Die Inschriften des Rhein-Hunsrück-Kreises II

3. Die Quellen Der Nicht-Originalen Überlieferung

Die im vorliegenden Band in 204 Katalognummern erfassten Inschriften haben sich überwiegend im Original erhalten; etwa 60 verschollene oder tatsächlich verlorene Inschriften wurden durch die im Folgenden aufgeführten Gewährsleute in Abschrift oder in Abzeichnung überliefert.

Mitte des 18. Jahrhunderts stellte Johann Franz Capellini, Reichsfreiherr von Wickenburg gen. Stechinelli mit seinem „Thesaurus Palatinus“ eine zweibändige Handschrift mit Inschriften aus Heidelberg, Mannheim und weiteren damals kurpfälzischen Gebieten zusammen. Als kurpfälzischer geheimer Rat und späterer Präsident des kurfürstlichen geistlichen Administrationskorpus ließ Wickenburg (1677-1752)32) wohl von Beauftragten vor Ort nicht nur Inschriften abschreiben, sondern auch Inschriftenträger abzeichnen. Neben einigen wenigen Überlieferungen für Ravengiersburg (Nr. 54) und Kastellaun (Nrn. 73, 129, 140 und 188) gilt dies in hohem Maße für die Bestände der ehemaligen Schlosskirche in Simmern, die ab dem Ende des 15. und im gesamten 16. Jahrhundert als Begräbnisstätte der Herzöge von Pfalz-Simmern und ihrer Beamten diente33). Ein Vergleich mit den zahlreichen dort heute noch vorhandenen Denkmälern läßt den etwas überraschenden Schluß zu, daß sich der durch Wickenburg verhältnismäßig zuverlässig dokumentierte Bestand ohne nennenswerte Verluste nahezu vollständig erhalten hat.

Das sogenannte Würdtweinsche Epitaphienbuch verdankt seine Entstehung einem am 21. Januar 1765 erlassenen Aufruf des Mainzer Weihbischofs Stephan Alexander Würdtwein (1722-1796)34) an „sämmtliche Vorsteher deren Stifts-Pfarr-Klöster und anderer Kirchen des ganzen Erzstiftes … alle … mit Wappen und Inschriften versehene Epitaphia und Grabsteine aufzunehmen, abzuzeichnen … mit beigefügten hie und dort vorkommenden Inscriptionen an ein erzbischöfliches Generalvicariat in Zeit eines halben Jahres einzuschicken“. Die daraufhin erfolgten originalen Zusendungen dienten Würdtwein als Material [Druckseite XXV] zu einer eigenhändig angefertigten, 394 Seiten umfassenden Reinschrift, die er eher unsystematisch nach Orten gliederte und dann deren Inschriften wohl nach der Reihenfolge der Vorlage wiedergab. Aus dem Bearbeitungsgebiet finden sich Inschriften aus Gemünden, Kirchberg, Ravengiersburg und Simmern, darunter auch einige nur hier nachgewiesene und heute verschollene Texte. Die Zuverlässigkeit seiner Überlieferung richtet sich naturgemäß zunächst nach der seiner Gewährsleute; allerdings greift Würdtwein gelegentlich verkürzend in den Text ein, verzichtet zudem meist auf genauere Angaben zum Standort und auch auf die Wiedergabe der Zeichnungen. Da sich von den originalen Zusendungen nur vergleichsweise wenige erhalten haben35), ist es umso erfreulicher, dass im Falle Kirchbergs die „Lapides Sepulchrales in Ecclesia Parochali Kirchbergae“ in hervorragenden Nachzeichnungen aus der Hand des damaligen Pfarrers zur Verfügung stehen. Ein Vergleich mit den erhaltenen Kirchberger Grabdenkmälern zeigt anschaulich, dass der Pfarrer zwar die äußere Form der Grabdenkmäler nur schematisch wiedergab und auf die Nachzeichnung der Wappenbilder verzichtete, sich aber dafür um eine bis in die Einzelheiten genaue Wiedergabe des Textes und der unterschiedlichen Schriftformen bemühte. Aus diesem Grund konnten einige verschollene bzw. nur fragmentarisch überlieferte Inschriften in der vorliegenden Edition wie Originale behandelt werden (Nrn. 106, 126, 136, 195, 200) und dienten zudem als zuverlässige Vorlagen für einige Ende des 20. Jahrhunderts durchgeführte Restaurierungsarbeiten36).

Ende der siebziger und Anfang der achtziger Jahre des 18. Jahrhundert bereisten „auf höchsten Churfürstlichen Befehl (…) Gerichtsrath Kremer und der Secretarius Acad(emiae Lamey)“37) weite Teile der an die eigentliche Kurpfalz grenzenden Gebiete und notierten bei dieser Gelegenheit unter anderem auch zahlreiche römische und mittelalterliche Inschriften, die in Auswahl in den gleichzeitig erscheinenden Acta Academiae der Kurpfälzischen Akademie in Mannheim publiziert wurden. So finden sich aus dem Bearbeitungsgebiet im 1773 erschienenen dritten Band dieser Reihe einige nur dort veröffentlichte Inschriften aus Simmern und Ravengiersburg. Für Kirchberg hat sich aus der Hand von Kremer/Lamey ein für den Druck offenbar nicht berücksichtigtes Manuskript erhalten, das aus der dortigen Pfarrkirche insgesamt zwölf Inschriften überliefert, darunter auch einige heute verschollene (Nrn. 19, 22, 110, 120), die auch in die wenige Jahre vorher entstandene Würdtweinsche Epitaphiensammlung (s. o.) keinen Eingang gefunden hatten. Ihren besonderen Wert gewinnt die nach 1770 entstandene Abschrift von Kremer/Lamey durch die beigefügten schematisch skizzierten Wappen; ansonsten geben sie den Text der Inschriften ohne Rücksicht auf die Schriftart in einer flüchtigen zeitgenössischen Schreibschrift wieder und verzichten gelegentlich auf für sie unwichtig scheinende Teile wie Fürbitten oder Bibelsprüche.

Joseph von Hommer38), seit 1783 Priester, späterer Generalvikar und von 1824 bis zu seinem Tode 1836 Bischof von Trier, verfasste eine umfangreiche handschriftliche Pfarrgeschichte des Bistums Trier, in die er einige wenige Glockeninschriften (Nrn. 17, 32, 54, 186) einstreute.

Ein in den Jahren 1846 und 1847 an die Pfarreien im Bistum Trier ausgesandter Fragebogen, der das Inventar der Kirchen39) erheben sollte, wurde je nach Kenntnis bzw. Interessenlage [Druckseite XXVI] des zuständigen Pfarrers mehr oder weniger ausführlich beantwortet. Während die Glocken entweder erwähnt, meist aber zuverlässig beschrieben und deren Inschriften überliefert wurden (vgl. Nrn. 4, 12, 20, 26, 32, 40, 68, 153, 157, 186), fanden die Inschriften der Grabdenkmäler nur selten Erwähnung40), ganz zu schweigen von Inschriften auf Ausstattungsgegenständen wie etwa Messkelchen (Nr. 175) oder gar auf Grabplatten (Nr. 179).

Johannes Georg Holsinger41), seit 1830 bis zu seinem Tode 1880 Patronatspfarrer in Sayn (Gem. Bendorf-Sayn, Lkrs. Mayen-Koblenz), erkundete zwischen 1826 und 1830 während seiner Zeit als Pfarrer der Großpfarrei Halsenbach offensichtlich die Türme der zugehörigen Kirchen und Kapellen und schrieb die Inschriften42) der darin hängenden Glocken verhältnismäßig zuverlässig ab, darunter von drei sonst nicht überlieferten (Nrn. 55, 64, 65). Zudem verzeichnete er mit den Inschriften von fünf Glocken das komplette Geläut der katholischen Pfarrkirche von St. Martin in Oberwesel in seinem Zustand vor 1830, darunter drei bisher unbekannte Glocken43).

Paul Lehfeldt publizierte in seinen 1886 erschienen Bau- und Kunstdenkmälern der Rheinprovinz neben zahlreichen erhalten gebliebenen Denkmälern nur vereinzelt heute nicht mehr vorhandene Inschriften (Nr. 56), dafür aber erstmals die Inschriften erstaunlich vieler später eingeschmolzener Glocken (Nrn. 9, 18, 21, 51, 58, 67, 78, 79).

Im Auftrag des rheinischen Provinzialverbandes und des Denkmalamtes Bonn bereiste Josef Busley in den Jahren 1936 und 1937 den damaligen Landkreis Simmern und erstellte ein in der Bibliothek das ehemaligen Landesdenkmalamtes Mainz (heute Generaldirektion Kulturelles Erbe, Direktion Landesdenkmalpflege) verwahrtes maschinenschriftliches Manuskript, das für beide 1977 erschienenen Kunstdenkmalinventarbände des ehemaligen Landkreises Simmern als Grundlage diente und die auch noch in jüngster Zeit eingetretenen Teil- und Gesamtverluste an Kunstdenkmälern wie auch an Inschriftenträgern (Nrn. 13, 57, 89, 145, 157, 169, 200) eindrucksvoll dokumentiert.

  1. Vgl. zum Folgenden Oechelhäuser, Thesaurus Palatinus pass. und Huffschmid, Wickenburg pass. »
  2. Der umfangreiche Bestand ist durch zwei unterschiedliche Hände abschriftlich wie zeichnerisch erfasst, vgl. dazu Wickenburg, Thesaurus Palatinus, darin: „Monumenta Simmerensia oder Allerhand Inscriptiones und Epitaphia der ehmahligen Fürsten und Pfaltzgraffen von Simmern, welche in dem Zimmer, wo die Herren Pfaltzgraffen in Stein gehauen, auch sonst in dasiger reformirten Kirchen zu finden.“, sowie von anderer Hand eine zweite (wohl spätere) Überlieferung der Epitaphien mit der Überschrift: „In Ecclesia Catholica Simmerensi (…).“ »
  3. Vgl. zum Folgenden DI 2 (Mainz) 23f.; dort auch das folgende Zitat. »
  4. Sie wurden archivalisch in der sogenannten Würdtweinschen Epitaphiensammlung zusammengefaßt. »
  5. Vgl. dazu Busse, Kirchberg/Hunsrück pass. »
  6. Vgl. zu dieser Reise DI 60 (Rhein-Hunsrück-Kreis I) XXXIII und zu Andreas Lamey, seit 1763 ständiger Sekretär der Mannheimer Akademie und späterer kurpfälzischer Hofrat, Voss, Küfersohn 82ff. und Hess, Redaktion 370f. »
  7. Vgl. zu ihm Persch, Josef von Hommer pass. und zu den der Pfarrgeschichte zugrundeliegenden Visitationsakten ders., Geschichte 72f. »
  8. Die ausgefüllten Fragebögen der Pfarreien des Bearbeitungsgebietes finden sich heute in mehreren Bänden zusammengebunden im Bistumsarchiv Trier unter der Signatur Abt. 122 Nr. 11, 12 und 15. »
  9. Beispielsweise teilt der Beltheimer Pastor Gerber am 31. Dezember 1846 über den Bestand an Grabdenkmälern in seinem Zuständigkeitsbereich Folgendes mit: „Blos in der Kirchen zu Mannebach befinden sich noch 3 liegende Grabsteine, vor dem Altar im Chor mit der Inschrift Ph. Hartmann Boos v. Waldeck 1669 [vgl. Nr. 179 mit vollständiger Inschrift, sowie Nrn. 148 und 187], die beiden anderen vor den Nebenaltären mit verwischter eingegrabener Inschrift“ (BAT Abt. 122 Nr. 12 fol. 4r). »
  10. Vgl. zu ihm Kemp, Abtei Sayn 167f. »
  11. Freundliche Mitteilung von Herrn Dietrich Schabow, Bendorf-Sayn, vom 1. Februar 2010, der mir freundlicherweise eine Kopie der von ihm im dortigen Pfarrarchiv aufgefundenen „Aufschriften der Glocken in der Pfarrey zu Halsenbach“ zur Verfügung stellte. »
  12. Nachträge Nrn. 205 und 206. – Die dritte Glocke wurde laut Inschrift 1692 von den Franzosen zerstört (a gallis confracta) und 1707 von Wilhelm Anton Rincker in Aslar neu gegossen. »