Inschriftenkatalog: Landkreis Northeim

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 96: Lkr. Northeim (2016)

Nr. 182 Hevensen, St. Lambertus 1590

Beschreibung

Epitaph für Gesa Wetter. Stein. Eingelassen in die Nordwand des Chores.1) Im vertieften, sandsteinrot ausgemalten Feld, begrenzt durch einen zweifach kannelierten Rahmen und ein Schmuckband, die erhabenen Inschriften, farbig, schwarz und weiß (Inschrift C) gefasst. In den beiden oberen Ecken der Tafel jeweils ein geflügelter Puttenkopf. Unter der oberen Rahmenleiste zwischen zwei nachgebildeten, weiß gefassten Türklopfern das ebenfalls weiß gefasste Wort TVMVLVS; zwischen zwei heraldischen Rosen der Rest der Inschrift A. Darunter Inschrift B; die geraden Zeilen sind jeweils eingerückt. Am unteren Ende der Tafel zwischen zwei weiß gefassten Blüten die Initialen C. In den Inschriften A und B Interpunktion in Form halbhoher Schrägstriche (Virgeln), die hier durch Kommata wiedergegeben werden.

Maße: H.: 118,5 cm; B.: 112 cm; Bu.: 5 cm (A), 8 cm (A, erstes Wort), 3 cm (B), 7 cm (C).

Schriftart(en): Kapitalis.

DI 96, Nr. 182 - Hevensen, St. Lambertus - 1590

 Akademie der Wissenschaften zu Göttingen (Lara-Sophie Räuschel) [1/1]

  1. A

    TVMVLVS / IESCHAE WETTERIANAE , QVAE / POST DIFFICILIMOS PARTVS / LABORES IN DOMINO OBIIT / AN(NO) : 1·5·90a) · D(IE): 22 · MAII ·

  2. B

    IESCHA SVB HOC TVMVLO POST FATA NOVISSIMA SOMNVM , / LVCINAE2) NIMIO FRACTA IABOREb) , CAPIT · / ILLE LABOR PRIMVS FVIT , AT SVPERARE LABOREM / NON POTVIT : NATVM DVM PARIT ERGOc) PERIT · / RES MISERA : IN MVNDVM PRODVCIT VT ANXIAd) FOETVMe) / EX MVNDO HORRIFICAS COGITVRf) IRE VIAS · / SIC VISVM SVPERIS : TALES CREAT IPSE DOLORES / EX ALIIS ALIOS , QVI IVBET ESSE , DEVS · / SIC QVOQVE POMA SVOS NON SOLVM TVRGIDA RAMOS / INCVRVARE VIDES , FRANGERE SAEPE VIDES · / FELIX QVAE MEDIO SVCCVMBIT FOEMINA PARTV , / IVSTA FIDE , AD SVPEROS TRANSVOLATg) ILLA POLOS

  3. C

    D(OMINVS) · A(NTONIVS) · W(ETTER) · F(IERI) · I(VSSIT) · P(IAE) · M(EMORIAE) · C(AVSA) ·

Übersetzung:

Grabmal für Gesa Wetter, die nach schwierigsten Mühen der Niederkunft im Herrn starb im Jahr 1590 am 22. Mai. (A)

Unter diesem Grabmal schläft Gesa, nachdem sie das Schicksal ereilt hatte, zerbrochen am übermäßigen Schmerz bei der Geburt. Dies war ihre erste schmerzhafte Niederkunft, aber sie konnte die Schmerzen nicht aushalten: Also ging sie, während sie das Kind gebar, selber zugrunde. Welch’ jammervolles Ereignis: Sobald sie unter Wehen das Neugeborene in die Welt bringt, muss sie die schrecklichen Wege aus der Welt gehen. So hat es der Himmel beschlossen! Solche Schmerzen schafft Gott selber, der die einen aus den andern hervorgehen lässt. So auch kann man sehen, wie pralle Früchte nicht nur ihre Zweige herabbiegen, sondern sie oft auch zerbrechen. Glücklich die Frau, die mitten in ihrer Niederkunft starb: Da sie im Glauben gerechtfertigt war, erhebt sie sich in den hohen Himmel.3) (B)

Herr Anton Wetter ließ dieses Denkmal zur frommen Erinnerung errichten. (C)

Versmaß: Elegische Distichen (B).

Kommentar

Bemerkenswert an der mit breitem Strich ausgeführten Schrift ist das C, dessen unteres Bogenende verkürzt ist. Der Deckbalken des T ist an den Enden nach innen abgeschrägt, die unteren Balkenenden von L und E sind als Sporen ausgebildet. Die Cauden von R und Q sind geschwungen und spitz zulaufend, die Cauda des Q ist einmal (QVAE in Inschrift A) in den linken Bogenabschnitt eingefügt, sonst in den rechten. Bei dem breiten, verschränkten W liegen die beiden Schrägschäfte jeweils sehr nahe nebeneinander, so dass ein großer Leerraum im Winkel entsteht. Die Wörter sind in dicht gefüllten Zeilen kaum getrennt. Die Verwendung der virgelartigen Schrägstriche ist aus dem zeitgenössischen Buchdruck übernommen. Der technisch versierte Steinmetz hatte offenbar Schwierigkeiten mit dem lateinischen Text, was die zahlreichen, korrigierten und nicht korrigierten Haufehler belegen.

Anton Wetter aus Werden bei Essen studierte 1582 an der Universität Helmstedt.4) Von 1588 bis 1599 war er Pastor und Superintendent in Hevensen; mit der Verlegung der Superintendentur wechselte er von 1599 bis 1614 nach Hardegsen; von 1614 bis 1623 amtierte er als Superintendent in Hohnstedt, wo er auch starb.5) Zu einer weiteren Klage über den Verlust der Frau bei der Geburt eines Kindes, für die vergleichbare Inschriften aus den Jahren 1600 (in Latein) und 1606 (in Deutsch) aus der Stadt Hannover vorliegen,6) vgl. Nr. 275.

Textkritischer Apparat

  1. 1·5·90] 1519 Grote, verlesen. Weitere Abweichungen bei Grote werden nicht angemerkt.
  2. IABORE] Haufehler statt LABORE.
  3. ERGO] Farblich gefasst als ERCO, die Cauda des G ist aber schwach zu erkennen.
  4. ANXIA] Zwischen N und X ein Verbindungsstrich; offenbar, um einen Haufehler auszugleichen.
  5. FOETVM] VM im Rahmen.
  6. COGITVR] Zwischen I und T ein langer Verbindungsstrich; offenbar, um einen Haufehler auszugleichen.
  7. TRANSVOLAT] Das S kleiner und schrägliegend unter der Zeile nachgetragen.

Anmerkungen

  1. Vgl. bereits HStAH Hann. 74 Northeim, Nr. 607 (Nro. 8); danach Grote, Denkmalpflege, S. 89.
  2. Lucina ist die Göttin der Niederkunft.
  3. Für die Übersetzung danke ich Fidel Rädle, Göttingen.
  4. Vgl. Matrikel Helmstedt, S. 38, Nr. 155 (Wertinensis); er wurde zu einem unbekannten Zeitpunkt vor dem 29./31. Juli 1582 immatrikuliert; dazu vgl. das Vorwort, ebd., S. II.
  5. Vgl. Meyer, Pastoren, Bd. 1, S. 497, 461 u. 529. Domeier, Hardegsen, S. 84.
  6. DI 36 (Stadt Hannover), Nr. 227 u. 238. Im ersteren Fall war der mutmaßliche Verfasser Rektor der Lateinschule in Hannover.

Nachweise

  1. HStAH Hann. 74 Northeim, Nr. 607 (Nro. 8).
  2. Grote, Denkmalpflege, S. 89 (nach Hann. 74 Northeim, Nr. 607).

Zitierhinweis:
DI 96, Lkr. Northeim, Nr. 182 (Jörg H. Lampe, Christine Wulf), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di096g017k0018206.