Inschriftenkatalog: Odenwaldkreis

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 63: Odenwaldkreis (2005)

Nr. 30 Michelstadt, Evangelische Stadtkirche 1423

Beschreibung

Grabplatte Konrads VII. Schenk von Erbach und seiner Frau Agnes. Die Platte aus rotem Sandstein steht heute innen an der Westwand des Chores. Die Verstorbenen sind im vertieften Bildfeld unter einer doppelten Kielbogenarkade dargestellt. Links steht der Ritter in Rüstung ohne Helm auf einem Löwen, rechts seine Frau auf einem Hund. Sie ist in zeitübliche Tracht gekleidet und hält die Hände im Gebetsgestus vor der Brust. In den oberen Ecken des Feldes befindet sich je ein Wappenschild, und zwischen den Kreuzblumen der Kielbögen ist der zum Wappen von Erbach gehörende Helm angebracht. Die Inschrift befindet sich auf dem teilweise zugunsten des Bildfeldes abgearbeiteten Rand, und endet in der Mitte der linken Randleiste. Als Worttrenner dienen Quadrangel mit paragraphzeichenförmig ausgezogenen Zierstrichen.

Maße: H. 230, B. 130, Bu. 4,5 cm.

Schriftart(en): Gotische Minuskel mit Versalien.

DI 63, Nr. 30 - Michelstadt, Evangelische Stadtkirche - 1423

 Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz (Thomas G. Tempel) [1/2]

  1. + anno d(omi)ni m cccc xxo iii · i(n) vi(gili)a / Ioh(ann)is · bap(tis)tea) · o(biit) · nobil(is) · Cunrad(us) · schenck · senior · d(omi)n(u)s · de · erp/pach · et · vxor · sua / agnes · q(uo)r(um) · a(n)i(m)e · r(e)q(uiescant) · in pace · ame(n)

Übersetzung:

Im Jahre des Herrn 1423, am Tag vor dem Fest Johannes des Täufers (23. Juni) starb der edle Schenk Konrad der Ältere, Herr von Erbach, und seine Frau Agnes, deren Seelen in Frieden ruhen mögen, Amen.

Wappen:
ErbachErbach/unbekannt1).

Kommentar

Das Formular im zweiten Teil der Inschrift ist ungewöhnlich, da weder der Todestag noch das Todesjahr der Agnes genannt werden. Beide hätte man üblicherweise angegeben, wenn Agnes in den vorangegangenen Jahren verstorben wäre. Beim Tod in demselben Jahr hätte die Nennung des liturgisch wichtigen Tagesdatums genügt.2) Falls dagegen das Ehepaar an demselben Tag gestorben sein sollte, wäre zumindest eine Wendung wie et in eodem die obiit zu erwarten gewesen. Mangelnder Platz kann für das verkürzte Formular nicht der Grund gewesen sein, denn die obere Hälfte der linken Leiste blieb unbeschriftet. Möglich ist allerdings, daß Agnes sehr früh starb, und ihr Todesdatum beim Tode ihres Mannes nicht mehr präsent war. Ebenso besteht die Möglichkeit, daß Agnes beim Tode Konrads noch lebte und man bei der Fertigung der Inschrift vergaß, zwischen et und agnes eine Lücke zu lassen, in der die Todesdaten hätten nachgetragen werden können. Für diese Möglichkeit spricht auch, daß ein zweites, sich auf Agnes beziehendes obiit fehlt.

Der Todestag der Agnes bleibt damit ebenso ungeklärt wie ihre Herkunft. Der gespaltene Wappenschild zeigt das Wappen Erbach und einen der Figur nach linksgerauteten Schrägbalken. Dieser wurde als das Wappen Bickenbach gedeutet,3) doch besitzt dies zwei Reihen aneinanderstoßender Rauten.4) Nach der Stammtafel von Schneider war Agnes die Tochter Eberhards X. (XI.) Schenk von Erbach und der Maria von Bickenbach und starb erst 1426.5) In diesem Falle hätte Agnes‘ Tochter Margarete mit Johann III. Schenk von Erbach den Bruder ihrer Mutter geheiratet, was wenig wahrscheinlich ist. Laut Möller und den Europäischen Stammtafeln war Agnes jedoch die Tochter Eberhards VIII. und der Elisabeth von Katzenelnbogen.6) Um das Wappen in dieser Konstellation zu erklären, schlägt Steiger vor, es doch als verunstaltetes Wappen der Familie von Bickenbach zu deuten und es von der Mutter der Elisabeth von Katzenelnbogen, Agnes von Bickenbach, herzuleiten.7) In diesem Falle wäre auf dem Grabdenkmal entgegen den üblichen Gepflogenheiten das Wappen der Großmutter anstelle desjenigen der Mutter dargestellt worden. Dies ist aber wenig wahrscheinlich, da man sich fragen muß, warum das prestigeträchtige Wappen der Grafen von Katzenelnbogen durch das Wappen der Familie von Bickenbach ausgetauscht worden sein sollte.

Konrad war ein Sohn Schenk Konrads genannt Rauch und der Anna von Bruck.8) Er studierte 1364 in Montpellier und 1366/67 in Bologna. Im Jahr 1383 wurde er Domherr zu Würzburg und 1386 Domherr zu Mainz, doch resignierte er 1412 und heiratete Agnes.9)

Textkritischer Apparat

  1. te klein und hochgestellt.

Anmerkungen

  1. Gespalten: vorn Erbach; hinten ein der Figur nach linksgerauteter Schrägbalken.
  2. Vgl. etwa DI 38 (Lkr. Bergstraße) Nr. 50; DI 49 (Darmstadt, Lkr. Darmstadt-Dieburg u. Groß-Gerau) Nr. 156; von einem Tod beider Ehegatten im Jahr 1423 geht Simon, Geschichte 317 aus.
  3. Grabdenkmäler 351 a.
  4. Vgl. Wolfert, Aschaffenburger Wappenbuch 61 mit Taf. 25.
  5. Schneider, Historie, Stammtafel Nr. 52 und Nr. 66; zu den Eltern vgl. Möller, Stammtafeln AF I, Taf. II und NF I, Taf. XV.
  6. Möller, Stammtafeln NF I, Taf. XIV; Europ. Stammtafeln NF V, Taf. 2.
  7. Steiger 78.
  8. Möller, Stammtafeln NF I, Taf. XV; Europ. Stammtafeln NF V, Taf. 1; zu Konrad genannt Rauch vgl. Nr. 26.
  9. Knod, Deutsche Studenten 117, Nr. 804; Kisky, Domkapitel 127, Nr. 126; Hollmann, Mainzer Domkapitel 359; vgl. auch Simon, Geschichte 316 f.

Nachweise

  1. Schneider, Historie Abb. Taf. IIII,49.
  2. Schaefer, Kdm. 170.
  3. Grabdenkmäler 351 b.
  4. Schaum-Benedum, Figürliche Grabsteine 194.
  5. Nikitsch, Michelstadt 116, Nr. 44 und 146 Abb. Taf. 19.
  6. Steiger, Schenken 77 f., Nr. 27.

Zitierhinweis:
DI 63, Odenwaldkreis, Nr. 30 (Sebastian Scholz), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di063mz09k0003005.