Inschriftenkatalog: Landkreis Northeim

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 96: Lkr. Northeim (2016)

Nr. 317 Katlenburg, St. Johannes 1650

Beschreibung

Glocke. Bronze. Unterhalb der Schulter der niedrigen Stundenglocke zwischen Lorbeerstäben Inschrift A. Am Schlag zwischen Steg und Stufe ein Rankenornament, unterbrochen von Inschrift B. Beide Inschriften erhaben in leicht vertiefter Zeile gegossen.

Maße: H.: 41 cm; Dm.: 71 cm; Bu.: 3,2 cm (A), 1,8 cm (B).

Schriftart(en): Kapitalis.

DI 96, Nr. 317 - Katlenburg, St. Johannes - 1650

 Akademie der Wissenschaften zu Göttingen (Lara-Sophie Räuschel) [1/4]

  1. A

    GOTT GIB FRIEDE IN DEINEM LANDE GLUCK VND HEIL ZV ALLEM STANDE1)

  2. B

    M(EISTER) LVDOLFF SIEGFRIEDT HAT MICH IN HANNOVER GEGOSSEN ANNO 1650

Versmaß: Deutscher Reimvers (A).

Kommentar

Die gleichmäßigen Buchstaben sind, wie die deutlich erkennbaren rechteckigen Umrisse zeigen, mit Hilfe von Matrizen hergestellt worden. Die Schaft-, Balken- und Bogenenden tragen, wie auch die gerade Cauda des G, keilförmige Sporen; an den Enden der unteren Balken von E und L sind die Sporen hochgebogen, während die kurzen Mittelbalken des E serifenartig abschließen; der obere und untere Balken reichen teilweise nach links über das Schaftende hinaus. Das konische M ist mit kurzem, über der Mittellinie endendem Mittelteil ausgeführt, die Cauda des R und der untere Schrägbalken des K sind geschwungen und spitz zulaufend. Bemerkenswert ist das U, das aus einem ausgeprägten Bogen und davon klar abgesetzten Schaft besteht, der unten nach rechts umgebogen ist.

Martin Luther hatte 1529 die Antiphon Da pacem Domine in deutsche Verse übertragen, die in den folgenden Jahren häufig gedruckt, ergänzt und verändert wurden. In Luthers Übersetzung finden sich auch die als Inschrift A angebrachten Verse, die der Zittauer Organist Andreas Hammerschmidt (1610/11–1675) 1646 neu vertonte.2) Die Anbringung im Jahr 1650 bezieht sich auf den zwei Jahre zuvor geschlossenen Frieden von Münster und Osnabrück, der den Dreißigjährigen Krieg formal beendet hatte, aber erst langsam erfahrbare Realität wurde.3)

Der aus Nienburg stammende Gießer Ludolf Siegfried heiratete 1643 Ilsabe, die Witwe des Stückgießers und Büchsenmachers Johann Meier in Hannover, dessen Werkstatt er mit der Heirat übernahm; er starb 1675.4) Seine frühesten Werke stammen aus den Jahren 1642 und 1643 und sind u. a. in Braunschweig und in Hannover zu finden, wo auch sein einziges Geschütz erhalten ist.5) Im Umkreis Hannovers stammen zahlreiche weitere Glocken aus seiner Werkstatt.6) Das Gebet Luthers in Inschrift A tritt bei der vorliegenden Glocke an die Stelle des Psalmenzitates, das sich sonst auf seinen Glocken findet.7) Noch 1672 goss Ludolf Siegfried eine Glocke für Vahle bei Uslar im Lkr. Northeim.8)

Anmerkungen

  1. Aus Luthers Übertragung des Da pacem Domine von 1529; vgl. Wackernagel, Kirchenlied, Bd. 3, S. 21f.; Bd. 1, S. 391f.
  2. Vgl. die vorige Anm.
  3. Vgl. die Glockeninschrift von 1649 in Braunschweig: DI 56 (Stadt Braunschweig II), Nr. 967. Weitere Friedensinschriften auf anderen Objekten: DI 26 (Stadt Osnabrück), Nr. 309 (1648) u. 314 (1650); DI 58 (Stadt Hildesheim), Nr. 695 (1631!) u. 740 (1650); DI 83 (Lkr. Holzminden), Nr. 260 (1648).
  4. Vgl. Eichler/Poettgen, Handbuch der Stück- und Glockengießer, S. 252. Walter, Glockenkunde, S. 877.
  5. 1642 die Glocken für St. Ägidien und St. Petri in Braunschweig; 1643 eine Glocke für St. Magni in Braunschweig, DI 56 (Stadt Braunschweig II), Nr. 908, 917 u. 924. 1643 auch das Geschütz für Hannover; DI 36 (Stadt Hannover), Nr. 337. 1650 eine Glocke für die Kreuzkirche in Hannover; ebd., Nr. 361.
  6. Weitere Glocken von Ludolf Siegfried, die bis 1650 für Orte in der Region Hannover entstanden sind: 1643 für Arnum, vgl. Kdm. Kreise Hannover und Linden, S. 6; 1643 für Devese, vgl. ebd., S. 12; 1644 für Wülferode, vgl. ebd., S. 49f.; 1645 für Horst, vgl. Kdm. Kreis Neustadt am Rübenberge, S. 60; 1647 für Neustadt am Rübenberge, vgl. ebd., S. 145; 1650 für St. Simon u. Juda in Basse, vgl. ebd., S. 12f.; 1650 für Metel, vgl. ebd., S. 127f.; 1650 zwei Glocken für St. Michaelis in Ronnenberg, vgl. Kdm. Kreise Hannover und Linden, S. 116f. Außerdem 1648 eine Glocke für Sarstedt; vgl. DI 88 (Lkr. Hildesheim), Nr. 422.
  7. Vgl. die vorige Anm.
  8. Glockenkartei der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannovers.

Nachweise

  1. Rokahr, Chronik, S. 28.

Zitierhinweis:
DI 96, Lkr. Northeim, Nr. 317 (Jörg H. Lampe, Christine Wulf), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di096g017k0031709.