Inschriftenkatalog: Landkreis Northeim

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 96: Lkr. Northeim (2016)

Nr. 160 Bad Gandersheim, Rathaus 1581

Beschreibung

Drei rechteckige Tafeln im Vorraum hinter dem linken Eingang von der Brüstung. Holz, erhaben geschnitzt und farbig gefasst. Ehemalige Windbretter oder Brüstungstafeln. Im Zentrum jeweils ein Wappen mit Decke und Helmzier, rechts und links halbkreisförmig begleitet von Inschriften; in den Zwickeln Blätter. Inschrift A mit dem braunschweigischen Wappen, Inschrift B mit dem brandenburgischen Wappen und Inschrift C mit dem Gandersheimer Wappen.

Maße: H.: 56,5–57,5 cm; B.: 86 cm (A), 83,5 cm (B), 85 cm (C); Bu.: 5,5 cm (A), 6 cm (B), 4,5 cm (C).

Schriftart(en): Kapitalis.

DI 96, Nr. 160 - Bad Gandersheim, Rathaus - 1581

 Akademie der Wissenschaften zu Göttingen (Lara-Sophie Räuschel) [1/3]

  1. A

    V(ON) · G(OTTES) · G(NADEN) · IVLIVS · H(ERZOG) · Z(V) // B(RAVNSCHWEIG) · V(ND) · L(VNEBVRG) · G(OTTS) · V(ORSEHN) · M(AG) · G(ESCHEHN)a) ·

  2. B

    V(ON) G(OTTES) · G(NADEN) · HEDWIG · M(ARKGRAFIN) · // Z(V) · B(RANDENBVRG) · H(ERZOGIN) · Z(V) · B(RAVNSCHWEIG) · V(ND) · L(VNEBVRG) ·

  3. C

    DER · STADT // GANDERSHEIM · 1581 ·

Wappen:
Braunschweig-Lüneburg1)
Brandenburg2)
Gandersheim3)

Kommentar

Die wie die Wappen überarbeitete Schrift lässt breit ausgeführte Buchstaben erkennen. Z ist mit Mittelbalken gestaltet, das obere Bogenende des G reicht über das untere hinaus; M ist ursprünglich wohl konisch (A), das W verschränkt.

Bei dem großen Stadtbrand vom 22. November 1580 (vgl. Nr. 161, 162, 164, A1 1583, A1 1588) wurden neben einem Drittel der Wohnhäuser und Teilen der Stadtbefestigung auch das Rathaus mit allen Vorräten des Wein- und Bierkellers sowie das Kaufgildehaus zerstört. Das Rathaus wurde anschließend unter Einbeziehung der früheren, seit der Reformation funktionslos gewordenen Marktkirche in Renaissanceformen wieder aufgebaut. Als Dank für die Unterstützung des Herzogs beim Wiederaufbau ließ der Rat die Tafeln mit den Wappen des herzoglichen Paares anfertigen und am Giebel des Rathaus zu Seiten des großen Wappens der Stadt anbringen. Mitte der 1880er Jahre wurden sie auf Veranlassung des Heimatforschers Georg Brackebusch restauriert und im Inneren des Rathauses aufgehängt.4) Dabei wurden sie erheblich überarbeitet. Bis in das Jahr 1844 fanden in Gandersheim Gedenkgottesdienste zur Erinnerung an den Ausbruch des Feuers am Cäcilientag (22. November) statt.5)

Hedwig von Brandenburg (1540–1602), Tochter des Kurfürsten Joachim II. von Brandenburg und der polnischen Königstocher Hedwig Jagiellonka, hatte 1560 Herzog Julius von Braunschweig-Wolfenbüttel geheiratet.

Textkritischer Apparat

  1. G(OTTS) · V(ORSEHN) · M(AG) · G(ESCHEHN)] Devise des Herzogs, die er mit WIRD statt MAG unter anderem auch auf den Büchern seiner Sammlung anbringen ließ, vgl. Graefe, Bibliotheca Julia, S. 60 u. passim; Rohr, Initialen, S. 17.

Anmerkungen

  1. Wappen Braunschweig-Lüneburg (quadriert, 1. zwei Löwen [Braunschweig], 2. steigender Löwe im mit Herzen besäten Schild [Lüneburg], 3. bekrönter Löwe [Eberstein], 4. Löwe im geschachten Rahmen [Homburg]). Vgl. Siebmacher/Hefner, Wappenbuch, Bd. 1, Abt. 1, Teil 1, S. 27f. u. Tafel 49.
  2. Wappen Brandenburg (zweimal gespalten, viermal geteilt: 1. Adler [Brandenburg], 2. Löwe [Burggrafschaft Nürnberg, der geschachte Rand fehlt], 3. Greif [Stettin?], 4. geteilt: oben eigentlich wachsender Löwe, unten Stufengiebel [Rügen], 5. Greif [Pommern?], 6. Greif [Kassuben?], 7. geviert [verfälscht], 8. Greif [Wenden?], 9. Greif [Barth], 10. geviert [Hohenzollern], 11. Greif, 12. zwei Stangen im Andreaskreuz, von vier Rosen bewinkelt [Gützkow], 13. einfarbig [Blutfahne bzw. Regalien], 14. aufgerichteter Fischgreif [Herrschaft Usedom], 15. drei Sparren [Ravensberg, verfälscht]. Alle Wappen der heraldisch rechten Seite (2, 5, 8, 11, 14) sind gewendet. Die Tafel wurde überarbeitet, so dass nicht nur die Farbfassung verändert wurde; korrekt ist nur der silberne Fischgreif im roten Feld [14], bei Hohenzollern [10] wurden die Farben vertauscht. In ihrer Gestalt völlig verfälscht wurden die Felder 7 und 15; in ersterem wäre ein wachsender Greif über einem geschachten Feld zu erwarten (Wolgast). Das Wappen von Ravensberg [15] wurde von den Kurfürsten erst nach Beginn des Jülich-Kleveschen Erbes (belegt ab 1611) geführt; zu erwarten wäre ein Adler (Ruppin). Dieses Feld wurde offenbar nach einer späteren Vorlage nachgeschnitzt. Die zahlreichen Greifen dokumentieren den Anspruch auf Pommern, den die Kurfürsten seit 1464/65 erhoben. Herzog Bogislaw X. von Pommern ließ durch Kaiser Maximilian um 1500 das pommersche Wappen durch die Vereinigung der Wappen einzelner Landesteile und mehrerer Teillinien vermehren; von den verschieden tingierten Greifen führte er fünf im Wappen. 1517 bestätigte der Kaiser den Markgrafen von Brandenburg, dass auch diese das vermehrte Wappen führen durften; sie nahmen zeitweise bis zu sechs Greifen auf. Zu Pommern vgl. Siebmacher/Hefner, Wappenbuch, Bd. 1, Abt. 1, Teil 2, S. 74–76 u. Tafel 75–84; zu Brandenburg Bd. 1, Abt. 1, Teil 3, S. 107–109 u. Tafel 120f.; Bd. 1, Abt. 1, Teil 4, S. 2 u. Tafel 5 (Aufnahme von Ravensberg).
  3. Wappen Gandersheim (Topfhelm mit Büffelhörnern, bestückt mit stilisierten Pfauenfedern, und nach unten hängenden Helmbändern; zwischen den Bändern eine Lilie. Als Helmzier dient die bekrönte Stadtmarke S2). Das Stadtwappen ist abgeleitet vom Wappen der in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts ausgestorbenen Ritter von Gandersheim; vgl. Kronenberg, Wappen, S. 19f. u. 22–24; Ders., Chronik, S. 30–32 u. 36f. Die Form des Helmes ist durch Verwitterung und Restaurierung so aufgelöst, dass er nicht mehr als solcher zu identifizieren ist; dasselbe gilt für das g der Stadtmarke (S2); vgl. die besser erhaltene Marke von 1588 im Anhang 1.
  4. Braunschweigische Anzeigen 57, 26. Februar 1896, S. 370. Kronenberg, Chronik, S. 59.
  5. Braunschweigische Anzeigen 57, 26. Februar 1896, S. 370.

Nachweise

  1. Kdm. Kreis Gandersheim, S. 214.

Zitierhinweis:
DI 96, Lkr. Northeim, Nr. 160 (Jörg H. Lampe, Christine Wulf), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di096g017k0016006.