Inschriftenkatalog: Odenwaldkreis

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 63: Odenwaldkreis (2005)

Nr. 46 Michelstadt, Evangelische Stadtkirche 1475

Beschreibung

Bauinschrift auf einer Tafel aus rotem Sandstein außen am Treppenturm der Westfassade. Die Tafel ist auf dem zweiten Gesimsprofil angebracht. Als Worttrenner dienen Quadrangel.

Schriftart(en): Gotische Minuskel mit Versalien.

DI 63, Nr. 46 - Michelstadt, Evangelische Stadtkirche - 1475

 Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz (Brunhild Rittereiser) [1/2]

  1. Anno · d(omi)ni · 1 · 4 · 7 · 5a) · Ince=/ptab) · est · hec · renouatio · toti(vs)c) / corporis · h(vivs) · eccl(esi)e · Svb · pincer/nis · philippo · ieoriod) · et · io=/hanne · d(omi)nis · terree) · in · et / de · Erppach · et · Ioh(ann)e · pistor(e) / pl(e)b(a)no ·

Übersetzung:

Im Jahre des Herrn 1475 ist diese Erneuerung des ganzen Langhauses dieser Kirche unter den Schenken Philipp, Georg und Johannes, Herren der Herrschaft zu und von Erbach, und unter dem Pfarrer Johannes Pistor begonnen worden.

Kommentar

Das versale A ist ein vollrundes A der gotischen Majuskel mit nach links überstehendem Deckbalken. Das I, das auch für die 1 in der Jahreszahl verwendet wurde, und das S entstammen ebenfalls der gotischen Majuskel. Allen drei Versalien ist gemeinsam, daß einzelne Buchstabenteile dünnstrichig ausgeführt sind. Das E gehört zu den Versalien der gotischen Minuskel.

Nach dem Wortlaut der Inschrift wurde das gesamte Langhaus erst 1475 unter den Schenken Philipp II., Georg I. und Johann IV. in der Amtszeit des Pfarrers Johannes Pistor1) begonnen. Bei der Anbringung der Inschrift muß der Bau jedoch schon weit fortgeschritten gewesen sein, da sich die Tafel in erheblicher Höhe auf dem zweiten Gesimsprofil des Treppenturms befindet. Ein Wechsel der Steinmetzzeichen vier Schichten oberhalb der Tafel zeigt die Fortsetzung des Baus durch andere Werkleute an und könnte für eine längere Bauunterbrechung sprechen.2) Im östlichen Joch des südlichen Seitenschiffs finden sich die Wappen des 1461 verstorbenen Philipp I., der vermutlich den Neubau der Kirche geplant hatte, und seiner Frau Lukardis von Eppstein,3) während im nördlichen Seitenschiff die Wappen ihres Sohnes Georg I. und seiner Frau Cordula von Fraunberg zum Haag sowie Johanns IV. und seiner Frau Magdalena von Stoffeln-Justingen4) angebracht sind.5) Da Lukardis von Eppstein bereits 1477 verstarb, geht Krebs gegen den Wortlaut der Inschrift davon aus, daß die Arbeiten am Langhaus deutlich früher begannen, und das südliche Seitenschiff vor 1475 fertiggestellt wurde. Auch für das nördliche Seitenschiff nimmt er einen Abschluß der Arbeiten 1475 an, auf den dann bald eine längere Bauunterbrechung folgte.6) Wenn sich das in der Inschrift genannte Jahr somit auf den Abschluß der Arbeiten bezieht, bleibt die Frage offen, warum in dem Text ausdrücklich vom Beginn und nicht von der Vollendung die Rede ist. Fraglich ist auch, welchen Anteil der an erster Stelle in der Inschrift genannte Philipp II. aus der Erbacher Linie der Schenken an dem Unternehmen hatte, da sein Wappen an keinem Bauteil vorhanden ist. Das Fehlen seines Wappens könnte mit seinem frühen Tod 1477 zusammenhängen,7) denn die übrigen in der Inschrift genannten Bauherren verstarben erst deutlich später. Für die Wappen Philipps I. und seiner Frau Lukardis könnte ihr Sohn Georg gesorgt haben. Wenn auch die Bauinschrift mit Sicherheit erst angebracht wurde, nachdem der Bau weit fortgeschritten war, lassen sich keine stichhaltigen Gründe dafür erbringen, warum das in ihr genannte Jahr des Baubeginns in Wirklichkeit das Jahr der teilweisen Bauvollendung gewesen sein soll. Zudem ist nicht erklärbar, warum der Bau bereits kurz nach 1475 unterbrochen worden sein soll, obwohl Georg erst 1481 und Johann 1484 starb. Es spricht somit einiges dafür, daß der Langhausbau tatsächlich 1475 in Angriff genommen wurde und die Bauunterbrechung erst in den achtziger Jahren nach dem Tode der Bauherren erfolgte.

Textkritischer Apparat

  1. LVII Schneider; Luck; Simon.
  2. facta pia Schneider; Luck; Simon.
  3. totius fehlt bei Schneider; Luck; Simon.
  4. Sic!
  5. nostris Schneider; Simon; fehlt bei Luck.

Anmerkungen

  1. Johannes Pistor ist bereits 1457 als Pfarrer der Michelstädter Kirche belegt, vgl. Müller, Ortsnamenbuch 463.
  2. Krebs, Baugeschichte 41 – 43.
  3. Zu Philipp vgl. Nr. 37 mit weiteren Verweisen; zu Lukardis vgl. Nr. 47.
  4. Zu ihnen vgl. Nrr. 52, 84, 55, 61.
  5. Krebs, Baugeschichte 38 und 40.
  6. Krebs, Baugeschichte 38 – 43.
  7. DI 12 (Heidelberg) Nr. 122; Europ. Stamtafeln NF V, Taf. 2.

Nachweise

  1. Schneider, Historie 270.
  2. Luck, Historische Genealogie 18, Nr. 98 (c).
  3. Simon, Geschichte 66.
  4. Schaefer, Kdm. 161.
  5. Bernbeck, Mitteilungen 11.
  6. Steiger, Schenken 45.

Zitierhinweis:
DI 63, Odenwaldkreis, Nr. 46 (Sebastian Scholz), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di063mz09k0004607.