Inschriftenkatalog: Odenwaldkreis

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 63: Odenwaldkreis (2005)

Nr. 4 Michelstadt, Evangelische Stadtkirche 2. D. 12. Jh.

Beschreibung

Grabplatte der Judda. Die schlichte Platte aus rotem Sandstein steht heute innen an der Westwand des nördlichen Seitenschiffs. Das Feld ist unbearbeitet bis auf eine oben angebrachte Linierung für eine Textzeile, die nicht ausgefüllt wurde. Die Inschrift befindet sich auf einer zwischen Plattenrand und Feld umlaufenden linierten Schriftleiste. Der Text beginnt in der Mitte der oberen Leiste. Als Trennzeichen dienen Punkte.

Maße: H. 201, B. 92, Bu. 4 cm.

Schriftart(en): Romanische Majuskel.

DI 63, Nr. 4 - Michelstadt, Evangelische Stadtkirche - 2. D. 12.Jh.

 Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz (Thomas G. Tempel) [1/1]

  1. + SVBa) TUMVL/O POSITA · IACET HIC PIA FEMINA IUDDA · VIRTUTV(M) / MORV(M) · PROBITAS SPES / ET MISERORV(M) · QVE MODO PAUSAT HVMVSb) MORIT(UR)Q(UE) NO/V(EMBRIS) AD IDVSc)

Übersetzung:

Unter diesem Grabmal beigesetzt liegt hier die fromme Frau Judda, rechtschaffenes Vorbild an Tugenden und Sitten und Hoffnung der Armen. Allein sie ruht jetzt als Staub und sie starb an den Iden des November (13. November).

Versmaß: Drei leoninische Hexameter, 1 einsilbig unrein, 2 zweisilbig rein, 3 einsilbig rein gereimt.

Kommentar

Die Inschrift ist in Scriptura continua ausgeführt und weist keinerlei Nexus litterarum auf. Neben den kapitalen Formen kommen A, E, H, M, und U auch als Unzialbuchstaben vor. Das T erscheint in kapitaler und runder Form. Das kapitale A ist leicht trapezförmig und trägt einen kurzen, nach beiden Seiten überstehenden Deckstrich. In zwei Fällen ist der Mittelbalken gebrochen. Das C wird sowohl in runder als auch in eckiger Form verwendet. Der Mittelteil des kapitalen M reicht bis zur Zeilenmitte. Die Bögen des unzialen M sind symmetrisch und unten weit nach innen gebogen und besitzen wie das O eine fast kreisrunde Form. Das R trägt eine geschwungene Cauda, und das U hat die Gestalt eines auf den Kopf gestellten runden N. Die Sporen an den Schaft-, Bogen- und Balkenenden sind nicht sehr stark ausgeprägt, aber gut erkennbar. Mit Ausnahme des Verzichts auf Nexus litterarum weisen alle übrigen Merkmale auf eine Entstehung der Inschrift im 12. Jahrhundert hin.

Im Gebiet des Odenwaldkreises sind nur zwei relativ sicher datierte Inschriften des 12. Jahrhunderts vorhanden, die zum Vergleich herangezogen werden können. Es handelt sich dabei um die aus dem Kloster Steinbach stammenden Grabdenkmäler für den 1119 verstorbenen Lorscher Abt Benno sowie für den zwischen 1119 und 1135 verstorbenen Steinbacher Propst Libelinus.1) Die Buchstabenformen der Inschrift für Abt Benno sind kaum mit jenen der Grabplatte Juddas vergleichbar. Die Platte Bennos weist außer einem unzialen E nur kapitale Formen auf. Das A ist allerdings ebenfalls leicht trapetzförmig, trägt jedoch keinen Deckbalken. Der Mittelteil des M reicht etwas unter die Zeilenmitte. Das Denkmal des Libelinus zeigt unziales E und H, bietet aber im übrigen aufgrund seines geringen Buchstabenbestandes kein Vergleichsmaterial. Um zu einem tragfähigen Ergebnis zu kommen, muß deshalb auch ein Vergleich mit Inschriften aus anderen Regionen durchgeführt werden, die für eine engere Datierung der Grabplatte Juddas allerdings nur bedingt aussagefähig sind.

Kaum vergleichbar mit der Inschrift für Judda ist die vor 1132 entstandene Inschrift des JulianaReliefs im Wormser Dom. Sie enthält keine Unzialbuchstaben und weist ein fast spitzes A sowie ein M mit bis zur Grundlinie reichendem Mittelteil auf.2) Dagegen zeigt die Trierer Weiheinschrift aus der Bantuskapelle von 1124 wie die Michelstädter Inschrift einen Wechsel von rundem und eckigem C sowie vergleichbare Formen beim unzialen M und beim O. Das kapitale A ist jedoch noch spitz, und der Mittelteil des M reicht fast bis zur Grundlinie.3) Stärkere Parallelen läßt die Trierer Inschrift mit dem Privileg der Kölner Kaufleute erkennen, die Rüdiger Fuchs mit guten Gründen in die Mitte des 12. Jahrhunderts datiert.4) Vergleichbar sind die dort verwendeten Formen von kapitalem A, M, O und R sowie von unzialem M und U. Auch die um die Mitte des 12. Jahrhunderts entstandene Rechtsinschrift aus St. Peter in Heppenheim zeigt bei den genannten Buchstaben große Ähnlichkeiten. Allerdings fehlt in dieser Inschrift ein U.5) Der Godefridusstein aus St. Peter in Bubenheim (Pfalz) von 1163 besitzt insgesamt einen ähnlichen Duktus. Die Schäfte des kapitalen A stehen oben jedoch weiter auseinander und tragen einen Deckbalken. Das unziale M kommt zudem nur in der linksgeschlossenen Form vor.6) Dasselbe gilt auch für die um 1165 gefertigten Inschriften des Daniel-Reliefs und des Christus-Tympanons im Wormser Dom.7) Die Weiheinschrift der Ostchorkrypta des Trierer Domes von 1196 zeigt bereits deutliche Unterschiede in der Gestaltung der einzelnen Buchstaben und weist aufgrund der ansatzweise vorhandenen Bogenschwellungen einen völlig anderen Schriftduktus auf.8) Die Parallelen zu dem Vergleichsmaterial aus dem 2. Drittel des 12. Jahrhunderts erlauben es, die Inschrift für Judda ebenfalls in diesen Zeitraum einzuordnen. Eine engere Datierung verbietet die regionale Differenzierung des Materials.

Die Verstorbene läßt sich aufgrund der schlechten Quellenlage nicht identifizieren. Der Name Judda oder Jutta ist allerdings für das 12. Jahrhundert zweimal im Codex Laureshamensis bezeugt. In einem Eintrag, der allgemein dem 12. Jahrhundert zugeordnet wird, erscheint eine Stifterin dieses Namens aus Bensheim, und in einem ins Ende des 12. Jahrhunderts datierten Zinsregister aus Hemsbach wird eine Iudda als Tochter eines Friedrich genannt.9)

Textkritischer Apparat

  1. Da die Platte an dieser Stelle stark abgetreten ist, läßt sich nicht entscheiden, ob es sich um ein Majuskel-B oder ein halbunziales b handelt.
  2. HVM(AN)VS Nikitsch.
  3. NO(N) VALIDVS Nikitsch.

Anmerkungen

  1. Vgl. Nrr. 1 f.
  2. DI 29 (Worms) Nr. 18 mit Abb. 7.
  3. Fuchs, Weiheinschriften 34 – 36 mit Abb.
  4. Fuchs, Privileg 58 – 63 mit Abb.
  5. DI 38 (Lkr. Bergstraße) Nr. 13 mit Abb. 15; die Inschrift wird dort in das 3. Viertel des 12. Jahrhunderts datiert.
  6. Böcher, Kunst Nr. 58, 277 f. mit Abb. 142.
  7. DI 29 (Worms) Nr. 21 mit Abb. 8 und Nr. 23 mit Abb. 9.
  8. Fuchs, Weiheinschriften 44 – 46 mit Abb.
  9. Codex Laureshamensis III, Nr. 3813, 260 und Nr. 3819, 265.

Nachweise

  1. Nikitsch, Michelstadt 109, Nr. 13 mit 131 Abb. Taf. 4.

Zitierhinweis:
DI 63, Odenwaldkreis, Nr. 4 (Sebastian Scholz), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di063mz09k0000407.