Inschriftenkatalog: Landkreis Northeim

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 96: Lkr. Northeim (2016)

Nr. 258 Uslar, Heimatmuseum 1625

Beschreibung

Grabplatte für Heinrich Rotermund d. J. Stein. Der vorliegende und zwei weitere Steine, die heute ebenfalls an der Hofmauer angebracht sind, wurden um 1952 bei Straßenerweiterungsarbeiten vor dem Isertor gefunden. Sie stammen vermutlich von dem dortigen früheren Friedhof, der bei der 1790 abgebrochenen Marienkapelle lag.1) Die umlaufende Inschrift A wird unter dem Ende der letzten Zeile in kleineren Buchstaben fortgeführt. Im Inneren im oberen Drittel die Elternwappen, darunter die zentriert angeordnete Inschrift B. Beide Inschriften erhaben in vertiefter Zeile. Die Grabplatte einer Schwester des Verstorbenen ist links von dieser angebracht; vgl. Nr. 252.

Maße: H.: 149,5 cm; B.: 85 cm; Bu.: 8 (A), 3,8 cm (A, Schluss), 5,5 cm (B).

Schriftart(en): Kapitalis.

DI 96, Nr. 258 - Uslar, Heimatmuseum - 1625

 Akademie der Wissenschaften zu Göttingen (Julia Zech) [1/2]

  1. A

    ANNO 1625 DEN 25 / IANVARII MORGENS VMB 5 VHR IST / HENRICVS ROTEER/MVNDTa) IVNIOR IN GODT SELICH ENTSCH//LAFFENb)

  2. B

    MORS MORTIS MORTI / MORTEM MORS MORTE2) / REDEMIT · / NON AMISIMVS SED PRAE/MISIMVS3) · / QVI MORITVR ANTE:QVAMc) / MORITVR NON · / MORITVR QVANDO / MORITVR4)

Übersetzung:

Der Tod des Todes (Christus) hat durch seinen Tod dem Tod den Tod, o Tod, abgekauft. Wir haben (den bzw. die Toten) nicht verloren, sondern nur vorausgeschickt. Wer „stirbt“, bevor er (tatsächlich) stirbt, stirbt nicht, wenn er (physisch) stirbt. (B)

Versmaß: Hexameter (MORS … REDEMIT).

Wappen:
Rotermund5)?6)

Kommentar

Die Linksschäfte sind häufig leicht gebogen, vor allem wenn sie sich an die Rundung des vorhergehenden Buchstabens anpassen. Die geschwungene Cauda des R setzt außen am Bogen an und läuft spitz zu. Der Mittelteil des konischen M endet weit über der Mittellinie, O ist spitzoval. Neben der bogenförmigen 1 und spitzen 2 eine 6, bei der der geschlossene Bogen sehr weit nach oben gezogen und das offene Bogenende geschwungen gestaltet ist. Der Deckbalken der schrägliegenden 5 ist durchgebogen.

Inschrift B verbindet drei Elemente: An erster Stelle steht ein spätestens seit dem frühen 14. Jahrhundert mit wechselnden Verben am Ende belegter, alle Kasus von mors einschließlich des Vokativs aneinanderreihender Hexameter,7) der seit Martin Luther zum Ausdruck des Sieges über den Tod durch den Tod Christi am Kreuz geworden ist – und als solcher bereits 1552 in einen mitteldeutschen Katechismus Eingang gefunden hat.8) Darauf folgt ein Trostwort, das vor allem durch Augustinus bekannt wurde, das aber sinngemäß auch bei anderen Kirchenvätern und bereits bei Seneca vorkommt und das lutherische Autoren wie Johannes Gerhard zu Anfang des 17. Jahrhunderts zitieren.9) Schließlich hat der Verfasser einen die beiden Zitate inhaltlich verbindenden Schluss hinzugefügt, der sprachlich durch die viermalige Verwendung der Form moritur auffällt und sich damit an den ersten Teil anlehnt. Gemeint ist wohl, dass derjenige, der bereits zu Lebzeiten das weltliche Leben verachtet und dafür Christus nacheifert („Christus lebt“), keinen eigentlichen Tod erleidet, wenn er physisch stirbt, weil er durch das ewige Leben belohnt wird.10)

Der Friedhof vor dem Isertor wurde von den Stadteinwohnern genutzt, weil Herzog Erich II. für den Bau des Schlosses Freudenthal den Kirchhof bei St. Johannis hatte aufheben lassen.11) Heinrich Rotermund war von 1620 bis 1627 Amtmann in Uslar; vgl. Nr. 252.

Textkritischer Apparat

  1. ROTEER/MV NDT] Die Verdoppelung des E vermutlich aufgrund eines Haufehlers.
  2. ENTSCH//LAFFEN] Das erste N auf dem Rahmen kleiner nachgetragen.
  3. ANTE:QVAM] QVAM kleiner am rechten Rand über der Zeile nachgehauen.

Anmerkungen

  1. Vgl. Hahn, Grabsteine, S. 25.
  2. In der Form Mors mortis morti mortem mors morte redegit findet sich die Inschrift auf einer Grabplatte in Westerhusen bei Emden; Mithoff, Kdm. Ostfriesland, S. 198. Belege mit anderer Fortsetzung bei Walther, Proverbia, Bd. II/2, S. 936, Nr. 15178c–d und 15179. Der biblische Hintergrund bei Hosea (Os.) 13,14: ero mors tua o mors („Tod ich will dir der Tod sein“). Mors mortis morti mortem, mors, morte, resolvit: Als sprichwörtliche Zusammenfassung der christlichen Lehre verzeichnet bei Lautenbach, Latein – Deutsch: Zitaten-Lexikon, S. 472.
  3. Bis in die Antike (Seneca, Ad Marciam 19,1) zurückgehendes Trostwort; vgl. bes. Augustinus, im Brief an eine Witwe 92,1: migrantes non amisimus, sed praemisimus, in: Augustinus, Epistulae, S. 437. Auch bei Ambrosius: non enim amitti, sed praemitti videntur; De excessu fratris 1,71, in: Ambrosius, Opera, Bd. 7, S. 246. Vgl. Moos, Consolatio. Testimonienband, Nr. 1495–1506.
  4. Auch auf dem Grabdenkmal eines 1684 jung gestorbenen Mediziners in St. Pieter in Leiden; Theodoor Jansson ab Almeloveen, Collectio monumentorum rerumque maxime insignium Belgii faederati (!), (…), Amsterdam 1684, S. 104. Leicht abgewandelt auf dem Epitaph des 1675 mit 81 Jahren gestorbenen Juristen Sir Edwin Rich in St. Mary Magdalene in Mulbarton, Norfolk (GB): QVI MORITVR, ANTEQVAM MORITVR, NON MORITVR, POSTQVAM MORITVR; Edmund Farrer, The Church Heraldry of Norfolk: A Description of All Coats of Arms on Brassses, Monuments, Slabs, Hatchments, etc. Now to be Found in the County, vol. 1, Norwich 1887, S. 178 (mit Abb. danach). – Beruhend auf Augustinus’ Auslegung von Ps. 30,7?: Odisti obseruantes uanitatem superuacue. Quis obseruat uanitatem? Qui timendo mori moritur. Timendo enim mori mentitur, et moritur antequam moriatur, qui ideo mentiebatur ut uiueret. Mentiri uis, ne moriaris; et mentiris, et moreris; et cum uitas unam mortem quam differre poteris, auferre non poteris, incidis in duas, ut prius in anima, postea in corpore moriaris. Augustinus, Enarratio II in Psalmum XXX, Sermo I.12, in: Avrelii Avgvstini Opera Pars X, 1, Turnhout 1956 (CCSL 38), S. 199.
  5. Wappen Rotermund (Herz, hinterlegt von zwei ins Andreaskreuz gestellten Wolfsangeln und einem waagerecht von heraldisch rechts nach links gerichteten Pfeil [H6]).
  6. Wappen ? (über einer Hausmarke [H8] drei Blumen, aus einem waagerechten Ast wachsend); Helmzier: die Hausmarke. Vgl. Nr. 252, mit der abweichend ausgeführten Hausmarke H7 und abweichender Helmzier. Das Wappen gleicht im Aufbau dem Wappen Lüdemann (Nr. 293); allerdings ist dort die Hausmarke (H9) anders; als Hemzier dort die drei Blumen.
  7. Bereits Anfang des 14. Jahrhunderts als Teil der selbstverfassten Grabinschrift des Paduaner Frühhumanisten Lovato Lovati (1240–1309); Valerio Zaramella, Iscrizioni della città di Padova, Padova 1997, S. 459: Mors mortis morti mortem si morte dedisset / Hic foret in terris aut integer astra petisset /sed quia dissolvi fuerat sic iuncta necesse / ossa tenet saxum proprio mens gaudet in esse. V(ivo) f(acio) oder f(ecit). Weitere Nachweise in Anm. 2.
  8. Vgl. Ebeling, Des Todes Tod, S. 633f. Der Katechismus des Leonhard Jacobi von 1552 zitiert das im Spätmittelalter bekannte Distichon: Mors, mortis, morti, mortem, ni morte dedisset / Coelorum nobis ianua clausa foret; vgl. Reu, Mitteldeutsche Katechismen, S. 420.
  9. Johannes Gerhards Consolatio in morte amicorum, in: Gerhard, Meditationes Sacrae, S. 239. Ders., Enchiridion consolatorium, S. 98.
  10. Für Hilfe bei der Übersetzung und Interpretation danke ich Fidel Rädle, Göttingen.
  11. Vgl. Hahn, Grabsteine, S. 25.

Nachweise

  1. Hahn, Grabsteine, S. 27f., mit Abb.

Zitierhinweis:
DI 96, Lkr. Northeim, Nr. 258 (Jörg H. Lampe, Christine Wulf), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di096g017k0025809.