Inschriftenkatalog: Landkreis Northeim

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 96: Lkr. Northeim (2016)

Nr. 224 Katlenburg-Duhm, Friedhofskapelle 1609

Beschreibung

Grabplatte für einen Pastor. Stein. Die sich von oben nach unten verjüngende Platte ist rechts neben dem Altar an der Wand angebracht. Um den Stein umlaufend die erhaben in vertiefter Zeile gehauene Inschrift A; rechts sind oben und unten Teile ausgebrochen, die untere Schmalseite mit dem Nachnamen ist abgeschlagen. Im Innenraum in einer von einem Renaissancebogen mit Bossensteinen und Beschlagwerk gerahmten Nische ist der bärtige Verstorbene mit Mühlsteinkragen und Mantel als Brustbild abgebildet; die vor der Brust zusammengelegten Hände halten ein Buch. Vor seinem Bauch auf einem von Rollwerk gerahmten Feld die erhaben in vertieften Zeilen gehauene Inschrift B; zwischen den Zeilen Stege. In den Zwickeln oben jeweils ein geflügelter Putto. Im unteren Drittel zwischen Rollwerk zwei Vollwappen, vermutlich die des Pastors und seiner Ehefrau.

Maße: H.: 140 cm; B.: 80–100 cm; Bu.: 5 cm (A), 3,2 cm (B).

Schriftart(en): Kapitalis mit Minuskel-e.

DI 96, Nr. 224 - Katlenburg-Duhm, Friedhofskapelle - 1609

 Akademie der Wissenschaften zu Göttingen (Lara-Sophie Räuschel) [1/2]

  1. A

    ANNO · 16·0·9 2 · MAY OBYT I[N] / […]1) [F]OEL[I]CITER · HO[N]ORABILIS · DOMIN(VS) · [IOHAN.ES]a) [– – –] / [– – –] / [– – –] AE(TATIS) · 66 · CVIVS · ANIMA · REQVIESCAT · IN · PACe

  2. B

    IOAN · AM · 1 · CAP / DAS · BLVT · IHESV / CHRISTI · MACHET / VNS · REIN · VON / ALLEN · SVNDEN2)

Übersetzung:

Im Jahr 1609 (am) 2. Mai starb glücklich in (Gott) der ehrbare Herr Johannes (…) im Alter von 66 Jahren, dessen Seele in Frieden ruhe. (A)

Wappen:
Stubendorf?3)?4)

Kommentar

Bemerkenswert an der Schrift ist das offene D. Die Cauda des R ist geschwungen und spitz zulaufend, die bogenförmige Cauda des Q setzt im Inneren des Buchstabens am rechten Bogen an und endet außerhalb mit einer keilförmigen Verbreiterung. Die 1 ist bogenförmig, die 2 Z-förmig.

Darstellung und Epitheta (honorabilis dominus) des Verstorbenen wie auch das Pelikan-Wappen deuten darauf hin, dass es sich bei diesem um einen Geistlichen handelt.5) Eine Identifikation ist unsicher. Da 1609 Sigismund Bergius auf Melchior Stubendorf als Pastor folgte, könnte der Letztere der Verstorbene sein – falls er Johannes als ersten Vornamen getragen haben sollte. Stubendorf, der Literatur zufolge geboren um 1539 in Halle, wurde 1576 von Herzog Wolfgang von Braunschweig-Grubenhagen aus Goslar als zweiter Prediger nach St. Ägidien in Osterode berufen.6) Durch scharfe Äußerungen machte er sich Rat und Bürgerschaft zum Feind, so dass ihn der Herzog 1584 als Hofprediger nach Katlenburg versetzte.7) 1609 war er alt und erblindet.8) Das Geburtsjahr wäre dann der Inschrift zufolge auf 1542/44 zu korrigieren.

Die heutige Friedhofskapelle wurde 1558 durch Herzog Philipp von Grubenhagen erbaut;9) sie kann also 1609 als Begräbnisort gedient haben.

Textkritischer Apparat

  1. [IOHAN.ES]] Von fast allen Buchstaben sind Reste auf dem unteren Zeilenrand zu erkennen; das O im Inneren spitzoval, wie in HO[N]ORABILIS und DOMIN(VS).

Anmerkungen

  1. Zu ergänzen ist DEO oder eine gekürzte Form von CHRISTO.
  2. Nach 1. Jh. 1,7.
  3. Wappen Stubendorf? (Pelikan mit Jungen, mit dem Schnabel die Brust öffnend). Der sich der mittelalterlichen Legende nach für die Ernährung seiner Jungen selbst opfernde Pelikan wird im 16. u. 17. Jahrhundert von Theologen gern als Wappen gewählt; vgl. DI 56 (Stadt Braunschweig II), Nr. 566 (1578; Lehrer der Martinsschule); Nr. 1046 (1655). DI 88 (Lkr. Hildesheim), Nr. 398 (1642; Ehefrau, vermutlich aus Pastorenfamilie).
  4. Wappen ? (geteilt, wachsender Steinbock über gerautetem Feld). Vermutlich das Wappen der Ehefrau.
  5. Von den Beamten mit diesem Vornamen in Katlenburg kommt keiner infrage: Johann Bertram wird von 1576 bis 1601 wiederholt als Amtmann genannt, aber nicht mehr später; Johann Kaufmann amtierte von 1601/02 bis zu seiner Absetzung 1612; vgl. Lippelt, Hoheitsträger, S. 271 u. 344.
  6. Schlegel, Alte Inschriften, S. 45. Vgl. Meyer, Pastoren, Bd. 2, S. 251; Bd. 1, S. 342. Max, Grubenhagen, Bd. 2, S. 261 u. 293.
  7. Vgl. Max, Grubenhagen, Bd. 2, S. 242f. Meyer, Pastoren, Bd. 2, S. 9.
  8. Schlegel, Alte Inschriften, S. 45. Nach Scheibe, Catlenburg, S. 31. Meyer, Pastoren, Bd. 2, S. 9.
  9. Rokahr, Chronik, S. 39.

Nachweise

  1. Schlegel, Alte Inschriften, S. 43 u. 42 (Abb. 3).
  2. Rokahr, Chronik, S. 38 (nur Abb.).
  3. Schlegel, Reformationszeit, S. 350 (Abb.).

Zitierhinweis:
DI 96, Lkr. Northeim, Nr. 224 (Jörg H. Lampe, Christine Wulf), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di096g017k0022406.