Die Inschriften des Rhein-Hunsrück Kreises

5. Die Schriftformen

Da es sich bei den in einigen Kirchen des Bearbeitungsgebietes in großer Zahl anzutreffenden mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Wandmalereien in der Regel nicht mehr um originale, vielmehr meist zu Beginn des 20. Jahrhunderts (und später) stark überarbeitete Kunstwerke179) handelt, bei denen der originale Schriftbefund kaum mehr zuverlässig zu rekonstruieren ist, können im Folgenden nur wenige aussagefähige Einzelbeispiele aus diesem Bereich für schriftgeschichtlich relevante Aussagen herangezogen werden.

5.1 Vorkarolingische Kapitalis

Die ältesten und sämtlich undatierten Inschriften des Bearbeitungsgebietes (Nrr. 1-12; 6a) stammen aus dem Bereich des frühchristlichen Boppard und sind in der Regel in einer in scriptura continua gehaltenen Kapitalis180) gestaltet. Trotz dieses gemeinsamen Merkmals lassen sie sich bei genauerer Betrachtung in zwei von den Schriftformen her deutlich voneinander unterscheidbare Gruppen einteilen.

Grabstein des Saturnalis

Die Inschriften der ersten Gruppe mit den Grabsteinen für Armentarius, Besontio, Nomidia, Eusebia, Saturnalis und dem Dies-Fragment (Nrr. 1-6) sind fast durchgehend in einer einheitlichen, feinstrichigen [Druckseite LVI] Kapitalis ausgeführt und können aus den oben dargelegten Gründen in das 5. bis in die erste Hälfte des 6. Jahrhunderts datiert werden181). Aufgrund seiner Schriftformen ist auch der jüngst entdeckte Achifracius-Stein (Nr. 6a) dieser Gruppe zuzuweisen, selbst wenn er wegen einiger abweichenden Merkmale etwas später ins 6. Jahrhundert datiert werden muß. Die Schreibung der Buchstaben dieser Gruppe orientiert sich zwar noch spürbar an den Grundformen der capitalis quadrata, der klassisch-römischen Monumentalschrift182), weist aber gleichzeitig durch graduelle wie fundamentale Abweichungen in der Gestaltung einzelner Buchstabenelemente fremde Einflüsse auf. Es sei zumindest darauf hingewiesen, daß neben den in klassischen Formen ausgeführten stets auch weit weniger qualitätvolle Inschriften angefertigt wurden, bei denen einige der unten erwähnten Abweichungen – wie etwa schräggestellte Schäfte bei M, kleingeschriebenes O oder offenes R – nachweisbar sind183). Überhaupt ist bei der Inschriftenproduktion der römischen Spätzeit grundsätzlich von einer geringeren Fertigkeit der Steinmetze und von einem Verlust der Kenntnisse von Schreibregeln auszugehen.

Abweichend von den Standardformen der Monumentalis werden bei den verschiedenen Inschriften innerhalb der ersten Gruppe verwendet: spitzes A mit links- wie rechtsschrägem bzw. mit geknicktem Mittelbalken und nach oben verlängerten, sich daher überschneidenden Schrägschäften, halbunziales B, F mit Schrägrechtsbalken oben und rechts angesetztem Balken am unteren Schaftende, G mit linksschräger Cauda, K mit direkt am Schaft ansetzendem, verkürztem unteren Schrägbalken, L mit schräggestelltem Balken, M mit eingezogenem Mittelteil bzw. stark schräggestellten Schäften, nicht kreisrundes bzw. kleingeschriebenes O, unziales Q, offenes R, S mit zu einem rechtsschrägen Schaft umgeformten unteren Bogen, T mit nach oben hin in spitzem Winkel geknickten Deckbalken und X mit leicht geschwungenem rechten Schrägschaft. Die variantenreiche Buchstabenbildung dieser Grabsteine, die sich in reicher Zahl in Mainz184) und vor allem in Trier185) nachweisen lassen, entspricht im großen und ganzen auch den Buchstaben der in das 5. bis 6. Jahrhundert datierten Wormser und Wiesbadener Grabsteine186) sowie denen der meisten frühchristlichen Grabsteine aus dem weiteren Mittelrheingebiet187).

Grabstein des Bilefridus

Die zweite Gruppe setzt sich aus den Inschriften für Audulpia, Fredoara, Chrodebertus, Nonnus, Bilefridus und (...)dis zusammen (Nrr. 7-12) und kann aus den oben dargelegten Gründen (vgl. Kap. 4.1.1) in die 2. Hälfte des 6. bis ins 7. Jahrhundert datiert werden. Bezüglich der Schriftformen unterscheidet sie sich von der ersten Gruppe grundsätzlich durch die eigentümliche Schaftverlängerung (etwa bei B, C, D, E, F, L, N, P, R) sowie durch auffällige eckige Formen, wie etwa eckiges C und rautenförmiges O. Hierbei markiert das Phänomen des runden C mit zusätzlichem Schaft am äußeren Bogenabschnitt eine Übergangsphase zum eckigen, zum Teil sogar mit Schaftverlängerung versehenen C. Weitere eigentümliche Buchstabenformen zeigen sich bei dem innen offenen B, bei G mit unverbunden um den unteren Bogenabschnitt halbkreisförmig gelegter Cauda, K mit verlängertem unteren Schrägbalken, konischem M mit halbhohem Mittelteil, N mit eingezogenem Schrägschaft, unzialem Q mit offenem Bogen und unverbunden nach rechts unten weisender Cauda und bei T mit schrägrechtem Balken. Geradezu kennzeichnend für die zweite Gruppe der Bopparder Grabinschriften sind die weiten Winkel bei A und V sowie die auffallende Konstruktionweise des S, dessen Bögen an einen geraden bzw. linksschräg gestellten und beidseitig verlängerten Schaft angesetzt sind. Der dadurch entstandene, völlig neue X-ähnliche Buchstabe konnte außerhalb Boppards bislang nur einmal in England und kürzlich auch auf einer Ende des 7./Anfang des 8. Jahrhunderts beschrifteten, bei St. Irminen in Trier aufgefundenen Tonscherbe nachgewiesen werden188). Diese [Druckseite LVII] grundlegende Veränderung der Schrift hängt wohl mit der allmählichen Durchdringung der germanischen und gallischen Provinzen des Römischen Reiches durch fränkische Stämme seit dem Ende des 5. Jahrhunderts zusammen und läßt sich als "eigenartige germanische Lapidarschrift"189) im 6. und 7. Jahrhundert vom Rhein bis ins westgotische Spanien nachweisen.

Die Benennung der beiden Schriftformen als spätrömisch-christlich (vorkarolingische Kapitalis 1) für die zeitlich frühere bzw. als fränkisch (vorkarolingische Kapitalis 2) für die spätere Gruppe folgt den von Konrad F. Bauer anhand des vorwiegend Mainzer Materials entwickelten Termini190).

5.2. Romanische und gotische Majuskel

Trotz der nachweisbaren kontinuierlichen Besiedlung Boppards, Oberwesels und St. Goars in karolingischer und ottonischer Zeit191) haben sich dort keine Inschriftenträger aus diesem Zeitraum erhalten. Im Zuge der Schriftreform unter Karl dem Großen wurde bei Monumentalschriften wieder auf den oben beschriebenen Typ der römischen Kapitalschrift zurückgegriffen und als sogenannte karolingische Kapitalis192) mehr oder weniger unverändert weiterbenutzt. Doch bereits Ende des 9. Jahrhunderts und verstärkt im 10. Jahrhundert werden Ansätze einer neuen Entwicklung bemerkbar: Die Buchstaben strecken sich und werden schmal, neben den (zum Teil auch eckigen) kapitalen erscheinen vereinzelt auch schon unziale bzw. runde Formen, die im 11. Jahrhundert verstärkt Ligaturen und Enklaven ausbilden und dann als romanische Majuskelschrift bezeichnet werden193).

Rechtsinschrift der Stadtmauer

Die drei ältesten mittelalterlichen Inschriften des Bearbeitungsgebietes sind in dieser linear konzipierten Majuskelschrift ausgeführt und können auch aufgrund ihrer charakteristischen Mischung aus eckigen und runden Buchstabenformen problemlos dieser Schriftform zugerechnet werden. Die beiden undatierten, im Katalog aus epigraphischen Erwägungen (spitzes A, fast vollrundes O, gerade Cauda bei R) erstmals in die erste Hälfte des 12. Jahrhunderts datierten Bopparder Rechtsinschriften (Nrr. 13, 14) zeigen kapitale und unziale Varianten von D, E und H sowie kapitale und runde Varianten von F, N und T. Die Verwendung von sowohl spitzem als auch trapezförmigem A mit beidseitig bzw. nach links überstehendem Deckbalken, links geschlossenem unzialem M, N mit eingezogenem Schrägschaft und verschränktem bzw. aus zwei aneinandergesetzten V konstruiertem W vermitteln einen guten Eindruck von der Formenvielfalt dieser Schrift. Eine gewisse Weiterentwicklung läßt sich bei dem Ende 12./Anfang 13. Jahrhundert datierten Relief mit der Darstellung der Geburt Christi (Nr. 15) feststellen: Die kurze Inschrift verzichtet auf konservatives spitzes A, weist neben trapezförmigem A mit geknicktem Mittelbalken auch unziales A auf, neben kapitalem auch gebogenes L, durchgehend unziales E sowie R mit geschwungener Cauda. Zudem sind die Sporen an den Buchstabenenden ausgesprochen stark ausgebildet.

Die offenbar bereits aus Modeln hergestellten Buchstaben der 1249 gegossenen Bopparder Mittagsglocke (Nr. 17) sind mit leichter Bogenschwellung, kräftiger Schaftverbreiterung sowie mit keilförmig verbreiterten Buchstabenenden ausgeführt und zeigen damit typische Kennzeichen der sich entwickelnden gotischen Majuskel194); dazu gehört auch der auffällige, übergroße Bogen des P. Die variantenreiche, kapitale wie runde bzw. unziale Buchstaben verwendende Schrift weist aber im Einklang mit ihrer Herstellungszeit noch keine eindeutigen Abschlußstriche auf, die hier so wirkenden Formen bei unzialem E und rundem F sind auf die Berührung der verbreiterten Buchstabenenden zurückzuführen. Wie unterschiedliche Herstellungstechniken erheblich abweichende Formen derselben Schriftart hervorbringen können, zeigen die wenigen Buchstaben der undatierten Marienglocke aus Oberwesel (Nr. 19). Im Gegensatz zu der Herstellung aus Modeln erlauben die von Hand aus Wachsfäden gerollten, durchgehend mit gerundeter Oberfläche versehenen Buchstaben eine weitaus feinere Ausführung der einzelnen Buchstabenelemente mit unterschiedlichsten Zierformen. So ist jeder Buchstabe verschieden; besonders auffallend sind die beiden A in MARIA gebildet: zum einen mit eingerollten Schaftenden, doppelt gebogenem Mittelbalken und zwei begleitenden, beidseitig eingerollten Zierlinien [Druckseite LVIII] am gerundeten Scheitel, zum andern mit dreiecksförmigen Schaftenden, einem Mittelbalken aus zwei sich kreuzenden Linien und zwei kleinen hakenförmig gekrümmten Zierlinien am Scheitel. Die Datierung der Glocke in das 4. Viertel des 13. Jahrhunderts orientiert sich an dem eindeutig geschlossenen unzialen E. Dabei handelt es sich um ein zentrales, hier erstmals im Bearbeitungsgebiet nachweisbares Merkmal der gotischen Majuskel, die durch die Tendenz zur allmählichen Schließung der Buchstaben mittels eines Abschlußstriches gekennzeichnet ist.

Weitere Stufen dieser Entwicklung vermittelt die Inschrift der wohl 1293 angefertigten Grabplatte des Mönches Heinrich aus Boppard (Nr. 18). Die sehr schlanken, nur mit leichten Schwellungen versehenen Buchstaben sind mit stark keilförmig verbreiterten Enden versehen, dabei laufen Bögen vereinzelt in umgebogene Zierlinien aus. Neben Varianten wie flachgedecktem trapezförmigem A mit geschwungenem linken Schaft, G mit stark eingerollter Cauda, symmetrisch unzialem M und R mit untereinander getrennt am Schaft ansetzendem Bogen und Cauda wird nun fast durchgehend geschlossenes E und meist auch geschlossenes C eingesetzt. Daß sich diese deutliche Tendenz zur Abschließung der Buchstaben jedoch nicht überall zwangsläufig fortsetzen muß, zeigt die noch stark kapital geprägte Schrift auf der aus prosopographischen Gründen in die 2. Hälfte des 14. Jahrhunderts datierten Glocke des Meisters Johann von Mainz in Oberwesel (Nr. 39), bei der bis auf das E alle anderen Buchstaben eben noch nicht geschlossen sind.

Wandmalerei des Johannes Evangelist

Flächigkeit als weiteres Element der ausgebildeten gotischen Majuskel läßt sich erstmals in der als Wandmalerei ausgeführten, in den Anfang des 14. Jahrhunderts datierten Namensbeischrift des hl. Johannes Evangelist in St. Goar (Nr. 22) beobachten. Die Inschriften der drei um 1327 in der Technik des Glockengusses hergestellten Maßgefäße aus Boppard (Nrr. 23-25) zeigen eine auffallend variantenarm geformte Majuskel, die zwar noch eher verhalten ausgebildete Schwellungen, sonst aber ein deutliches Streben zur Abschließung einzelner Buchstaben mit kräftigen Abschlußstrichen (bei C, E und M) erkennen lassen. Fast quadratische Proportionen besitzt die für die Entstehungszeit bemerkenswert feinstrichig ausgeführte gotische Majuskel auf der Grabplatte der 1329 verstorbenen Adelheid von Katzenelnbogen in St. Goar (Nr. 26). Auffallend ist die dort vorgenommene variable Gestaltung der Buchstabenenden: An Stelle der sonst verwendeten Dreieckssporen bleibt beim unzialen E der Ansatzpunkt des Abschlußstriches am Bogen dünnstrichig, ebenso wie gelegentlich bei G und S nur ein feiner Strich statt des Dreiecksporns angesetzt ist. Ausgeprägte Bogenschwellungen finden sich erstmals bei der um 1331 auf Glas ausgeführten Oberweseler Bauinschrift (Nr. 27), ab diesem Zeitpunkt aber in reicher Zahl auf den Grabdenkmälern der folgenden Jahre.

Bei einigen dieser Grabdenkmäler ist auf eine schon mehrmals beobachtete Besonderheit in der Schriftgestaltung aufmerksam zu machen. Sie weisen oft breit angelegte Buchstaben auf, die aus dem Stein nur flach mit aufgerauhten Untergrund ausgehauen wurden, offensichtlich um eine bessere Haftung einer aufzubringenden kontrastierenden Füllmasse195) zu gewährleisten. Erfreulicherweise haben sich auf den Grabplatten der 1336 verstorbenen Lucia (Nr. 28) im Kloster Marienberg, des ebenfalls 1336 verstorbenen Dekans Johannes in Oberwesel (Nr. 29), eines dortigen Kanonikers aus dem Folgejahr (Nr. 30) und des 1340 ebenfalls in Oberwesel verstorbenen Speyerer Domdekans Hartmann von Landsberg (Nr. 33) noch beträchtliche Reste dieser glattgestrichenen schwärzlichen Masse196) erhalten. Auch durch den so erzielten Kontrast mit dem meist roten Sandstein erhalten die derart behandelten Buchstaben einen äußerst dekorativen Charakter, der die sonst wenig variantenreich gestalteten Buchstaben deutlich aufwertet. Aber auch die konventionell ausgeführten Inschriften dieser Zeit weisen Besonderheiten in der Formensprache auf: So zeigt etwa die schlanke Majuskel auf der Grabplatte der 1337 verstorbenen Lucardis von Milwalt in St. Goar-Werlau (Nr. 31) gegen den Duktus breites P mit weit unter die Schaftmitte gezogenem Bogen und außerdem X mit zwei nach unten durchgebogenen, also nicht geschwungenen Schrägschäften. Auf anderen Grabplatten laufen Buchstabenenden gelegentlich in umgebogene Zierlinien aus (Nrr. 34 und 43). Hinsichtlich der Proportionierung der gotischen Majuskel ergibt sich für die erste Hälfte des 14. Jahrhunderts eindeutig ein Nebeneinander von schlanken, gestreckten und breiten, gedrungenen [Druckseite LIX] Buchstabenformen197). Somit entfällt – zumindest im Bearbeitungsgebiet – Proportion als isoliertes Datierungskriterium198).

Nur auf der Oberweseler Marienglocke von 1354 (Nr. 42) ist auch die anderweitig festgestellte, für das dritte Viertel des 14. Jahrhunderts typische Schriftvariante mit spitz ausgezogenen Bogenschwellungen199) nachzuweisen. Der so entstehende unruhige Eindruck wird auf der Oberweseler Glocke noch verstärkt, indem die in der Größe stark variierenden Buchstaben eine den Konturen folgende Zierlinie erhalten, die ihrerseits zum Teil an den Bogeninnenseiten von Punkten oder Dreiecken begleitet wird. Zudem variieren einige Buchstaben und sind auch sonst höchst eigenwillig gestaltet: So erscheint A sowohl in vollrund pseudounzialer Form ohne gebogenen Deckbalken als auch spitz zulaufend mit weit überstehendem Deck- und geknicktem Mittelbalken. Daneben steht symmetrisch unziales, unten gerade geschlossenes M mit spitz zulaufendem Oberteil und mit Punkten verziertem Mittelschaft sowie O mit spitz ausgezogener Bogenschwellung und ovaler, mit zwei senkrecht angeordneten Zierpunkten geschmückter Innenkontur. Die letzte nachweisbare gotische Majuskel auf der Grabplatte des 1364 verstorbenen Lamprecht von Schönburg auf Wesel (Nr. 46) besitzt dieses Merkmal nicht, dafür aber schon relativ früh unziales E mit Ausrundung der Winkel an Bogen und Balken200). Der ungewöhnliche Umstand, daß im Bearbeitungsgebiet nach 1364 keine Majuskel mehr belegt ist, resultiert aus der offensichtlich lückenhaften Überlieferung, denn bis zum Jahr 1385 (Nr. 52) haben sich nur wenige Inschriften und keine Grabplatten erhalten.

5.3. Frühhumanistische Kapitalis

Ende des 15. Jahrhunderts wird im Bearbeitungsgebiet ganz vereinzelt eine neue kapitale Schriftart201) verwendet, die ihre Ursprünge im humanistisch geprägten Italien hatte und sich ab Mitte des Jahrhunderts von Süddeutschland aus verbreitete. Vermittelt über Musteralphabete, Zeichnungen und unterschiedliche Objekte ist sie als dekorative Auszeichnungsschrift – wie andernorts auch – meist auf Spruchbändern, Nimben oder Gewandsäumen zu finden. Merkmale dieser in klarer Linearität konzipierten Schrift sind Buchstaben, die sowohl Formen der klassisch-römischen Antike und des 13./14. Jahrhunderts aufnehmen, wie auch Elemente der griechisch-byzantinischen Schrift rezipieren; häufig nachweisbar sind etwa das zweibogige E, H mit halbrunder Ausbuchtung am Balken, I mit Nodus und das byzantinische M.

Retabel mit Kreuzigung

Die früheste datierte Inschrift mit Formen dieser Schriftart findet sich im Bearbeitungsgebiet auf einem wohl 1491 entstandenen Bopparder Retabel (Nr. 110). Hier sind die beiden I des gemalten Titulus mit winzigen Halbnodi geschmückt, und das N wird durch einen hauchdünnen rechten Schrägschaft zur spiegelverkehrten Variante. Auch bei den wohl als Zier gedachten Buchstaben auf den Gewandsäumen zweier Figuren des 1506 gefertigten Nikolaus-Retabels in Oberwesel (Nr. 153) lassen sich bei der in sehr kleinen Buchstaben aufgemalten Kapitalis mit spitzem A, unzialem D, M mit hochgezogenem Mittelteil und R mit kleinem Bogen und gestreckter Cauda frühhumanistische Elemente beobachten. Aber erst auf der Grabplatte der 1520 verstorbenen Pfalzgräfin Anna in Kloster Marienberg (Nr. 167) zeigt sich zum einzigen Mal das reiche Formenrepertoire dieser Schriftart: Oben gerundetes pseudounziales A steht neben spitzem A mit beidseitig bzw. nur links überstehendem Deckbalken, B ist mit einander nicht berührenden Bögen ausgeführt, D unzial wie kapital, E zweibogig und kapital, I mit Nodus, M mit hochgezogenem Mittelteil, N mit Nodus am Schrägschaft, O spitzoval, P mit offenem, weit unter die Schaftmitte gezogenem Bogen, R mit kleinem Bogen und gestreckter Cauda, S spiegelverkehrt, T mit nach rechts ansetzendem Balken am unteren Schaftende und X mit gerade gestelltem Linksschrägschaft. Zudem unterstützen die auffallend dünn ausgeführten Schrägschäfte bei M und N zusätzlich den dekorativen Charakter dieser an Nexus litterarum reichen Schrift.

[Druckseite LX]

5.4. Kapitalis

Im Unterschied zur frühhumanistischen Kapitalis orientierte sich die in den beiden letzten Jahrzehnten des 15. Jahrhunderts im Mittelrheingebiet auftretende Kapitalis202) wiederum voll und ganz an den Formen der antiken klassisch-römischen Monumentalschrift. Vermittelnde Zentren bildeten dabei die rheinischen Bischofsstädte Mainz und Worms sowie die kurpfälzische Universitätsstadt Heidelberg.

Epitaph des Petrus Lutern

Abgesehen von einigen um 1500 entstandenen Inschriften (Nrr. 136, 146, 153), die noch mit Elementen der gotischen Majuskel bzw. der frühhumanistischen Kapitalis experimentieren, dürften die ohne Ausbildung von Sonderformen in unauffälliger Kapitalis aufgemalten Inschriften der Tituli auf dem Martha-Retabel von 1503 bzw. dem Nikolaus-Retabel von 1506 in Oberwesel (Nrr. 151, 153) die frühesten, wenn auch noch an unscheinbarer Stelle eingesetzten Vertreter dieser Schriftart darstellen. Etwa zehn Jahre später läßt sich diese Schrift erstmals auf dem Epitaph des 1515 verstorbenen Kanonikers und Propstes Petrus Lutern in Oberwesel (Nr. 159) monumental in Stein gehauen nachweisen. Der klare Bezug zur klassischen römischen Kapitalis wird durch die ausgewogenen Proportionen der sorgfältig gearbeiteten Buchstaben hergestellt, die Serifenbildung zeigen und mit deutlicher Linksschrägenverstärkung und leichter Bogenverstärkung versehen sind. Sogar R weist die ideale (später nur noch selten erreichte) stachelförmige Cauda auf. Die Proportion und Drängung der Buchstaben, auch die größeren Längenunterschiede der Balken des E, der etwas gedrückte Bogen des G, das durchgehend geschlossene P und die an der unteren Bogenmitte des Buchstabens ansetzende, kurze hakenförmige Cauda des Q verweisen auf die renaissancezeitliche Entstehung dieser Inschrift. Ähnlich gut ausgeführte Buchstaben mit vergleichbaren Merkmalen finden sich auf der Grabplatte des St. Goarer Kanonikers Daniel Platzfuß von 1519 (Nr. 165) und in der Meisterinschrift des Loy Hering auf dem Epitaph der Margarethe von Eltz in Boppard aus dem gleichen Jahr (Nr. 166) – letztere weist allerdings unklassische Punkte über I und Y auf. Bei der ansonsten gut proportionierten Inschrift des 1524 gestifteten Votivbildes in Oberwesel (Nr. 177) sind durch den Einsatz erhöhter Anfangsbuchstaben und die Gestaltung des M mit stark schräggestellten Schäften und auf die Buchstabenmitte hochgezogenem Mittelteil weitere Abweichungen vom antiken Ideal zu beobachten. Bei den aufgrund ihrer besonderen Herstellungsart ein breites, flaches Profil aufweisenden Buchstaben der beiden 1541 gegossenen Glocken in Oberwesel-Langscheid (Nrr. 191, 192) sind nur gelegentlich die Ausbildung der Bogen- und Schaftenden mit Sporen, außerdem keilförmig gestaltete Balken zu beobachten. Dieses Phänomen zeigt sich auch bei den erhaben ausgeführten Inschriften auf dem Eltz/Breitbach-Epitaph von 1548 in Boppard (Nr. 196). Während die Bogenenden der Buchstaben regelmäßig in Sporen auslaufen, sind Schaft- und Balkenenden zumeist nur keilförmig gestaltet. Außerdem weist die aufgrund des breiten flachen Profils recht kompakt wirkende Kapitalis I durchgehend mit Punkt und R mit leicht geschwungener Cauda auf.

Für die Entwicklung der Kapitalis ab dem 2. Viertel des 16. Jahrhunderts sind zwei Themenbereiche in den Blick zu nehmen: erstens die eher regellosen, stark vom Kanon abweichenden Produktionen und zweitens neue werkstattimmanente Schriftkonzeptionen. Etwa ab der Mitte des 16. Jahrhunderts entfernt sich die Kapitalis im Bearbeitungsgebiet deutlich von ihrem klassischen Vorbild und bildet Ansätze einer neuen Formensprache aus. Wie zunächst bei den frühen Grabkreuzen (Nrr. 206, 208, 215, 216) zu beobachten ist, wird die Linksschrägenverstärkung meist zugunsten gleichstrichig ausgeführter Schrift aufgegeben. Daneben kommt es in der Folgezeit zum verstärkten Einsatz von M mit hochgezogenem Mittelteil und von spiegelverkehrtem N. Weiterhin erscheinen offenes kapitales D, R mit gerader, am Schaft ansetzender Cauda und S mit waagerecht ausgeführten Bogenabschnitten (Nr. 210) sowie E mit stark verkürztem Mittelbalken (Nr. 217) bzw. mit stark verlängertem unteren Balken (Nr. 221) oder auch mit nahezu gleich langen oberen und unteren Balken (Nr. 236). C und G mit überstehendem oberen Bogenabschnitt sowie spitzovales O lassen sich erstmals auf der Grabplatte eines 1574 verstorbenen Propstes in Hirzenach (Nr. 225) nachweisen. Weitere Besonderheiten zeigen die Inschriften zweier Grabplatten von 1583 (Nrr. 230, 231): spitzes A mit nach links überstehendem Deckbalken, B mit sich nicht berührenden Bögen und R mit weit außen am Bogen [Druckseite LXI] ansetzender Cauda. Auf einem Hirzenacher Grabkreuz des Folgejahres (Nr. 233) findet sich erstmals H mit nach oben ausgebuchtetem Mittelbalken sowie offenes D mit nach rechts geknicktem Schaft, zudem oben spitzes zweistöckiges Z in der Grabinschrift für die 1591 verstorbene Judith Weller in Boppard (Nr. 238).

Fragment der Inschriftentafel für Margaretha NN.

Daß in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts neben der eben skizzierten Entwicklung auch die erwähnte eigenständige Ausprägung bzw. "werkstattimmanente Individualisierung"203) in der Schriftgestaltung feststellbar ist, zeigt die Inschrift des zwischen 1573 und 1578 entstandenen Epitaphaltars in Boppard (Nr. 226). Die schlanke, stark nach rechts geneigte Kapitalis nimmt wieder die klassische Linksschrägenverstärkung auf und hat als Besonderheit weit überstehende Serifen an den Buchstabenenden. Aufgrund charakteristischer Buchstabenformen wie spitzes A mit langer, exakt gearbeiteter Spitze, C mit spitz auslaufendem unteren Bogenende, R mit leicht geschwungener, spitz unter die Grundlinie laufender Cauda sowie S mit steil stehendem Mittelteil und kleinerem oberen Bogen konnte die Inschriftentafel der Werkstatt des gut bekannten Trierer Bildhauers Hans Ruprecht Hoffmann zugewiesen werden. Auch die Inschrift auf der neu entdeckten Grabplatte des Bopparder Pfarrers Johannes Erlenbach von 1587 (Nr. 234) weist wenigstens teilweise noch klassizierende Formen wie Linksschrägen- und Bogenverstärkung auf, zudem M mit bis zur Grundlinie reichendem Mittelteil. Gleiches gilt für die sorgfältig ausgeführte Kapitalis auf dem Epitaph des landgräflich-hessischen Kanzlers Friedrich von Nordeck in St. Goar (Nr. 247; vgl. auch Nrr. 276, 277).

Um die Wende zum 17. Jahrhundert lassen sich – neben unauffälligen – verstärkt an Nexus litterarum reiche Inschriften mit zeittypischen, oft auch eigenwilligen Formen feststellen (Nrr. 246, 252, 257, 283, 284): A mit verlängertem rechten Schaft und rundbogigem Anschluß des linken, G mit eingestellter Cauda, K sowohl mit fast geradem, als auch mit geschwungenem, unter die Grundlinie gezogenem unteren Schrägbalken, M mit schräggestellten äußeren Schäften und kurzen, nach oben gebogenen Schäften des Mittelteils, N mit nach rechts unter die Grundlinie verlängertem, spitz zulaufendem Schrägschaft, O mit linksschräger Achse, R mit weit ausgestellter und unter die Grundlinie reichender Cauda sowie S mit geschwollenem Mittelteil. Insgesamt dürfte das Phänomen der Schaft- und Bogenverlängerungen verbunden mit der Tendenz zur Ausbildung dreiecksförmiger Sporen an den Buchstabenenden charakteristisch für das letzte Drittel des 16. Jahrhunderts sein.

Abgesehen von mehr oder weniger stark ausgeprägten Varianten dieser Schriftformen sind im 17. Jahrhundert nur noch wenige fundamentale Veränderungen zu konstatieren. So läßt sich geschwungener Schrägschaft bei N erstmals 1627 nachweisen (Nr. 345) sowie 1631 zweibogiges E, J als eigenständiger Buchstabe und vor allem die Verwendung des runden U statt V (Nr. 352). Insgesamt scheint in der zweiten Jahrhunderthälfte die Tendenz zu breiteren Proportionen vorzuherrschen.

5.5. Gotische Minuskel; Versalien

Im Verlauf des 11. Jahrhunderts entwickelt sich aus der karolingischen Minuskel in Nordfrankreich und Belgien eine neue Buchschrift204) (Textura) mit dem auffälligen Merkmal der Brechung von Bögen und Schäften der auf der Zeile stehenden Kleinbuchstaben (Gemeine). In der gleichen Region beginnt die Verwendung dieser Buchschrift als epigraphische – als gotische Minuskel205) bezeichnete – Schrift: Sie erscheint erstmals 1261 auf einer Grabplatte des nordfranzösischen Klosters Ourscamp. Im deutschen Sprachraum zunächst sehr verhalten rezipiert, wird sie – stets in Konkurrenz zur gotischen Majuskel – in den zwanziger und dreißiger Jahren des 14. Jahrhunderts vornehmlich in Werken der Wand- und Glasmalerei bzw. von Glockengießern und Goldschmieden verwendet. Im weiteren Mittelrheingebiet läßt sie sich als Lapidarschrift erstmals auf den wohl vor 1340 angefertigten Tumbendeckplatten der Mainzer Erzbischöfe Peter von Aspelt (#1320) und Matthias von Bucheck (#1328)206) im Dom zu Mainz nachweisen, dann 1341 und 1346 auf Grabplatten des Zisterzienser-Klosters Eberbach im Rheingau207). Erstaunlicherweise scheint zwischen den Inschriften auf den Mainzer Grabdenkmälern und der ersten erhaltenen Minuskel im Bearbeitungsgebiet auf der [Druckseite LXII] Grabplatte des 1350 verstorbenen Abtes Diether von Katzenelnbogen (Nr. 40) in St. Goar eine Verbindung zu bestehen. Obwohl es sich im Gegensatz zu Mainz hier um eine schmucklose, noch etwas unsicher ausgeführte gotische Minuskel ohne Einsatz von Versalien handelt, sind die Übereinstimmungen hinsichtlich ungewöhnlicher Formen nicht zu verkennen: Das Ende des oberen Bogens des a ist gerade verlaufend zum Schaft zurückgebogen und berührt den unteren Bogen, der obere Bogenabschnitt des c ist waagerecht umgebogen und verhältnismäßig lang, der Bogen des h reicht weit nach links gebogen bzw. abgeknickt unter die Grundlinie, im oberen Schaftdrittel des langen s ist links ein Sporn angesetzt, der Balken des t ist sehr breit, das v spitz zulaufend.

Marienglocke

Offensichtlich fand diese neue Schriftform im Mittelrheingebiet zunächst nur wenig Nachahmung, da sie – abgesehen von der textlich sehr reduzierten Verwendung auf einem gemalten Altarretabel (Nr. 41) bzw. als Wandmalerei (Nr. 48) – als Monumentalschrift erst auf zwei 1379 gegossenen Bopparder Glocken (Nrr. 49, 50) erneut nachweisbar ist. Auffällig ist hier der Abschluß der oberen Schaftenden der Buchstaben mit Oberlänge (b, h, k, l) mit einem sonst ungebräuchlichen Querstrich, zudem weist y keine Unterlänge auf. Neben der Verwendung als erhaben ausgearbeitete Inschrift auf einem Kelch für St. Severus in Boppard (Nr. 51) begegnet uns die gotische Minuskel als ausgebildete Lapidarschrift erst das nächste Mal auf der 1385 hergestellten Grabplatte für ein ritterliches Ehepaar (Nr. 52) in Oberwesel. Als Besonderheit kann hier der erstmalige Einsatz von Versalien bezeichnet werden, die – mangels eigener Großbuchstaben – sowohl Formen der gotischen Majuskel als auch Formen handschriftlicher Auszeichnungsschriften adaptieren (vgl. auch Nrr. 55, 56, 60, 65, 67 sowie den letzten Absatz dieses Kapitels). Vermutlich auf die abweichende Herstellungstechnik zurückzuführen ist die der gotischen Minuskel wesensfremde runde Ausführung des unteren Bogens des s mit nach innen gezogenem Ende auf einer 1380/90 entstandenen Tafelmalerei in Oberwesel (Nr. 53).

Ende des 14. Jahrhunderts (Nrr. 56 und 57) treten mit Zierhäkchen und Zierstrichen erste schmückende Elemente bei den Buchstabenenden der Gemeinen auf. 1421 sind auf der Grabplatte eines adeligen Ehepaars in Kloster Marienberg (Nr. 65) lange, rechts am Balken des t angesetzte Zierstriche sowie v mit nach links oben verlängertem linken Schaft zu beobachten ebenso erstmals g mit leicht durchgebogenem rechten Schaft. Diese Tendenz zur untypischen Rundung einzelner Buchstabenteile läßt sich bei einem der zwischen 1440 und 1446 hergestellten Glasfenster der Bopparder Karmeliterkirche (Nr. 72 VI.) bei dem durchgebogenen unteren Bogen des g, dem runden Schrägschaft des zweistöckigen z und dem durchgebogenen rechten Schrägschaft des y (als Ersatz für i bzw. j) weiterverfolgen; zudem wird hier erstmals mit der später üblich gewordenen Schaftspaltung der Oberlängen experimentiert. Die gemalte Inschrift eines um 1450 entstandenen Altarretabels in Oberwesel (Nr. 77) bietet weitere Spielarten dieser Entwicklung: zum Teil beidseitige Zierstriche an den Buchstabenenden, p mit Schaftspaltung der Unterlänge sowie l und langes s mit Schaftverdickung. Andere Zierformen wie einseitig gezackte Gemeine finden sich auf der Grabplatte einer 1469 verstorbenen Äbtissin im Kloster Marienberg (Nr. 87). Weitere Besonderheiten zeigen sich mit als i-longa gestaltetem i bei d(omi)ni auf der Grabplatte eines St. Goarer Bürgerlichen von 1503 (Nr. 150) und mit flachgedecktem g auf dem Oberweseler Martha-Altar (Nr. 151); hier finden sich auch fast schon als Buchstabenverbindungen zu bezeichnende Kombinationen ch, ci, ct und cu, die durch die Berührung des waagrecht umgebogenen oberen Bogenabschnitts des jeweiligen c mit dem nachfolgenden Buchstaben entstehen. Der Wechsel von Bogen- und Schaft-r sowie das Schaft-r mit (weit) abgesetzter Fahne in Form einer zum Teil mit Zierstrichen geschmückten Quadrangel (Nrr. 156, 157) lassen sich als besondere Gestaltungsmittel auf zwei vor 1515 entstandenen Inschriftenträgern nachweisen. Wenn auch vermehrte Bogenrundung als typisches Merkmal der späten Minuskel zu werten ist (Nr. 163), finden sich zu Beginn der zwanziger Jahre des 16. Jahrhunderts nach wie vor exzellent ausgeführte, im Grunde immer noch kanonisch konzipierte Schriften, die dann allerdings meist spezielle Sonderformen ausbilden (Nrr. 166, 169, 171, 172, 174). Mit diesen sicher datierten Grabdenkmälern endet die Verwendung der gotischen Minuskel im Bearbeitungsgebiet, die letzten Beispiele sind auf in das 1. Viertel des 16. Jahrhunderts datierten Wandmalereien zu finden (Nrr. 179-184) sowie auf der fragmentarischen Grabplatte eines St. Goarer Schultheißen (Nr. 186).

Die Ablösung der gotischen Minuskel durch die Kapitalis setzt also – wie etwa in den benachbarten Bearbeitungsgebieten Landkreis Bad Kreuznach und Rheingau-Taunus-Kreis208) – verhältnismäßig früh ein; die noch gebrochen ausgeführten Gemeinen auf dem 1598 entstandenen Grabdenkmal [Druckseite LXIII] für Hieronymus und Agatha Becker in Oberwesel (Nr. 257) dürfte nur mehr als Spielart aufzufassen sein.

Epitaph der Adelheid von Ippelborn

Da der gotischen Minuskel kein eigenes Alphabet mit Großbuchstaben zur Verfügung steht, konnte bei Bedarf (Textbeginn, Zahlzeichen, Anfangsbuchstabe bei Personennamen) grundsätzlich auf Formen der gleichzeitigen gotischen Majuskel zurückgegriffen werden. Allerdings zeigt schon die früheste Verwendung von Versalien auf einer 1385 entstandenen Grabplatte (Nr. 52), daß man von Anfang an auch mit Formen handschriftlicher Gebrauchs- und Auszeichnungsschriften experimentierte (vgl. auch Nrr. 56, 67): So entspricht das A bei ANNO einem pseudounzialen Majuskel-A mit der besonderen Zierform eines feinstrichigen, als schräg verlaufender Doppelstrich ausgeführten Mittelbalkens, I erscheint als I-longa mit einseitig gezacktem Schaft und G in einer leicht eingerollten, oben fast geschlossenen Form mit nach außen umgebogenem oberen Bogenabschnitt. Obwohl bereits Ende des 14. Jahrhunderts wohl von der Minuskel beeinflußte Brechungen einzelner Elemente von Großbuchstaben zu beobachten sind (Nr. 55), wird erstmals auf einer Stifterinschrift von 1437 (Nr. 69) die Absicht spürbar, durch Vergrößerung oder Umformung der gotischen Minuskel selbst eigene Großbuchstaben zu schaffen (vgl. auch Nrr. 71, 84). Gleichzeitig werden aber auch mehr oder weniger direkt übernommene Versalien der gotischen Majuskel eingesetzt (Nrr. 72, 75, 78, 85, 97 u. ö.). Kurz nach der Mitte des 15. Jahrhunderts lassen sich erstmals Majuskel-Versalien nachweisen (Nr. 84), die an durch Brechungen, Knickungen und Bogenverdoppelungen gekennzeichnete Versalien aus Druckschriften und Schreibmeisterbüchern erinnern (vgl. auch Nr. 121). Gegen Ende des Jahrhunderts sind Anklänge an mit Zierformen versehene Kapitalisschriften spürbar, so bei dem mit Zierhäkchen versehenem spitzen A mit weit überstehendem Deckbalken, leicht nach außen gezogenen Schaftenden und gebrochenem, durch einen angefügten kleinen Schaft erweiterten Mittelbalken und fast kreisrundes O (Nr. 111; vgl. auch Nrr. 116, 117). Die gemalten Versalien auf der Ende des 15. Jahrhunderts entstandenen Oberweseler Sippentafel (Nr. 123) lassen die ganze Vielfalt der Möglichkeiten der Versaliengestaltung in der Spätzeit der gotischen Minuskel erkennen: Die Anfangsbuchstaben der Namen werden teils durch konturierte, teils durch mit gerundeten Schäften ausgeführte Gemeine hervorgehoben, aber auch durch der zeitgenössischen Schreib- oder Druckschrift bzw. immer noch der gotischen Majuskel entlehnte Versalien (vgl. auch Nr. 150). Stärker kapitale Elemente lassen sich erstmals auf der Grabplatte eines nach 1503 verstorbenen Amtmannes in St. Goar ausmachen (Nr. 152), wenig später bereits frakturähnliche auf einem 1506 hergestellten Alltarretabel in Oberwesel (Nr. 153). Deutliche Anregungen aus Majuskel, Minuskel und Schreibschrift nehmen die sehr eigenwilligen Versalien einer vor 1515 gemalten Lehrtafel in Oberwesel (Nr. 157) auf, daneben zeigen sich hier und auch später verstärkt frakturähnliche Einflüsse (Nrr. 163, 174, 186). Nachweislich aus Schreibmeisterbüchern und typographischen Schriften stammen die Großbuchstaben des von Loy Hering gearbeiteten Eltz-Epitaphs in Boppard (Nr. 166). Mit der Kombination runder und gebrochener Formen auf zwei zu Beginn der zwanziger Jahre in Oberwesel entstandenen Epitaphien (Nrr. 169, 172) endet der Einsatz von Versalien aus der gotischen Minuskel.

5.6. Fraktur

Charakteristische Merkmale dieser Groß- und Kleinbuchstaben aufweisenden neuen Schriftart209) sind Schwellzüge und Schwellschäfte, bei Großbuchstaben die Tendenz zu S-förmigen Anschwüngen und zur (zum Teil gebrochenen) Verdoppelung von Schäften und Bögen; bei Kleinbuchstaben an- und abschwellende Linien, spitzoval geschlossene Bögen und nicht stumpfe, sondern meist gespaltene Enden der Oberlängen. Im Gegensatz zur gotischen Minuskel ist das a meist einstöckig, reichen f und langes s unter die Grundlinie, zudem sind bei den Gemeinen die Unterlängen oft faden- oder schlingenförmig ausgebildet. Obwohl das 1513 gedruckte Gebetbuch Kaiser Maximilians und sein 1517 erschienener Theuerdank als bestimmende Vorbilder dieser Schrift bezeichnet werden können, läßt sich Fraktur als epigraphische Schrift im Bearbeitungsgebiet erst 1547 und 1575 auf bemalten Totenschilden nachweisen (Nrr. 195, 222). Zuvor sind – wie oben erwähnt – lediglich frakturähnliche Elemente in Versalien der gotischen Minuskel zu beobachten.

Epitaph der Wilhelma Lorbecher

Ganz im Gegensatz zu den benachbarten Bearbeitungsgebieten, in denen Fraktur in der Regel ab der Mitte des 16. Jahrhunderts verstärkt nachzuweisen ist, konzentriert sich die Verwendung dieser [Druckseite LXIV] Schrift im Mittelrheintal in dem engen Zeitraum der Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert. Eingesetzt wurde sie auf knapp einem Dutzend Grabdenkmäler meist bei deutschsprachigen Grabinschriften (Nrr. 245, 255, 260, 267, 269, 273), bei Bibeltexten (Nrr. 247, 261, 269, 271), gelegentlich aber auch bei Grabgedichten (Nr. 250) und als Textverbesserung (Nr. 257). Ohne daß sich eine wesentliche Veränderung in der Formensprache ergeben hätte, ist erst viele Jahre später eine Wiederaufnahme dieser Schriftart festzustellen, jetzt aber mit beliebigen Texten auf unterschiedlichen Inschriftenträgern: singulär auf einem Grabkreuz für einen um 1640 verstorbenen Oberweseler Dachdecker (Nr. 371), auf drei nur noch fragmentarisch erhaltenen Wandmalereien (Nrr. 379, 431, 451) bzw. fragmentarischen Grabplatten (Nrr. 385, 461) sowie noch 1682 als gut ausgeführte Stifterinschrift auf dem Hochaltar von St. Martin in Oberwesel (Nr. 438).

5.7. Humanistische Minuskel

Möglicherweise ist die verhältnismäßig sparsame Verwendung der Fraktur darauf zurückzuführen, daß im 16. Jahrhundert neben der Kapitalis auch noch die humanistische Minuskel210) als epigraphische Schrift zur Verfügung stand. Entstanden als Buchschrift Ende des 14. Jahrhunderts durch den bewußten Rückgriff der Humanisten auf die karolingische Minuskel, wurde sie vom Buchdruck rezipiert und ist seit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts vermehrt auch als Inschriftenschrift nachweisbar211). Charakteristische Merkmale der humanistischen Minuskel sind neben runden Bögen vor allem ohne Brechung auf der Grundlinie endende Schäfte. Bei der gelegentlich auftretenden schrägliegenden, nach rechts geneigten Variante können allerdings die Schäfte von f und langem s auch unter die Grundlinie reichen; zudem erhält i stets einen überschriebenen Punkt, und bei allen Buchstaben ist verstärkte Serifenbildung zu beobachten. Bei der Verwendung von Versalien wird in der Regel auf das Formengut der Kapitalis zurückgegriffen. Im Gegensatz zu den benachbarten Bearbeitungsgebieten212) hat sich im Mittelrheintal in dieser Schriftart eine vergleichsweise hohe Anzahl Grabdenkmäler mit meist hervorragend ausgeführten lateinischen Inschriften erhalten.

Epitaph des Petrus Pellifex

Die beiden frühesten Beispiele der bereits voll ausgeprägten humanistischen Minuskel sind in Oberwesel zu finden, einmal auf dem 1555 errichteten Epitaph des Friedrich von Schönburg auf Wesel (Nr. 204), zum andern auf dem drei Jahre später gestifteten Epitaph des Dekans Petrus Pellifex (Nr. 207). Ein Vergleich der Buchstabenformen zeigt eindeutig, daß beide Inschriften trotz zeitlicher und räumlicher Nähe von verschiedenen Händen ausgeführt worden sind213). Zudem zeigt die erste Inschrift als Besonderheit kapitales K als Kleinbuchstabe, die zweite Inschrift eine ungewöhnliche Zierform durch den langen geschwungenen Anstrich am oberen Schaftende des t. Erst um die Wende zum 17. Jahrhundert läßt sich wieder – ähnlich wie bei der Fraktur – eine auffallende Häufung im Gebrauch der humanistischen Minuskel feststellen, die dann gelegentlich Sonderformen ausbildet. So fallen etwa auf dem Epitaph eines 1597 verstorbenen St. Goarer Superintendenten (Nr. 248) die zahlreichen Versalien auf, die nicht immer von vergrößerten Kleinbuchstaben der humanistischen Minuskel zu unterscheiden sind (vgl. auch Nr. 272). Bei dem 1601 errichteten Epitaph eines Oberweseler Ratsherrn (Nr. 270) kommen als i-Punkte gesetzte Quadrangel und frakturähnliche Zierschleifen beim zweibogigen E hinzu. Zudem sind dort die oberen Schaftenden bei b, d, h, und l sowie die unteren Schaftenden bei p und q nach rechts abgeschrägt. Die nach rechts geneigte Variante der Schrift läßt sich erstmals auf dem Epitaph eines im gleichen Jahr verstorbenen hessischen Beamten in St. Goar (Nr. 272) beobachten, sie diente dort zur Kenntlichmachung des Stifters und des Todesdatums. Auf dem 1602 errichteten Epitaph eines St. Goarer Ehepaars (Nr. 276) wird sie dagegen zur Hervorhebung von gereimten Grabsprüchen eingesetzt. Mit dem Epitaph für ein Ehepaar aus Oberwesel von 1607 (Nr. 287) endet die Verwendung dieser Schriftart auf Grabdenkmälern; [Druckseite LXV] merkwürdigerweise wird sie in den Folgejahren nur noch auf Altären (Nrr. 313, 343, 383, 438, 443) verwendet.

Die in humanistischer Minuskel abgefaßten Inschriften geben in der Regel Texte in lateinischer Sprache wieder und beschränken sich zunächst auf Grabdenkmäler bedeutender Adeliger (Nrr. 204, 258, 313), hoher Kleriker (Nrr. 207, 248; vgl. auch Nr. 255), Ratsherren (Nrr. 270, 287) oder hochrangiger Landesbeamter (Nrr. 259, 269, 272, 276) und deren Nachkommen. Generell handelt es sich dabei um Grabinschriften, gelegentlich auch um Bibelzitate (Nrr. 255, 269) oder gereimte Grabsprüche (Nr. 276). Erst später wird die humanistische Minuskel auch für unterschiedliche Inschriften auf Altären (s. o.) verwendet, zuletzt als – ausnahmsweise in deutscher Sprache ausgeführte – Inschrift einer Bopparder Meßstiftung (Nr. 443).

5.8. Sonderformen

Spruchinschrift

Gemessen am Bestand der erhaltenen Inschriften des Bearbeitungsgebietes lassen sich nur wenige Beispiele nachweisen, die in außergewöhnlichen Schriftformen abgefaßt wurden. Es handelt sich in der Regel um schreibschriftlich geprägte Kursiven, wie sie etwa im 15. Jahrhundert als gotische Schreibschrift für eine aufgemalte Spruchinschrift in der Turmkapelle der Stiftskirche zu St. Goar (Nr. 133) verwendet wurde. Ab der Mitte des 16. Jahrhundert finden wir auf den nur noch in Nachzeichnung überlieferten Dachschiefern (Nr. 198) der gleichen Kirche zahlreiche Namensinschriften in zeitgenössischer Kursive, ebenso auch einmal einen nachträglich eingeritzten Namen auf einem Epitaph (Nr. 207 C). Singulär ist die gravierte Barock-Kursive auf dem Buchbeschlag eines 1662 geschriebenen Missale aus St. Severus in Boppard (Nr. 403).

5.9. Worttrenner und Satzzeichen

Wie Schriftformen sind auch die auf nahezu allen Inschriftenträgern verwendeten Worttrenner und Satzzeichen einer gewissen Entwicklung unterworfen und können ebenfalls – vor allem bei Fragmenten – zur Klärung von Datierungsfragen herangezogen werden.

Da die frühchristlichen Inschriften im Bearbeitungsgebiet durchgehend in scriptura continua abgefaßt sind, werden dort – im Gegensatz zur römischen Praxis mit den gelegentlich verwendeten Efeublättern oder dreiecksförmigen Worttrennern – keine epigraphischen Zeichen dieser Art benötigt. Worttrenner lassen sich daher erstmals auf den beiden Bopparder Rechtsinschriften aus der 1. Hälfte des 12. Jahrhunderts (Nrr. 13, 14) nachweisen: Es handelt sich hier um (halbkugelig vertiefte) Punkte, die sich – wie auch anderorts mehrfach beobachtet214) – auf allen frühen Inschriftenträgern wiederfinden lassen und weit bis ins 14. Jahrhundert hinein verwendet werden; letztmals auf der Grabplatte eines 1364 verstorbenen Ritters (Nr. 46). Variationen finden sich auf der Oberweseler Marienglocke aus dem letzten Viertel des 13. Jahrhunderts (Nr. 19) mit drei erhabenen übereinander gesetzten Punkte bzw. mit Einzelpunkten auf den drei um 1327 gegossenen Bopparder Maßgefäßen (Nrr. 23-25).

Im Unterschied zu den benachbarten Kreisen werden im Bearbeitungsgebiet bereits weit vor der Mitte des 14. Jahrhunderts neue Zeichen als Worttrenner eingesetzt. Dies beginnt 1329 mit der singulären Verwendung von kleinen Kreisen auf der Grabplatte der Gräfin Adelheid von Katzenelnbogen in St. Goar (Nr. 26) und setzt sich fort mit den auffällig großformatigen Quadrangeln auf der Deckplatte des Hochgrabes des 1336 verstorbenen Stiftsdekans Johannes in Oberwesel (Nr. 29). Die nächsten Jahrzehnte sind von einem Nebeneinander von Punkten und Quadrangeln geprägt, wobei der Gebrauch der Punkte gleichzeitig mit der gotischen Majuskel verschwindet (letztmals Nr. 46 von 1364), die Quadrangel jedoch als Worttrenner der gotischen Minuskel weiterbenützt werden. Eine Sonderstellung nimmt die in die 1. Hälfte des 14. Jahrhunderts datierte Glocke des Meisters Johann von Mainz (Nr. 39) ein, der zwar seinen Namen noch zwischen erhabene Punkte setzt, für den Rest der in gotischer Majuskel ausgeführten Inschrift aber Sternchen verwendet. Auch diese Zeichen werden ins Repertoire der gotischen Minuskel aufgenommen und in der Regel auf Glocken als Worttrenner verwendet, so 1379 in Boppard (Nrr. 49, 50); hier sogar im Wechsel mit Quadrangeln, die mit vier Zierhäkchen geschmückt sind. Auch ein vor 1379 für Boppard gestifteter Kelch (Nr. 51) bietet mit dem Wechsel von erhabenen Punkten und Rosetten ein ähnliches Bild. In der Folgezeit bestimmen dann zweifellos Quadrangel unterschiedlicher [Druckseite LXVI] Größe das Bild; sie lassen sich oft als an den Ecken mit zwei oder auch vier Zierhäkchen geschmückte Worttrenner bis weit ins 16. Jahrhundert hinein nachweisen, von verstreuten späteren abgesehen letztmals – jetzt mit Ranken verziert und wohl nicht zufällig in Verbindung mit gotischer Minuskel – auf der Grabplatte der 1522 verstorbenen Katharina Feyst (Nr. 174).

Bei den Inschriften auf Glocken bietet sich ein wesentlich variantenreicheres Bild: Hier findet sich eine Vielzahl unterschiedlichster Zeichen wie Sternchen im punktierten Kreis (Nr. 61 von 1404), Rosetten (Nr. 70 von 1439), Rauten (Nr. 74 von 1449) und Tatzenkreuze (Nr. 154 von 1506). Einen singulären Befund bietet eine vor 1515 angefertigte Tafelmalerei aus Oberwesel (Nr. 157) mit der gleichzeitigen Verwendung von Punkten, Quadrangeln, punktierten Rauten, Blüten und Sternchen.

Mit dem Aufkommen der Kapitalis Anfang des 16. Jahrhundert findet das Dreieck, ein im Bearbeitungsgebiet seit der klassisch-römischen Antike nicht mehr gebräuchliches Zeichen, Eingang in das epigraphische Instrumentarium: Erstmals auf dem Epitaph des 1515 verstorbenen Kanonikers und Propstes Petrus Lutern in Oberwesel (Nr. 159) nachgewiesen, setzt es sich rasch durch und wird der bestimmende Worttrenner in den Kapitalisinschriften des 16. und 17. Jahrhunderts. Daneben wird aber auch vereinzelt auf bereits bekannte Formen zurückgegriffen, so um die Mitte des 16. Jahrhunderts auf halbkugelig vertiefte Punkte (Nr. 196 I, gelegentlich auch später; vgl. Nrr. 227 von 1578 bzw. 243 von 1593).

Etwa zur gleichen Zeit läßt sich jedoch mit dem erstmaligen Auftreten von Satzzeichen anstelle von Worttrennern der Beginn einer grundlegenden Veränderung feststellen, die auf lange Sicht zum allmählichen Verschwinden der Worttrenner aus der epigraphischen Schrift führt. Bezeichnenderweise findet sich der erste Beleg für bewußt gesetzte Kommata in der 1555 in humanistischer Minuskel ausgeführten Inschrift des Friedrich von Schönburg auf Wesel (Nr. 204); gleiches gilt für die Inschrift des 1558 verstorbenen Dekans Petrus Pellifex in Oberwesel (Nr. 207). Erstmals 1572 ist auf der Grabplatte der Catharina Pinter (Nr. 217) die gleichzeitige Verwendung von kleinen Dreiecken und Quadrangeln zu beobachten, ein Jahr später die von Punkten und Quadrangeln (Nr. 220). Die Wahl von winzigen Kreisen und Punkten als Worttrenner der zwischen 1591 und 1696 angebrachten Inschriften auf dem silbernen Hansenbecher aus St. Goar (Nr. 240) dürfte sicherlich mit dem dafür geeigneten Material zusammenhängen. Eine interessante Variante bietet eine in Kapitalis ausgeführte Inschrift in St. Goar von 1596 (Nr. 246), in der gelegentlich Kommata gesetzt und Worttrennungen am Zeilenende konsequent durch Doppelstriche angezeigt werden. Die früheren Worttrenner in Form von mit Häkchen verzierten Quadrangeln erscheinen hier in ihrer eigentlichen Funktion nur noch bei dem Nachweis eines Bibelzitates, sonst dienen sie als Kennzeichen des Textendes. Die Ende des 16. Jahrhunderts spürbare Unsicherheit spiegelt sich auch in der Inschrift für den 1597 verstorbenen Kanzler Dr. Friedrich Nordeck in St. Goar wieder (Nr. 247, vgl. auch Nr. 248), in der neben Quadrangel als Worttrenner auch Kommata, Doppelpunkte und Doppelstriche sowie Punkte (als Zeichen des Satzendes) zur Gliederung des Textes eingesetzt werden. Die offensichtliche Tendenz zum ausschließlichen Gebrauch von Satzzeichen läßt sich vor allem bei der humanistischen Minuskel, aber auch bei der Fraktur beobachten (Nrr. 255 von 1597, 261 von vor 1599, 269 von 1600, sowie 270, 272 und 273 von 1601 u. ö.). Das 17. Jahrhundert bietet keine wesentlichen Neuerungen.

Ohne Worttrenner ausgeführte Inschriften lassen sich zunächst vereinzelt, dann verstärkt im gesamten Bearbeitungszeitraum nachweisen, wobei eine deutliche Konzentration für die Zeit nach 1600 festzustellen ist.

Zitationshinweis:

DI 60, Rhein-Hunsrück-Kreis I, Einleitung, 5. Die Schriftformen (Eberhard J. Nikitsch), in: inschriften.net,  urn:nbn:de:0238-di060mz08e003.

  1. Vgl. dazu ausführlich oben Kap. 4.2. »
  2. Bei der Beschreibung der Buchstabenformen der frühchristlichen Grabsteine ist stets zu bedenken, daß die in der Regel moderne, meist mit roter Farbe vorgenommene Ausmalung der oft schlecht erhaltenen Inschriften zu irreführenden Beobachtungen verleiten kann; vgl. dazu Nr. 2 und auch DI 51 (Stadt Wiesbaden) Nr. 2»
  3. Vgl. dazu oben Kap. 4.1.1. »
  4. Im Idealfall sollte eine völlige Ausgeglichenheit der einzelnen, in Keilschnitt ausgeführten Buchstaben erreicht werden, möglichst mit exakt senkrecht und waagerecht geführten Linien, die Rundungen als genaue Kreissegmente gezogen "und die ganzen Buchstaben so gestaltet, daß sie nach Möglichkeit ein Quadrat füllen", so die Charakterisierung von Meyer, Epigraphik 38. – Angestrebt wurden zudem eine Verstärkung der linksschrägen Schäfte, leichte Bogenverstärkung, Serifenbildung und (als Einzelphänomen) die stachelförmig ausgebildete Cauda des R; vgl. dazu grundsätzlich Muess, Alphabet pass. und im Überblick Terminologie 26. »
  5. Vgl. dazu die schriftvergleichenden Tabellen bei Kaufmann, Epigraphik 453ff. und die Mainzer Beispiele bei Selzer, Steindenkmäler Abb. 46, 83, 91 und 102. »
  6. Vgl. dazu immer noch Boppert, Inschriften 13ff. »
  7. Vgl. dazu Krämer, Grabinschriften pass. sowie die Editionen von Gauthier, Recueil pass. und Merten, Katalog pass. »
  8. Vgl. dazu DI 29 (Stadt Worms) Nrr. 1-3 und DI 51 (Stadt Wiesbaden) Nrr. 1-7»
  9. Vgl. dazu im Überblick Boppert, Inschriften pass. und Engemann/Rüger, Spätantike 7-171. »
  10. Vgl. dazu Okasha, Hand-List Nr. 23 (Carlisle I) und Clemens, Graffito pass. mit Abb. 1; freundliche Hinweise meines Kollegen Dr. Rüdiger Fuchs. »
  11. So Bauer, Epigraphik 12. »
  12. Vgl. dazu ausführlich Bauer, Epigraphik 5 und 12 sowie den Überblick bei Kloos, Epigraphik 114ff. »
  13. Vgl. dazu Heyen, Gebiet 304ff. »
  14. Vgl. dazu DI 38 (Lkrs. Bergstraße) XXXIXff. »
  15. Vgl. dazu Kloos, Epigraphik 123-128 und die knappe Charakterisierung in Terminologie 28. – Über den Weg von der "romanischen" zur "gotischen" Majuskel und die Benennung der Schriftarten wird derzeit diskutiert; vgl. dazu die grundsätzlichen Überlegungen von Koch, Anmerkungen pass. und Bayer, Versuch pass. »
  16. Vgl. dazu grundsätzlich Kloos, Epigraphik 129-134 und Terminologie 28. »
  17. Vgl. dazu ausführlich DI 34 (Lkrs. Bad Kreuznach) XLVI mit Anm. 152. »
  18. Laut einer mikroanalytischen Untersuchung, die an neu aufgefundenen Grabplattenfragmenten aus St. Kastor in Koblenz mit vermutlich entsprechender Füllung durchgeführt wurde, handelt es sich bei dieser mit farblosen Partikeln durchsetzten Masse um mit Pflanzenschwarz pigmentiertes Kolophonium (Harz); vgl. dazu Nikitsch, Grabdenkmäler 347f. mit Anm. 16. »
  19. Vgl. dazu zuletzt die Ausführungen in DI 51 (Stadt Wiesbaden) XLIIIf. »
  20. Vgl. dazu Kloos, Epigraphik 132. »
  21. Vgl. dazu DI 34 (Lkrs. Bad Kreuznach) XLVI, DI 43 (Rheingau-Taunus-Kreis) LXVII, DI 49 (Stadt Darmstadt, Lkrse. Darmstadt-Dieburg und Groß-Gerau) XXXVI und DI 54 (Ehem. Lkrs. Mergentheim) LII. »
  22. Vgl. zu diesem Datierungskriterium der späten gotischen Majuskel DI 29 (Stadt Worms) LXII. »
  23. Vgl. dazu immer noch Neumüllers-Klauser, Schriften pass. sowie Fuchs, Übergangsschriften pass. und Koch, Frühhumanistische Kapitalis pass. »
  24. Vgl. dazu und zum Folgenden den Überblick bei Fuchs, Schrift/Typographik Sp. 1094ff. sowie zum regionalen Aspekt DI 34 (Lkrs. Bad Kreuznach) XLVIIf., DI 43 (Rheingau-Taunus-Kreis) LXVIIIf. und DI 51 (Stadt Wiesbaden) XLIVf. »
  25. Vgl. dazu DI 49 (Stadt Darmstadt, Lkrse. Darmstadt-Dieburg und Groß-Gerau) XXXIX und DI 51 (Stadt Wiesbaden) XLIV (Zitat). »
  26. Vgl. dazu und zum Folgenden Bischoff, Paläographie 163ff. und Neumüllers-Klauser, Schrift und Sprache 64f. »
  27. Vgl. dazu Terminologie 46f. »
  28. Vgl. dazu die neue Datierung bei Kessel, Sepulkralpolitik 16ff. »
  29. Vgl. DI 43 (Rheingau-Taunus-Kreis) Nrr. 65 und 66»
  30. Vgl. dazu DI 43 (Rheingau-Taunus-Kreis) LXXII. »
  31. Vgl. zum Folgenden immer noch Kautzsch, Frakturschrift pass. und Zahn, Beiträge pass., sowie Terminologe 48. »
  32. Vgl. zum Folgenden Steinmann, Humanistische Schrift 382ff., Kloos, Epigraphik 143ff. sowie Terminologie 48. »
  33. Nicht aber die zwischen gotischer und humanistischer Minuskel stehende Gotico-Antiqua, die als epigraphische Schrift nahezu ausschließlich im süd(west)deutschen Bereich verwendet wurde; vgl. dazu Epp, Gotico-Antiqua pass. »
  34. DI 2 (Stadt Mainz) mit nur zwei Frühbelegen von 1484 bzw. 1485 und einem singulären Beleg von 1531 (Nr. 1164a); DI 29 (Stadt Worms) mit 11 Belegen meist aus der 2. H. 17. Jahrhunderts; DI 34 (Lkrs. Bad Kreuznach) kein Beleg; DI 38 (Lkrs. Bergstraße) mit 1 Beleg von 1640; DI 43 (Rheingau-Taunus-Kreis) mit 2 Belegen kurz vor 1650; DI 49 (Stadt Darmstadt, Lkrse. Darmstadt-Dieburg und Groß-Gerau) mit 7 Belegen zwischen 1576 und 1622; DI 51 (Stadt Wiesbaden) mit 4 Belegen zwischen 1575 und 1600. »
  35. Ein sicheres Indiz für zugehörige bzw. unterschiedliche Ausführungen stellt die Formenanalyse des meist höchst individuell gestalteten Buchstabens g dar. »
  36. Vgl. dazu und zum Folgenden DI 34 (Lkrs. Bad Kreuznach) LIIIff. und DI 43 (Rheingau-Taunus-Kreis) LXXIIIf. »