Inschriftenkatalog: Landkreis Northeim

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 96: Lkr. Northeim (2016)

Nr. 276 Northeim, St. Sixti 1635

Beschreibung

Gemälde mit der Darstellung des Pastors Barthold Viselius als Ganzfigur. Öl auf Holz. Das ehemals im Chor der St.-Sixti-Kirche befindliche Bild wurde im Zuge der Renovierung von 1845/46 entfernt und in der Hieronymus-Kapelle gelagert. Von 1913 bis etwa 1970 befand es sich im Besitz des Museums und wurde in der ehemaligen Kapelle St. Fabian und Sebastian am Markt ausgestellt.1) Zur Zeit der Aufnahme (2014) hing es im Bibliotheksraum über der Hieronymus-Kapelle. Viselius ist als Prediger im schwarzen Talar mit weißem Kargen dargestellt, in den Händen hält er eine hell eingebundene Bibel. Der an den Ecken und auf der Mitte der Seiten mit einem weißen Muster verzierte, schwarze Rahmen wird oben von einem flachen Gesims mit Zahnschnittfries abgeschlossen. Die hell auf dunklerem Hintergrund gemalte Inschrift beginnt über dem Kopf des Dargestellten; eine rote Hand mit ausgestrecktem Zeigefinger weist auf die in zwei Kolumnen auf einem angedeuteten Sockel gemalte Fortsetzung zu den Füßen. Die Inschrift wird durch eine nach oben weisende Hand vor den beiden letzten, zentriert unter den Kolumnen angeordneten Wörtern abgeschlossen.

Maße: H.: ca. 250 cm; B.: 110 cm; Bu.: 1,8 cm (über dem Kopf), 1,4 cm.

Schriftart(en): Humanistische Minuskel mit Versalien.

DI 96, Nr. 276 - Northeim, St. Sixti - 1635

 Akademie der Wissenschaften zu Göttingen (Jörg Lampe) [1/2]

  1. Sed quid? Sideribus mediis huic sistitur ara / Extitit hic Miles, rite triumphat ibia) : / Eheu quam varijs sors casibus omnia mutat / Deflent Doctorum chara sepulchra virum / Dimidium s[ec]lib) vix transit ouile lugubres / Pastorum hoc abitus bis ferê quinq(ue) tulit / Quos inter fuerit siquidem postremus in annis / Viselius, tamen, huic pharmaca grata gregi : / Vir pietate gravis, medijs sublatus in annis / Morte hac aut qvicquam tristius esse potest? / Sed quidc) :

Übersetzung:

Aber was? Mitten unter den Sternen wird diesem ein Grabmal gesetzt; hier war er ein Soldat (des Glaubens), rechtens triumphiert er dort.

Wehe, mit welch wechselhaften Zufällen verändert das Schicksal alles! Sie beweinen die lieben Grabmäler ihrer gelehrten Männer. Kaum die Hälfte eines Jahrhunderts ist vergangen, dass die Herde fast zweimal fünf trauervolle Abgänge der Hirten ertrug. Unter ihnen war, wenn auch der letzte in den Jahren, Viselius, gleichwohl für diese Herde erwünschtes Heilmittel. Ein Mann von Frömmigkeit und Würde, wurde er mitten in seinen Jahren dahingerafft durch diesen Tod. Oder kann es etwas Traurigeres geben? Doch was?

Versmaß: Elegische Distichen.

Kommentar

Die humanistische Minuskel zeichnet sich durch eine reduzierte, schlichte Form aus, die von der Fraktur beeinflusst zu sein scheint. Die Schäfte sind unten nicht ganz gerade abgeschnitten, die Unterlänge des g ist als Schlaufe unter das Mittelband gezogen. Ein unsystematischer Wechsel von rundem und geschwungenem Schaft-s findet statt, dessen Unterlängen, wie die des f, unter die Grundlinie reichen. Über u stehen diakritische Zeichen. Als Schmuckelemente finden sich Bögen über der Oberlänge des h sowie nach links gerichtete Zierhäkchen an den Oberlängen von b und d, nach rechts gerichtete an den Unterlängen von p und q.

Bild und Rahmen zeichnet eine gewisse Nähe zu dem Bildnis des Johannes Arend (Nr. 209) aus, wenngleich der hier barhäuptig Dargestellte etwas weniger Strenge als sein Vorgänger ausstrahlt. Die ‚fast zweimal fünf trauervollen Abgänge der Hirten‘ beziehen sich auf die Wechsel in der ersten und zweiten Pfarrstelle an St. Sixti seit 1585: Auf Heinrich Rust (amtierte 1584/85) folgten Johann Arend (1585–1603), Johann Goldschmidt (1603–1612), Peter Kasten (1596/1612–1625), Carl Oeding (1617/25–1632) und Johannes Kleinschmidt (1632); bis auf Oeding, der nach Duderstadt wechselte, starben alle im Amt, Kleinschmidt nach nur 20 Tagen. Als Inhaber der zweiten Pfarrstelle sind – sofern sie nicht in die erste aufstiegen – zu nennen: Johann Riepkogel (1566–1596), Christoph Schachtenbeck (1613–1617), der Hofprediger in Halberstadt wurde, sowie David Ahlshausen (1625/26), gestorben an der Pest.2)

Der Vater von Barthold Viselius war wahrscheinlich Johann Fiesel aus Osterode, der von 1597 bis 1636 Pastor in Nienstedt bei Osterode war.3) (Ernst) Barthold Viselius, der vermutlich 1595/96 geboren wurde, wurde am 10. März 1613 in Helmstedt immatrikuliert.4) Von 1624 bis 1632 amtierte er als Pastor in Ellensen, von 1625 bis 1629 vertrat er zusätzlich den infolge der Kriegsereignisse geflohenen Stelleninhaber in Lüthorst; während der Belagerung Einbecks (1631/32) aus dem nahe gelegenen Ellensen vertrieben, flüchtete er zunächst auf die Erichsburg5) und schließlich nach Nienstedt.6) Am 3. Juli 1632 wurde Barthold Viselius zum Pfarrer in Northeim bestellt. Er starb 1635.7) Seine Tochter Dorothea Catharina heiratete 1650 Johann Reinemann, Pastor in Sudershausen.8)

Der Barthold Viselius oder Viseldey in der Literatur zugeschriebene Beiname „Schmidt“9) beruht nicht auf zeitgenössischen Quellen, sondern auf einer missverständlichen Bemerkung bei Friese: „Die Nachkommen des [Barthold] Viseldeck sind adoptirt worden und nehmen den Zunahmen Schmidt an.“10) Tatsächlich aber hat eine Pastoren- und Beamtenfamilie Schmidt, die aus Alfeld nach Northeim gekommen war, seit den 1760er Jahren den Nachnamen Viseldeck dem ihren angefügt. Der aus Alfeld stammende Theodor Schmidt (1625–1692) amtierte von 1658/60 bis 1692 als Pastor in Northeim, sein Sohn Heinrich Christian Schmidt (1674–1702) war von 1700 bis 1702 dort zweiter Prediger.11) Erst dessen Enkel Christoph (1740–1801), der Sohn des Northeimer Kämmerers Christoph Wichmann Conrad Schmidt (1702–1743), nannte sich – schon in seiner Dissertation von 1764 – Schmidt-Phiseldeck; 1789 wurde er von Kaiser Joseph II. in den Adelsstand erhoben.12) Die Adoptionsgeschichte wurde in der Familie offenbar erfunden, um ihre Besonderheit gegenüber anderen Trägern des Namens „Schmidt“ hervorzuheben.13)

Textkritischer Apparat

  1. mediis … ibi] Fehlt Friese, Auslassungszeichen.
  2. s[ec]li] Befund: sv:cli, c kleiner und hochgestellt, über dem c ein Zirkumflex, der die Kontraktion kenntlich macht; secli Friese, Hueg. Vermutlich fehlrestauriert.
  3. Sed quid] Bei Friese an den Anfang der zweiten Kolumne vor Quos inter gesetzt.

Anmerkungen

  1. Hueg, Leichensteine, S. 94. Vennigerholz, Beschreibung, Bd. 2, S. 82. Weigand, Raum, S. 19. Behrens, Heimatmuseum, S. 77.
  2. Vgl. Vennigerholz, Beschreibung, Bd. 2, S. 207f. Meyer, Pastoren, Bd. 2, S. 209. [Jörns], Pastoren, S. 51f.
  3. Meyer, Pastoren, Bd. 2, S. 199. Johann Fiselius Osterodensis wird am 16. Februar 1586 in Helmstedt immatrikuliert und am 5. November 1596 zum Pastor in Nienstedt und Förste bestellt; Matrikel Helmstedt, S. 57, Nr. 77. Jörns identifiziert ihn als Vater des B. Viselius; [Jörns], Pastoren, S. 55. Ebenso Volquarts, Schmidt, S. 135, der eine Liste der zwischen 1599 und 1617 in Nienstedt geborenen neun Kinder des Johann Fiesel anfügt, der Geschwister des Barthold Viselius, für den er kein Geburtsdatum nennt. Barthold Viselius dürfte daher nicht lange vor dem Amtsantritt des Vaters in Nienstedt geboren sein. Hans Viseldey, wohl ein Vetter des Barthold Viselius, war 1627 Besitzer eines Brauhauses in Northeim; Volquarts, Schmidt, S. 135. Hans Viseldey war Kaufgildemeister; Hueg, Sturmzeit, S. 158; vgl. auch S. 108, 114 u. 162. Dagegen bezeichnet Friese den Pastor in Nienstedt als „Vetter“ des Barthold Viselius; Friese, Andeutungen, 1840, S. 391.
  4. Bartoldus Veselius Osterodensis; vgl. Matrikel Helmstedt, S. 228, Nr. 79.
  5. Vgl. Meyer, Pastoren, Bd. 1, S. 249 (Ellensen) u. Bd. 2, S. 113 (Lüthorst); das für Ellensen genannte Enddatum 1633 ist falsch, vermutlich erschlossen aus dem Amtsantritt des Nachfolgers.
  6. Friese, Andeutungen, 1840, S. 391.
  7. Vgl. Vennigerholz, Beschreibung, Bd. 2, S. 209. Meyer, Pastoren, Bd. 2, S. 209. [Jörns], Pastoren, S. 55.
  8. Volquarts, Schmidt, S. 135.
  9. Vennigerholz, Beschreibung, Bd. 2, S. 209. Meyer, Pastoren, Bd. 2, S. 209. [Jörns], Pastoren, S. 55. Volquarts, Schmidt, S. 7, 18f. u. 113–117.
  10. Friese, Andeutungen, 1840, S. 391.
  11. Vgl. Friese, Andeutungen, 1840, S. 391f. ADB, Bd. 32, 1891, S. 19f. (P. Zimmermann).
  12. Dazu und zur Familie (von) Schmidt-Phiseldeck vgl. Volquarts, Schmidt, S. 134–149.
  13. Volquarts ist es trotz jahrelanger Bemühungen nicht gelungen, eine Spur der Adoption zu finden; ebd., S. 134–136. Ein anderer Zweig der Familie Schmidt sicherte sich etwa zur selben Zeit (1782) unter Berufung auf eine konstruierte Abstammung das Adelsprädikat Schmidt von Leda gen. von Hattenstein; ebd., S. 13f. u. 120–123.

Nachweise

  1. Hueg, Leichensteine, S. 94f.
  2. Friese, Andeutungen, 1840, S. 391.
  3. [Jörns], Pastoren, S. 66 u. 54 (Abb.).

Zitierhinweis:
DI 96, Lkr. Northeim, Nr. 276 (Jörg H. Lampe, Christine Wulf), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di096g017k0027607.