Inschriftenkatalog: Odenwaldkreis

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 63: Odenwaldkreis (2005)

Nr. 54 Michelstadt, Evangelische Stadtkirche 1484

Beschreibung

Epitaph für Hans Adam Cyrologus und seine Frau Anna. Die hochrechteckige aus rotem Sandstein gefertigte Platte mit giebelförmiger Oberkante ist heute außen in die Ostwand der Nordostkapelle eingemauert. Im oberen Teil befinden sich in flachem Relief die Halbfiguren der beiden Verstorbenen, die sich mit vor der Brust gefalteten Händen einander zuwenden. Hans Adam trägt ein pelzbesetztes Obergewand und einen seitlich offenen Mantel sowie eine Sendelbinde über der Schulter. Anna erscheint in zeitüblicher Tracht mit Kopf- und Kinnschleier. In den oberen Ecken ist jeweils ein Wappenschild angebracht. Die untere Hälfte des Epitaphs trägt die achtzeilige Grabinschrift. Die letzte Zeile wird unten etwas vom Boden verdeckt und ist teilweise beschädigt.

Maße: H. 178,5, B. 95, Bu. 5,5 cm.

Schriftart(en): Gotische Minuskel mit Versalien.

DI 63, Nr. 54 - Michelstadt, Evangelische Kirche - 1484

 Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz (Thomas G. Tempel) [1/1]

  1. Anno d(omi)ni 1484 die sext(o) Me(n)s(is) / Iunii Obiit discretus vir / hans adam Cyrologus / Anno ve(r)o 1476 nona die / Mens(is) Septe(m)b(r)is Ob(ii)t honesta / mulier Anna vxor eiusde(m) viri / Quorum anime requiescant / in santa pace amen

Übersetzung:

Im Jahr des Herrn 1484, am sechsten Tag des Monats Juni starb der vornehme Mann Hans Adam Cyrologus. Im Jahr 1476 jedoch, am neunten Tag des Monats September starb die ehrenhafte Frau Anna, die Ehefrau eben dieses Mannes. Ihre Seelen mögen in heiligem Frieden ruhen, Amen.

Wappen:
Cyrologus1)unbekannt2).

Kommentar

Das Epitaph wird aufgrund stilkritischer Erwägungen zusammen mit mehreren Grabdenkmälern der Schenken von Erbach einer Werkstatt zugewiesen.3) Die angeführten stilistischen Ähnlichkeiten bei der Behandlung der Haare und des Faltenwurfs resultieren jedoch eher aus dem Zeitstil als aus dem Stil einer Werkstatt. Auch lassen sich bei den fraglichen Denkmälern der Schenken von Erbach deutliche Übereinstimmungen hinsichtlich der Schrift feststellen, während die Buchstabenformen auf dem Epitaph für das Ehepaar Cyrologus eine andere Ausprägung zeigen. Das versale A in Anno ist zwar ebenfalls vom pseudounzialen A der gotischen Majuskel abgeleitet, doch fehlt hier die bei den anderen Denkmälern vorhandene tropfenförmige Verdickung des linken Schafts. Ohne Parallele im Vergleichsmaterial ist zudem die häufige Verwendung von Versalien, bei denen es sich mit Ausnahme des I, das aus der gotischen Majuskel abgeleitet ist, um typische Versalien der gotischen Minuskel handelt. Auch die Minuskeln lassen auffällige Unterschiede zu den anderen Inschriften erkennen. Beim a ist der senkrechte Teil des gebrochenen unteren Bogens kürzer und der linke Teil des gebrochenen oberen Bogens stärker ausgeprägt. Der Linksschrägschaft des d ragt deutlich in den Oberlängenbereich hinein. Zudem sind die Schäfte von b, h und l oben gespalten, was sich sonst ebenfalls nicht beobachten läßt.4) Somit stammt das Epitaph für das Ehepaar Cyrologus wohl kaum aus derselben Werkstatt wie die anderen Denkmäler, doch zeigt die Inschrift deutliche Übereinstimmungen mit jener auf der Grabplatte der Lukardis von Erbach (Nr. 47).

Hans Adam Cyrologus und seine Frau Anna werden in den urkundlichen Quellen nicht erwähnt. Die besondere Stellung des bürgerlichen Ehepaars zeigt sich in der Darstellung der reichen Kleidung und in den verwendeten Epitheta. Das Epitheton discretus läßt sich im 15. Jahrhundert nur selten nachweisen. Auf einer Grabplatte im Kreuzgang des Mainzer Doms werden der 1475 verstorbene Konrad Goldschmied aus Frankfurt und seine Frau ebenfalls als discretus/discreta bezeichnet.5) Das Epitheton dürfte eher in der Bedeutung „vornehm“ als in der Bedeutung „verständig“ von den Bürgern zur Kennzeichnung ihres gesellschaftlichen Ansehens verwendet worden sein. Allerdings erscheint das Wort auch als Epitheton für Adelige. Die Grabinschrift der 1450 verstorbenen und in Gärtringen bestatteten Dorothea von Mannsberg, die aus dem Straßburger Geschlecht der Zorn von Bulach gebürtig war, bezeichnet diese als discreta nec non honesta domina.6)

Anmerkungen

  1. Drei Schildchen 2:1, in der Mitte ein fünfstrahliger Stern.
  2. Ein Korb.
  3. Meisinger, Meister 40 f. und 44 f.; Schaum-Benedum 105, Anm. 1; nach Meisinger stammen sowohl die Grabplatten Ottos (Nr. 43), Johanns IV. (Nr. 55) und Magdalenas von Erbach (Nr. 61) sowie die Platte der Jutta von Erlenbach (Nr. 65) als auch das Epitaph für Philipp und Georg Schenk von Erbach (Nr. 53) aus derselben Werkstatt.
  4. Zu den Schriftformen der übrigen Denkmäler vgl. vor allem Nr. 43.
  5. DI 2 (Mainz) Nr. 184.
  6. DI 47 (Böblingen) Nr. 60.

Nachweise

  1. Schaefer, Kdm. 185.
  2. Meisinger, Meister Abb. Taf. VII 2.
  3. Schnellbach, Spätgotische Plastik 158.
  4. Schaum-Benedum, Figürliche Grabsteine 196.
  5. Grabdenkmäler 357.
  6. Nikitsch, Michelstadt 108, Nr. 10 mit 130 Abb. Taf. 3.

Zitierhinweis:
DI 63, Odenwaldkreis, Nr. 54 (Sebastian Scholz), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di063mz09k0005407.