Inschriftenkatalog: Odenwaldkreis

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 63: Odenwaldkreis (2005)

Nr. 288 Bullau (Erbach), Evangelische Kirche 1632

Beschreibung

Gedenkinschrift für die Familie des Pfarrers Martin Walther. Die Tafel aus gelbgrauem Sandstein war früher außen in der Nordwand des Turms eingemauert. Da das Denkmal durch Witterungseinflüsse bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts beschädigt war,1) wurde es schließlich aus der Wand herausgenommen, restauriert und innen an der Nordwand des Chores aufgestellt. Die Buchstaben wurden nach der Restaurierung vielfach fehlerhaft mit Farbe nachgezogen. Einige zerstörte Buchstaben wurden zudem lediglich auf den Stein aufgemalt. Sie wurden ebenso wie verlorene Buchstaben in eckige Klammern gesetzt. Als Worttrenner dienen Dreiecke und als Satzzeichen Schrägstriche.

Ergänzt nach Luck.

Maße: H. 70, B. 109, Bu. 2,6 cm.

Schriftart(en): Humanistische Minuskel, Kapitalis.

DI 63, Nr. 288 - Bullau (Erbach), Evangelische Kirche - 1632

 Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz (Brunhild Rittereiser) [1/2]

  1. A

    Theobaldo Waltero Wattenbacensi, pagi quondam huius incolae / patri suo co[l]endo Anno Domini [1]571 defuncto, Et Elizabethae Listin / Bullaviensi matri [su]ae perchra[t]aea) Nec non Georgio Schlenio itidem / Wattenbacensi, vi[t]rico suo cui mater A(nn)ob) 1572 nupserat vt (et) fratribus / ac sororibus suis ute[r]inis, Catherinae A(nn)ob) 1557, Vrsulae I A(nn)ob) 1559, Johanni I / A(nn)ob) 1560 Vrs[ul]ae II A(nn)ob) 1563c), Iohanni II A(nn)ob) 1571 natis · sed his iterum quibusdam / quidem pri[us] vita fun[c]tis nonn[ull]is autem cum matre vitricoq(ue) Annum / intra 1573 (et) 1574, peste [p]er hasce [t]unc oras OTTOSYLVANIAE pas=/sim grassa[n]te sim[u]l e[x]tinctis p[r]opeq(ue) sacelli h(uius) sinistrum / ad orient[e]md) a[n]g[ul]um con[sep]ultis [h]oc MNHMEION filius (et) fratere) / superstes vnicus M(agister) MARTIN W[ALTH]ER, A(nn)ob) 1567. mense Novembris / natus, Michaelstadi Erpaci, Arge(n)tin[aeq(ue)] educatus, ac literis bonis (et) / sacris imbutu[s],f) Reichenbachianae iam [pe]rg) annos xxxiii Eeclesiaeh) / [p]astor, suos amore (et) hono[r]e prosequens, p(osuit) A(nn)ob) per Christum [r]ecupe/ratae salutis, MDCXXXIIi)

  2. B

    Animae iustorum i[n] manu Dei sunt (et) / non tanget i[llo]s torme(n)t[u]m mortis. Sap(ientiae) 32) ·

Übersetzung:

(A) Für Theobald Walter aus Wattenbach (Söhrewald, Lkr. Kassel), einst Einwohner dieses Dorfes, seinen ehrwürdigen Vater, der im Jahre des Herrn 1571 starb, und für Elisabeth List aus Bullau, seine sehr liebe Mutter, und auch für seinen Stiefvater Georg Schlenius, ebenfalls aus Wattenbach, den die Mutter im Jahr 1572 geheiratet hatte, wie auch für seine leiblichen Brüder und Schwestern, die 1557 geborene Catherina, die 1559 geborene Ursula I., den 1560 geborenen Johannes I., die 1563 geborene Ursula II. und den 1571 geborenen Johannes II., von denen aber wiederum einige zwar früher starben, einige aber mit der Mutter und dem Stiefvater in den Jahren 1573 und 1574 zugleich von der Seuche ausgelöscht wurden, die damals in dieser Gegend des Odenwaldes überall wütete, und die nahe der linken östlichen Ecke dieser Kapelle zusammen beigesetzt wurden, hat der einzige überlebende Sohn und Bruder, Magister Martin Walter, der im November 1567 geboren, in Michelstadt, Erbach und Straßburg erzogen und von den guten und heiligen Wissenschaften erfüllt wurde, und der nun schon seit 33 Jahren Pfarrer der Kirche von Reichenbach ist, dieses Denkmal, weil er die Seinigen mit Liebe und Ehre begleitet, im Jahre des durch Christus wiederhergestellten Heils 1632 gesetzt. – (B) Die Seelen der Gerechten sind in der Hand Gottes und jene wird die Qual des Todes nicht berühren.

Kommentar

Die Inschrift zeigt eine unbeholfene humanistische Minuskel. Auffällig sind die gespitzten Verbindungsbögen bei m, n und u. Die schlechte Ausmalung der Schrift vermittelt allerdings einen in mancher Hinsicht irreführenden Eindruck. So wurde bei ligiertem ae der Bogen des e nie mit ausgemalt. Auch das kleine, hochgestellte o bei Anno hat man bei der Ausmalung stets übersehen. Auch einzelne Buchstabenteile wurden mehrfach nicht berücksichtigt wie etwa der untere Bogen des g oder der Balken des t. Die Kapitalisbuchstaben sind außer in der ersten Zeile nicht größer als die Minuskelbuchstaben. Die Buchstaben des griechischen Worts MNHMEION wurden in den entsprechenden Formen der Kapitalis wiedergegeben. Dies zeigt die Verwendung eines M mit schräggestellten äußeren Schäften und kurzem Mittelteil für das griechische my (M).

Über die Herkunft Martin Walthers und seinen Lebensweg informiert die von ihm selbst verfaßte Reichenbacher Chronik. Er wurde 1567 in Bullau als Sohn des Ehepaars Theobald Walther und Elisabeth List geboren. Von 1575 – 1580 besuchte er die Schule in Michelstadt, dann bis 1584 die Lateinschule in Erbach. Im Jahr 1584 wurde er in Straßburg immatrikuliert. Ab 1592 war er Informator der jungen Herren Zobel von Giebelstadt in Franken, seit 1595 Kollaborator an der Lateinschule in Erbach und ebendort von 1597 – 1599 Diakon. Ab 1599 wirkte er bis zu seinem Tod 1635 als Pfarrer in Reichenbach.3) Martin Walther führte seine Chronik ab 1599 bis zum Jahr 1635. Die Originalhandschrift ging jedoch im 18. Jahrhundert verloren, und die vorhandene Abschrift reicht nur bis 1620.4) Über die Zeit, in der Walther die vorliegende Inschrift verfaßte, gibt die Chronik somit keine Auskunft mehr. Es läßt sich deshalb nicht mehr klären, warum er erst im Jahr 1632 für seine 1573/1574 und davor verstorbenen Angehörigen in Bullau ein Denkmal errichtete.

Textkritischer Apparat

  1. Sic; percharae Luck, Schaefer; perchare Albach, dessen Wiedergabe so fehlerhaft ist, daß hier auf eine weitere Dokumentation seiner Versehen verzichtet wird.
  2. o klein und hochgestellt.
  3. Johanni I bis 1563 fehlt bei Luck und Schaefer.
  4. ad orientem fehlt bei Luck und Schaefer.
  5. Das r steht auf dem Rand und ist nicht ausgemalt.
  6. Vgl. auch die heute verlorene Grabinschrift Martin Walthers, die sich früher in der Reichenbacher Kirche befand: Michelstadii Erpachii Argentinaque educatus et literis imbutus bonis ac sacris, Walther, Reichenbacher Chronik 106; DI 38 (Lkr. Bergstraße) Nr. 245.
  7. Die Buchstaben sind hier falsch nachgezogen worden.
  8. Sic!
  9. Heute ist noch ein weiteres I aufgemalt, wodurch sich die Jahreszahl 1633 ergibt, doch überliefern sowohl Luck 128 als auch Krämer 103 1632.

Anmerkungen

  1. Schaefer 42; vgl. die leider retuschierte Abbildung bei Albach 61 von 1971.
  2. Weish 3,1.
  3. Vgl. Walther, Reichenbacher Chronik VI und 108 f.; Luck 127; vgl. auch seine Grabinschrift wie Anm. f.
  4. Walther, Reichenbacher Chronik V.

Nachweise

  1. Luck, Reformationsgeschichte 127 f.
  2. Schaefer, Kdm. 42.
  3. Krämer (1908) bei Federlin, Bullauer Peststein 103 f.
  4. Albach, Bildstock 60 – 62 mit Abb.

Zitierhinweis:
DI 63, Odenwaldkreis, Nr. 288 (Sebastian Scholz), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di063mz09k0028801.