Inschriftenkatalog: Odenwaldkreis

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 63: Odenwaldkreis (2005)

Nr. 94 Michelstadt, Evangelische Stadtkirche 1507

Beschreibung

Bauinschrift. Die in fünf Zeilen auf einem Eckquader aus rotem Sandstein angebrachte Inschrift befindet sich außen an der Südwand des Kirchturms. Als Worttrenner dienen Quadrangel mit paragraphzeichenförmig ausgezogenen Zierstrichen.

Schriftart(en): Gotische Minuskel mit Versalien.

DI 63, Nr. 94 - Michelstadt, Evangelische Stadtkirche - 1507

 Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz (Brunhild Rittereiser) [1/4]

  1. Deo · maxi(m)o · excellentissi(m)o · Mag(n)oa) · michaeli · archa(n)gloa) · Et Divo · kilia(n)o · / Edificii · h(vivs) · basis · posita est · Svb · Ivlio p(a)pa iiob) · Maximiliano · romanor(vm) / rege · Iacobo lib(e)nsteinb) archiep(iscop)o Mogv(n)t(ino) Eberhardo et Valentino Baro/nibvs · ac pincernis et d(omi)nis in Erppach et Bicknbach agnatis · / Theodrico ribeysen pastore Anno salvtis 1507c) 12d) k(a)l(endas) app(ri)lis

Übersetzung:

Für Gott, den größten und erhabensten, den großen Erzengel Michael und den heiligen Kilian ist der Grundstein dieses Bauwerks unter Papst Julius II. (1503 – 1513), dem römischen König Maximilian (1493 – 1519), dem Mainzer Erzbischof Jakob von Liebenstein (1505 – 1508), den von väterlicher Seite verwandten Freiherren und Schenken und Herren zu Erbach und Bickenbach, Eberhard und Valentin, sowie dem Pastor Theodor Reibeisen im Jahre des Heils 1507 am 12. Tag vor den Kalenden des April (21. März) gelegt worden.

Kommentar

Die Inschrift fällt durch ihre zahlreichen Versalien auf. Das versale M in Magno ist vom symmetrischen, offenen unzialen M der gotischen Majuskel abgeleitet, doch während die Bögen erhalten blieben, ist der Mittelschaft in typischer Minuskelart unten gebrochen. Auch die I-Versalien entstammen der gotischen Majuskel, während die übrigen Versalien zu den Versalien der gotischen Minuskel gehören.

Im Jahr 1461 war der Grundstein zum Chorneubau der Stadtkirche gelegt worden. Anschließend begann man mit dem Bau des dreischiffigen Langhauses, das 1490 fertiggestellt wurde.1) Mittlerweile war aber zwischen Kirche und Marktplatz das neue, 1484 fertiggestellte Rathaus errichtet worden,2) wodurch eine Änderung des Turmbauplanes nötig wurde. Ursprünglich war der Turm für die Südwestecke der Kirche in nur etwa zwölf Metern Entfernung vom Rathaus vorgesehen gewesen. Ein hoher Turm hätte in diesem Falle die Wirkung des Rathausbaus stark beeinträchtigt, ein niedriger Turm hingegen wäre vom Marktplatz kaum noch zu sehen gewesen. Deshalb wurde die Kirche 1490 zunächst ohne Turm vollendet.3) Erst 1507 legten Valentin I. (Nr. 124) aus der Michelstädter Linie der Schenken von Erbach und Eberhard XI. (Nr. 131) aus der Fürstenauer Linie den Grundstein zum Turmbau, der nun an die Südmauer des Chores angebaut wurde. Wie bei den übrigen Bauabschnitten wirkten also auch hier die verschiedenen Linien der Schenken von Erbach zusammen.4) Ein oberhalb der Inschrift auf einem Eckquader angebrachtes Meisterzeichen weist darauf hin, daß der Baumeister zur Sippe der Eseler oder zur Bauhütte des Konrad von Mosbach gehörte.5) Die Fertigstellung des Turms zog sich bis 1537 hin. Erst in diesem Jahr erhielt der Zimmermann Matthes Lonus den Auftrag, den Turmhelm zu zimmern.

Textkritischer Apparat

  1. o klein und hochgestellt.
  2. Fehlt bei Schneider und Simon.
  3. MDVII Bernbeck.
  4. Fehlt bei Schneider, Simon, Schaefer, Bernbeck; erst Steiger las das Datum richtig, das zuvor stets zu kalendis Aprilis (1. April) aufgelöst worden war.

Anmerkungen

  1. Vgl. dazu Krebs, Baugeschichte 33 – 45 und Nrr. 39, 46, 62.
  2. Vgl. dazu Krebs, Rathaus 10 f. und Nr. 56.
  3. Krebs, Baugeschichte 43 f.
  4. Die Erbacher Linie war mit Erasmus 1503 ausgestorben, vgl. Europ. Stammtafeln NF V, Taf. 2.
  5. Krebs, Baugeschichte 48.

Nachweise

  1. Schneider, Historie 270.
  2. Simon, Geschichte 66 f.
  3. Schaefer, Kdm. 161.
  4. Bernbeck, Mitteilungen 11.
  5. Steiger, Grundsteinlegungsinschrift 11 und 13 mit Abb. 2.

Zitierhinweis:
DI 63, Odenwaldkreis, Nr. 94 (Sebastian Scholz), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di063mz09k0009406.