Inschriftenkatalog: Odenwaldkreis

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 63: Odenwaldkreis (2005)

Nr. 47 Erbach, Schloß, aus Michelstadt, Evangelische Stadtkirche 1477

Beschreibung

Grabplatte der Lukardis Schenkin von Erbach, geborene von Eppstein. Die Platte aus rotem Sandstein lag früher im Boden der Michelstädter Stadtkirche neben der Platte von Lukardis‘ Ehemann Philipp I. vor dem herrschaftlichen Gestühl.1) Sie wurde zu Anfang des 19. Jahrhunderts unter Graf Franz I. von Erbach in das Erbacher Schloß verbracht und später dort in der Einhardskapelle aufgestellt.2) Im eingetieften Feld ist die Verstorbene in zeitüblicher Tracht betend mit Rosenkranz dargestellt. Auf dem Saum ihres Gewandes sitzt unten rechts ein kleiner Hund. In den oberen Ecken des Feldes sind zwei Wappenschilde angebracht. Die Inschrift läuft auf dem Rand um und wird auf der linken Seite im Feld in einer zweiten Zeile fortgesetzt. Die Platte ist in der Mitte gebrochen. Ein Teil des rechten Plattenrandes sowie die linke untere Ecke sind abgesprengt. Die linke Leiste und die Figur weisen deutliche Abtretungsspuren auf.

Maße: H. 211, B. 91, Bu. 6,5 cm.

Schriftart(en): Gotische Minuskel mit Versalien.

DI 63, Nr. 47 - Erbach, Schloß, aus Michelstadt, Evangelische Stadtkirche

 Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz (Brunhild Rittereiser) [1/5]

  1. A chr(ist)ia) natiuitate 1477 k(a)l(endas) / iunasb) Gene(r)osa d(omi)na luckarda natac) ex fa(m)ilia epp[e(n)ste]y(n)d) relicta / quo(n)d(am) Schenck philippi baro(nis) / de e(r)pach hu(m)a(n)is cessite) i(n) subdito(s) pl[u(r)]imu(m)f) [p]iag) (et)h) r(e)ligio(n)isi) obs(er)uan(ti)ssi(ma) // Cui(us) a(n)i(m)a celestib(us) sedib(us) conq(ui)escatj) amen

Übersetzung:

Im 1477 Jahr seit der Geburt Christi an den Kalenden des Juni (1. Juni) schied die wohlgeborene Frau Lukardis, die aus der Familie von Eppstein stammte, als Witwe des einstigen Schenken Philipp, Freiherrn von Erbach, aus dem Leben. Sie war überaus gütig gegenüber ihren Untergebenen und achtete den Glauben ganz besonders hoch. Ihre Seele möge in den himmlischen Gefilden Ruhe finden, Amen.

Wappen:
ErbachEppstein.

Kommentar

Die Platte wird von Meisinger ebenso wie die Platten der Magdalena (Nr. 61) und der Cordula von Erbach (Nr. 84), der Jutta von Erlenbach (Nr. 65) sowie mehrere andere Grabdenkmäler mit dem Meister von St. Jakob zu Adelsheim in Verbindung gebracht.3) Der paläographische Befund liefert jedoch ein anderes Bild als bei den Inschriften der Magdalena von Erbach und den anderen zu dieser Gruppe gehörenden Grabplatten. Das versale A ist zwar auch hier vom pseudounzialen A der gotischen Majuskel abgeleitet, doch fehlt die bei den übrigen Platten zu beobachtende tropfenförmige Verdickung des linken Schafts. Das gleiche versale A ist aber auf dem Epitaph für Hans Adam Cyrologus und seine Frau (Nr. 54) vorhanden. Auch die übrigen aus den Buchschriften abgeleiteten Versalien der gotischen Minuskel weisen Parallelen zu dem Cyrologusepitaph auf. Dasselbe gilt für die Minuskel, bei der die Schäfte von b, h und l oben gespalten sind, was sich bei den Platten der anderen Gruppe nicht beobachten läßt. Charakteristisch ist das mit einem kurzen senkrechten Teil des gebrochenen unteren Bogens gebildete a. Es bleibt festzuhalten, daß in der Schriftausführung nur das Cyrologusepitaph deutliche Parallelen zur Platte der Lukardis erkennen läßt. Hinsichtlich der Gestaltung weist allerdings auch die nur durch eine Abbildung bei Schneider überlieferte Platte der Cordula von Erbach (Nr. 84) Übereinstimmungen mit der Platte der Lukardis auf, die bei dem jeweils auf dem Gewandsaum sitzenden Hund über reine Motivähnlichkeit hinausgehen. Möglicherweise stammen also diese drei Denkmäler aus einer Werkstatt.4)

Beim Formular fallen die ungewöhnliche Datumsangabe, die ausführliche Würdigung der Frömmigkeit sowie die Formulierung der abschließenden Fürbitte auf. Zudem wird hier zum erstenmal ein Mitglied der Familie der Schenken von Erbach in einer Inschrift als baro, also als Freiherr bezeichnet. Die Betonung der Frömmigkeit bezieht sich auf verschiedene Stiftungen und andere fromme Tätigkeiten der Lukardis, die sich 1452 zusammen mit ihrem Mann Philipp Schenk von Erbach5) in den dritten Orden der Franziskaner aufnehmen ließ.6) Gemeinsam stifteten sie 1454 einen Marienaltar für die Michelstädter Kirche, der mit einer ewigen Kaplanei verbunden war. Der Priester, der diese Stelle innehatte, sollte jeden Montag und jeden Samstag eine Seelenmesse für die Stifter sowie für alle Christen lesen. Zudem sollte er an den vier Marienfesten jeweils eine Marienmesse feiern.7) Bei Papst Pius II. erbaten Philipp und seine Frau 1459 einen Tragaltar, und 1460 richteten sie in der Burg Fürstenau eine Kapelle ein.8) Die Formulierung in subditos plurimum pia spielt wohl auf mildtätige Maßnahmen der Lukardis an, für die jedoch Belege aus anderen Quellen fehlen. Lukardis entstammte der Ehe Eberhards II. von Eppstein mit Anna von Kronberg.9)

Textkritischer Apparat

  1. Buchstabenbestand xpi.
  2. So statt kalendis iuniis.
  3. nata fehlt bei Schneider.
  4. Ergänzt nach Schneider.
  5. cellit Schneider.
  6. Die Abbildung bei Schneider zeigt nach pl acht gleichförmige Schäfte mit Kürzungstrich; die Lesung des Wortes verdanke ich meinem Kollegen Dr. Rüdiger Fuchs, Mainz.
  7. dia Schneider.
  8. Tironisches et in Form eines z, von dem aber nur die drei Balken zu erkennen sind; fehlt bei Schneider; die Lesung der Stelle verdanke ich meinem Kollegen Dr. Rüdiger Fuchs, Mainz.
  9. rlutiois Schneider.
  10. congeleat Schneider.

Anmerkungen

  1. Schneider 80 f.
  2. Morneweg, Haus Erbach Nr. 140, Anm..
  3. Meisinger, Meister 42; vgl. dazu ausführlich bei Nr. 43.
  4. Zur Zuschreibung der Frauendenkmäler an einen Meister vgl. auch Schnellbach, Spätgotische Plastik 129.
  5. Zu ihm vgl. Schneider 81; Simon, Geschichte 341 f. und Nr. 37.
  6. Schneider, Urk. Nr. CXIII, 164 f.; Simon, Geschichte 341 f.
  7. Schneider, Urk. Nr. 16, 522 f.
  8. Schneider, Urk. Nr. CXIV, 168 f.; Krebs, Schloß Fürstenau 43 und Nr. 66.
  9. Möller, Stammtafeln AF III, Taf. LXXXIX.

Nachweise

  1. Schneider, Historie, Taf. IV,65.
  2. Meisinger, Meister Abb. Taf. VIII 3.

Zitierhinweis:
DI 63, Odenwaldkreis, Nr. 47 (Sebastian Scholz), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di063mz09k0004706.