Inschriftenkatalog: Stadt Osnabrück

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 26: Stadt Osnabrück (1988)

Nr. 17 Diözesanmuseum 2. Viertel 14. Jh.

Beschreibung

Kelch. Silber, vergoldet. Der Pontifikalkelch weist für seine Zeit eine äußerst ungewöhnliche Form auf. Die parabelförmige Kuppa und vor allem der sechseckige Fuß sind in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts eine Ausnahmeerscheinung1). Bemerkenswert ist auch der architektonische Aufbau des Kelchs. Um den Rand des mehrfach abgetreppten Fußes verläuft ein Inschriftenband (A), die erhabenen Buchstaben auf gekörntem Grund, die Worte jeweils getrennt durch zwei übereinanderstehende Kreuze in Form miniaturhafter vierblättriger Kleeblätter. Auf der Oberfläche des Fußes sind in sechs oben bogenförmig abgeschlossenen Feldern, die jeweils einen Dreipaß umspannen, Szenen aus dem Leidensweg Christi dargestellt. Die filigranen, sehr plastischen Reliefs erscheinen vor blauem Emailhintergrund. Sie zeigen Christus in Begleitung dreier Jünger bei der Gefangennahme durch die Soldaten; Christus vor Pilatus; die Geißelung; die Kreuztragung; die Kreuzigung, das Kreuz mit Titulus (B); die Auferstehung. Die letzte Szene ist in mehrere Felder geteilt. In der oberen Hälfte der aus dem Grab emporsteigende Christus, darunter in drei Feldern je ein bewaffneter Wächter. In den Zwickeln zwischen den Bögen Eichenlaub. Auf der Schräge zum Schaft Kreise mit Dreipässen. Der sechseckige Schaft ist architektonisch gegliedert. Unterhalb des Nodus befinden sich zwei Nischenreihen, in der unteren sechs sitzende Propheten mit langen Spruchbändern ohne Beschriftung, darüber – typologisch auf die Apostel bezogen –, durch ihre individuellen Attribute ausgewiesen, Petrus, Bartholomäus, Jakobus mai., Johannes, Jakobus min., Paulus. Es schließt sich der weit vorspringende, mit durchbrochenem Maßwerk und sechs Rotuli geschmückte Nodus an. Auf den Rotuli in blauem Email die vier Evangelistensymbole sowie Phönix und Pelikan. Zwischen Nodus und der vollkommen schlichten Kuppa eine weitere Nischenreihe mit stehenden Apostelfiguren: Matthäus, Simon, Apostel ohne Attribut, Thomas, Philippus, Apostel ohne Attribut.

Maße: H.: 23 cm; Dm.: 28,5 cm (Fuß); 16,5 cm (Kuppa); Bu.: 0,4 cm (A); 0,2 cm (B).

Schriftart(en): Gotische Majuskel.

DI  26, Nr. 17 - Osnabrück, Diözesanmuseum - 2. Viertel 14. Jh.

 Sabine Wehking [1/2]

  1. A

    + HOC : VAS : DAT : CRISTEa) : GER/HART : TIBI : KELEMAN : ISTE :/ QVEMb) : CORPVS : SANGVISc) : FOV/EAT : TVVS : VT : VETVS : ANGVI/S :NON : POSSIT : PLENVM : SIB/I : NVNCb) : PREBERE : VENENVM :c)

  2. B

    INRI2)

Übersetzung:

Dieses Gefäß gibt dir, Christus, der Gerhard Kelemann, den dein Leib und Blut schützen mögen, damit die alte Schlange ihm nun nicht ihr reichliches Gift beibringen kann. (A)

Versmaß: Drei zweisilbig gereimte leoninische Hexameter.

Kommentar

Die Schrift ist eine besonders sorgfältig ausgeführte, ausgeprägte Form der gotischen Majuskel. E kommt nur unzial vor und ist völlig abgeschlossen, ebenso C. Die Abschlußstriche laufen in Schnörkeln aus. Die Bögen zeigen starke Schwellungen und Verjüngungen. A erscheint in allen Fällen pseudounzial, M und N nur unzial.

Den Stifter des Kelches, Gerhard Kelemann, kann man in den Osnabrücker Domurkunden 1328, 1337 und 1341 als vicarius perpetuus des Doms nachweisen3). Sein Todesjahr ist nicht bezeugt, wohl aber der Todestag, der 25. Mai. Unter diesem Datum befindet sich eine Eintragung im Domnekrolog, die belegt, daß die Stiftung Kelemanns auch von seinen Zeitgenossen als beachtlich angesehen wurde: Obiit Gerhardus Kelman vicarius, qui B. Petro contulit calicem, qui constabat XL marcis4). Es werden dann Einkünfte aufgezählt, die Kelemann sowie dessen Schwester und deren Tochter dem Dom überlassen hatten. Die – für den Domnekrolog ungewöhnliche – Erwähnung der Stiftung von Kirchengerät steht zurecht an erster Stelle, da der Kelch den Vikar nach den Berechnungen Dolfens5) ein doppeltes Jahreseinkommen kostete und, was die herausragende Qualität des sorgfältig ausgeführten Bildprogramms betrifft, nur mit dem ein Jahrhundert später angefertigten Kelch des Engelbert Hofsleger (vgl. Nr. 51) verglichen werden kann. Über die Herkunft sind unterschiedliche Vermutungen angestellt worden, es ist nicht auszuschließen, daß er aus einer Osnabrücker Werkstatt stammt6).

Textkritischer Apparat

  1. CRISTE] CHRISTE Berlage, Siebern/Fink, Dolfen, Borchers.
  2. QVEM] QEM Borchers.
  3. Borchers gibt die durchgängige V-Schreibung der Inschrift z. T. durch U wieder.

Anmerkungen

  1. Borchers, Domschatz, S. 84.
  2. Io. 19,19: I(ESVS) N(AZARENVS) R(EX) I(VDEORVM).
  3. StAO Findbuch Rep. 3, Bd. 2.
  4. Meyer, Domnekrolog, S. 94
  5. Christian Dolfen, Der Kelemann-Kelch des Domschatzes zu Osnabrück, in: Westfalen 15, 1930, S. 38.
  6. Vgl. dazu Borchers, Domschatz, S. 85; Stadt im Wandel, Bd. 2, S. 1257.

Nachweise

  1. Lübke, Mittelalterliche Kunst, S. 423.
  2. Berlage, Kirchliche Alterthümer, S. 339f.
  3. Mithoff, S. 113.
  4. Siebern/Fink, S. 63f.
  5. Dolfen (wie Anm. 5), S. 37.
  6. Witte, Domschatz, S. 39.
  7. Schriever, S. 106.
  8. Borchers, Domschatz, S. 82, Abb. 92–96.
  9. Stadt im Wandel, Bd. 2, S. 1256f., Abb. ebd.
  10. Fritz, S. 341, Abb. 107, 108.

Zitierhinweis:
DI 26, Stadt Osnabrück, Nr. 17 (Sabine Wehking), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di026g003k0001701.