Inschriftenkatalog: Odenwaldkreis

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 63: Odenwaldkreis (2005)

Nr. 71 Fränkisch-Crumbach, Evangelische Kirche 1500

Beschreibung

Epitaph für Hans III. von Rodenstein innen in einer Nische der Nordwand des Langhauses. Vor einer aus gelbgrauem Sandstein gefertigten Platte mit abgeschrägten Leisten steht der fast vollplastisch gearbeitete Ritter in voller Rüstung auf einem mächtigen Löwen. Sein rechter Arm ist angewinkelt, und die Hand liegt an der Brust. Die Linke lag ursprünglich am Heft des heute verlorenen Schwertes, auf dessen noch vorhandenem Knauf ein Monogramm (B) zu sehen ist. Über dem Kopf des Ritters befindet sich ein von zwei einwärts gelehnten Schilden flankiertes Vollwappen. Unten im Feld sind zwei weitere Wappenschilde angebracht. Die Grabinschrift (A) beginnt unten auf der linken Leiste, wird auf der rechten fortgesetzt und endet im Feld neben dem Kopf des Ritters. Die Buchstaben im Feld sind auf der rechten Seite teilweise beschädigt, doch ist der Text mit Ausnahme einer Stelle eindeutig. Alle Buchstaben sind mit schwarzer Farbe nachgezogen worden. Als Worttrenner dienen Quadrangel.

Maße: H. 278, B. 88, Bu. 6,5 cm.

Schriftart(en): Gotische Minuskel mit Versalien.

DI 63, Nr. 71 - Fränkisch-Crumbach, Evangelische Kirche - 1500

 Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz (Thomas G. Tempel) [1/3]

  1. A

    + An(n)o d(omi)ni M · ccccc · xxvia) kal(endas) app(ri)l(is) · zu Rom · starb der edel iuncker hans / herb) zu rodenstein desz sele got gnedig vnd barmherczig sey // begraben u[ff]c) dem / gotsz acker

  2. B

    ih(esu)s

Wappen:
Rodenstein
Rodenstein Hirchhorn
LißbergKämmerer von Worms.

Kommentar

Das A ist aus dem pseudounzialen A der gotischen Majuskel abgeleitet, dessen geschwungener linker Schaft durch einen geraden Schrägschaft ersetzt wurde. Das M entspricht dem geschlossenen, runden unzialen M der gotischen Majuskel. Das R ist mit unten gebrochenem Schaft, kleinem Bogen und gerader, langer Cauda gebildet. Es enthält damit Elemente der gotischen Minuskel und der frühhumanistischen Kapitalis. Die Minuskel ist außer beim d mit ausgeprägten Ober- und Unterlängen gebildet. Beim h ist der senkrechte Teil des gebrochenen Bogens in gleichbleibender Strichstärke unter die Grundlinie gezogen, und beim u in iuncker ist der linke Schaft oben nicht nach links gebrochen, sondern abgeschrägt. Die Minuskel zeigt damit Merkmale, die sich auch auf mehreren Grabplatten der Schenken von Erbach sowie auf dem Epitaph für Philipp I. und seinen Sohn Georg I. Schenk von Erbach in Michelstadt nachweisen lassen, die aus einer Werkstatt stammen. Das Epitaph sowie die Mehrzahl der Grabplatten weisen auch ein entsprechendes versales M auf.1)

Meisinger hat das Epitaph für Hans III. von Rodenstein ebenso wie das Epitaph für Philipp und Georg Schenk von Erbach und weitere Grabdenkmäler der Schenken von Erbach dem Meister von St. Jakob zu Adelsheim zugeschrieben.2) Dieser Zuweisung haben Schnellbach und Schaum-Benedum jedoch vor allem unter Hinweis auf die Unterschiede im Standmotiv sowie der größeren Lebendigkeit der Darstellung widersprochen und das Denkmal für einen fränkischen Meister in Anspruch genommen.3) Aufgrund der Schriftähnlichkeit und dem zeitlichen Abstand zwischen dem Epitaph für Philipp und Georg und dem Denkmal für Hans III. von 20 Jahren, in denen man mit einer Weiterentwicklung des Künstlers rechnen muß, scheint eine Entstehung der beiden Epitaphien in derselben Werkstatt jedoch durchaus möglich.

Hans III. wurde am 6. Januar 1418 geboren und entstammte der Ehe Hermanns IV. von Rodenstein mit Elisabeth von Hirschhorn.4) Im Alter von 53 Jahren heiratete er 1471 seine erst 14 Jahre alte Verwandte Anna von Rodenstein-Lißberg aus der Wetterau. Hans ließ 1485 den spätgotischen Chor der Pfarrkirche von Fränkisch-Crumbach errichten,5) die als Grablege der Familie diente. Im Jubeljahr 1500 unternahm er im Alter von 82 Jahren eine Pilgerreise nach Rom, wo er am 22. April starb und auf dem Campo Santo Teutonico begraben wurde.6) Auf diesem an der Südseite von St. Peter in Rom gelegenen Friedhof7) befindet sich noch heute die teilweise ergänzte Grabplatte für Hans III. Ihre Inschrift vermerkt auch den richtigen Todestag 22. April.8) Das auf dem Epitaph vorhandene Datum xxvi kalendas apprilis läßt sich dagegen nicht auflösen, da es im römischen Kalender keinen 26. Tag vor den Kalenden des April gibt. Ob der Irrtum auf einem Übermittlungsfehler oder einem Steinmetzfehler beruht, läßt sich nicht entscheiden.

Textkritischer Apparat

  1. Sic! Vgl. dazu im Kommentar.
  2. hnr Meisinger, Junker Hans 17.
  3. Der Stein weist hier eine deutliche Beschädigung auf, so daß sich anhand der Kerbe nicht mehr überprüfen läßt, ob die beiden aufgemalten f dem originalen Wortlaut entsprechen.

Anmerkungen

  1. Vgl. Nr. 53 und zur Werkstattfrage Nr. 43.
  2. Meisinger, Meister 26 – 34; vgl. auch Mittenhuber 42 – 59.
  3. Schnellbach 131; Schaum-Benedum 133 f.
  4. Möller, Stammtafeln AF I, Taf. XXIV.
  5. Hotz 239.
  6. Vgl. Hotz 238 f.; Weiland, Campo Santo Teutonico 790 f.
  7. Zur Geschichte vgl. Weiland, Campo Santo Teutonico 37 und 45 ff.
  8. Vgl. Großmann 48 und 50; Meisinger, Junker Hans 18 f.; Meisinger, Meister 33 und vor allem die Edition bei Weiland, Campo Santo Teutonico 789 mit Abb. 151; zur Überlieferung des Textes und den Ergänzungen der Platte vgl. dort 789 f.

Nachweise

  1. Großmann, Hans von Rodenstein 47 f. mit Abb.
  2. Meisinger, Junker Hans 17 und 7, 9 – 11 mit Abb.
  3. Meisinger, Meister 32 f. mit Abb. Taf. IV – VI.
  4. Schnellbach, Spätgotische Plastik 142 mit Abb. 146 und 148.
  5. Herchenröder, Kdm. 99 mit Abb. 87 f.
  6. Schaum-Benedum, Figürliche Grabsteine 163 mit Abb. 31.
  7. Hotz, Rodensteiner 239 mit Abb. 1.
  8. Mittenhuber, Junker Hans 22.

Zitierhinweis:
DI 63, Odenwaldkreis, Nr. 71 (Sebastian Scholz), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di063mz09k0007106.