Inschriftenkatalog: Stadt Osnabrück

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 26: Stadt Osnabrück (1988)

Nr. 11 Ev.-luth. Kirchengemeinde Porvoo (Borgå)/Finnland 3. Viertel 13. Jh.

Beschreibung

Sog. „Borgå-Kelch“. Silber, vergoldet. Der Kelch gilt als der bedeutendste Repräsentant des spätromanischen Typus. Wenn es auch keinen sicheren Beleg dafür gibt, daß er ursprünglich dem Osnabrücker Dom gehörte, so sprechen doch alle Indizien dafür, daß es sich bei diesem Stück um den 203 Lot (= 2964 g) wiegenden Kelch mit Patene handelt, der im Verzeichnis der den Schweden 1633 ausgelieferten Goldschmiedesachen aufgeführt ist. Von den anderen dort genannten Kelchen unterscheidet er sich deutlich durch sein Gewicht. Ein Vergleich ist jedoch nicht möglich, da die zum Borgå-Kelch gehörende Patene verloren ist. Als Hauptindiz für die Osnabrücker Herkunft ist das Medaillon auf der Kuppa anzusehen, das zwei bärtige Märtyrer zeigt, die außer Palmwedeln kein Attribut tragen. Die Ähnlichkeit des Medaillons mit dem – spätestens seit der 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts verwandten1) – Osnabrücker Domkapitelssiegel, das Crispin und Crispinian zeigt, ist evident. Es ist nicht bekannt, auf welchem Weg der Kelch aus der Schwedenbeute in die Kathedrale von Viborg in Karelien gelangte. Von dort wurde er 1709 bei drohendem Krieg aus Sicherheitsgründen nach Stockholm gebracht, 1711 gelangte er nach Porvoo (schwedisch Borgå). Der Kelch befindet sich noch heute dort im Besitz der ev.-luth. Kirchengemeinde2).

Der ganze Kelch ist mit figürlichen Darstellungen und mit Rankenwerk bedeckt. Der runde Fuß trägt an der Zarge eine umlaufende Inschrift (A). Auf dem Fuß zwischen plastischen floralen Ornamenten vier runde, nach oben hin spitz zulaufende Medaillons mit Flachreliefs. Sie zeigen die Verkündigung, die Geburt Christi, die Kreuzigung und die drei Frauen am Grabe. Die Darstellungen stehen in Beziehung zu dem jeweils darunter verlaufenden Teil der Zargeninschrift. Unterhalb der Kreuzigungsszene befindet sich am Rand des Fußes die Inschrift (B). Der kurze Schaft des Kelches ist mit Blattornamenten belegt. Auf dem runden Nodus alternierend drei runde Rotuli mit filigranem Rankenwerk und drei rhombenförmige Rotuli mit gravierten Pflanzenornamenten auf blauem Emailgrund. Die Rotuli heben sich nur wenig vom Nodus ab. An der Ober- und Unterseite des Nodus Filigran. Die halbkreisförmige Kuppa, die gleich oberhalb des Nodus ansetzt, ist abgesehen von einer am oberen Rand ausgesparten Labialstelle völlig mit Filigran und Reliefs bedeckt. Den oberen Rand umzieht ein von einem Perlstab eingefaßter Filigranfries. Darunter befinden sich vier runde Medaillons, deren Darstellungen in typologischer Beziehung zu den Reliefs des Kelchfußes stehen.

FußKuppa
VerkündigungPetrus, der aus dem Schiff heraustritt mit Spruchband (C) in der Linken, und der über das Wasser wandelnde Christus ebenfalls mit einem Spruchband (D); die obere Hälfte des Medaillons umgibt die Inschrift (E).
Geburt ChristiDer ungläubige Thomas und Christus, zwischen beiden das Spruchband (F); die obere Hälfte des Medaillons ist von der Inschrift (G) umgeben.
KreuzigungDas Opfer Abrahams; die obere Hälfte des Medaillons umgibt die Inschrift (H).
Drei Frauen am GrabZwei palmentragende bärtige Märtyrer; die obere Hälfte des Medaillons ist von der Inschrift (I) umgeben.

Zwischen den Medaillons Pflanzendekor.

Maße: H.: 22,8 cm; Dm.: 19,7 cm (Fuß), 18,5 cm (Kuppa); Bu.: 0,5 cm (A), 0,3 cm (B, C, D, F), 0,4 cm (E, G, H, I).

Schriftart(en): Gotische Majuskel.

  1. A

    + VIRGO · SALVTATA · CRISTVM · PARIT · INVIOLATA ·A(TTAH) G(IBBOR) L(EOLAM) A(DONAI)a)3)+ O QVA(M) · MORS · FORTIS · Q(VAE) · MORS · ERAT · I(N) · C(RV)CE · MORTIS+ COR · GERE · DEVOTV(M) · COR · AB · OM(N)I · C(RI)MI(N)E · LOTV(M)+ ET · SIC · ANTIDOTV(M) · MORTIS · VITE · BIBE · POTV(M) ·

  2. B

    SIFRIDVS · ME · FECIT ·

  3. C

    D(OMI)NE · SALVV(M) · ME · FAC ·4)

  4. D

    MODICE · FID(E)I · Q(VARE) · D//b)5)

  5. E

    + HIC · PETRVS · ARGVIT(VR) · FIDEIQ(VE) · PETRA · ST//c)

  6. F

    D(OMI)N(VS) · MEVS ·6)

  7. G

    VLTRA · NON · DVBITAT · THOMAS · DV(M) · VVLN(ER)A · PALPA(T)

  8. H

    ENSE · P(RO)BAT · SENIOR · Q(VA)NT(VS) · D(OMI)NI · SIT · AM//d)

  9. I

    HIJ · S(VN)T · INVICTI · PALMAMQ(VE) · GERVNT · BENEDICTI ·

Übersetzung:

Die gnadenreiche, unbefleckte Jungfrau gebiert Christus. Du bist mächtig in Ewigkeit, Herr. O, wie stark ist der Tod, der am Kreuz der Tod des Todes war. Habe ein frommes Herz, ein Herz gereinigt von jeder Sünde. Und so trinke als Gegengift des Todes den Trank des Lebens. (A)

Siegfried machte mich. (B)

Herr, rette mich. (C)

Warum hast du kleingläubig gezweifelt? (D)

Hier wird Petrus beschuldigt und der Fels des Glaubens gefestigt. (E)

Mein Herr. (F)

Thomas zweifelt nicht länger, da er die Wunde berührt. (G)

Durch das Schwert beweist der alte Mann, wie sehr er den Herrn liebt. (H)

Diese sind unbesiegt und als Selige tragen sie die Palme. (I)

Versmaß: Die Inschrift (A) enthält vier zweisilbig gereimte leoninische Hexameter, die Inschriften (E), (G), (H) und (I) sind in ein- und zweisilbig gereimten leoninischen Hexametern abgefaßt.

Kommentar

Auf die Osnabrücker Herkunft des Kelches verweist nicht nur das Medaillon mit den beiden palmentragenden Märtyrern, auch die Inschrift (B) macht eine Entstehung in dieser Gegend wahrscheinlich. Sie nennt offensichtlich den Künstler, der den Kelch maßgeblich gestaltete7). Künstlerinschriften sind um die Mitte des 13. Jahrhunderts noch relativ selten. Dafür, daß hier eine solche vorliegt, spricht jedoch, daß der Name Sifridus sich auf dem Beckumer Prudentiaschrein wiederholt, der älter ist als der Borgå-Kelch und auf die Zeit um 1230 datiert wird8). Dort ist Sifridus eindeutig als Künstler ausgewiesen. Kerber9) hat nachgewiesen, daß das Blattwerk an Kuppa und Fuß des Kelches den Kämmen des Prudentiaschreins ähnelt. Eine besonders enge Verwandtschaft besteht zwischen den Reliefs und der Kuppa10), vor allem den Gesichtern der Figuren, und den Reliefs des Prudentiaschreins11). Aufgrund des weiter entwickelten Figurenstils gegenüber dem Prudentiaschrein wird die Entstehung des Borgå-Kelchs von der kunsthistorischen Forschung allgemein um 1240 angesetzt12). Im Hinblick auf die Inschriften des Kelchs erscheint diese Datierung indessen zu früh.

Die Inschriften sind in einer späten gotischen Majuskel ausgeführt, die teilweise manieristische Züge aufweist. Vergleicht man die Schrift mit derjenigen am Beckumer Prudentiaschrein, einer voll ausgebildeten gotischen Majuskel, so wird der zeitliche Abstand deutlich. Beide Schriften weisen Zierelemente auf. Die Buchstaben des Schreins haben keilförmige Endungen und in Schnörkeln auslaufende Bögen, sind aber in ihrer Grundform schlicht. Dagegen zeigen die Buchstaben des Borgå-Kelches sehr eigenwillige Formen, so das mandelförmige, oben und unten spitz zulaufende O, die besonders schöne OR-Ligatur und das L mit geschwungener, in einem Knoten verdickter Basis. Knoten sind das vom Künstler bevorzugte Schmuckelement. Die Abschlußstriche von C und E sind fester Bestandteil der Buchstaben. Insgesamt wirkt die Schrift sehr schwungvoll. Nimmt man diese Merkmale zusammen, so erlaubt die Schrift eine Datierung des Kelches frühestens auf die Zeit nach der Mitte des 13. Jahrhunderts. Besonders evident wird dies, wenn man die Inschriften des Prudentiaschreins und des Borgå-Kelchs mit den Inschriften (A1) und (A2) der Osnabrücker Schreine Nr. 6 und 7 vergleicht. Glaubt man den neueren kunsthistorischen Untersuchungen13), so lägen die drei Schriftarten jeweils nur um 10 Jahre auseinander. Die Inschriften des Borgå-Kelchs wären danach um höchstens 20 Jahre jünger als die Inschriften (A1) und (A2) der beiden Osnabrücker Schreine. Tatsächlich repräsentieren die beiden Schrifttypen jedoch das Anfangs- und Endstadium in der Entwicklung der gotischen Majuskel. Der Umstand, daß der Figurenstil des Borgå-Kelchs für einen früheren zeitlichen Ansatz spricht als nach 1250, kann dadurch geklärt werden, daß es sich bei dem Kelch und dem Prudentiaschrein um denselben Künstler handelt und zwischen beiden Stücken mindestens 20 Jahre liegen. Damit ist der Borgå-Kelch vermutlich ein Alterswerk des Sifridus, der in seinem Figurenstil vielleicht schon ein wenig hinter seiner Zeit zurück war.

Textkritischer Apparat

  1. A(TTAH) G(IBBOR) L(EOLAM) A(DONAI)] fehlt bei Schnütgen.
  2. Ende des Schriftbands: D(VBITASTI).
  3. Ende des Schriftbands: ST(ABILITVR).
  4. Ende des Schriftbands: AM(ATOR).

Anmerkungen

  1. Vgl. Theodor Ilgen, Die westfälischen Siegel des Mittelalters, Heft 3, Münster 1889, Taf. 101, Nr. 6 B.
  2. Mein herzlicher Dank gilt der ev.-luth. Kirchengemeinde in Porvoo, die mir vorzügliche Detailaufnahmen der Inschriften zur Verfügung stellte, ohne die eine Bearbeitung dieses Stücks nicht möglich gewesen wäre. Ein besonderer Dank auch Prof. Simo Heininen (Universität Helsinki), der dieses vermittelt hat.
  3. Kabbalistisches Tetragramm. Das L steht in der Inschrift auf dem Kopf. Da sich jedoch kein Tetragramm aus den Buchstaben AGGA nachweisen läßt, scheidet die Möglichkeit aus, daß es sich um ein griechisches Gamma handelt.
  4. Mt. 14,30.
  5. Mt. 14,31.
  6. Io. 20,28.
  7. Es ist nicht auszuschließen, daß an dem Kelch mehrere Goldschmiede gearbeitet haben, da die Reliefs an Kuppa und Fuß einen sehr unterschiedlichen Figurenstil aufweisen. Vgl dazu: Die Zeit der Staufer, Stuttgart 1977, Bd. 1, Nr. 587, S. 459. Das bedeutet auch, daß der genannte Künstler Sifridus nicht unbedingt die Inschriften ausgeführt haben muß.
  8. Zur Datierung des Prudentiaschreins vgl. Nr. 6/7.
  9. Kerber, S. 206.
  10. S. Anm. 7.
  11. Kerber, S. 206.
  12. Vgl. Alexander Schnütgen, Sifridus – ein deutscher Goldschmied des 13. Jahrhunderts, in: Kunstgewerbeblatt 1, 1885, S. 100; Erich Meyer, Spätromanische Abendmahlskelche in Norddeutschland, in: Jb. d. preuß. Kunstsammlungen 53, 1932, S. 169; Meyer datiert den Kelch um 1230; Zeit der Staufer (wie Anm. 7), S. 458.
  13. Kerber, pass.; Güssow, S. 148ff.; Zeit der Staufer (wie Anm. 7), S. 458f.

Nachweise

  1. Schnütgen (wie Anm. 12), S. 99.
  2. Zeit der Staufer (wie Anm. 7), S. 459f.

Zitierhinweis:
DI 26, Stadt Osnabrück, Nr. 11 (Sabine Wehking), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di026g003k0001109.