Inschriftenkatalog: Landkreis Northeim

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 96: Lkr. Northeim (2016)

Nr. 217 Greene, Unter dem Hirschsprung 1606

Beschreibung

Gedenkstein. Südöstlich des östlichen der beiden Aussiedlerhöfe. Die erst in jüngerer Zeit „Unter dem Hirschsprung“ benannte Stichstraße zweigt von der B 64 zwischen Greene und Mühlenbeck in südlicher Richtung ab.1) Vor dem östlichen Hof geht ein Feldweg in Richtung Waldrand ab; nach etwa 200 m links über eine Wiese zu einem Buschstreifen, in dem zwei Gedenksteine mit einer Hinweistafel von 1995 sowie ein Steintisch aufgestellt sind. Über einem hochrechteckigen Teil mit der erhaben im vertieften Feld ausgehauenen Inschrift A der zweifach gestufte, in der Mitte bogenförmig, an den Seiten von Voluten abgeschlossene Aufsatz mit einem nach rechts springenden Hirsch im vertieften Feld. Die vertiefte Inschrift B beginnt links auf dem kurzen waagerechten Abschnitt des zweiten Absatzes, verläuft dann über den oberen Bogen, den rechten Absatz und endet rechts auf der Volute; vom rechten Absatz und dem oberen Teil der Volute fehlt ein Stück, das 1888 noch vorhanden war.2) Die gleichfalls vertiefte Inschrift C links und rechts von dem zentriert angeordneten einzelnen Wort der letzten Zeile von Inschrift A. Der rechte Rand des rechteckigen Hauptteils ist ausgebrochen mit Verlust einzelner Buchstaben an den Zeilenenden. Der Stein wurde nach Auskunft der Hinweistafel im Oktober 1995 von der Firma Stietenroth in Gleichen gehärtet und restauriert; dabei wurden vor allem in der 2. bis 4. Zeile von (A) Konturen der Buchstaben nachgearbeitet. Der in knapp zwölf Metern Abstand stehende, unregelmäßig geformte zweite Stein ist ohne Inschrift.

Inschrift ergänzt nach Abb. bei Steinacker.

Maße: H.: 178,5 cm (über der Erde); B.: 90,5 cm; T.: 23 cm; Bu.: 4,6–5 cm (A), 3,5 cm (B), 3,6 cm (C).

Schriftart(en): Kapitalis (A, B), Kapitalis mit Minuskel-f (C).

DI 96, Nr. 217 - Greene, Unter dem Hirschsprung - 1606

 Akademie der Wissenschaften zu Göttingen (Lara-Sophie Räuschel) [1/4]

  1. A

    DEN 26 · AVGVSTI · ANNO · 1606 / HATTa) · DER · HOCHWIRDIGER · DV/RCHLEVCHTIGER · HOCHGEBORNER / FVRST · VND · HERR · HERR · HEN[R]/ICVS · IVLIVS · POSTVLIRTERb) · B[I]/SCHOFF · DES · STIFFTES · HALBE[R]/STADT · VND · HERZOG · ZV · BRA[V]/NSCHWEIG · VND · LVNEBVRG [·] / AN · DIESEM · ORTH · EINEN · HIRSC[H ·] / AVFF · BOXSTAL3) · GESCHOSSEN [·] / WELCHER · NACH · EMPFANGENEN [·] / SCHOSS · VON · DIESER · STEDT · VB/ER · DEN · HAGEN4) · BIS · ZV · DEM · ANDERN [·] / ZEIHEN · MIT · GELICHEN · FVSSEN · GE/SPRVNGEN

  2. B

    DISER · H/IRCSHc) · HAT GEWOGEN · FVNFF · / GA[NZE VND / EINEN H]ALBEN · CENTNER

  3. C

    A · R · // AMP ffd)5) ·

Übersetzung:

Den 26. August im Jahr 1606 hat der hochwürdige, durchlauchtige, hochgeborene Fürst und Herr, Herr Heinrich Julius, postulierter Bischof des Stiftes Halberstadt und Herzog zu Braunschweig und Lüneburg, an diesem Ort einen Hirsch im Jagdgehege (Bockstall) geschossen, der nach dem Treffer von diesem (durch diesen Stein markierten) Punkt über das Gatter bis zu dem anderen Stein (‚Zeichen‘) mit allen Beinen (‚Füßen‘) zugleich gesprungen ist. (A)

Kommentar

Die mit breitem Strich gehauene Kapitalis der Inschrift A zeichnet sich durch keilförmige Verbreiterungen der Schaft-, Balken- und Bogenenden aus, die in dreieckige Sporen übergehen können. In den ersten drei Zeilen sind die Schäfte von D, E und (teilweise) H durchgebogen. G ist zumeist mit eingestellter, senkrechter Cauda gestaltet; die Cauda des R ist anfangs gebogen und mit dreieckigem Sporn endend, im zweiten Teil der Inschrift geschwungen und spitz. O ist spitzoval. Dem zweibogigen, zweistöckigen Z steht eine spitze 2 gegenüber. Der Schaft der 1 ist unten gespalten und links hochgebogen. Die Buchstabenformen der mit dünnem Strich eingehauenen Inschriften B und C weisen die dieselben Grundformen auf und zeichnen sich durch ausgeprägte dreieckige Serifen aus.

Antonius Reiche (Riecke) wird zwischen 1605 und 1619 als Amtmann zu Greene genannt.6) Der bei dem Gedenkstein stehende zweite Stein markiert als das ‚andere Zeichen‘ den Punkt, bis zu dem der Hirsch sprang.

Textkritischer Apparat

  1. HATT] Ligatur der Balken.
  2. POSTVLIRTER] V kleiner, nimmt nur die oberen drei Fünftel der Zeile ein.
  3. H/IRCSH] Haufehler.
  4. AMP ff] ff ohne Abstand an AMP angeschlossen. AMPH Kdm. (Abb. 258); AMPE Die Hube bei Einbeck. Die Ligatur mit den oben leicht nach rechts gebogenen Schäften und dem über die Schäfte hinausgezogenen Mittelbalken entspricht nicht dem H der Kapitalis, wie es in der ebenfalls vertieften Inschrift B erscheint.

Anmerkungen

  1. Laut Steinacker „auf der Höhe westlich von Holtershausen nahe dem Waldrande der Hube“; Kdm. Kreis Gandersheim, S. 455. Tatsächlich liegt die heutige – offenbar auch historische – Position östlich des Ortes Holtershausen. Von einer Verlegung ist nichts bekannt.
  2. Kdm. Kreis Gandersheim, S. 455 mit Abb. 258.
  3. Laut Steinacker bedeutet ‚Bockstall‘ „nach fachmännischer Mitteilung“ den Platz, zu dem das Wild zum Abschuss getrieben wird; Steinacker, Hirschsprung, S. 436.
  4. Gehege, Wildgatter; vgl. DWb, Bd. 10, Sp. 151.
  5. Vermutlich aufzulösen als: A(NTONIUS) · R(EICHE) · // AMP(TMANN) f(ieri) f(ecit): Amtmann Antonius Reiche ließ (diesen Stein) errichten.
  6. Lippelt, Hoheitsträger, S. 397. Zu 1606 vgl. StAW 4 Alt 1, Nr. 1033; zit. nach Findbuch.

Nachweise

  1. Steinacker, Hirschsprung, S. 435 (Abb.).
  2. Kdm. Kreis Gandersheim, S. 455 mit Abb. 258.
  3. Die Hube bei Einbeck, S. 65.
  4. Der Hirschsprung bei Greene, in: Niedersachsen, Jg. 17, 1911/1912, S. 596; auch in: Braunschweigische Heimat, 3. Jg., 1912, S. 121f. (Auszug aus: Die Hube bei Einbeck, mit Abb. aus Steinacker).
  5. Ehlers, Greene, S. 58.
  6. Kronenberg, Wanderungen, S. 240 mit Abb. S. 239.
  7. Wittkopp, Chronik von Greene, S. 80f.

Zitierhinweis:
DI 96, Lkr. Northeim, Nr. 217 (Jörg H. Lampe, Christine Wulf), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di096g017k0021703.