Die Inschriften des Regensburger Doms (II)

6. Die Schriftformen vom Beginn des 16. Jahrhunderts bis zum Ende des 17. Jahrhunderts

von Ramona Baltolu und Franz-Albrecht Bornschlegel254)

Gotische Minuskel

Die große Zeit der Gotischen Minuskel im epigraphischen Bereich ist auch in Regensburg das 15. Jahrhundert. Es konnten im ersten Teilband zum Dom Werke der diversen Dommeister aus diesem Zeitraum behandelt werden255). Der einzige dieser Dommeister, der auch noch im 16. Jahrhundert eine Rolle spielt, ist Wolfgang Roritzer, dessen Lebensdaten die Jahrhundertgrenze überschreiten (nachweisbar um 1495 – † 29. Mai 1514).

So ist es nicht verwunderlich, dass viele der Inschriften in Gotischer Minuskel des beginnenden 16. Jahrhunderts Wolfgang Roritzer – oder zumindest seinem Schriftstil – zugeschrieben werden können256). Einige Kriterien seines Schrifttyps konnten bereits bei den noch vor 1500 datierten Stücken herausgearbeitet werden257), so vor allem der A-Versal mit dem verdoppelten und geschwungenen linken Schrägschaft, die spitz abgeknickten Bögen bei Schaft-s und g (unten) oder das steile Bogen-r.

Tatsächlich erscheinen besonders die Versalien als auffallendes, immer wiederkehrendes Merkmal für den Schriftstil Wolfgang Roritzers. Neben dem bereits erwähnten A stechen vor allem J, M und R ins Auge. Bei J reicht der Deckbalken weit nach links, wo er – ähnlich dem Deckbalken des A - großzügig eingerollt wird; am eingebogenen Ende des Balkens werden unten zwei übereinanderstehende – teils durch einen Haarstrich verbundene – Quadrangel angehängt. Der linke Abschnitt des M ähnelt im Aufbau wiederum dem A: der linke Schrägschaft ist verdoppelt und [Druckseite 61] geschwungen – wobei der linke Teil unten in einem Quadrangel endet, der rechte unter der Zeile nach links ausschwingt -, der zweite Schrägschaft ist leicht gebogen und bricht auf der Grundlinie nach rechts – beide Schäfte sind durch zwei schräge Haarstriche verbunden -, der dritte Schaft ist auf einen fast waagrechten Balken am oberen Ende des zweiten Schaftes reduziert, der vierte wird senkrecht nach unten geführt und schwingt unter der Zeile nach links aus bzw. endet unter der Zeile in einem auslaufenden Zierstrich. Der Schaft des R ist auf der Zeile gebrochen und schwingt oben nach rechts aus; die linke Seite ist gezackt. Von dem ausschwingenden Ende des Schaftes oben geht der ebenfalls geschwungene Bogen aus, der etwas oberhalb der Mitte den Schaft berührt. Von dort reicht die Cauda als gerader Schrägschaft bis auf die Zeile.

Von den eigentlichen Minuskelbuchstaben sind – neben den oben beschriebenen – folgende Formen nennenswert: der linke Teil des oberen Bogens des doppelstöckigen a ist – als Haarstrich – geschwungen, führt in den Bereich des unteren gebrochenen Bogens und biegt dort nach links um; der obere Bogenabschnitt des runden d ist meist relativ kurz und flach; der Balken des e ist sehr steil und berührt den Schaft; der i-Strich ist meist als senkrechter und geschwungener Haarstrich ausgeführt; der untere gebrochene Bogenabschnitt des p ist waagrecht; der Balken des t ist eher kurz und durchschneidet meist den Schaft. Die Grundform besonders bei Buchstaben mit Bögen tendiert zum Parallelogramm, so beispielsweise bei rundem d oder o, oder auch g.

Als wichtiges Beispiel für den Schrifttyp bei Wolfgang Roritzer muss hier die figurale Grabplatte für Bischof Rupert II. von 1507, die für Roritzer archivalisch gesichert ist, genannt werden (vgl. Kat.-Nr. 378). Bei ihr handelt es sich selbstverständlich um eine hochwertige Arbeit. Leider weist der Text kein g und auch kein Bogen-r auf. i-Punkte werden bei diesem Stück in Form einer kleinen Raute in Kontur ausgeführt.

Über die bereits im ersten Teilband Wolfgang Roritzer zugeschriebenen Werke (vgl. Fußnote Nr. 256) hinaus können einige weitere ausgemacht werden, die denselben Schriftstil aufweisen.

So lassen sich auf der einfach gestalteten, leider beschädigten Grabplatte für Johannes Schartel († 1501, Kat.-Nr. 356) typische Buchstabenformen wie M (beschädigt), J, e oder Bogen-r erkennen. Daneben lassen sich die Grabplatte für Georg und Ulrich von Nussberg (1508, Kat.-Nr. 382) und das Epitaph für Jakob Klein (1510, Kat.-Nr. 394) Roritzers Schriftstil zuordnen.

Eine Inschrift, die mit Wolfgang Roritzer in Verbindung gebracht wird, ist die für Emmeram Stich (Kat.-Nr. 426). Obwohl vom Zeitansatz her problematisch – Stich ist nach 1514, dem Todesdatum Roritzers, verstorben und die Jahreszahl ist nicht nachgetragen – wird sie von Liedke Roritzer zugeschrieben258). Tatsächlich ähnelt der Schrifttyp stark den Formen, wie sie bei Roritzer auftreten. Leider fehlt bei der fragmentarisch erhaltenen Platte die obere Schmalseite mit der Datierung und dem zu erwartenden A-Versal. Es findet sich aber im Text zweimal J, das der Ausführung bei Roritzer gleicht. R mit oben nach rechts auslaufendem Schaft und dem geschwungenen Bogen ist ebenfalls ähnlich. Allerdings erscheint die Cauda hier leicht geschwungen und setzt relativ weit oben an. Auch die Minuskeln ähneln stark den Formen Roritzers. Ein paar Details weichen jedoch leicht ab: so erscheint der Schaft des e weniger steil, der linke Teil des oberen Bogens des doppelstöckigen a reicht teils etwas weiter nach links; der untere gebrochene Bogen ist eher kürzer. Auffallend bei dieser Inschrift ist das runde s, bei dem der geschwungene Mittelteil relativ steil ist und der obere und untere Bogen relativ spitz abgeknickt sind. Diese Form findet sich bei den Wolfgang Roritzer zugewiesenen Werken nicht, hingegen taucht sie bei den Inschriften für die beiden Johannes und Friedrich Gebhard (1514, Kat.-Nr. 400), für Konrad Hoffmann († 1514, Kat.-Nr. 403) und für Matthäus Romauer († 1515, Kat.-Nr. 406) auf. Auch hier lassen sich das doppelstöckige a mit dem relativ kurzen unteren Bogen, das e mit dem weniger steilen Balken und der Roritzer ähnliche R-Versal, bei dem hier aber die Cauda vom Bogen abgesetzt den Schaft berührt bzw. geschwungen ist, erkennen. Der A-Versal gleicht vom Grundaufbau der Form Roritzers. Ein auffallender Versal, der sich so auch bei Roritzer findet (vgl. z.B. Kat.-Nr. 374) ist E: der Buchstabe ist in zwei Teile aufgeteilt: der obere Abschnitt besteht aus einem Schaft, der nicht bis zur Grundlinie reicht und der oben abgeknickt ist (oberer Balken), beim unteren Abschnitt ist gleichsam der Schaft mit dem unteren Balken zu einem Bogen verschmolzen, auf dem der Schaft des oberen Buchstabenteils aufsitzt. Auffallend ist, dass an diesem Schaft zwei kurze Balken ansitzen, wo eigentlich nur einer, nämlich der Mittelbalken des E zu erwarten wäre. g (vgl. Kat.-Nr. 400) und Bogen-r (vgl. Kat.-Nr. 403) gleichen weitgehend den Formen Roritzers. Der Mittellängenbereich bei dem hier beschriebenen Schrifttyp ist relativ schmal und gestreckt; die Oberlängen treten relativ stark hervor. Diese Inschriften können – allein vom Zeitansatz her – [Druckseite 62] nicht mehr direkt Wolfgang Roritzer zugeschrieben werden, scheinen sich jedoch noch in dessen Tradition zu bewegen.

Andere Inschriften setzen sich eindeutiger von dem Schriftstil Roritzers ab, so beispielsweise die Grabplatte für Peter Zaunsteck († 1503, Kat.-Nr. 360). Zum einen entbehrt diese Inschrift jeglicher Versalien, zum anderen ist der untere Bogen des g stumpf abgeknickt.

Ein ähnlicher Befund ergibt sich beim Epitaph für Friedrich von Wirsperg († 1506, Kat.-Nr. 372): sowohl der A-Versal als auch die g-Form unterscheiden sich eindeutig von dem bei Roritzer beobachteten Schrifttyp: beim A handelt es sich hier um eine kapitale Form mit Deckbalken (vgl. Aufs[e]csz); bei g durchschneiden sowohl der senkrechte Teil des gebrochenen oberen Bogens als auch der Schaft den als Deckbalken gestalteten oberen Teil des Buchstabens. a, d, e, rundes s oder (steiles!) Bogen-r wären durchaus mit dem Roritzerschrifttyp vergleichbar.

Betrachtet man den zeitlich folgenden Bestand an Gotischer Minuskel im Bereich des Regensburger Domes und Domkreuzganges, so lassen sich kaum eindeutige Schrifttypen herausarbeiten. Bei der Schriftanalyse können jedoch einzelne Elemente individualisiert werden, die sich im Verlauf häufiger zeigen und so zumindest gewisse Tendenzen bilden, ohne jedoch als einheitlicher Schriftstil bezeichnet werden zu können.

Den Ausgangspunkt bildet die Grabplatte für Albert Burger († 1509, Kat.-Nr. 385). Die Schrift hebt sich von Roritzer ab. Der Mittellängenbereich ist relativ gestreckt. Die Grundform von Buchstaben wie die des o, rundem d, auch v und b ist die eines (relativ spitzen) Parallelogrammes. Die Schäfte enden bei dieser Inschrift in eher kleinen Quadrangeln auf der Grundlinie. Der obere Bogen des doppelstöckigen a ist als geschwungener Haarstrich ausgeführt (es fehlt der bei Gotischer Minuskel häufig übliche rechte gebrochene Teil, der nicht als Haarstrich konzipiert ist). Der oben waagrecht umgebrochene Bogenabschnitt des c ist eher lang. Der Bogen des e knickt oben relativ spitz ab, der Schaft ist als ein als Haarstrich ausgeführtes Häkchen, das den Schaft nicht berührt, ausgeführt. Die beiden gebrochenen Enden der beiden gegenläufigen Bögen des runden s im mittleren Bereich des Buchstabens sind annähernd auf gleicher Höhe (nicht wie häufig leicht gegeneinander verschoben). g wird oben waagrecht abgeschlossen, der untere Bogen wird relativ spitz geknickt, der geknickte Teil ist eher länger.

Auch im Bereich der Versalien unterscheidet sich dieses Beispiel von den Stücken, die den Roritzer-Schrifttyp aufweisen: im vorliegenden Fall liegt eine größere Spannung zwischen der Textschrift, die noch den strengen Formen der Gotischen Minuskel verhaftet ist, und den Versalien vor, die stärker mit Haar- und Schattenstrichen spielen und so filigraner wirken. Sie umfassen überwiegend geschwungene und auch stark gebogene Formen und erinnern so bereits an ein bewegteres Schriftbild, wie es auch im Bereich der Fraktur bzw. Bastardschriften auftritt. Während bei den Roritzerstücken die Versalien immer gleich gestaltet sind, ja sogar zum Erkennungsmerkmal werden, bieten sie in der Folgezeit im untersuchten Material den größten Spielraum für Variantenfreude.

So sticht beispielsweise die Kopfzeile der Grabplatte Karl Gottsmanns († 1516, Kat.-Nr. 407) ins Auge. Es sind hier nicht nur die Versalien A und M, sondern auch die x-Formen in der Datierung, die einen starken Kontrast zur streng gehaltenen Textschrift ergeben. Der Mittellängenbereich ist weit gestreckt. Eine parallelogrammähnliche Grundform ist nur ansatzweise – vielleicht auch wegen der extremen Streckung der Mittellängen – erkennbar. Der obere Bogen des a ist wiederum nur als Haarlinie ausgeführt. Auffallend bei diesem Stück ist das runde s, das sehr eckig wirkt: die beiden Bögen sind im mittleren Bereich wiederum auf derselben Höhe, der obere Bogen oben, aber vor allem der untere Bogen unten sind sehr spitz abgeknickt. Der untere Bogen des g hingegen, der zu einem Balken geformt ist, bricht eher stumpf ab. Die Grundform des versalen M ist wohl die eines unzialen Ms, wobei der Mittelschaft auf der Grundlinie nach Art der Gotischen Minuskel gebrochen ist.

Annähernd als ähnlich könnte die M-Form auf dem Epitaph für Georg Liebolt († 1515, Kat.-Nr. 405) bezeichnet werden. Die äußeren Schäfte sind hier ebenfalls gebogen, im mittleren Bereich hingegen treten zwei Schrägschäfte auf, wie es bei der kapitalen Form üblich ist. Der Mittellängenbereich der Textschrift ist auch hier gestreckt. Ebenso findet sich hier – v.a. bei rundem d und o die Parallelogrammform. Als a wird die Kastenform, die sonst eher selten auftritt, verwendet. g wird oben mit einem leicht linksschrägen Balken abgeschlossen, der untere Bogen bricht eher spitz ab und ist dann geschwungen.

Die Inschrift auf der Grabplatte für Laurentius Tanner († 1517, Kat.-Nr. 409) zeigt diverse Elemente, die schon bei den zuvor beschriebenen Beispielen beobachtet werden konnten, ohne einem dieser Stücke näher zugeordnet werden zu können. Die Versalien hingegen sind hier auf sehr einfache [Druckseite 63] Ausprägungen reduziert. Die Schrift weist insgesamt einen eher kräftigen Duktus auf. Buchstaben wie o oder rundes d lassen wieder die Parallelogrammform erkennen. Der obere Bogen des a wird allein durch den geschwungenen Haarstrich ausgeführt. Der obere Abschnitt des c ist relativ lang. s weist – jedoch in unterschiedlicher Intensität – den stark geknickten unteren Bogen auf.

Ähnlich verhält es sich bei der – erhaben ausgeführten – Sterbeinschrift für Johannes Schmidner († 1521, Kat.-Nr. 430). Am ehesten lässt sich die Schrift mit der auf der Grabplatte des Karl Gottsmann vergleichen. Der obere Bogen des a ist – mehr oder weniger – durch einen Haarstrich artikuliert; e bricht oben relativ spitz um, der Balken besteht aus einem Haarstrich-Häkchen; der untere g-Bogen bricht eher stumpf um; das gebrochene runde s ist sehr eckig, besonders der untere Bogen wird spitz abgeknickt. Im vorliegenden Beispiel gesellt sich aber noch eine zweite s-Form hinzu: ein rundes s, dessen Bögen abgeknickt - nicht gebrochen - sind, wobei der untere Bogen äußerst klein ist, der obere kopflastig wird. Der M-Versal und die x-Formen unterscheiden sich eindeutig von der Inschrift für Gottsmann.

Diese Beobachtungen, dass Inschriften in Einzelelementen verglichen werden können, ohne dass ein einheitlicher Schrifttyp herauszukristallisieren wäre, ließen sich noch weiter fortführen. – Beispielsweise findet sich auf der Grabplatte für Jakob Haidenreich († 1526, Kat.-Nr. 437) ein kastenförmiges a, wie es bei dem Epitaph für Georg Liebolt vorkam. Der M-Versal erinnert eher an den der Gottsmann-Inschrift. Der Duktus hingegen wirkt hier eher aufgelockert, der Mittellängenbereich weniger gestreckt und streng wie bei den vorhergehenden Beispielen. Auch die erhabene Inschrift auf dem Epitaph für Michael Apfelbeck († 1526, Kat.-Nr. 438) ist im Mittellängenbereich sehr breit. – Interessanter sind aber wohl die Stücke, die von diesen allgemeinen Tendenzen abweichen.

Zunächst wäre hier die nur mehr fragmentarisch erhaltene Grabplatte für Michael Michaelis († 1519, Kat.-Nr. 423) zu nennen. Auf den ersten Blick handelt es sich um eine relativ „klassische“ Gotische Minuskel. Es sind aber gerade diese Formen, die sich zeitgleich im bearbeiteten Material weniger finden. So ist hier das doppelstöckige a in der gängigen Weise aufgebaut, bei der der rechte Abschnitt des gebrochenen oberen Bogens als Schrägschaft – und eben nicht als Haarstrich – ausgeführt ist. Die Grundform der Buchstaben tendiert nicht zum Parallelogramm. Der obere gebrochene Abschnitt des c ist eher kurz. Die beiden gebrochenen Bögen des runden s sind ineinander verschoben – sie befinden sich also nicht im mittleren Bereich des Buchstabens auf derselben Höhe.

Ein etwas anders geartetes Bild bietet die Grabplatte für Johannes von Holbach († 1520, Kat.-Nr. 425). Auch hier kann die eine oder andere oben beschriebene typische Form individualisiert werden. Diesen steht jedoch eine Variantenfreude gegenüber, die sich sonst bei dem untersuchten Material nicht wiederfindet. Sie schließt naturgemäß besonders die Versalien ein. Die Majuskeln weisen Schwellzüge und Zierstriche auf. A beispielsweise tritt in drei Varianten auf: die A-Initiale lehnt sich annähernd an eine pseudounziale Grundform an; daneben finden sich ein A aus zwei sich oben berührenden gegenläufigen Bögen und ein vollrundes A. Bei den Minuskeln ist wiederum a der Buchstabe mit den meisten Ausprägungen. Die Bögen erscheinen in allen möglichen Varianten: neben dem – oben häufiger beschriebenen – a, dessen oberer Bogen durch einen Haarstrich artikuliert wird, finden sich ein a mit nicht gebrochenem unteren Bogen (Holbach), ein Rotunda-a (Rat(isbonensis)) und ein a mit zwei ineinander verschlungenen, geschwungenen Schwellbögen (Febrva(r)io). Auch rundes s tritt sowohl in der gebrochenen - wie oben häufiger aufgeführt – recht eckigen Ausprägung als auch in einer runden Form – mit an einer Stelle stark eingebogenen Bögen (D(omi)n(u)s) – auf.

Vor allem in den 30er Jahren des 16. Jahrhunderts finden sich einige Stücke im untersuchten Material, die sich vorsichtig zu einer Gruppe zusammenfassen lassen. Sie weisen durchaus Ähnlichkeiten auf, auch wenn die Formen unter Umständen nicht hundertprozentig einheitlich sind. Man könnte eventuell überlegen, ob derartige Produkte tatsächlich aus einer Werkstatt stammen könnten, die keinen strengen Schrifttyp festlegt, sondern eher eine grobe Vorgabe macht, an die sich der/die ausführende/ausführenden Handwerker mehr oder weniger halten. Möglich wäre selbstverständlich auch, dass unterschiedliche Steinmetze/Bildhauer eine Art Mode vertreten. Solche Fragen können allein über eine Schriftanalyse nicht geklärt werden.

Zu dieser Gruppe ließen sich die Grabplatte für Bernhard von Seiboldsdorf († 1522, Kat.-Nr. 432), die Grabplatte für Sebastian Prentel († 1530, Kat.-Nr. 447), die Wappengrabplatte für Christoph von Breitenstein († 1531, Kat.-Nr. 450), die – ausnahmsweise vertieft gearbeitete – Grabplatte für Kaspar von Gumppenberg († 1532, Kat.-Nr. 455), die Grabplatte für Wolfgang Winkelmann († 1532, Kat.-Nr. 456), die Grabplatte für Emmeram Zenger von Lichtenwald [Druckseite 64] († 1535, Kat.-Nr. 467), die Wappengrabplatte für Melchior von Sparneck († 1536, Kat.-Nr. 477), eventuell noch die Grabplatten für Wilhelm Peuscher († 1550, Kat.-Nr. 502), Leonhart Lang zu Wellenburg († 1532, Kat.-Nr. 458) und den Physicus Leonhard († 1544(?), Kat.-Nr. 490) zählen.

Merkmale dieser Gruppe sind folgende: die Stücke sind meist erhaben gearbeitet; der Mittellängenbereich ist relativ gestreckt, wobei besonders die Oberlängen schon stärker hervortreten. Die Grundformen der Buchstaben wie vor allem bei o tendieren auch hier zum Parallelogramm. Der leicht geschwungene linke Schrägschaft der A-Initiale ist verdoppelt und weist an der linken Seite meist zwei Zacken auf; der rechte Schrägschaft ist senkrecht, endet auf der Grundlinie in einem Quadrangel, oben läuft er in einen weiten Bogen, der den Buchstaben „bedeckt“, aus; die beiden Schäfte werden durch zwei Schrägbalken miteinander verbunden. M (der Datierung) zeigt ebenfalls einen verdoppelten, mit Zacken versehenen linken Schaft, der mittlere Schaft endet auch in einem Quadrangel auf der Grundlinie, bildet oben jedoch keinen Bogen; der dritte ebenso gebrochene Schaft reicht leicht unter die Grundlinie, wo er ausläuft. a ist – außer bei der Inschrift für Sebastian Prenner, wo ein Kasten-a verwendet wird – immer doppelstöckig. Der „Deckbalken“ des g ist schräg, der untere Bogen teils gebogen (Kat.-Nr. 447, 467, 490), teils geknickt (Kat.-Nr. 455, 458). In den späteren Inschriften (Kat.-Nr. 490, 502) tritt gelegentlich Bogen-r auf, das dann meist variiert: neben einfachem Bogen mit Cauda gibt es eine Variante, bei der der Bogen in die Cauda überfließt (ähnlich einem s). Die gebrochenen Bögen des runden s sind gegeneinander verschoben. u tritt meist mit diakritischem Zeichen auf; die Schäfte sind oben häufig nicht gebrochen, sondern abgeschrägt. Bei der ältesten genannten Grabplatte für Bernhard von Seiboldsdorf († 1522, Kat.-Nr. 432) sind die aufgeführten Kriterien noch am wenigsten gut greifbar. Man mag hier auf den ersten Blick vielleicht sogar die Frage stellen, ob das Ganze ein wenig nach Wolfgang Roritzer aussehen möchte. Bei Sebastian Prentel († 1530, Kat.-Nr. 447) scheint sich dann doch das herauszuformen, was auch in den folgenden Objekten anklingt. Die Grabplatte für Emmeram Zenger († 1535, Kat.-Nr. 467) weicht vom Duktus her stärker von den anderen ab; der M-Versal unterscheidet sich hier ebenfalls von den anderen. Auch das späteste Stück dieser Gruppe, die Grabplatte für Wilhelm Peuscher († 1550, Kat.-Nr. 502), setzt sich vielleicht im Duktus, sicher aber beim M-Versal von den anderen ab.

Neben diese Gruppe treten in den 30er Jahren weitere Ausprägungen, meist Einzelfälle. Von diesen können in zwei Fällen Paare gebildet werden.

Die singulären Ausformungen weisen ein relativ breites Spektrum auf: so ist beispielsweise die Inschrift für Wolfgang Kitztaler († 1532, Kat.-Nr. 387, I) extrem schmal und gestreckt. Daneben treten Stücke, die einen eher gezierten Eindruck vermitteln: so die Grabplatte des Sixtus von Preysing († 1533, Kat.-Nr. 460) mit einer ebenfalls gestreckten, erhaben gearbeiteten Gotischen Minuskel mit zahlreichen Versalien. Mutmaßlich aus derselben Werkstatt dürfte die ebenfalls für Sixtus gearbeitete Inschriftentafel (Kat.-Nr. 461) stammen. Man vergleiche hierzu vor allem die Buchstabenproportionen insgesamt und das sehr steile gebrochene Bogen-r. Die fragmentarische Wappengrabplatte für Pankraz Trainer (vor 1535, Kat.-Nr. 466) zeigt ebenso eine eher gezierte Gotische Minuskel: neben Zierhäkchen an den üblichen Stellen (e-Balken, r-Cauda) fallen hier die beinahe geschwungen ausgeführten Quadrangel auf, in denen die Schäfte auf der Grundlinie enden. Zu nennen wäre auch die Grabplatte für Quirin Rehlinger († 1537, Kat.-Nr. 481), die sich vor allem durch die (leicht) gespaltenen Ober- und auch Unterlängen (bei g) auszeichnet.

Gleichzeitig finden sich Beispiele, die – teils trotz Zierelementen – eher „klobig“ wirken, wozu in diesen Fällen vielleicht auch die erhaben gearbeitete Ausführung beiträgt. Hierzu sind die Grabplatte für Leonhard Schreiner († 1537, Kat.-Nr. 479), die Grabplatte für Leonhard Gausrab († 1537, Kat.-Nr. 483) und die fragmentarische Grabplatte für Peter Lörl († 1539, Kat.-Nr. 485) zu zählen.

Es zeigen sich zeitgleich auch einfachere Arbeiten. Zu verweisen ist hier auf die Grabplatte für Ulrich Hueber († 1536, Kat.-Nr. 472). Die Schrift ist identisch mit der auf der Grabplatte für einen Priester Michael (Kat.-Nr. 362). Dies manifestiert sich in erster Linie am A-Versal mit einer pseudounzialen Grundform, am doppelstöckigen a mit relativ kurzem gebrochenen unteren Bogen, g mit geknicktem kurzen unteren Bogen und parallelogrammförmigem o und (rundem) d.

Ein sich ähnelndes Schriftbild präsentieren die Grabplatten für Georg Poll († 1536, Kat.-Nr. 475) und Johannes Bodensteiner († 1537, Kat.-Nr. 480). Die Gotische Minuskel scheint sich hier in den Proportionen bereits aufzulockern, der Mittellängenbereich tendiert eher in die Breite, während Ober- und Unterlängen stärker hervortreten. Die Buchstaben sind jedoch nach wie vor gebrochen und zeigen die Gestalt eines Parallelogramms. Auffallend sind hier die Versalien, die – besonders im Bereich der römischen Jahreszahl – annähernd Formen der Kapitalis bieten. D ist in beiden Beispielen oben offen.

[Druckseite 65]

Ein Stück, das ebenfalls in die 30er Jahre zu datieren ist, sich aber völlig von den restlichen abhebt, ist die Grabplatte des Ambrosius Krafft († 1535, Kat.-Nr. 468), die ein äußerst bewegtes Schriftbild aufweist. Die Schrift ist insgesamt noch als Gotische Minuskel anzusprechen, da die Hasten von Schaft-s und f noch auf der Grundlinie gebrochen werden. a ist kastenförmig. Der Duktus erinnert etwas an die Inschrift für Jakob Haidenreich von 1526 (Kat.-Nr. 437), wobei bei vorliegendem Stück die Schrift beinahe „geschrieben“ anmutet. Die Buchstaben stehen nicht sauber auf der Grundlinie, manche Formen wirken leicht schief. Die Hasten auf der Grundlinie sind an einigen Stellen eher umgebogen als gebrochen; anderswo sind die Mittellängenschäfte leicht durchgebogen; manche Buchstaben mit Bögen weisen eine ovale Grundform auf, so e (z.B. bei Venerabilis) und o (z.B. bei Deo), die aber nicht einheitlich durchgeführt ist. Rundes s ist rund und wird durch einen Schwellzug ausgeführt. Der untere g-Bogen ist rund und geht vom Schaft aus in eine Haarlinie über. Im Großen und Ganzen scheint diese Inschrift mit der einen oder anderen Form, die dem Bastard-/Frakturbereich entlehnt ist, zu spielen.

Aus den 40er Jahren stammt eine Platte, die sich durch die Verwendung von zweierlei Schriftarten auszeichnet, nämlich die Grabplatte für Sebastian Klugheimer (vor 1546, Kat.-Nr. 494): sie umfasst eine Umschrift in Gotischer Minuskel und eine in Gotico-Antiqua (siehe unten). Die Gotische Minuskel zeigt relativ „klassische“ Formen, wenn auch ein in den Proportionen etwas aufgelockertes Schriftbild. Einige Elemente heben sich von den früheren Inschriften ab: der Bogen des Bogen-r ist spitz geknickt und geschwungen, ebenso die Cauda. Die Fahne des Schaft-s ist ebenfalls geschwungen. Das Denkmal für Sebastian Klugheimer wird von Felix Mader dem Schaumbergaltarmeister, den er mit Leonhard Sinniger in Verbindung bringt, zugeschrieben259). Eine für Sinniger offenbar archivalisch gesicherte Arbeit ist die Grabplatte für die Seniorin von Obermünster, Elisabeth Sinzenhofer († 1543)260), die ebenfalls eine Gotische Minuskel aufweist. Die Schriftformen lassen sich jedoch kaum in Einklang mit der Klugheimerplatte bringen. Eine genauere Zuweisung auch anderer demselben Meister zugeschriebener Werke über die Schriftanalyse ist im Rahmen dieses Schriftkapitels jedoch leider nicht möglich.

Eines der letzten Stücke in Gotischer Minuskel im untersuchten Material ist die Grabplatte für Georg Waldeisen († 1560, Kat.-Nr. 523). Die erhaben ausgeführte Schrift zeigt bekannte Elemente wie beispielsweise den A-Versal mit einem verdoppelten linken Schaft und einem zum Bogen auslaufenden rechten Schaft. Die Formen entsprechen insgesamt denen einer „klassischen“ Gotischen Minuskel; die Proportionen sind eher aufgelockert, der Mittellängenbereich eher breit. Die Schrift wirkt jedoch sehr hölzern. Beim doppelstöckigen a „hängt“ der obere Bogen „schlapp“ nach unten und stützt sich geradezu auf dem unteren gebrochenen Bogen auf. An einer Stelle (uiuat) ist der a-Schaft nicht auf der Zeile gebrochen, sondern endet ein Stückchen über der Grundlinie. Ähnlich verhält es sich bei rundem d, dessen rechter Teil ebenfalls etwas über der Zeile endet; der obere freistehende Teil ist an den Mittellängenbereich „gedrückt“. Der relativ fett ausgeführte eingerollte Balken des e wirkt ebenfalls nicht sehr elegant. Insgesamt demonstriert dieses Beispiel, dass die eigentliche Zeit der Gotischen Minuskel bereits zu Ende ist, auch wenn sie sich in Regensburg sehr lange hält.

Das späteste Stück in Gotischer Minuskel im bearbeiteten Material stammt aus dem Jahre 1596(!). Es handelt sich hierbei um die Wappengrabplatte für Achatz Nothaft († 1596, Kat.-Nr. 560). Der Zeitansatz erscheint extrem spät. Die kopiale Überlieferung sowie die noch erkennbaren Reste der Jahreszahl lassen jedoch kaum einen Zweifel an der Datierung. Zu überlegen wäre jedoch, ob die Platte eventuell schon früher, vielleicht nachdem Nothaft 1570 ins Domkapitel aufgenommen wurde, angefertigt worden ist und das genaue Datum später nachgetragen wurde. Ein solcher Befund lässt sich leider nicht mehr am Original verifizieren, da es – besonders auch im Bereich der Datierung – erheblich abgetreten ist. Ein Zeitansatz in den 70er Jahren wäre nach wie vor relativ spät für die – sehr „klassische“ – Gotische Minuskel, wäre aber doch plausibler als eine Datierung in die 90er Jahre. Die kurze Schriftprobe des noch original erhaltenen Teiles der Inschrift weist eine – wie gesagt – „klassische“ Gotische Minuskel mit gitterförmigem Mittellängenbereich, Brechungen, doppelstöckigem a, gebrochenem rundem d, einer Bogenverbindung von d und e auf. Einziges Element, das die Schrift in eine Spätzeit verweisen könnte, ist der obere Bogen des g (got), der geschwungen ausgeführt ist. Zu Vermerken wäre noch, dass die Wappenbeischriften in Fraktur, die im bearbeiteten Material erst ab den 70er Jahren auftritt, realisiert sind (siehe unten).

[Druckseite 66]

Gotico-Antiqua

Wie im Abschnitt zur Gotischen Minuskel bereits angesprochen, enthält die Grabplatte für Sebastian Klugheimer (vor 1546, Kat.-Nr. 494) auch eine Umschrift in Gotico-Antiqua. Die Schrift weist alle Merkmale auf, wie sie auch bei einer namentlich bislang leider unbekannten Straubinger Werkstatt konstatiert werden können, die in der Zeit zwischen 1527 und 1540 Inschriften in Gotico-Antiqua produzierte261).

Es handelt sich in erster Linie um eine Mischung aus Gotischer Minuskel und Rotunda. An die Rotunda erinnern im vorliegenden Beispiel stumpf auf der Grundlinie endende Schäfte beispielsweise bei Schaft-s und m (Nostri, d(omi)n(u)m), die jedoch auch auf der Zeile umbiegen bzw. brechen können (z.B. O(mn)i(u)m, Exspecto), und die a-Form. Der Gotischen Minuskel verhaftet sind hingegen noch eindeutig e, o, auch c, deren Bögen nach wie vor gebrochen sind. Dies scheint auch das einzige Merkmal zu sein, worin sich das Regensburger von den Straubinger Beispielen unterscheidet: in Straubing sind die Brechungen bei Buchstaben mit Bögen (z.B. b, e, o) abgerundet. Auch der A-Versal, der hier am Beginn der Gotischen Minuskel steht, mit den leicht durchgebogenen Schäften, von denen der rechte im Bogen über den linken verläuft, ist derselbe wie bei den Straubinger Stücken.

Gotisch-humanistische Mischschrift

Im Bestand des Regensburger Domes findet sich auf dem Epitaph für den Domprediger Paul Hirschbeck († 1545, Kat.-Nr. 491) eine besondere Schriftausprägung. Die Schrift orientiert sich bereits an Formen der Humanistischen Minuskel, ist jedoch noch den Proportionen der Gotischen Minuskel verhaftet. Der Einfluss der Humanistischen Minuskel lässt sich an folgenden Elementen erkennen: d mit senkrechter Haste wird verwendet; die Schäfte werden nicht auf der Grundlinie gebrochen; Bögen besonders bei rundem s und p werden so gut wie nicht mehr gebrochen; Unter- und besonders Oberlängen treten deutlich hervor (kein gotischer „Bandcharakter“); es kommt a-e-Ligatur zum Einsatz. Trotz dieser Merkmale kann die Schrift ihre Verwandtschaft zur Gotischen Minuskel nicht verbergen: der Mittellängenbereich ist nach wie vor gestreckt, was auch dazu führt, dass Bögen zwar nicht mehr direkt gebrochen werden, jedoch immer noch senkrechte Abschnitte aufweisen, so vor allem bei e, das quasi aus einem senkrechten Schaft und einem relativ runden (oberen) Bogen(abschnitt) besteht. Der obere Bogen des Schaft-s ist geknickt. Als „gotische“ Buchstaben können Bogen-r und auch „Schaft“-g, dessen unterer Bogen an einer Stelle sogar verschlungen ist (vgl. religio(n)is), angesprochen werden.

Auf demselben Denkmal findet sich eine weitere Mischschrift: hier fließen zusätzlich Elemente „kursiven“ Schreibens ein: Schaft-s reicht unter die Zeile, was sowohl für Bastardschriften (Fraktur) als auch für humanistische Kursive typisch ist. Ober- und Unterlängen sind auch hier deutlich ausgeprägt. Der Mittellängenbereich ist gestreckt. Die Buchstabenkörper weisen hier tendenziell jedoch eine spitzovale Grundform auf (besonders o), was an die mandelförmigen Buchstaben der Fraktur erinnert. Es kommen d mit senkrechtem Schaft, Bogen-r (allerdings nur bei Buchstabendoppelung) und a-e-Ligatur zum Einsatz. Der untere Bogen des doppelstöckigen a ist ebenfalls gebrochen, jedoch weniger gestreckt als bei der zuvor beschriebenen Schriftausprägung. Rundes s hingegen ist hier stark gestreckt. Besonders eindrucksvoll erscheint die Mischung aus gotischen und humanistischen Elementen bei dem Wort p(e)c(ca)tor(um) beim (ersten) c: hier steht eine für die Gotik typische Bogenverbindung (p und c) direkt neben der für die Humanistische Minuskel charakteristischen Ligatur aus c und t.

Kapitalis

Die neuzeitliche Kapitalis ist im Regensburger Dombezirk erstmalig im Bereich der liturgischen Geräte, bei einer um 1525 einzuordnenden Paxtafel (Kat.-Nr. 436), nachzuweisen, ehe sie 1526 als Monumentalinschrift – zunächst noch an untergeordneter Stelle – im Medium Stein auftritt. [Druckseite 67] Hinsichtlich der Rezeption der monumentalen Kapitalis reiht sich der Regensburger Dombezirk gemäß Überlieferungssituation somit am Ende der Bischofssitze im heutigen Bayern ein262).

Im Epitaph des Domherrn Michael Apfelbeck von 1526 (Kat.-Nr. 438) wird die Kapitalis noch nicht für die zentrale Grabinschrift verwendet, sondern lediglich im Schriftband des Adoranten und im Kreuztitulus (jeweils erhaben). Auf der unteren Leiste der in erhabener Gotischer Minuskel behauenen Schrifttafel kommt die Kapitalis (vertieft) – wohl ungeplant und auch etwas ungelenk – für den Schluss der Fürbittformel ein weiteres Mal zum Einsatz. Während die vertiefte Kapitalis mit dem unzialen D (DEO) eine auffällige Fremdform beinhaltet, beschränkt sich die erhabene Kapitalis auf einige markante Varianten der gängigen Standardformen. Im Kreuztitulus knüpft das N mit dünnem Schrägschaft an Ausprägungen frühhumanistischer Inschriften an und auch das R mit leicht nach außen gebogener Cauda kann sich nicht auf klassische Tradition berufen. Das Schriftband hingegen zeigt eine etwas breiter proportionierte Kapitalis, die gelegentlich die Strichstärken wechselt (A und N mit Linkschrägenverstärkung) und sich beim Buchstaben R um eine klassische stachelförmige Cauda bemüht. Das A weist eine abgeflachte Spitze, das M leicht schräg gestellte Schäfte sowie einen kurzen Mittelteil auf. Gegenüber den anderen Formen sticht das ovale O als Schmalbuchstabe heraus. Die vertiefte Kapitalis auf der unteren Leiste der Schrifttafel dokumentiert drei Varianten des A – zwei mit abgeflachter Spitze und eine mit übergreifendem, rechtem Schaft – und zeigt keinen Strichstärkenwechsel.

Im Jahre 1532 wird die Kapitalis schließlich als umfangreiche Textinschrift eingesetzt, für das Grabmal des Kaspar von Gumppenberg und das Epitaph des Leonhard Lang zu Wellenburg, hier formal bereits in einer Renaissance-Kapitalis reinen Typs263). In beiden Fällen ist die Kapitalis nun wohlproportioniert, der Buchstabenbestand stark normiert und maßgeblich von der römisch-antiken Scriptura monumentalis beeinflusst. Die Schrifttafeln geben die mehrzeiligen Kapitalisinschriften zentriert wieder.

Die über 14 Zeilen der Schrifttafel des Grabmals des Domdekans Kaspar von Gumppenberg verlaufende Kapitalis mit dezenter Linksschrägenverstärkung (Kat.-Nr. 454) offenbart insbesondere in den Gestaltungen der Cauden – Stachelform in weitem Ausschwung bei Q und R sowie gerade, knapp die untere Zeilenhälfte einnehmende Senkrechte bei G – eine deutliche Neuorientierung der Schrift im klassischen Sinne. Obgleich das Alphabet der Inschrift keine phänotypisch unterschiedlichen Zweitformen zulässt, gibt es dennoch zahlreiche Varianten im Detail: A in spitzer Form, mit links ausgezogenem Scheitelsporn oder mit links abgeflachter Spitze und in der Höhe variierendem Mittelbalken, E mit kurzem Mittelbalken und in Breite und Höhe unterschiedlich weit aufschwingendem unteren Balken, M – meist mit geraden, nur einmalig mit schrägen, oben spitz zulaufenden Außenschäften – links mit Scheitelsporn oder seltener mit spitzem Zuschnitt und rechts durchgängig mit Scheitelsporn, N mit gelegentlich oben übergreifender Linksschräge, O in kreisrunder Gestaltung mit gerader und schräger Schattenachse, R mit variierendem Ansatz und Auslauf der stachelförmigen Cauda sowie S mit oftmals nach rechts kippender Stellung, zählen zu den auffälligsten Varianten. Im P mit kleinem, geschlossenem Bogen und in den auf die Grundlinie gesetzten, dreieckigen Worttrennern manifestieren sich kontinuierlich Formen und Gewohnheiten, die allerdings weniger in der römisch-antiken als in der zeitgenössischen Renaissance-Kapitalis zu finden sind.

Die zeitgleiche Kapitalis am Epitaph des Kardinals Leonhard Lang zu Wellenburg (Kat.-Nr. 457), deren Zentrierung mit weit eingerückten Zeilen aber sehr viel deutlicher hervortritt, wendet im Anfangsbuchstaben dreier Vornamen und in der gesamten letzten Zeile erstmals vergrößerte Kapitalisformen an. Die Wortabstände sind weit, die Buchstaben breit spationiert, wobei insbesondere E, H, N, O und Q herausragen. Das Formenrepertoire weist nahezu keine Detailvarianten auf und nähert sich mit E und seinem nur minimal verkürztem Mittelbalken und M mit Schrägschäften und bis zur Grundlinie reichendem Mittelteil einen weiteren Schritt der Schrift der römisch-antiken Scriptura monumentalis an. Nur mehr das P mit stets geschlossenem Bogen fällt heraus. Die Sporen, die Haar- und Schattenstriche sowie die stachelförmigen Cauden bei Q [Druckseite 68] und R orientieren sich an den römisch-antiken Monumentalinschriften und werden mit großem handwerklichem Können umgesetzt.

Die in vielen Details voneinander abweichenden Schriftformen lassen eine gemeinsame Zuschreibung der beiden hochrangigen Schriftdenkmäler von 1532 an den Bildhauer Leonhard Sinninger aus inschriftenpaläographischer Sicht nicht zwingend erscheinen264).

Vier weitere Kapitalisinschriften sind im Dombestand aus den späteren 1530er Jahren überliefert. In der ornamental gerahmten Platte des Domherrn Christoph Welser von 1536 (Kat.-Nr. 473) kommt die 13zeilige zentrierte Kapitalis im oberen quadratischen Feld zu liegen. Die ersten zehn Zeilen wirken aufgrund geringer Einrückungen wie im Blocksatz gestaltet, die letzten drei Zeilen zeigen eine gestaffelte Zentrierung. Der zweizeilige Sterbevermerk am Ende der Inschrift ist zudem mittels Einfügung einer Leerzeile abgesetzt. Innerhalb der mit fetten Linksschrägenverstärkungen versehenen Kapitalis wird ausschließlich der erste Buchstabe am Textbeginn vergrößert. Die breit proportionierten Buchstaben sind bisweilen eng gestellt, Nexus litterarum finden hier erstmals eine zahlreichere Anwendung in der Renaissance-Kapitalis des Dombestandes (4x AE und 2x TE), wobei AE vornehmlich mit senkrechtem Schaft ligiert. Innerhalb eines festgelegten Phänotyps variieren die Buchstaben wieder stärker und entfernen sich dabei zunehmend von der klassizierenden Kapitalis der beiden unmittelbaren zeitlichen Vorläufer. Dazu trägt vor allem das R mit seiner nach außen geschwungenen Cauda bei, das in einigen Abarten aber auch die konkave Stachelform belegt. Das kapitale A zeigt sich oben spitz, mit links abgeschrägter Spitze oder mit nach links ausgezogenem Scheitelsporn, das E prägen kurze Mittelbalken (analog das F) und aufsteigende untere Balken von unterschiedlicher Ausdehnung (analog das L). Beim Buchstaben M dominiert die Form mit geraden Schäften über die Form mit Schrägschäften, welche ausschließlich mit spitzen oberen Abschlüssen vorliegt. Das gerade M wechselt zwischen der Abart mit überstehendem Schrägschaft auf der linken und Sporn auf der rechten Seite und der Abart mit spitzem Zulauf der Schäfte. Der Buchstabe N verwendet den Sporn generell am rechten oberen Schaft, variiert jedoch den Abschluss am Schnittpunkt des linken Schaftes mit dem Schrägschaft: mal übergreift der Schrägschaft stärker den linken Schaft, mal endet er in einem links ausgezogenen Sporn. Erstmals in der monumentalen Kapitalis des Regensburger Dombezirkes ist der Buchstabe P nicht nur geschlossen, sondern auch leicht geöffnet. Im Buchstaben W laufen die mittleren Schrägschäfte oben spitz zusammen. Auffallend sind die mittelalterliche pro-Kürzung im Wort P(RO)CELLAS sowie die strichpunktartige que-Kürzung im Wort MAGNVMQ(VE). Die dreieckigen Worttrenner wechseln ab der achten Zeile ihre Position von der Zeilenmitte zur Grundlinie.

Aus dem Rahmen der Grabinschriften in Kapitalis fällt die unscheinbare Grabplatte des Syndicus des Domkapitels, Georg Poll, von 1536 (Kat.-Nr. 475). Nur die Jahresdatierung in römischen Zahlzeichen und einige Großbuchstaben der hauptsächlich in Gotischer Minuskel ausgeführten Inschrift wurden in Kapitalis gesetzt. Die Kapitalis von niedriger Qualität ist in einheitlicher Kontur gestaltet und mit Konturverbreiterungen anstelle von Sporen am Schaftende versehen. A und M mit Schrägschäften und bis zur Grundlinie führendem Mittelteil weisen spitz zusammenlaufende Schrägschäfte auf, das offene kapitale D ist am unteren Ende zweifach gebrochen und erinnert im unteren linken Abschnitt an die d-Form der Gotischen Minuskel.

Im Epitaph des Ritters Jörg Prandt von Prandtseck von 1539 (Kat.-Nr. 486) findet sich die Kapitalis erstmals in der deutschsprachigen Grabinschrift eines Laien. Mögen dem Steinbildhauer auch die geistigen wie technischen Voraussetzungen für die Umsetzung einer römisch-antiken Kapitalis bekannt gewesen sein, so setzte er hinsichtlich eines ausdrucksstärkeren und dynamischeren Schriftbildes bewusst neue Akzente. In der vierzeiligen, linierten Inschrift in Blockform mit vergrößertem Buchstaben am Textbeginn sind die Buchstaben, die mit Ausnahme von E und H mit Überbreite noch weitgehend klassische Proportionen besitzen, sehr eng aneinander gerückt. Neben E mit verkürztem Mittelbalken, geradem M und P mit geschlossenem Bogen, die sich formal vom klassischen Buchstabenkanon entfernt haben, ist das schräggestellte O zu einem Fremdkörper und optischem Blickfang geworden. Mit seiner rechtsschrägen Schattenachse widersetzt sich das O der klassischen Linksschrägenverstärkung, die für die Inschrift ansonsten noch verbindlich ist. Deutliche klassische Prägung liegt in den mit großer Sorgfalt gestalteten einheitlichen Cauden des R vor. Die auffällig einwärts gekehrten Bögen – insbesondere bei S, etwas gemäßigter bei C und G – und Balken (E, L und rechter Sporn des T) haben andere Vorbilder im Auge. In der Kapitalis findet sich einmalig die Enklave DE.

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Die Kapitalis der 1540er Jahre dokumentieren nur drei Inschriften des Dombezirkes, die formal dem Bild einer klassisch ausgerichteten Renaissance-Kapitalis noch weitgehend entsprechen, dieses aber durch einige neue Formenabänderungen mehr oder weniger stark beeinträchtigen.

In der Inschrift am figürlichen Wandgrabmal des Domkanonikers Haubold von Breitenbach von 1546 (Kat.-Nr. 495) zeichnen sich weitere Modifikationen in Proportion und Einzelform ab. Die Kapitalis, deren erste und letzte Zeile zentriert, die Zeilen 2 bis 7 linksbündig ausgerichtet sind, bekundet neben den in Regensburg bereits üblich gewordenen Formen, die von den Idealproportionen einer antiken Scriptura monumentalis abweichen (E, F, H und N), drei neue Formvarianten bei den Buchstaben G, M und O. Das nun schmäler gebildete G verkürzt den unteren Bogenauslauf, der auf der Grundlinie in den Ansatz der Cauda mündet. Der Buchstabe M mit extrem ausladenden Schrägschäften stellt die breiteste Form der Inschrift dar und tritt dabei erstmals in den repräsentativen Kapitalisinschriften des Dombereiches mit verkürztem Mittelteil auf. Das O zeigt des Öfteren Schmalform und erreicht nur selten die kreisrunde Form. Des Weiteren bezeugen die stark verkürzten Mittelbalken von E und F, die nach außen geschwungenen Cauden des R und insbesondere die bereits vielfach verblasste Kennzeichnung des I mit quadratischem Punkt ein neues, nicht mehr an der römisch-antiken Scriptura monumentalis ausgerichtetes Schriftideal. Die vier nachzuweisenden Nexus litterarum betreffen NE und AE (3x), das mit senkrechtem Schaft seine Verbindung eingeht. Der Sterbevermerk O(BIIT) wird noch in mittelalterlicher Manier mit rechtsschrägem Strich durch das O gekürzt.

Das monumentale, groteskenverzierte Renaissancegrabmal für Ursula Adler von 1547 (Kat.-Nr. 496) unterstreicht auch mit seiner zentrierten Kapitalis auf mittig ausgerichteter Schrifttafel seinen repräsentativen Anspruch. Die mit großen Spatien gesetzten breiten Buchstabenformen, die von den Extremen der Haar- und Schattenstrichgestaltung geprägt sind, sowie die vergrößerte Kapitalis in der ersten Zeile und in zwei Buchstaben am linken Zeilenbeginn, ziehen den Blick des Betrachters schon aus der Ferne auf sich. Die mit routinierter Hand gemeißelte Kapitalis stellt keine simple Kopie klassischer Schriftvorbilder dar, geht in der Verwendung abweichender Formen aber nur im Q über die Regensburger Vorläufer hinaus. Hier setzt die zweifach geschwungene Cauda etwas links unterhalb des Buchstabenkörpers an und greift im Unterlängenbereich weit nach rechts aus. Das gerade M bildet die Alleinform und ist oben durchweg mit Sporen ausgestattet, die am linken Schaft einseitig oder doppelseitig eingesetzt sind (analog das N). Die Cauda des R ist meist von einem leichten Schwung nach außen gekennzeichnet, im nahtlosen Übergang zur klassischen, nach innen geschwungenen Stachelform. Die oberen, mit Sporn versehenen Bogenabschnitte von C und G ragen weit nach innen, der Ansatz der Cauda am Ende des unteren Bogenabschnitts von G erfolgt sowohl auf als auch etwas oberhalb der Grundlinie. Die S-Formen neigen sich nach rechts. Kaum noch auffällig im Regensburger Dombestand erweisen sich die eingezogenen Mittelbalken des E und der geschlossene Bogen des P. Nexus litterarum bilden AE (4x) – nun mit linksschrägem Schaft verbunden – und NE. Ungewöhnlich ist der Einsatz von us-Häkchen und Doppelpunkten als Kürzungszeichen. Die Doppelpunkte sowie die in der Zeilenmitte liegenden Worttrenner sind als Quadrangeln gebildet.

Etwas bescheidener tritt die zehnzeilig Kapitalis von 1548 auf der Grabplatte des Domherrn Johannes Dietenheimer (Kat.-Nr. 500) auf. Die dezent aber sorgfältig eingemeißelten Buchstaben verzichten auf den extremen Wechsel der Haar- und Schattenstriche und auf die farbige Ausmalung. Aus dem Blocksatz fallen nur die gestaffelt zentrierten letzten drei Zeilen, in denen zudem die römischen Zahlzeichen, die das Lebensalter sowie den Todestag und das Todesjahr ausdrücken, mit waagrechtem Strich über dem jeweiligen Zahlenwert hervorgehoben werden. Wiederum zeigt sich das I mit Punkt, dieses Mal in dreieckiger Form. Beachtenswert ist auch das R am Textbeginn mit weit in die Unterlänge ausschwingender Cauda. Zu erwähnen sind ferner: A mit abgeflachter Spitze, E mit geringem Einzug des Mittelbalkens, gerades M mit abgeflachten Spitzen oder Sporen, P mit geschlossenem Bogen sowie R mit geschwungener, selten stachelförmiger Cauda.

In den 1550er Jahren belegen vier Beispiele die Kapitalis, wovon drei die klassische Schriftströmung der 1540er Jahre fortsetzen und nur minimal mit neuen Formvarianten bereichern. So in der Grabinschrift für Georg Marschall von Pappenheim von 1553 (Kat.-Nr. 506), deren breit proportionierte Buchstaben mit Haar- und Schattenstrichen und M mit Schrägschäften starke Klassizität imaginieren, während E mit kurzem Mittelbalken, I-Häkchen, geschlossenes P, Q mit kurzer und R mit geschwungener Cauda, S mit starker Einbiegung der Bogenausläufer und – erstmals in der Kapitalis des Dombezirkes – X mit geschwungenem Rechtsschrägschaft zeitgenössische Tendenzen aufzeigen. Neu in der Inschrift ist auch die nur einmalig auftretende et-Ligatur in wohlproportionierter rundlicher Ausprägung (Z. 4). Eine etwas stärker klassische Komponente zeichnet [Druckseite 70] die Grabinschrift für Anna Lucretia von Leonsperg von 1556 (Kat.-Nr. 515) aus, doch primär in den Einzelformen und weniger im gesamten Erscheinungsbild der in eine ovale Schrifttafel gesetzten, sich von oben nach unten verkleinernden Kapitalis. Zu E mit kurzem Mittelbalken, geradem M und P mit geschlossenem Bogen gesellt sich eine neue nichtklassische Form, das K (KALENDIS) mit waagrechtem Mittelteil und langen Schrägbalken. Bemerkenswert ist die Hervorhebung des I mit in die Oberlänge verlängertem Schaft, das gelegentlich das Ende eines Wortes (OTII, CHRISTI) oder einer Zahl (LVI, VII) markiert. Die siebenzeilige Inschrift auf der figürlichen Grabplatte des Johannes von Parsberg von 1558 (Kat.-Nr. 521) ist in der Ausführungsqualität etwas grobschlächtig, doch präsentiert sie sich trotz einiger in Proportion und Formgestaltung schwankender Buchstaben als eine nicht zu fern von klassischer Gestalt stehende Kapitalis. Gerades M, P mit geschlossenem Bogen und R mit gerader Cauda gehören auch hier zum Standard.

Eine neue Ausrichtung nimmt die Kapitalis mit der Grabinschrift im Epitaph für Anton Welser von 1558 (Kat.-Nr. 520). Sowohl ihr Einsatz als schrägliegende Kapitalis als auch ihre Überfrachtung mit Enklaven und über- wie untergestellten Buchstaben (16 z. T. mehrfach im Einsatz befindliche Varianten) stellen ein Novum im Regensburger Dombezirk dar, indem nicht mehr ausschließlich einzelne Formen vom klassischen Gesamteindruck sichtbar abrücken, sondern die gesamte Schrift. Willkürlich in den Text eingebrachte vergrößerte, seitlich geneigte Kapitalisbuchstaben am Beginn mancher Worte und die links unten an der Bogenlinie des Q ansetzende, weit ausschwingende Cauda tragen mit der schrägliegenden Kapitalis zu dem merklich bewegten Schriftbild bei. Im Buchstabenbestand, in dem das R noch vielfach mit stachelförmiger Cauda versehen ist, zeigt das G eine weit in den Mittellängenbereich hineinragende Cauda und das W eine Bildung aus zwei verschränkten V. Bemerkenswert ist die Setzung der runden Klammer mit Punkt auf halber Zeilenhöhe jeweils in dem Bogen der sich öffnenden und der sich schließenden Klammer.

In den 1560er Jahren erreicht die Kapitalis im Dombezirk erstmalig die Dominanz über die Gotische Minuskel. Die 18-zeilige Kapitalis der Grabplatte des Johannes Delicasius aus dem Jahr 1563 (Kat.-Nr. 525) setzt wiederum vergrößerte Buchstaben am Zeilenbeginn und vereinzelt im Zeilenverlauf ein. Die ab der dritten Zeile als Textform gewählten Distichen werden in alternierender Folge eingerückt. Während sich das M in der Paradeform der klassischen Scriptura monumentalis präsentiert, markieren insbesondere E und F mit weit eingezogenen Mittelbalken, Q mit im Bogenfeld ansetzender, senkrecht in die Unterlänge führender, hakenförmiger Cauda, R mit nach außen geschwungener Cauda sowie das Y mit rechtem, in die Unterlänge auslaufendem Bogen die nicht-klassischen Elemente. Neben den klassischen AE-Nexus litterarum, die allerdings den verkürzten Mittelbalken aufweisen, steht die mittelalterliche us-Kürzung, wobei der us-Haken die untere Zeilenhälfte einnimmt und in die Unterlänge ausschwingt.

Mit der Grabplatte für Bischof Georg Marschall von Pappenheim von 1563 (Kat.-Nr. 526) zeigt auch eine zentrale Grabinschrift erstmals eine erhabene Kapitalis. Ihre technische Umsetzung ist dabei weniger gelungen, denn sowohl in den Proportionen als auch in der Gestaltung sind die Abweichungen innerhalb eines einzelnen Buchstabens enorm. Frappant lässt sich dies beim Buchstaben A mit seinen unterschiedlichen Breiten, oberen Abschlüssen (mal Spitze, mal Sporn) und auf unterschiedlicher Höhe ansetzenden Balken nachvollziehen. Auch der Schattenstrich wechselt hier bisweilen vom rechten Schaft zum Mittelbalken. Ist in der durchweg stachelförmigen Cauda des R noch ein letztes Festhalten an der klassischen Tradition ersichtlich, so greifen die einmalig eingestreuten Formen H mit ausgebuchtetem Balken (CHRISTO) und epsilonförmiges E (DIE) auf Gestaltungsweisen der Frühhumanistischen Kapitalis zurück. Das Erscheinungsbild der Inschrift prägen ferner die vergrößerte R-Form am Textbeginn mit in die Unterlänge führender Cauda, die Nexus litterarum ND und HR, die Enklave DE, der beidseitig über den Mittellängenbereich hinausragende us-Haken sowie die R(VM)-Kürzung in Form einer Schleife, die aus der Cauda des R hervorgeht. Auffällig erweisen sich ebenso die mit dreieckigen Doppelpunkten markierten Suspensionskürzungen sowie die doppelstrichigen Zeilentrenner und nicht zuletzt die aus der Zeilenlinierung herausfallenden Todesdaten, die eine ungeschickte Ergänzung erfuhren.

Die Ruhe und Ausgeglichenheit einer klassischen Kapitalis lässt auch die Bauinschrift von 1565 am Südtrakt des Bischofshofes (Kat.-Nr. 528) vermissen. Die eng aneinandergerückten Buchstaben schwanken z. T. erheblich in ihren Breiten, auch die Gesetze der klassischen Proportionen finden bisweilen ihre Umkehrung: gehören Ausprägungen des Buchstabens A jetzt zu den schmälsten Formen im Alphabet, so zählt das E nunmehr zu den breitesten Formen. Eine Dynamisierung des Schriftbildes erfolgt ferner durch den Gegensatz von den eingestreuten vergrößerten Buchstaben zu den verkleinerten Formen des Q, deren Bogen nur mehr die obere Zeilenhälfte einnimmt und [Druckseite 71] mit langer, in die Unterlänge ausschwingender Cauda versehen wurde. Ausgebuchtete Kürzungsstriche und unterschiedliche Gestaltungsweisen der diversen Kürzungshäkchen und geschwungenen R-Cauden lockern zudem das Schriftbild auf. Ein Rückgriff auf spätmittelalterliche Schreibweisen stellt die ET-Sigle dar.

Die deutliche Tendenz der Kapitalis des Regensburger Dombezirkes, ihr Vorbild nicht mehr in der klassischen Scriptura monumentalis zu suchen, ist bereits in den 1540er Jahren erkennbar. Der Buchstabenbestand, der zu dieser Zeit noch ausgewogene Proportionen und reglementierte Haar- und Schattenstriche aufweist, wird zunächst von kleineren Varianten phänotypisch gleichartiger Formen moderat verändert. Ab den späten 1550er Jahren dokumentiert sich der Wandel aber auch zunehmend im Duktus der Schrift, doch erst in den 1560er Jahren sind die Änderungen in der Kapitalis durchweg im Medium Stein greifbar.

Die Pole zwischen den Inschriften mit breiten und mit schmal proportionierten Buchstaben nehmen zu und verdeutlichen bereits in den 1570er Jahren die Extreme. Auf der Wappengrabplatte des Stephan Reutmaier von 1571 (Kat.-Nr. 534) unterstreichen die weiten Spatien zwischen den Buchstaben zudem die Wirkung der breit gelagerten Formen, die Großteils mit Überbreiten ausgestattet sind. Die Schreibweise bietet sich an für Enklaven (OB), übergestellte Buchstaben (LO) und Verschränkungen (2 x VS). Des Weiteren sind die Nexus litterarum AE (2 x) und TE nachweisbar. Dem gegenüber zeigt die Wappengrabplatte des Johann Sebastian von Preysing von 1578 (Kat.-Nr. 544) schmale, eng gedrängte Buchstaben, in der die Worttrenner eine wichtige Gliederungsfunktion übernehmen. Das Schriftbild ist überladen mit Nexus litterarum (AB, AL, AR, HE, MHE, ME, NN).

In der Folgezeit lässt sich die Kapitalis mit Breitformen und großzügig gesetzten Spatien noch relativ häufig bis zum Ende des 16. Jahrhunderts nachweisen265). Nur mehr selten sind derartige Belege in der Kapitalis des 17. Jahrhunderts vorzufinden266). Halten sich bis 1600 die eng und die weit spationierte Kapitalis die Waage, so wird im 17. Jahrhundert das Bild der Kapitalis fast zur Gänze von dicht aufeinanderfolgenden Buchstaben bestimmt267). Mit den sich verringernden Buchstabenzwischenräumen lässt sich auch eine Verschmälerung etlicher Formen beobachten, die sich im Entwicklungsverlauf jedoch nicht auf bestimmte Buchstaben festlegen lassen. Kapitalisschriften, in denen die Buchstaben die klassischen Proportionen meist unterschreiten, stehen neben Kapitalisschriften, in denen große Diskrepanzen zwischen Schmal- und Breitformen bestehen268). Daneben gibt es nur mehr wenige Inschriften in Kapitalis von klassischer Proportion269) oder mit Übergewicht der Breitformen270).

In der Ätztafel für Barbara Müller von 1575 (Kat.-Nr. 539), deren erhabene Inschrift zum Großteil in Fraktur geschrieben ist, dient die Kapitalis zur Hervorhebung der lateinischen Namensformen der kaiserlichen Dienstherren ihres Ehemannes, des lateinischen Bibelzitats und dessen Quellennachweis. Davon ist das Bibelzitat in einer schrägliegenden Kapitalis gestaltet, die außer ihrer Rechtsneigung keine Unterschiede zu den Buchstabenformen der beiden anderen Kapitalisschriften aufweist. Neben E und F mit stark verkürztem Mittelbalken gehören das I mit verziertem i-Punkt sowie das N mit weit in die Unterlänge ausschwingendem Schrägbalken zu den auffälligsten Merkmalen. Spitzes A und stachelförmige Cauden bei Q und R in klassischer Prägung stehen einem nichtklassischen M mit geraden Schäften und kurzem Mittelteil gegenüber. Die et-Ligatur ist sehr breit und greift über das Zweilinienschema in die Oberlänge aus.

Als außergewöhnlich erweist sich die Schrift auf dem Epitaph des im Säuglingsalter verstorbenen Johann Jakob Kölderer von 1583 (Kat.-Nr. 550). Für Verfremdungseffekte sorgen die zahlreichen quadratischen Doppelpunkte der Suspensionskürzungen, die überwiegend ausgebuchteten [Druckseite 72] Kürzungsstriche, das verkleinerte Q mit zweifach geschwungener Cauda, das asymmetrische Y mit quadratischen Punkten und insbesondere das epsilonförmige E. Jenes zweibogige E mit sehr kurzem Mittelteil kommt nach einmaliger Verwendung des kapitalen E fünfmal zum Einsatz. Die in breiten Abständen gemeißelte Kapitalis bettet eine auf senkrechte und waagrechte Linien basierende Geheimschrift ein, die den Namen des Verstorbenen verbirgt271).

Ein neues Element tritt in der Kapitalis am Epitaph für Johann Friedrich Spretter von 1584 in Form von neulateinischen Zahlzeichen für M und D entgegen (Kat.-Nr. 551). Während das M aus einem Schaft zwischen zwei einander zugewendeten offenen Bögen gebildet ist, setzt sich das D aus dem rechten, halbierten Teil des M zusammen. Ansonsten wird die klassische Form des M mit Schrägschäften und bis zur Grundlinie herabgeführtem Mittelteil benutzt, die ansonsten in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhundert nur mehr selten im Regensburger Dombezirk eingesetzt wird.

In der Erweiterung des Repertoires an Spielformen ist die Kapitalis des Regensburger Dombezirkes im 16. Jahrhundert insgesamt sehr zurückhaltend. Das Wandgrabmal des Bischofs Sigismund Friedrich von Fugger aus dem Jahre 1600 (Kat.-Nr. 565) verwendet erstmalig das G mit einer Cauda, die weit links vom unteren Bogenende eingerückt ist. Individuelle Ausprägungen lassen sich aber auch in einigen Formen des N mit konvex gebogener und den linken Schaft übergreifendem Schrägschaft (Z. 5) sowie in dem R mit links vom Schaft dünn ansetzender Bogenlinie in selbiger Inschrift (Z. 1: RMO und Z. 3: RATISBON) ausmachen.

Spielarten des kapitalen G sind vor allem im 17. Jahrhundert greifbar: Die Form mit weit vom Bogenende eingerückter Cauda ist ferner in diversen Kapitalisinschriften ab 1620 nachweisbar272). Eine Abart stellt die Form mit aufgesetztem Sporn am aufsteigenden Bogenausläufer dar273). Häufige Varianten finden sich auch in der Form des Q, dessen auf vielfältige Weise zweifach geschwungene Cauda gerne in das Bogenfeld eingestellt wird274), und in den Formen des X und Y. So zeigt die Wappengrabplatte für Johannes Friedrich Schultes von 1623 (Kat.-Nr. 588) das X mit einem geschwungenen Schaft, der wechselseitig auf der linken und der rechten Seite auftritt und das Epitaph für Kaspar Georg von Hegnenberg von 1666 (Kat.-Nr. 631) das X mit zwei voneinander abgewendeten Bögen, die von einem Mittelbalken durchschnitten werden (5. Z. von unten: VIXI). In demselben Epitaph ist das Y mit zwei zwischen den beiden Schrägschäften liegenden rechtsschrägen Strichen gekennzeichnet275). Ähnliche Gestaltung liegt in dem Y mit zwei linksschrägen Strichen in dem vor 1672 entstandenen Epitaph des Johann Paul von Leoprechting vor (Kat.-Nr. 636). Bereits 1583 tritt das Y mit Trema in Gestalt quadratischer Doppelpunkte auf, die unmittelbar über den Schrägschäften liegen276). Y-Formen mit rechts gebogenem, in die Unterlänge führendem Schaft lassen sich in den Grabinschriften von 1583 (Kat.-Nr. 550), 1641 (Kat.-Nr. 611) und 1688 (Kat.-Nr. 649) nachweisen. In der Grabplatte für Johann Paul Gschwendtner von 1688 (Kat.-Nr. 649) weist auch der linke, zunächst senkrecht nach unten geführte Schaft auf der Grundlinie eine Biegung nach rechts auf. Häufig belegt sind auch i-Punkte in unterschiedlichsten Ausprägungen in den Kapitalisinschriften des Regensburger Dombezirkes277).

Nur selten greift die zeitlich fortgeschrittene Kapitalis des Regensburger Dombezirkes auf das Formenrepertoire der Frühhumanistischen Kapitalis zurück. Nur beim ersten Niederschlag der Kapitalis im Jahr 1526 häufen sich mit unzialem D, N mit dünnem Schrägschaft und konischem M mit kurzem, zierlichem Mittelteil die frühhumanistischen Formen. Alle späteren Kapitalisinschriften vermeiden Anhäufungen von unterschiedlichen frühhumanistischen Formen, allenfalls integrieren sie eine einzelne Form in ihr Buchstabenrepertoire: so das spitze A mit gebrochenem [Druckseite 73] Balken278), das offene kapitale D279), das epsilonförmige E280), das H mit ausgebuchtetem Balken281), das M mit kurzem, dünnem Mittelteil282) und das N mit dünnem Schrägschaft283).

In diversen Gestaltungsweisen, wie in den bereits genannten G-, Q-, X- und Y-Formen, ferner im N mit weit ausgreifenden Schrägschäften284), im R mit links vom Schaft ansetzendem Bogen285), aber auch in den neulateinischen Zahlzeichen, beschreitet die Kapitalis neue Wege. Dies geschieht in der großen Mehrheit der Inschriften ohne Verzicht auf die klassischen Haar- und Schattenstriche, die auch für die Kapitalis des späteren 16. Jahrhunderts und des 17. Jahrhunderts stets bestimmend blieben.

Fraktur

Das frühestes Beispiel einer Fraktur im hier bearbeiteten Material sind zwei gemalte Bildbeischriften auf dem Georgsaltar, der um 1535 datiert wird (Kat.-Nr. 469). Anhand der – naturgemäß – nur kurzen Schriftproben der Heiligennamen ist eine durchwegs ausgeprägte Fraktur erkennbar: a ist einstöckig, der Schaft ist ganz leicht gebogen; so auch die Schäfte bei u, das mit einem diakritischen Zeichen versehen ist. Der Schwellschaft des f reicht unter die Zeile. Die Oberlänge des l weist eine Schlaufe auf. Die beiden S-Versalien variieren besonders im mittleren Bereich, wo sich die beiden Bögen treffen, im unteren Bereich zeigen beide einen zur Schlaufe verschlungenen Schwellzug. Gerade bei gemalten Beispielen lässt sich eine spätere Überarbeitung grundsätzlich nicht ausschließen, weshalb derartige Varianten auch von einem späteren Restaurator herrühren könnten. Allein durch die Schriftanalyse lässt sich eine solche Frage jedoch nicht klären.

Das zeitlich darauffolgende Stück in Fraktur stammt erst aus den 70er Jahren des 16. Jahrhunderts und ist eine Steinätzarbeit, die der Mal- bzw. Schreibtechnik näher steht als der Steinmetztechnik. Durch diese Technik bedingt, handelt es sich um eine sehr dekorative Schrift mit reich verzierten Versalien. Die Textschrift ist mit Zierelementen durchdrungen: so ist beispielsweise der – relativ kurze – e-Balken an der Stelle, wo er den – gebrochenen – Bogen berührt, umgebogen; ähnlich ist auch die Fahne des r gebildet, die ebenfalls am Schaft leicht umbiegt. Die Enden der Oberlängen sind von Zierbögen überwölbt. Die Versalien sind meist in Schwellzüge in Kombination mit geschwungenen Zierstrichen aufgelöst. Die A-Initiale ist zusätzlich mit Rankendekor ausgeschmückt. Kombiniert wird die Inschrift mit einem Abschnitt, der in Kapitalis ausgeführt ist (siehe oben).

Diese beiden frühesten Beispiele in Fraktur entstammen – mehr oder weniger – dem gemalten Bereich. Bei den in Stein eingehauenen Werken lässt sich beobachten, dass die Verwendung der Fraktur erst nach 1575 einsetzt und diese Schriftart somit überhaupt erst im letzten Viertel des 16. Jahrhunderts greifbar wird. Doch auch da bleiben die Nachweise spärlich. Dies mag auch damit zusammen hängen, dass die Fraktur sehr häufig bei deutschsprachigen Texten angewandt wurde. Beim vorliegenden Material handelt es sich bei den Personen überwiegend um Angehörige des Klerus, bei denen Latein die gängige Sprache war, wofür in erster Linie Kapitalis als Inschriftenschrift verwendet wurde.

Kurioserweise ist das erste Denkmal einer in Stein eingearbeiteten Fraktur die lateinische Sterbeinschrift für den Kanoniker Matthäus Gietl († 1576, Kat.-Nr. 541). Die Schrift scheint an manchen Stellen noch zwischen Gotischer Minuskel und Fraktur zu schwanken. So ist beispielsweise das o bei Anno gebrochen, im weiteren Verlauf des Textes jedoch spitzoval. e wechselt ebenfalls zwischen einer gebrochenen Ausprägung mit senkrechtem Bogenabschnitt und einer gebrochenen Form, bei der der senkrechte Teil leicht durchgebogen und die Brechung abgeschliffen erscheint. Schaft-s weist durchgängig den unter die Zeile reichenden Schwellzug auf. An den Wortenden überwiegt kursives s.

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Aus dem Jahre 1578 stammt die Sterbeinschrift für Johannes Cyriacus Krepfl (Kat.-Nr. 543). Im Unterschied zum eben behandelten Beispiel ist bei diesem Stück der Mittellängenbereich etwas weniger gestreckt. Dies führt – besonders in der untersten Zeile – zu etwas breiteren Formen und auch etwas stärker ausgeprägten Bögen wie bei rundem d.

In der Folgezeit findet sich durchschnittlich eine Frakturinschrift pro Jahrzehnt. So bleibt es hier auch müßig, Gruppen zu erstellen. Beobachten lässt sich, dass es sich tendenziell um Frakturbeispiele handelt, bei denen die Schrift, besonders im Mittellängenbereich, schmal und gestreckt ist; dies auch bei einem der wenigen erhaben gearbeiteten Stücke, der Wappengrabplatte für Hans Georg von Stinglheim († 1602, Kat.-Nr. 569). Abgesehen von der Schriftproportion zeigen diese Inschriften meist keine besonderen Auffälligkeiten.

Nennenswert ist ein Werk aus den 30er Jahren des 17. Jahrhunderts: die Grabplatte für Wolf Ludwig Reh von Rehstein († 1636, Kat.-Nr. 602). Die Fraktur zeigt ein markantes Schriftbild, das in erster Linie vom Umgang mit den Quadrangeln auf der Grundlinie herrührt: normalerweise werden Schäfte auf der Zeile nach rechts umgebrochen und so entsteht – bei entsprechender Behandlung – an dieser Brechung ein Quadrangel. Im vorliegenden Fall befinden sich Quadrangeln an der Grundlinie, sind aber gegenüber dem dazugehörenden Schaft nach links verrückt, wobei der Schaft den Quadrangel berührt, nicht aber bis zur Grundlinie reicht. Es entsteht dadurch eine etwas seltsam geknickte Form der Schaftenden. Diese Ausgestaltung überträgt sich auch auf Buchstaben mit gebrochenen Bögen wie beispielsweise einstöckiges a oder g. Hier kann, wenn der Buchstabe am Wortbeginn steht, diese Form durch die Schwingung des senkrechten Teils des gebrochenen Bogens noch weiter stilisiert werden (vgl. geborn oder auch).

Die wenigen Frakturbeispiele nach der Jahrhundertmitte zeigen tendenziell Fraktur mit einem eher breiten, nicht mehr gestreckten Mittellängenbereich, so besonders das letzte Beispiel im untersuchten Material, die Sterbeinschrift für Anna Maria Mertz († 1696, Kat.-Nr. 656). Sie stellt insofern einen Sonderfall dar, als sie in Metall gegossen ist. Tatsächlich hebt sich auch die Schrift von den übrigen Ausprägungen ab, da sie bewegter und rundlicher erscheint. So ist beispielsweise der Bogen des einstöckigen a ausgerundet; o und rundes d sind spitzoval. Die Oberlängen biegen meist nach rechts um.

Humanistische Minuskel

Die Humanistische Minuskel ist in vielen Gegenden nicht vor dem 17. Jahrhundert anzutreffen. So dringt diese Schrift auch im Regensburger Dombestand eigentlich erst ab der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts in die Schriftlandschaft ein. Einen größeren Anteil der Beispiele, die sich bis 1700 finden, betreffen Stücke aus der Schatzkunst und umfassen in Metall ausgeführte Beschriftungen, die teils auch „schreibschriftliche“ Anklänge aufweisen (vgl. schrägliegende Humanistische Minuskel)286).

Ein erstes, gut erhaltenes Beispiel einer Humanistischen Minuskel in Stein findet sich auf dem Fragment der Grabplatte für Franz Weinhart, der 1686 verstorben ist (Kat.-Nr. 646). Die vollausgeprägte Schrift ist breit und rund (vgl. c, e), die Schaftenden weisen kleine Sporen auf.

Für die schräggestellte Ausprägung der Schrift ist die Inschriftentafel für Matthias Deubl († 1683, Kat.-Nr. 640) zu nennen, die sich jedoch ursprünglich wohl nicht im Dom befand. a ist doppelstöckig. Die Hasten von Schaft-s und f reichen unter die Zeile und sind geschwungenen. Die ausschwingenden und eingerollten Enden, die sich auch bei Bögen und Schäften der Versalien finden, verleihen dem Schriftbild einen bewegten Eindruck.

  1. Der Abschnitt zur Kapitalis wurde von Franz-Albrecht Bornschlegel verfasst, die restlichen von Ramona Baltolu. »
  2. Vgl. Hierzu DI 74 (Stadt Regensburg II, Dom I) Einleitung, bes. LXIXff. und Liedke, Regensburger Sepulkralskulptur L-LIX. »
  3. Vgl. zu Wolfgang Roritzer bes. Liedke in DI 74 (Stadt Regensburg II, Dom I) LVIff., dort auch eine Werkliste. Bei den anhand dieser Liste zuweisbaren und im vorliegenden Band behandelten Objekten handelt es sich um folgende Nummern: Kat.-Nrn. 358 (Fragment, 1501; bei Liedke Nr. 17), 361 (Johannes Tolhopf, 1503; bei Liedke Nr. 15), 364 (Georg Nothaft von Weißenstein, 1504; bei Liedke Nr. 23), 365 (Johannes Leonberg, 1504; bei Liedke Nr. 21), 368 (Heinrich Schönleben, 1505; bei Liedke Nr. 26), 370 (Sigismund Rueshaimer, 1505; bei Liedke Nr. 24), 374 (Johannes Gkrad, 1506; bei Liedke Nr. 31), 378 (Bischof Rupert II., 1507; bei Liedke Nr. 30), 386 (Werner von Kuttenau, 1509; bei Liedke Nr. 35), 389 (Rudolf Halder, 1510; bei Liedke Nr. 36), 391 (Johannes von Gumppenberg, 1510; bei Liedke Nr. 38), 393 (Grabplatte Jakob Klein, 1510; bei Liedke Nr. 37), 398 (Georg Segenschmid, 1511; bei Liedke Nr. 42), 426 (Emmeram Stich, 1520; bei Liedke Nr. 22). »
  4. DI 74 (Stadt Regensburg II, Dom I) LXXIIf. »
  5. DI 74 (Stadt Regensburg II, Dom I) LVIII (Kat.-Nr. 22). »
  6. Kdm Regensburg I, 195 (zur Grabplatte Sebastian Klugheimers) und Kdm Regensburg II, 260 (zum Schaumbergaltarmeister bzw. Leonhard Sinniger). »
  7. Kdm Regensburg II, 278f., Abb. 213. »
  8. Vgl. hierzu Ramona Epp, Eine epigraphische Minuskel zwischen Mittelalter und Neuzeit. Die Gotico-Antiqua in den Inschriften. In: Archiv für Diplomatik 47/48 (2001/2002) 167–221, hier 187f.; zu anderweitiger Zuweisung der Platte vgl. Abschnitt zur Gotischen Minuskel. »
  9. Während die monumentale Kapitalis in den Dombezirken von Augsburg (ab 1484), Eichstätt (ab 1491) und Würzburg (ab 1495) bereits vor der Jahrhundertwende belegt werden kann (Bornschlegel, Frühe Renaissance-Kapitalis 217–225; ders., Stilpluralismus 46, Abb. 17; DI 27 (Stadt Würzburg) Nr. 346 und 351), zeigt sie sich in den Dombezirken von Bamberg, Freising und Passau erst im zweiten Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts (Kdm NF OF IV, II, 1 (Domstift 2) 1537f. Nr. 26=nach 1517 und 1294ff. 1296 Nr. 39=1518ff.; DI 69 (Stadt Freising) Nr. 165=1513 und Nr. 178=1519; DI 67 (Stadt Passau) Nr. 382=1518). »
  10. Zum Aussehen und zur Differenzierung der Kapitalis der frühen Neuzeit am Sonderfall Augsburg siehe Bornschlegel, Frühe Renaissance-Kapitalis 217–225. »
  11. Vgl. Exkurs: In Regensburg nachweisbare Bildhauer, Kunsthandwerker und Bildschnitzer 48. »
  12. Nr. 550 (1583), 551 (1584), 563 (1599). »
  13. Nr. 581 (1618), 586 (1621), 634 (1669). »
  14. Nr. 544 (1578), 545 (1579), 554 (1586), 565 (1600), 573 (1610), 575 (1612), 578a (1616), 580 (1618), 588 (1623), 591 (1626), 596 (1629), 597 (1630), 598 (1631), 600 (1634), 608 (1640), 615 (1645–48), 623 (1653), 627 (1663), 631 (1666), 636 (vor 1672), 638 (1672), 649 (1688). »
  15. Nr. 554 (1586): Schmalformen A, R, O – Breitformen A, E, N; 573 (1610): Schmalformen O, R – Breitformen A, M, N; 580 (1618): Schmalformen E, N, M – Breitformen B, H, R; 598 (1631): Schmalformen A, N, O – Breitformen C, O; 600 (1634): Schmalformen O, Q – Breitformen C, D, M, Q; 608 (1640): Schmalformen A, S – Breitformen H, M, O, T; 627 (1663): Schmalformen N, R, S – Breitformen E, M; 636 (vor 1672): Schmalformen G, O, M – Breitformen E, M, N; 638 (1672): Schmalformen A, M, N – Breitformen C, E, G; 649 (1688): Schmalformen A, M, N – Breitformen C, E, G»
  16. Nr. 585 (1620). »
  17. Nr. 581 (1618), 586 (1621), 634 (1669). »
  18. Siehe dazu den Kommentar zu Kat.-Nr. 550»
  19. Nr. 585 (1620), 600 (1634), 608 (1640), 611 (1641), 623 (1653) und 634 (1669). »
  20. Nr. 614 (1646), 615 (zwischen 1645 und 1648), 649 (1688). »
  21. Nr. 525 (1563), 554 (1586), 580 (1618), 588 (1623), 596 (1629), 597 (1630), 598 (1631), 619 (1649), 620 (1.H.17.Jh.), 623 (1653), 649 (1688), mit Abarten in Nr. 631 (1666), 634 (1669) und 636 (vor 1672). »
  22. So auch in Nr. 565 (1600). »
  23. Nr. 550 (1583), 611 (1641), 619 (1649), 649 (1688). »
  24. Quadratische Punkte: Nr. 495 (1546), 547 (1581), 619 (1649), dreieckige Punkte: 500 (1548), 544 (1578), 588 (1623), 596 (1629), 634 (1669), rechteckiger Punkt (einmalig bei i-Verdoppelung): 545 (1579), unten offenes Häkchen: 506 (1553), Punkt mit Zierhäkchen: 539 (1575), 591 (1626). »
  25. Nr. 608 (1640). »
  26. Nr. 475 (1536). »
  27. Nr. 526 (1563), 550 (1583). »
  28. Nr. 526 (1563), 554 (1586). »
  29. Nr. 573 (1610), 636 (vor 1672). »
  30. Nr. 636 (vor 1672). »
  31. Nr. 539 (1575), 588 (1623) mit Verlängerung des Schrägschaftes in die Unterlänge sowie Nr. 565 (1600) mit über dem linken Schaft ausgreifendem, konkav gebogenem Schrägschaft. »
  32. Nr. 565 (1600). »
  33. Vgl. Kat.-Nrn. 593, 595, 632, 635, 645 und 669»