Inschriftenkatalog: Stadt Osnabrück

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 26: Stadt Osnabrück (1988)

Nr. 51 Diözesanmuseum 1468

Beschreibung

Kelch. Silber, vergoldet. Er stammt, was im einzelnen noch zu behandeln sein wird, aus dem Dominikanerkloster Natrup. Nach dessen Auflösung Anfang des 19. Jahrhunderts verschwand er vorübergehend und tauchte in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts unter den Akten des Doms wieder auf1). Der sechspaßförmige Kelchfuß mit abgestumpften Spitzen ist in sechs Bildfelder unterteilt, die bis zum Schaft hinaufreichen. In figurenreichen Szenen ist dargestellt: Christus am Ölberg, die Christusfigur mit einem Spruchband (A), das stark beschädigt ist, um ihn herum die schlafenden Jünger, dahinter die Stifterfigur eines betenden Mönchs mit Spruchband (B); Geißelung; Kreuztragung; Kreuzannagelung, das Kreuz mit Titulus (C); Maria und Johannes unter dem Kreuz, das Kreuz mit Titulus (D), die Figur eines Hauptmannes unter dem Kreuz trägt ein Spruchband (E); das Jüngste Gericht. Alle Bildfelder sind von Ranken umgeben, die zum Schaft hochwachsen und in Blüten enden. Der Schaft ist architektonisch gegliedert. Unterhalb des Nodus zwei Reihen mit je sechs durchbrochenen gotischen Maßwerkfenstern, vorgebauten Strebepfeilern und Bögen, die mit Krabben und Kreuzblumen besetzt sind. Der Nodus besteht ebenfalls ausschließlich aus gotischen Architekturelementen, vor Maßwerkfenstern stehen unter durchbrochenen Baldachinen der heilige Dominicus2), Petrus Martyr, Christus mit der Weltkugel, Petrus, Paulus und Johannes. Oberhalb des Nodus eine weitere Reihe durchbrochener Maßwerkfenster. Die Kuppa ist in ihrer unteren Hälfte überreich mit Rankenornamenten geschmückt, es folgt ein schmaler Fries mit stark plastisch hervortretenden Pflanzenelementen. Darüber befinden sich in elf kreisförmigen Medaillons Symbole des christlichen Glaubens: die vier Evangelistensymbole, der Vogel Charadrius, Pelikan, Löwe, Agnus Dei, Einhorn, Phönix und Adler. Weitere Inschriften des Kelches verbergen sich unter der Szene des Jüngsten Gerichts auf dem Fuß. Dort sind recht unbeholfen Minuskelbuchstaben eingeritzt. Dabei handelt es sich offensichtlich um zwei verschiedene Hände. Die obere Inschrift vierzeilig (F), die untere einzeilig (G). Am Kelchrand ist eine halbkreisförmige Labialstelle ausgespart. Sein Aufbau weist den Kelch als reines Zierstück aus, im liturgischen Gebrauch dürfte er aufgrund seiner filigranen plastischen Gestaltung nur schwer zu handhaben gewesen sein.

Maße: H.: 32 cm; Dm.: 27,2 cm (Fuß); 20,2 cm (Kuppa); Bu.: 0,1 cm (A, B, E); 0,2 cm (C, D); ca. 0,5 cm (F, G).

Schriftart(en): Gotische Minuskel (A–E), Minuskel (F, G).

DI  26, Nr. 51 - Osnabrück, Diözesanmuseum - 1468

 Sabine Wehking [1/4]

  1. A

    pater [..]a)3)

  2. B

    fili(us) · est · d(omi)nib)

  3. C

    inri4)

  4. D

    inri4)

  5. E

    verec)5)

  6. F

    fecit mychy engelb/ertus hofslegersd) auri/faber de cosvldyge an(n)o / m cccc lx viij.

  7. G

    de crusdreger

Übersetzung:

Vater ... .(A)

Er ist der Sohn des Herrn. (B)

(Diesen Kelch) machte für mich der Goldschmied Engelbert Hofsleger aus Coesfeld im Jahr 1468. (F)

Kommentar

Der Künstler des Kelches Engelbert Hofsleger6), den die Inschrift (F) benennt, gewinnt anhand von zahlreichen urkundlichen Nachrichten Profil7). Der Inschrift ist zu entnehmen, daß er aus Coesfeld stammte, wo eine Goldschmiedefamilie namens Hofsleger urkundlich nachweisbar ist8). Witte9) nimmt an, daß Hofsleger aus der Werkstatt des Osnabrücker Goldschmieds Johann Dalhoff hervorgegangen ist. Er macht dies anhand stilistischer Gemeinsamkeiten plausibel. Das erste und zugleich das bedeutendste Zeugnis für seine Tätigkeit in Osnabrück ist der laut Inschrift 1468 angefertigte Kelch. Im Jahr 1469 findet sich in den Stadtrechnungen die erste Eintragung, die eine Zahlung Hofslegers an die Stadt zum Inhalt hat; seit dem Jahr 1471 ist im Rentenregister der Stadt jährlich ein Vermerk darüber eingetragen, daß der Goldschmied Engelbert Hofsleger Miete in Höhe von 3 Mark weniger 12 Schilling für sein Haus am Markt zu zahlen habe, in dem sich wohl seine Wohnung und Werkstatt befanden10). Seit 1473 wird er auch als Pächter zweier Landstücke aufgeführt, die vor den Toren der Stadt lagen; die Pachtgelder daraus flossen der Dissenschen und Drenckeschen Spende zu, vermutlich beides mildtätige Einrichtungen der Stadt. Trotzdem erhielt Hofsleger erst am 19. November 1476 das Bürgerrecht der Stadt Osnabrück. Der Eintrag im Bürgerbuch lautet: feria tertia die elisabeth wart entfangen vor einen borger Engelbert hoffsleger alß goltsmet praesentibus hinric kremer jacob de bode11). Von da an begegnet Hofsleger in den verschiedensten Funktionen12), so als Verwalter der Salzakzise, als Geldwechsler und -verleiher, als Verweser des Hospitals zum Heiligen Geist und als Kirchenvorstand von St. Marien. Als der Glockengießer Gerhard de Wou 1485/86 in Osnabrück tätig war, wohnte er im Haus des Goldschmieds, der im Auftrag der Stadt für die Ehefrau des Glockengießers eine silberne Schale mit dem Stadtwappen anfertigte (vgl. Nr. 60)13). Hofsleger muß 1505 gestorben sein, da dies das letzte Jahr ist, in dem er im städtischen Rentenregister aufgeführt ist.

Als weitere erhaltene Werke Hofslegers gelten ein Vortragekreuz und eine Reliquienkapsel, beide heute im Domschatz14), die jedoch nicht namentlich bezeichnet sind. Auch die Namensnennung auf dem Kelch stammt nicht von Hofsleger, dem die ältere Forschung aufgrund einer falschen Übersetzung unterstellte, eine Inschrift in Küchenlatein verfaßt und mihi mit me verwechselt zu haben15), sondern vom Stifter des Kelches, worauf Prinz hingewiesen hat16). Er vermerkt zu recht, daß ein hochbefähigter Goldschmied wie Hofsleger wohl kaum auf so unfachmännische Weise und mit untauglichem Gerät eine Inschrift in eines seiner Meisterwerke eingekratzt hätte.

Als Stifter des Kelches wurde seit der – angeblichen – Entzifferung des Schriftbandes (B) der Stifterfigur in der Ölbergszene durch Dolfen der Osnabrücker Dominikanerprior Gerlacus von Notteln angesehen17), der Kelch infolgedessen dem Dominikanerkloster Natrup zugeschrieben. Die Überprüfung aus Anlaß der Inschriftenaufnahme ergab jedoch, daß der Text des Spruchbandes nicht Girl. Nottel. lautet, wie Dolfen im Blick auf das zu erzielende Ergebnis las, sondern lediglich fili(us) est d(omi)ni, also keinerlei Angaben zur Person des Stifters enthält. Daß der Kelch ursprünglich zu den Beständen des Dominikanerklosters gehörte, bleibt trotzdem wahrscheinlich, da am Nodus der heilige Dominicus dargestellt ist. Zudem berichtet die Geschichte des Dominikanerklosters von 166518), im Jahr 1543 sei im Zuge der Auseinandersetzungen um die Einführung der Reformation in Osnabrück durch die beiden Bürgermeister der Stadt wertvoller Besitz des Klosters konfisziert worden. Unter den beschlagnahmten Preziosen befand sich ein Kelch, dessen Beschreibung in Details wie den Figuren am Nodus und den Szenen auf dem Fuß mit dem Hofsleger-Kelch übereinstimmt. Ein leichter Zweifel an der Identität der beiden Stücke kann indessen nicht ausgeräumt werden, da die Beschreibung von einer traubenförmigen Kuppa spricht19). Die Stadt verkaufte das konfiszierte Gut, darunter wohl auch den Kelch, der der Überlieferung zufolge von Bischof Franz Wilhelm von Wartenberg auf einem Landgut in der Nähe Osnabrücks entdeckt und zurückgekauft wurde20). So gelangte der Hofsleger-Kelch erneut in den Besitz des Dominikanerklosters. Was die Person des Stifters anlangt, wird es sich um einen Angehörigen des Dominikanerkonvents handeln – die Stifterfigur der Ölbergszene trägt eine Kutte und Tonsur –, so daß auch Gerlacus von Notteln als Stifter in Betracht kommt, darüber hinaus läßt sich jedoch nichts erweisen. Merkwürdig bleibt die eingeritzte Inschrift (G) de crusdreger, die Dolfen mit der Bruderschaft zum Heiligen Kreuz in Coesfeld in Verbindung gebracht hat21). Man braucht auf der Suche nach einer solchen Bruderschaft, auf deren Mitglied die Inschrift vielleicht verweisen könnte, jedoch nicht bis nach Coesfeld zu gehen. Allein in Osnabrück gab es zwei Bruderschaften zum Heiligen Kreuz, eine war dem Augustiner-, die andere dem Dominikanerkloster angeschlossen22). Ob letztere an der Stiftung des Kelches in irgendeiner Form beteiligt war – einen Anhaltspunkt dafür könnte die Ikonographie bieten –, muß dahingestellt bleiben ebenso wie die Intention der Inschrift. Möglicherweise sollte auch nur das ikonographische Thema des Kelches bezeichnet werden.

Textkritischer Apparat

  1. Bisher nicht entziffert. Es folgen noch drei weitere Schäfte, die nicht sinnvoll gelesen werden können.
  2. Dolfen liest Girl. Nottel. Diese Lesung ist von Witte, Rothert, Prinz, Scheffler, Borchers und Fritz ungeprüft übernommen worden.
  3. Nur bei Schriever. Es folgen noch drei weitere Schäfte.
  4. hoffslegers] hofftege f Schriever, Siebern/Fink; hoffsleger f Witte; hoffsleger s Rothert.

Anmerkungen

  1. Borchers, Domschatz, S. 116.
  2. Es handelt sich wohl nicht, wie Borchers, Domschatz, S. 114, annimmt, um Vincentius Ferrerius, da der hier dargestellte Heilige einen Bart trägt, Vincentius Ferrerius aber immer ohne Bart erscheint (LCI Bd. 8, Sp. 562).
  3. Nach Lc. 22,42: Pater si vis transfer calicem iustum a me.
  4. Io. 19,19: i(esus) n(azarenus) r(ex) i(udeorum).
  5. Nach Lc. 23,47: Vere hic homo iustus erat.
  6. Der Name wird hier in normalisierter Form verwandt, da er sich in den zeitgenössischen Quellen in den unterschiedlichsten orthographischen Varianten findet.
  7. Vgl. dazu besonders: H. Rothert, Der Osnabrücker Goldschmied Engelbert Hofsleger, in: Westfalen 21, 1936, S. 76–80.
  8. Kurt Fischer, Sakrale Goldschmiedekunst im Kreis Coesfeld, Coesfeld 1973, S. 14.
  9. Witte, Domschatz, S. 58.
  10. StAO Dep. 3 b II, Nr. 532.
  11. StAO Dep. 3 b IV, Nr. 354, fol. 281r.
  12. Nähere Angaben bei Rothert (wie Anm. 7), S. 77.
  13. StAO Dep. 3 b II, Nr. 1, fol. 335v.
  14. Borchers, Domschatz, S. 116ff.
  15. Rothert (wie Anm. 7), S. 77. Witte, Domschatz, S. 58, behauptet sogar, mychy sei die niederdeutsche (!) Form für me.
  16. J. Prinz, Die Inschrift des Hofsleger-Kelches im Domschatz zu Osnabrück, in: Westfalen 27, 1948, S. 63f.
  17. Dieser Irrtum zieht sich durch nahezu alle Publikationen, die sich seit Dolfen (Der Kelch des Engelbert Hoffslegers im Domschatz zu Osnabrück, in: Jahresbericht des Diözesanmuseums Osnabrück 1916, S. 3) mit dem Thema befaßt haben, so daß eine Anführung hier zu breiten Raum einnehmen würde.
  18. Wiedergegeben bei Beckschäfer, S. 33f.
  19. Ebd.
  20. Ebd., S. 34.
  21. Dolfen (wie Anm. 17), S. 5.
  22. Stüve, Bruderschaften, S. 2f.

Nachweise

  1. Schriever, S. 111f.
  2. Siebern/Fink, S. 64 (nur F).
  3. Witte, Domschatz, S. 58, Abb. Taf. 31, 32.
  4. Dolfen (wie Anm. 17), S. 5f., Abb. I, II.
  5. Prinz (wie Anm. 16), S. 63f.
  6. Rothert, Geschichte, Bd. 2, S. 315f.
  7. Scheffler, Bd. 2, S. 996 (nur F).
  8. Osnabrück, S. 137 (nur F).
  9. Borchers, Domschatz, S. 113ff. (B, F, G), Abb. 157–161.
  10. Fritz, S. 344, Abb. 872–874.

Zitierhinweis:
DI 26, Stadt Osnabrück, Nr. 51 (Sabine Wehking), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di026g003k0005103.