Inschriftenkatalog: Odenwaldkreis

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 63: Odenwaldkreis (2005)

Nr. 62 Michelstadt, Evangelische Stadtkirche/Am Kirchplatz 7 1490, 1497, 1542, 1543

Beschreibung

Jahreszahlen an der Stadtkirche. Die von zwei Wappen flankierte Jahreszahl (I) schmückt das Hauptportal. Die gleiche Jahreszahl (II) befindet sich auf einem Wappenschild in der Spitze des Westgiebels. Unter den Ziffern ist im Schild das Meisterzeichen Konrads von Mosbach (Nr. 1) angebracht. Der nördliche Strebepfeiler des Westgiebels trägt nochmals die gleiche Jahreszahl (III), doch ist darüber ein anderes Steinmetzzeichen (Nr. 2) zu sehen. Innen an der Westwand des südlichen Seitenschiffes ist über einer Darstellung des heiligen Martin die Jahreszahl (IV) vorhanden. Die Jahreszahl (V) befindet sich auf einem Sturzbogen aus rotem Sandstein, der bis 1967/68 im Sockel des Hauses Am Kirchplatz 7 eingemauert war1) und nun in dem dort untergebrachten Elfenbeinmuseum verwahrt wird. Unterhalb des Bogens sind Ansätze eines Maßwerks zu erkennen, über dem wiederum das Steinmetzzeichen Nr. 2 angebracht ist. Auf dem Schlußstein der Eberhardskapelle sind auf einem Band die Jahreszahl (VI) und darüber zwei Wappen sowie das Meisterzeichen Moritz Lechlers (Nr. 9) zu sehen. Auch der Schlußstein des Chorschlusses ist mit einer Jahreszahl (VII) und zwei Wappen geschmückt.

DI 63, Nr. 62 - Michelstadt, Evangelische Stadtkirche/ Am Kirchenplatz 7 - 1490, 1497, 1542, 1543

 Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz (Dr. Sebastian Scholz) [1/7]

  1. I

    1 · 4 · 9 · 0

 
Wappen:
Erbach Erbach.

  1. II

    1490

  2. III

    1490

  3. IV

    1497

  4. V

    1497

  5. VI

    1542

 
Wappen:
Erbach Wertheim.

  1. VII

    1543

 
Wappen:
Erbach Pfalz-Bayern.

Die Jahreszahlen (I) und (II) belegen in Verbindung mit dem Steinmetzzeichen Nr. 1 die Fortsetzung des Neubaus der Michelstädter Stadtkirche durch Konrad von Mosbach ab 1490. Seine Aufgabe bestand in der Fertigstellung der Westfassade und ihres Portals sowie in der Errichtung des Dachstuhls.2) Von dem Steinmetzzeichen Nr. 2, das zusammen mit den Jahreszahlen 1490 (III) und 1497 (V) erscheint und demjenigen Konrads sehr ähnlich ist, vermutete Hotz, es gehöre jemandem aus der Werkstatt Konrads, vielleicht sogar seinem Sohn.3)

Die innen an der Westwand des südlichen Seitenschiffs angebrachte Jahreszahl 1497 (IV) könnte sich auf die Vollendung der Ausgestaltung des Langhauses beziehen.4) Bei der nicht mehr an ihrem ursprünglichen Ort befindlichen Jahreszahl (V) ging Buxbaum davon aus, daß der Stein sich zunächst an der Kirche, am Pfarrhaus oder im Kirchhofsportal befand. Für eine Verwendung an der Kirche spricht das noch ansatzweise unter dem Bogen erkennbare Maßwerk. Da sich zudem das auf dem Stein vorhandene Steinmetzzeichen Nr. 2 in Verbindung mit der Jahreszahl (III) an der Kirche befindet, ist es naheliegend, in dem Sturzbogen ein Bauteil der Kirche zu sehen. Nach Ausweis der Jahreszahl (IV) wurde 1497 immer noch an der Kirche gebaut. Zu dieser Zeit ist möglicherweise auch die südlich an den Chor anschließende Sakristei errichtet worden, die bereits 1507 beim Turmbau wieder abgerissen wurde.5) Der Sturzbogen könnte sich im Eingang zur Sakristei oder im Zugang von der Sakristei zum Chor befunden haben und nach dem Abbruch der Sakristei als Spolie an anderer Stelle vermauert worden sein.

Die Jahreszahl (VI) dokumentiert die Vollendung der sogenannten Eberhardskapelle 1542 durch Moritz Lechler.6) Durch denselben Meister wurde schließlich im Jahr 1543 (VII) das schadhafte Chormauerwerk erneuert und der Chor neu eingewölbt.7)

Anmerkungen

  1. Buxbaum 59.
  2. Krebs 43 – 47; zu Konrad von Mosbach vgl. Hotz, Konrad von Mosbach 69 ff., bes. 71 f. zu Michelstadt, vgl. auch Hotz, Spätgotik 54 ff.
  3. Hotz, Spätgotik 56; vgl. Krebs 46 und 52.
  4. Krebs 47; Krebs vermutet einen Zusammenhang der Jahreszahl mit der Aufstellung eines Altars. Die Jahreszahl ist jedoch weit oben an der Wand angebracht und wäre von dem nicht nachweisbaren Altar räumlich durch das Bildnis des hl. Martin getrennt gewesen. Wahrscheinlicher ist ein Bezug zur Vollendung der Wandmalerei.
  5. Krebs 47 f.
  6. Seeliger-Zeiss, Lorenz Lechler 160 f.; Krebs 50 f. und Nr. 136.
  7. Schaefer 164 f.; Krebs 53 f.

Nachweise

  1. Schaefer, Kdm. 164 (II, VII), 166 (I, III), 168 (VI).
  2. Buxbaum, Stadtkirche 59 mit Abb. (V).
  3. Krebs, Baugeschichte 44 f. (I, II), 46 (III), 47 (IV), 51 (VI), 54 (VII) mit Abb. 9 f., 13.

Zitierhinweis:
DI 63, Odenwaldkreis, Nr. 62 (Sebastian Scholz), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di063mz09k0006207.