Inschriftenkatalog: Odenwaldkreis

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 63: Odenwaldkreis (2005)

Nr. 66 Steinbach (Michelstadt), Schloß Fürstenau 1492

Beschreibung

Bauinschrift am obersten Gesims des Erkers auf der Ostseite des alten Schlosses. Die Inschrift nimmt die ganze Breite der Längsseite ein und setzt sich auf der nördlichen Schmalseite fort. Die südliche Schmalseite ist ohne Inschrift. Die einzelnen Teile der Inschrift sind heute nicht mehr in der richtigen Reihenfolge angeordnet.

Schriftart(en): Gotische Minuskel mit Versalien.

DI 63, Nr. 66 - Steinbach (Michelstadt), Schloß Fürstenau - 1492

 Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz (Brunhild Rittereiser) [1/6]

  1. An(n)o d(omi)ni M cccc lxxxxii iar durch die edeln schenck eberharten vo(n)a) [– – –] ist disse cappelle vollenbroch[t]b)

Kommentar

Die von der gotischen Majuskel abgeleiteten Versalien A und M kommen in der gleichen Form auf fünf Grabplatten in der Michelstädter Stadtkirche sowie am Turmhelmerker des Erbacher Schlosses vor, die von einer Werkstatt gefertigt wurden.1) Bei den Minuskeln fällt neben dem d, das kaum in den Oberlängenbereich hineinragt, das u auf, bei dem der linke Schaft oben nicht nach links gebrochen, sondern rechtsschräg abgeschrägt ist. Dieselbe Bildungsweise läßt sich auf der Platte für Jutta von Erlenbach von 1492 (vorangehende Nr.) und am Turmhelmerker des Erbacher Schlosses (Nr. 68) beobachten. Aufgrund des paläographischen Befundes muß auch die vorliegende Inschrift von derselben Werkstatt gefertigt worden sein. In diesem Fall scheint sie mit Konrad von Mosbach zusammengearbeitet zu haben, da sich sein Meisterzeichen (Nr. 1) auf den Rippen des Erkergewölbes befindet.

Am 4. September 1460 erlaubte der Mainzer Erzbischof Dietrich von Erbach die Errichtung einer Kapelle und eines Altars im Schloß Fürstenau, auf welche das Patrozinium und die Einkünfte der Kapelle der zerstörten Burg Tannenberg übertragen werden sollten. Der Altar in Tannenberg war Maria, Johannes dem Täufer, Barbara, Katharina und Margareta geweiht. In derselben Urkunde bestätigte Schenk Philipp von Erbach die Durchführung der entsprechenden Maßnahmen.2) Am 3. Dezember 1492 verlieh dann der Mainzer Weihbischof Heinrich der Kapelle und dem Altar einen Ablaß von 40 Tagen, damit Fürstenau von vielen Gläubigen besucht werde.3) Laut der Urkunde hatte Heinrich selbst die Kapelle dem heiligen Georg und den Altar den Heiligen Bartholomäus, Andreas, Nikolaus, Barbara und Katharina geweiht.4) Gegenüber 1460 fand also ein Patroziniumswechsel statt, mit dem ein völliger Neubau der Kapelle einherging, wie die Bauinschrift zeigt. Möglicherweise war 1460 nur eine behelfsmäßige Kapelle eingerichtet worden, um dem in Tannenberg bepfründeten Kaplan das Messelesen zu ermöglichen. Denn laut der Urkunde Dietrichs war dies für ihn in der verfallenen Tannenberger Kapelle nur noch unter Lebensgefahr möglich.

Die Kapelle war im Osterker untergebracht und wurde 1492 im Auftrag Eberhards XI. von Erbach von Konrad von Mosbach gebaut. Um 1528 muß sie jedoch umgebaut worden sein, da der Erker den 1528 geschaffenen Erkern auf der Westseite entspricht und auch das gleiche Steinmetzzeichen trägt. Bei dieser Gelegenheit wurden die Gesimssteine mit der Inschrift in verkehrter Reihenfolge wieder eingesetzt. Ob der Erker schon bei dieser Baumaßnahme seine Funktion als Kapelle verlor, läßt sich nicht sicher beantworten. Aber spätestens in den 30er Jahren des 16. Jahrhunderts, als infolge der Aufnahme Eberhards XI. von Erbach (Nr. 131) in den Reichsgrafenstand neue große Repräsentationsräume im Ostflügel des Schlosses entstanden, von denen der „Markgräfliche Saal“ direkt hinter der Kapelle liegt, dürfte sie nicht mehr für den Gottesdienst genutzt worden sein.5) Den Hauptgrund für den Umbau der Kapelle vermutete man darin, daß sich Eberhard XI. schon früh der Lehre Luthers zugewandt habe.6) Da sich Eberhard aber tatsächlich bis zu seinem Tode in der Glaubensfrage nicht festlegte,7) dürfte wohl eher der sich in den Baumaßnahmen von 1528 widerspiegelnde Wunsch nach größerer Repräsentation den Anlaß für den Umbau geliefert haben.

Textkritischer Apparat

  1. Eberharden ist Krebs 51.
  2. Der Text beginnt heute mit ist disse cappelle vollenbroch[t], dann folgt der Rest der Inschrift, mit Ausnahme des eberharten vo(n), das sich auf der nördlichen Schmalseite befindet.

Anmerkungen

  1. Vgl. Nrr. 53, 61, 65, 68, 69.
  2. Schneider, Historie Urk. Nr. 27. 3, 546; Krebs 50 geht davon aus, daß die Errichtung der Kapelle bis 1492 unterblieb.
  3. Schneider, Historie Urk. Nr. 28. 1, 547.
  4. Ebd.: „Cupientes igitur, ut capella in Castro Furstenawe in honore sancti Georgii et altare in eadem in honore sanctorum subscriptorum ... per nos consecrata congruis frequententur honoribus ...“. Die Übersetzung von Schneider ist lückenhaft.
  5. Zur Baugeschichte des Erkers vgl. insgesamt Krebs 50 – 52.
  6. Krebs 52.
  7. Vgl. Simon 354 – 356 und 376 f.; Press, Grafen von Erbach 659 – 661 und Nr. 114.

Nachweise

  1. Krebs, Schloß Fürstenau 51 und 260, Abb. II/25.

Zitierhinweis:
DI 63, Odenwaldkreis, Nr. 66 (Sebastian Scholz), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di063mz09k0006603.