufgrund seiner äußeren und inneren Merkmale zur gallo-romanischen und daher früher anzusetzenden Gruppe der Bopparder Grabsteine7).

Textkritischer Apparat

  1. Sic! diaconus Wegner, Ur- und Frühgeschichte; diaconis Eiden, Grabstein; Neumayer; Volk; (D)IACONIS Wegner, Denkmäler.
  2. Zahlzeichen werden im Schreibverlauf kleiner. - Bei dem vor VIII rot ausgemalten punctus elevatus handelt es sich um eine nicht zum Text gehörende punktförmige Beschädigung.
  3. Denkbar wäre auch die Auflösung APRI(LIS); vgl. dazu Nr.1 Anm. d.

Anmerkungen

  1. Die beiden Teile wurden bei Erdarbeiten zur Fußgängerunterführung unter der Eisenbahn an der Ecke Angertstraße/Simmerner Straße gefunden und dienten offensichtlich in Zweitverwendung einem späteren kastenförmigen Steingrab (Grab 5) als längs- bzw. quergestellte Seitenteile. Offenbar wurde der Stein erst für diesen Zweck in der Mitte gespalten und so in zwei gleich große Teile zerlegt; vgl. dazu die Hinweise bei Eiden, Grabstein; Benner; Pauly und Neumayer.
  2. Eiden, Grabstein 2 bemerkt lediglich, ohne Beispiele anzugeben, daß "der Wegfall des Buchstabens D in der Inschrift ... mehrfach belegt" sei.
  3. Vgl. dazu die entsprechenden Belege bei Diehl, Inscriptiones III 340, wo sich die als Suspension ausgeführte Schreibweise IAC (mit Kürzungsstrich) nur einmal nachweisen läßt. - Vermutlich dürfte die hier verwendete Schreibung mit der Aussprache des Wortanfanges [dj] zusammenhängen, daher die Schreibweise IA, die sich so oder ähnlich in nicht-inschriftlichem Material nachweisen lassen dürfte (freundlicher Hinweis von Herrn Prof. Dr. Wolfgang Haubrichs, Saarbrücken, vom 11. Juli 2001).
  4. So erstmals Eiden, Ausgrabungen 334, dann ihm folgend Neumayer 109 und Wegner Ur- und Frühgeschichte 53. - In diesem Zusammenhang soll zumindest darauf hingewiesen werden, daß BESONTIO ein ähnliches Suffix (-ontio) aufweist wie BERANCIO; vgl. die vorhergehende Nr.
  5. Vgl. dazu Diehl, Inscriptiones III 324.
  6. Wobei es sich kaum um die 1963 entdeckte frühchristliche Kirche im Bereich des spätrömischen Kastells gehandelt haben kann; vgl. dazu Einleitung Kap. 4.1.1.
  7. Vgl. dazu ausführlich Einleitung Kap. 4.1.1. - Erst Neumayer 9 hat die Ähnlichkeit mit dem Armentarius-Stein erkannt und als Datierung die 2. H. des 5. Jh. vorgeschlagen.

Nachweise

  1. Eiden, Grabstein 2 mit Nachzeichnung S. 1.
  2. Eiden, Militärbad 96 mit Abb. S. 95.
  3. Eiden, Ausgrabungen 8 mit Abb.
  4. Eiden, Boppard 50 mit Nachzeichnung.
  5. Benner, Grabmäler 13.
  6. Pauly, St. Severus 10 mit Abb. S. 11.
  7. Kdm. Rhein-Hunsrück 2.1, 254 mit Abb. 20.
  8. Neumayer, Grabfunde 170 mit Nachzeichnung Taf. 7, 17.
  9. Wegner, Ur- und Frühgeschichte 52.
  10. Volk, Boppard 90 Anm. 45 mit Abb. S. 70.
  11. Fehr, Boppard, Abb. 12.
  12. Wegner, Besiedlung, Abb. S. 87.
  13. Wegner, Denkmäler 759.
  14. Landesamt für Denkmalpflege Rheinland-Pfalz, Abt. Archäologische Denkmalpflege Amt Koblenz, Festung Ehrenbreitstein, Magazin (Abguß).

Zitierhinweis:
DI 60, Rhein-Hunsrück-Kreis I, Nr. 2 (Eberhard J. Nikitsch), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di060mz08k0000203.