Inschriftenkatalog: Landkreis Northeim

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 96: Lkr. Northeim (2016)

Nr. 251 Bad Gandersheim, St. Georg 1620

Beschreibung

Epitaph für Jakob German. Stein. Zwei durch ein Gesims getrennte rechteckige Platten auf einem hohen Sockel, über einem weiteren Gesims ein dreifacher Volutengiebel. Auf dem mittleren Giebelfeld ein Flügelkopf, auf dem unteren Inschrift A, erhaben in vertiefter Zeile, mit I-Punkten über der Zeile. Auf der oberen Platte, unter einem Kruzifix mit der Inschrift B, die Familie des Verstorbenen. Dargestellt sind, kniend in langen, faltenreichen Gewändern und mit zum Gebet erhobenen Händen, links neun männliche, rechts sechs weibliche Personen, zehn davon durch Kreuze als verstorben gekennzeichnet, darunter Jakob German und sieben seiner Söhne. Unter der Darstellung Inschrift C. Auf der mittleren Platte Inschrift D, das untere Drittel ist durch aufsteigende Feuchtigkeit beeinträchtigt, die letzten drei Zeilen durch Abplatzungen fast vollständig ausgelöscht. Auf dem breiteren Sockelfeld die fünfzeilige Inschrift E mit den Angaben zum Verstorbenen, fast völlig durch Abplatzungen zerstört; nur an den Zeilenanfängen links sind jeweils einige Buchstaben zu erkennen. Die Inschriften B bis E erhaben im vertieften Feld.

Maße: H.: 370 cm (gesamt), 39 cm (Sockelplatte), 81 cm (mittlere Platte), 88,5 cm (obere Platte); B.: 112 cm (Gesims), 103,5 cm (Sockelplatte), 89,5 cm (mittlere Platte), 88,5 cm (obere Platte); Bu.: 4,5 cm (A), 0,8 cm (B), 2,5–3,0 cm (C), 2,7 cm (D, E).

Schriftart(en): Kapitalis (A, B), Fraktur (C, D, E).

DI 96, Nr. 251 - Bad Gandersheim, St. Georg - 1620

 Akademie der Wissenschaften zu Göttingen (Julia Zech) [1/3]

  1. A

    HODIE MICHI / CRAS TIBI .1)

  2. B

    I(ESVS) N(AZARENVS) R(EX) I(VDAEORVM)2)

  3. C

    vndt der Herr Herr. wirdt die Threnen von / allen Angesichten. abwisschen vndt wird / Avffheben die schmach seines volckes in all(e)n / landen den der herr hatts gesaget . Esaia. am. 25 :3)

  4. D

    Aber vns Herr. wirstv Friede schaffen den. alles wa(s) / wier. ausrichten. das hast du vns. gegeben:4) / Herr wen Trvbsall. da ist so svchet man dich wen: / dv sie züchtigest so rvffen sie. engestiglich: / Geleich wie eine schwangere wen sie schier ge=/beren. soll. so ist ihr angestschreÿet. in ihren : / schmerzen. so gehets vns avch Herr Fvr : / deinem angesichte :5) / Aber deine Toden werden leben vndt mit / dem Leichnahm [avfferstehen]6) / Gehe hin [mein Volck in eine K]ammer vnd: / schl[eus die Thür nach dir zu verbirge d]ich / ein [klein Augenblick bis der Zorn fur vber gehe]a)7)

  5. E

    Anno 16[. .] [– – –] / [v]ndt [v– – –] / [.]or[k]b) · a[n– – –] / [D]e[n f….]asso [– – –] / J[n – – –]seli[– – –]

Übersetzung:

Heute mir, morgen dir. (A)

Kommentar

Bemerkenswert an der Kapitalis von Inschrift A sind die runden Punkte über dem I; O ist spitzoval mit leichter Bogenschwellung, die geschwungene Cauda des R läuft spitz zu. Die Fraktur zeigt eine bemerkenswerte Gestalt, die sich durch ausgeprägte Brechungen, einen als Haarstrich ausgeführten kleinen Bogen am e sowie die besondere Form von ff auszeichnet, bei der die Oberlänge des rechten Buchstabens geschwungen über die Oberlänge des linken zurückgeführt wird.

Jacob German (Gehrmann) hinterließ der St.-Georg-Kirche 20 Gulden, wie die Kirchenrechnung von 1620 ausweist; der Witwe wurde im selben Jahr die Errichtung des Epitaphs gestattet.8) Der Schwarzfärber Jakob German hatte 1595 das Haus Moritzstraße Nr. 38 erworben und 1605 ein weiteres Gebäude im Steinweg Nr. 42, in dem er offenbar wohnte; 1612 wurde er Ratsherr. Die Witwe Anna Behm (Böhme) heiratete 1623 in zweiter Ehe den Schwarzfärber und Ratsherrn Heinrich Wienecken, der 1630 vermutlich tot war.9)

Aufbau, Gestaltung und Schrift – genannt seien nur die I-Punkte oder das Versal-G der Fraktur – zeigen eine große Nähe zu einem ein Jahr später entstandenen Epitaph im etwa 10 km südlich gelegenen Kalefeld (Nr. 254). Auch das ähnlich aufgebaute Epitaph für den Amtmann Johannes Freudenhammer im knapp 20 km nördlich von Gandersheim gelegenen Adenstedt (Lkr. Hildesheim) aus dem Jahr 1617 stammt aus derselben Werkstatt.10)

Textkritischer Apparat

  1. Gehe hin …] Ergänzungen nach dem Text der Luther-Bibel von 1545.
  2. [.]or[k]] Statt k ist auch die Lesung h möglich; die links abgeschrägte Spitze des Schaftes und ein Quadrangel oder Bogenansatz sind zu erkennen.

Anmerkungen

  1. Vgl. Walther, Proverbia, Bd. II/2, S. 343 (Nr. 11085a). Zajic, Grabdenkmäler, S. 306.
  2. Io. 19,19.
  3. Jes. 25,8.
  4. Jes. 26,12.
  5. Jes. 26,16–17.
  6. Jes. 26,19.
  7. Jes. 26,20.
  8. Kronenberg, Grabmale, S. 115. Ein wesentlich größeres Kapital, insgesamt 8.300 Mariengulden, hatten Jakob German und seine Frau Anna Böhme zwischen 1615 und 1620 bei der Stadt Northeim in fünf Anleihen hinterlegt; die Zinsen sollten den Kindern und Nachkommen des Paares zugutekommen, beim Aussterben der Familie der Kirche, der Schule und Armen in Northeim; Vennigerholz, Beschreibung, Bd. 2, S. 198.
  9. Kronenberg, Häuserchronik, S. 33 u. 181.
  10. Vgl. DI 88 (Lkr. Hildesheim), Nr. 338 (mit Abb. 163 u. 164).

Nachweise

  1. Kdm. Kreis Gandersheim, S. 198 (A).
  2. Kronenberg, Grabmale, S. 114 (A) mit Tafel I u. III.
  3. Kronenberg, Chronik, S. 83 (Abb.).
  4. A. Kronenberg, Sankt Georg, S. 19 (ohne Inschriften).
  5. A. Kronenberg, Grabdenkmäler, S. 11 (A).

Zitierhinweis:
DI 96, Lkr. Northeim, Nr. 251 (Jörg H. Lampe, Christine Wulf), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di096g017k0025103.