Inschriftenkatalog: Landkreis Northeim

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 96: Lkr. Northeim (2016)

Nr. 288 Angerstein, ev.-ref. Kirche 1639

Beschreibung

Glocke. Bronze. Inschrift A verläuft an der Schulter in vier Zeilen zwischen Stegen; darunter ein Fries von hängenden Kreuzblumen an sich überschneidenden Bögen, unterbrochen durch den Namen des Pastors unter der Jahresangabe. Am Ende der Verse sechsstrahlige Sterne. Inschrift B auf dem Schlag unter einem Steg in vertiefter Zeile. Beide Inschriften sind erhaben gegossen. Die Glocke wurde aus dem Vorgängerbau der heutigen Kirche von 1787 übernommen.1)

Maße: H.: 81 cm; Dm.: 75 cm; Bu.: 1,7–1,8 cm.

Schriftart(en): Kapitalis.

DI 96, Nr. 288 - Angerstein, ev.-ref. Kirche - 1639

 Akademie der Wissenschaften zu Göttingen (Jörg Lampe) [1/7]

  1. A

    ZV CHRISTI WORT DIE GANTZE GEMEIN · FORDER ICH MIT SCHALL ZV ANGERSTEIN · · / HERR IESV GIB AN DIESEM ORTTa) · DEN SEGEN ZV DEINM HEILIGN WORTTb) · / DA ZV AVCH FRIEDE VND SELIGKEIT · DIR · SEY · LOB·PREIS · IN EWIGKEIT · · / MICH KAVFT HANS PETER SELIGLICH · MICH DAVID FOBBE GOSS GLVKLICH AN(N)O 1639 / CVNRAD GEILFVS PASTOR

  2. B

    HILL CVRRE SCHVLTZ2) HANS BODE · HANS BAOTTEc) HENNING · ASMVS HANS MARTIN VORSTEHERS

Versmaß: Deutsche Reimverse (A, bis GLVKLICH).

Kommentar

Die mit breitem Strich hergestellte Schrift ähnelt, wie die ganze Ausführung, der im selben Jahr von David Fobben für Hettensen gegossenen Glocke Nr. 287. Im Unterschied zu jener Glocke sind auf der vorliegenden allerdings die Schaft- und Balkenenden von L, E und V sowie die Schrägschäfte des K keilförmig verbreitert. Biographische Angaben zu dem Göttinger Gießer im Kommentar zu der von ihm 1619 für Volpriehausen angefertigten Glocke Nr. 250.

Konrad Geilfuß aus Sontra wurde im November 1615 in Marburg immatrikuliert, wurde also wahrscheinlich kurz vor 1600 geboren.3) Von 1627 bis 1632/33 dürfte er Pfarrer im ebenfalls zur Herrschaft Plesse gehörigen Sattenhausen (Lkr. Göttingen) gewesen sein.4) Von 1633 an war er (bis 1662?) Pastor in Bovenden mit Zuständigkeit auch für Angerstein.5) Sein Sohn (Johann) Conrad Geilfuß wurde 1645 in Kassel (an der dort von 1633 bis 1652 kurzfristig existierenden Universität) immatrikuliert;6) er amtierte ab 1655 als Pfarrer im hessischen Rockensüß, anschließend war er (und nicht der Vater) bis zu seinem Tod 1672 zweiter Pfarrer und Kaplan in der Altstädter Gemeinde von Eschwege.7)

Die Familien der 1639 amtierenden Vorsteher Kurre, Bode und Marten(s) lebten sowohl 1578 wie auch noch 1680 in Angerstein, die Familie Asmus zumindest 1680.8) Der mit SELIGLICH als zum Zeitpunkt des Gusses bereits als verstorben bezeichnete Hans Peter, der die Glocke vermutlich testamentarisch gestiftet hatte, stammte wohl nicht aus dem Ort. Der Familienname taucht weder 1578 noch 1680 in den Listen auf; möglicherweise war er im Dreißigjährigen Krieg nach Angerstein gekommen und vermögend geworden.9)

Textkritischer Apparat

  1. ORTT] Am Ende war ursprünglich ein E aufgesetzt; vor dem Guss wurden der mittlere und der untere Balken, von denen nur ein Abdruck bleibt, entfernt, um ein zweites T zu erzeugen. Ebenso am zugehörigen Reimwort; vgl. die folgende Anm.
  2. WORTT] Zur Veränderung des ursprünglich aufgesetzten E in das zweite T vgl. die vorige Anm.
  3. BAOTTE] Am Schlag an dieser Stelle ein größerer Schaden, der bereits in der Form bestand oder beim Guss aufgetreten ist; die ersten drei Buchstaben infolgedessen nicht erhaben.

Anmerkungen

  1. Angerstein, S. 113.
  2. D. h. Schultheiß.
  3. Matrikel Marburg, S. 89: Conradus Gelfusius Sontranus, am 10. November 1615. Sippel, Sippenbuch der Stadt Sontra, S. 156 (ND, S. 171), Nr. 848. Als Vater werden genannt Bernhard (gest. vor 1627), als Großvater Rabe Geilfuß (ca. 1537–1617); ebd., Nr. 845 u. 843.
  4. Ebd., Nr. 848. Die Chronik Sattenhausen [o. O., o. J.], S. 17, führt Geilfuß („aus Sontra“) von 1630 bis 1635 als Pastor. Nicht erwähnt von Meyer, Pastoren, Bd. 2, S. 341.
  5. Laut der Angersteiner Chronik dauerte die Amtszeit bis 1662; Angerstein, S. 119. Sippel führt ihn, ohne Belege, bis ca. 1655; Sippel, Sippenbuch der Stadt Sontra, Nr. 848. Meyer nennt Geilfuß in Bovenden nur ungenau mit „um 1648“; Meyer, Pastoren, Bd. 1, S. 117.
  6. Wilhelm Falckenheiner, Die Annalen und die Matrikel der Universität Kassel, in: Zeitschrift des Vereins für hessische Geschichte und Landeskunde, N. F. 18, 1893, S. 190–326, hier S. 300: Johannes Cunradus Geilfues Dattenhusanus Hassus (21. April 1645); der Zusatz Hassus zeigt, dass es sich dabei nicht um Dattenhausen in Bayerisch-Schwaben handeln kann, sondern dass der Ortsname aus Sattenhusanus verlesen oder verschrieben wurde.
  7. Nach dem Pfarrerbuch des Kirchenkreises Eschwege amtierte Conrad Geilfuß [d. J.] vom März 1662 bis zu seinem Tod 1672 in Eschwege; Pfarrerbuch Kirchenkreis Eschwege, zusammengestellt von Gottfried Ruetz (Mskr. 1950); frdl. Auskunft von Thomas Gothe (Landeskirchliches Archiv Kassel), Az. 43.2 – Go (Mail vom 9. 12. 2014). Wilm Sippel zufolge wechselte er erst 1667 von Rockensüß nach Eschwege; Sippel, Sippenbuch der Stadt Sontra, S. 156f. (ND, S. 171f.), Nr. 849.
  8. Karl-Heinz Bernotat, Die Bevölkerung der ehem. Herrschaft Plesse am Ende des 16. u. 17. Jahrhunderts, in: Plesse-Archiv 3, 1968, S. 85–95, hier S. 90f. Danach auch Angerstein, S. 11–13.
  9. Vgl. auch Christ, Angersteiner Kirchenglocke (wie Quellenzeile), S. 12.

Nachweise

  1. Mithoff, Kdm. Göttingen und Grubenhagen, S. 7 (nur erwähnt).
  2. Angerstein, S. 113.
  3. E. R. Christ, Die Angersteiner Kirchenglocke, in: Nörten-Hardenberg. Mitteilungsblatt der Fleckengemeinde Nörten-Hardenberg, Nr. 52, 16.12.2004, S. 12.

Zitierhinweis:
DI 96, Lkr. Northeim, Nr. 288 (Jörg H. Lampe, Christine Wulf), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di096g017k0028800.