Inschriftenkatalog: Stadt Osnabrück

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 26: Stadt Osnabrück (1988)

Nr. 26 St. Johanniskirche Ende 14. Jh.

Beschreibung

Dreisitziger Levitenstuhl. Eichenholz. Das Gestühl, das an der Südseite des Chores aufgestellt ist, wurde im 2. Weltkrieg ausgelagert. Nur die Rückwand, die wie die Mittel- und Seitenlehnen mit reichen Schnitzereien verziert war, ist in der Kirche verblieben und dort bei einem Bombenangriff verbrannt1). Einige der am Gestühl angebrachten metallenen Schriftbänder sind während der Auslagerung verlorengegangen.

An der östlichen Seitenwange außen eine Frauengestalt in einer spitzbogigen Nische sitzend. Ihr fehlt jedes Attribut, und auch die ihr früher zugeordneten Schriftbänder – ein kurzes, wohl mit dem Namen versehenes, über ihrem Kopf, ein längeres rechts neben der Figur – sind nicht mehr erhalten. Die Schrift war schon Ende des 19. Jahrhunderts erloschen, daher können weder Mithoff noch Siebern/Fink nähere Auskünfte geben2). An der Innenseite unten in einer Nische, die in einem Dreipaß endet, ein im Wasser stehender großer Elefant mit Turm auf dem Rücken, vor ihm drei kleine Elefanten. Dem entsprechen an der westlichen Seitenwange innen die Darstellung des Löwen mit seinen Jungen, außen die Figur des Zacharias, der ein Spruchband (A) hält; über seinem Kopf ein Schriftband (B) mit seinem Namen.

Darüber – von Voluten nach oben und unten abgeschlossen – die vollplastische, von beiden Seiten zu betrachtende Szene der Opferung Isaaks durch Abraham. Der in der oberen Volute befindliche Engel, der mit der Rechten dem Schwert Abrahams Einhalt gebietet, hält in der Linken ein Spruchband (C). Er und Abraham, der durch ein Namensschild (D) zu seinen Füßen gekennzeichnet ist, blicken nach innen, der kniende Isaak nach außen. Demgegenüber an der östlichen Seitenwange Moses, durch Hörner und Namensschlid (E) ausgewiesen, vor dem brennenden Dornbusch, in dem Gott erscheint. Darüber in der oberen Volute ein Engel mit Spruchband (F), das heute nicht mehr am Gestühl angebracht ist, aber noch existiert.

Den oberen Abschluß des Levitenstuhls bildet ein nach hinten steil abfallender Fries, darauf in Fünfpässen fünf Figuren: Johannes Evangelista mit Ölgefäß und Spruchband (G); Maria; Christus, die Rechte zum Segen erhoben, in der Linken ein aufgeschlagenes Buch, in dem noch Ende des 19. Jahrhunderts die Inschrift (H) zu lesen war3); Johannes Baptista, in der Rechten eine Scheibe mit dem Agnus Dei; alle vier Figuren sind sitzend dargestellt. Die Reihe wird beendet durch den knienden Bischof Detmar mit Kirchenmodell und Spruchband (I). Darunter auf der heute nicht mehr erhaltenen Rückwand in reich geschnitztem Maßwerk abwechselnd in Drei- und Vierpässen Pelikan, Phönix, Agnus Dei, Adler und Strauß. Oben in den Zwickeln zwischen Maßwerkbögen befanden sich Engel mit den Marterwerkzeugen Christi. Die Sitze sind durch Lehnen begrenzt, auf denen vier Figuren stehen, denen Namensschilder und Spruchbänder zugeordnet waren, die heute nicht mehr vorhanden sind: Abel mit Lamm – (K, L); die gekrönte Ecclesia, ursprünglich mit Kelch und Siegesfahne, heute nur noch mit dem Kelch in der Linken, der früher die durch Goldfäden angedeuteten Blutströme aus der Wunde des Agnus Dei auffing – (M, N); die verschleierte Synagoge mit dem Kopf eines Ziegenbocks in der Linken, der Speer, den sie in der Rechten trug, ist nicht erhalten – (O, P); Kain mit Garbe – (Q, R). Alle Inschriften in Schwarz auf goldenem Grund.

Maße: H.: 322 cm; B.: 290 cm; T.: 80 cm; Bu.: 1,7 cm (Namensschilder), 2,8–3 cm (Spruchbänder).

Schriftart(en): Gotische Minuskel.

DI  26, Nr. 26 - Osnabrück, St. Johanniskirche - Ende 14. Jh.

 Sabine Wehking [1/4]

  1. A

    Tu puer · propheta altissimi · voc//a)4)

  2. B

    Zacharias

  3. C

    Ne extendas · manus super · puerum5)

  4. D

    Abraham

  5. E

    Moses

  6. F

    Depone · calceamenta · de · pedibus · tuis · locus · in · quo · stas · terra · sancta · es//a)6)

  7. G

    In principio · erat · verbum7)

  8. H

    Ego sum alpha et omega principium et finis8)

  9. I

    Hoc · Detmarus · ego · praesul · templum · tibi · lego ·

  10. K

    Hic · Deus · oblatus · agnellus · sit · tibi · gratus ·

  11. L

    Abel

  12. M

    Me · de · peccatis · lavat · agnus · sanguine · gratis ·

  13. N

    Ecclesia

  14. O

    Erroris · plena · sum · caeca · salutis · egena ·

  15. P

    Synagoga

  16. Q

    Accipe · plasmator · im(m)undus · quod · dat · arator ·

  17. R

    Kain

Übersetzung:

Du, mein Kind, wirst der Prophet des Höchsten genannt werden. (A)

Lege deine Hand nicht an den Knaben. (C)

Ziehe die Schuhe von deinen Füßen, denn der Ort, an dem du stehst, ist heilige Erde. (F)

Am Anfang war das Wort. (G)

Ich bin Alpha und Omega, Anfang und Ende. (H)

Diesen Tempel weihe ich, Bischof Detmar, dir. (I)

Dir, Gott, sei das hier dargebrachte Lamm wohlgefällig. (K)

Mich wäscht von meinen Sünden das Lamm durch sein Blut rein. (M)

Voll des Irrtums und blind bin ich des Heils bedürftig. (O)

Nimm, Schöpfer, was der sündhafte Landmann gibt. (Q)

Versmaß: Zweisilbig gereimte leoninische Hexameter (I, K, M, O, Q).

Kommentar

Das ikonographische Programm des Levitengestühls ist schon oft Gegenstand der Untersuchung gewesen, zumal über die Deutung einiger Symbole – Strauß, Frauenfigur, Elefanten – lange Zeit keine Klarheit herrschte9). Dolfen hat in einer Einzeluntersuchung10) durch umfangreiches Quellenstudium Wesentliches zur Lösung dieser Probleme beigetragen. Jedoch verliert er durch die Konstruktion dreier Bedeutungsebenen – einer eschatologischen, christologischen und mariologischen – den christozentrischen Aufbau des Bildprogramms aus dem Blick. Zwei Christusdarstellungen bilden die optische Mitte: im Fünfpaß auf dem Fries Christus als Weltenrichter mit dem Spruch aus der Apokalypse, begleitet von Maria, Johannes Baptista und Evangelista sowie Bischof Detmar, dem Gründer der Kirche, als Fürbitter; darunter als Gekreuzigter im Sinnbild des Agnus Dei*. In enger Verbindung zu letzterem stehen die Figuren der Ecclesia und Synagoge. Es handelt sich im weiteren Sinne um die verbreitete Darstellung von Ecclesia und Synagoge unter dem Kreuz, zumal Ecclesia mit dem Kelch die Blutströme* aus der Wunde des Agnus Dei auffängt. Ihr ist Abel, dessen Opfer Gott annimmt, als Typus Christi zugeordnet, der Synagoge Kain, dessen Opfer verworfen wird, als Typus der Juden. Direkt auf die Darstellung des Agnus Dei beziehen sich die darüber in den Zwickeln befindlichen, von Engeln gehaltenen Marterwerkzeuge*. Ihm nebengeordnet sind weitere, auf den Physiologus zurückgehende Tiersymbole*, die eindeutig christologisch zu interpretieren sind: Pelikan (Todesopfer Christi); Phönix (Auferstehung); Adler (Himmelfahrt); schließlich die seltener vorkommende Darstellung des Vogels Strauß, der sich über seine gerade aus den Eiern schlüpfenden Jungen beugt. Dem liegt die Vorstellung zugrunde, der Strauß brüte die Jungen durch seinen Blick oder Atem aus. In diesem Zusammenhang gilt er als allgemeines Christussymbol11), nicht wie Dolfen – unter Rückgriff auf das Bild der von der Sonne ausgebrüteten Straußeneier – nachzuweisen versucht, als Sinnbild Marias12). Näher liegt es da schon, den brennenden Dornbusch als Mariensymbol zu deuten, aber auch hier würde sich ein typologischer Bezug auf Christus anbieten, da der brennende Busch auch als Verkündigung der Geburt Christi ausgelegt wird13). Die dem Dornbusch gegenübergestellte Szene der Opferung Isaaks aus dem AT verweist auf die Erfüllung des Opfers im NT durch den Kreuzestod Christi. Schwieriger ist die Deutung der weiblichen Gestalt an der östlichen Seitenwange, die weder durch Attribute noch durch Schriftbänder näher bestimmt ist. Man kann Dolfen soweit folgen, daß es sich hier um eine Sibylle handelt14), die in der Regel ohne Attribut dargestellt wird. Auch die ihr zugeordnete Figur des Zacharias an der westlichen Seitenwange legt eine solche Interpretation nahe. Beide sollen wohl im Rahmen dieses Bildprogramms als Propheten auf die Rettung der Menschheit durch Christus verweisen15).

Für die weitergehende Deutung Dolfens, hier sei die cumäische Sibylle dargestellt, die die Jungfrauengeburt weissage, gibt es jedoch keinen Anhaltspunkt. Große Probleme hat bisher die Szene der im Wasser stehenden Elefanten aufgeworfen. Mithoff16) und Siebern/Fink17) interpretieren sie als Keuschheitssymbol. Dolfen18) schließt sich ihnen an und will darüber hinaus in dem Turm, den er losgelöst vom Bildzusammenhang betrachtet, ein Sinnbild für die unbefleckte Empfängnis sehen. Näherliegend scheint mir hier eine Auslegung aufgrund der Concordantia caritatis, die den turmtragenden Elefanten der Kreuztragung zuordnet19). Der Elefant, der seine Jungen im Wasser zur Welt bringt, um sie vor dem feindlichen Drachen zu schützen, symbolisiert Christus, der Drache den Teufel, vor dessen Zugriff Christus den Menschen durch die Taufe bewahrt20). Das Bild des Löwen an der westlichen Seitenwange, der seine Jungen durch Gebrüll zum Leben erweckt, ist eindeutig auf die Auferstehung zu beziehen.

Der künstlerischen Gestaltung des Levitenstuhls liegt also ein Konzept zugrunde, das nichts dem Zufall überläßt, sondern alle Einzelmotive auf die gedankliche wie optische Mitte Christus hin ausrichtet. Die These Dolfens, der gedankliche Gehalt stehe im Zusammenhang mit den Schriften des gelehrten Osnabrücker Klerikers Albert Suho21), ist schon aus chronologischen Gründen nicht aufrechtzuerhalten. Suhos Wirkungszeit fällt hauptsächlich in das 2. Viertel des 15. Jahrhunderts22), nicht wie Dolfen annimmt, in die letzten Jahrzehnte des 14. Jahrhunderts, die von den Kunsthistorikern einhellig als Entstehungszeit des Gestühls angegeben werden. Wahrscheinlich ist aber, daß das Bildprogramm von einem gelehrten Kleriker, vielleicht dem Stifter, entworfen wurde, der auch die leoninischen Hexameter verfaßt haben könnte. In den Quellen läßt sich ein solcher Stifter bisher allerdings nicht nachweisen.

Textkritischer Apparat

  1. *)Die so gekennzeichneten Elemente des Bildprogramms sind heute nicht mehr erhalten (alte Abbildungen vgl. Anm. 1).
  2. voc[aberis]. Der Rest der Inschrift verschwindet im aufgerollten Ende des Spruchbandes.

Anmerkungen

  1. Alte Fotografien vermittlen einen Eindruck vom ursprünglichen Aussehen des Gestühls: Siebern/Fink, Fig. 130; V. C. Habicht, Die niedersächsischen mittelalterlichen Chorgestühle, Studien zur dt. Kunstgeschichte, Bd. 181, Straßburg 1915, Taf. XVI; Walter Loose, Die Chorgestühle des Mittelalters, in: Heidelberger kunstgesch. Abhandlungen, Bd. 11, 1931, Abb. 26.
  2. Mithoff, S. 120.
  3. Ebd., S. 121; Siebern/Fink, S. 111, vermerken, die Inschrift sei nicht mehr zu finden.
  4. Lc. 1,76.
  5. Gn. 22,12.
  6. Ex. 3,5.
  7. Io. 1,1.
  8. Apc. 1,8.
  9. Mithoff, S. 120, deutet das Tiersymbol außen rechts auf der Rückwand als Wiederholung des Pelikanmotivs, Siebern/Fink wollen darin den Vogel Kalandrius erkennen. Übereinstimmend sprechen sie sich dafür aus, daß die Elefanten hier Keuschheit symbolisieren.
  10. Christian Dolfen, Der Levitenstuhl der ehem. Stiftskirche St. Johann in Osnabrück, in: Kunstgeschichtliche Studien des Provinzialmuseums Hannover, Bd. 2, 1929, S. 88–98.
  11. LCI 4, Art. „Strauß“, Sp. 218.
  12. Dolfen (wie Anm. 10), S. 95.
  13. Molsdorf, S. 22.
  14. Dolfen (wie Anm. 10), S. 90.
  15. LCI 4, Art. „Sibyllen“, Sp. 150; ebd., Art. „Zacharias“, Sp. 557.
  16. Mithoff, S. 120.
  17. Siebern/Fink, S. 113.
  18. Dolfen (wie Anm. 10), S. 95.
  19. RDK 3, Art. „Concordantia caritatis“, Sp. 845f., Nr. 89.
  20. LCI 1, Art. „Elefant”, Sp. 598.
  21. Dolfen (wie Anm. 10), S. 92.
  22. Suhos Todesjahr ist frühestens 1449 anzusetzen. Weitere Lebensdaten s. Friedrich Runge, Albert Suho als Quelle für den Osnabrücker Chronisten Lilie, in: OM 16, 1891, S. 188ff.

Nachweise

  1. Mithoff, S. 120f.
  2. Siebern/Fink, S. 111ff., Abb. Fig. 130.
  3. Habicht (wie Anm. 1), S. 18f.
  4. Dolfen (wie Anm. 10), S. 88–98.

Zitierhinweis:
DI 26, Stadt Osnabrück, Nr. 26 (Sabine Wehking), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di026g003k0002600.