Inschriftenkatalog: Landkreis Northeim

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 96: Lkr. Northeim (2016)

Nr. 158 Moringen, Liebfrauen 1581

Beschreibung

Epitaph für Anna Post. Stein. Früher in St. Martin, rechts vom Altar an der Wand.1) Dreiteiliges Epitaph. Im dreieckigen Giebel aus rötlichem Stein Gottvater, die rechte Hand segnend erhoben, in seiner Linken die Weltkugel mit Kreuz. Darunter eine hochrechteckige Platte aus einem gelblichen Stein, nach oben hin leicht schmaler werdend, auf der die Verstorbene kniend vor einem Kreuz dargestellt ist, das fast die ganze Länge des Steins einnimmt. Auf dem Kreuz der Titulus A, erhaben in vertiefter Zeile auf einem an den Seiten eingerollten Schriftband; unter dem Fuß des Kreuzes ein Puttenkopf. An beiden Seiten des Steins je vier Vollwappen mit den unten links teilweise verwitterten Beischriften B, erhaben in vertiefter Zeile. Unter der Platte als Sockel ein querrechteckiger Quader, wiederum aus rötlichem Stein, mit der Inschrift C, erhaben in vertieftem Feld. Das Epitaph wurde vor dem Verkauf der Kirche 1982 umgesetzt; dabei gingen das Gesims des Giebelfeldes und ein Unterhang verloren.2)

Maße: H.: 291 cm (36 cm Sockel, 190 cm Mittelteil, 65 cm Giebel); B.: 100 cm (Sockel), 93 cm (Mittelteil); Bu.: 2,1 cm (A), 4 cm (B),
3,2 cm (C).

Schriftart(en): Kapitalis mit Minuskeln.

DI 96, Nr. 158 - Moringen, Liebfrauen - 1581

 Akademie der Wissenschaften zu Göttingen (Julia Zech) [1/4]

  1. A

    I(ESVS) N(AZARENVS) R(EX) I(VDAEORVM)3)

  2. B
    [DE]R · POS=/TE · DER · V(ON) · MV/NICKHAVSEN 
    [D]ER · BOCKe DER · VON · WeIGEa) 
    [DER] VON / [– – –] DER · VON · WARPE  
    [DER] VON / [STOCK]EMb) DER · VON / LATENSEN 
  3. C

    ANNO 1581 · DEN XI NOVEMBRIS IST DIE EDLE VNDt / VIELTVGENDtREICHE ANNA GEBORN POST WEILAND / IOHAN REBOCKS SELIGEN NACHGELASSENE / WIDWE IN GODT SELICHLICH ENTSLAFEN / DIESE WIDWE FVR IREM ENDE 400 THALER / [A]N DIE ARMEN WENDE DIE PREDIGERS HI / AVCH BEDACHT 100 THALER SIE INEN VER(MACHT)c)

Versmaß: Deutsche Reimverse (C, DIESE … VER(MACHT)).

Wappen:
Post4)Münchhausen8)
Bock5)Weihe (Vogt)9)
Wiede6)Warpke10)
Stöckheim7)Lathusen11)

Kommentar

Die Cauda des R und die Schäfte des K sind gebogen bzw. geschwungen, die Schrägschäfte des N sind zum Haarstrich reduziert, O ist spitzoval, der obere Bogen des B ist kleiner, C weit offen, das spitze A relativ schmal. Bemerkenswert sind die Varianten des D: Das offene kapitale D, bei dem der verkürzte, teilweise zum Dreieck reduzierte Schaft eingestellt ist, ist spiegelverkehrt zu G gestaltet; daneben gibt es in den ersten beiden Zeilen von Inschrift C das geschlossene kapitale D, bei dem das obere Bogenende über den Schaft hinausreicht; D mit zum kleinen Dreieck reduzierten Schaft, sowie ein unziales D in WEILAND und in WIDWE.

Anna Post war eine Tochter von Statius Post und Ilse von Münchhausen. Die väterlichen Großeltern waren Werner Post und Anna Bock. Die Wappen Warpke (oder Warpe, Werpe) und Lathusen gehören zu den weiteren Vorfahren väterlicherseits, wie die Grabplatte des 1549 gestorbenen Statius Post in Obernkirchen zeigt.12) Auf der vorliegenden Platte springt die Ahnenprobe also nach der zweiten Zeile von der linken auf die rechte Seite. Ilse von Münchhausen entstammte der zweiten Ehe des Liborius (Börries) von Münchhausen (vor 1459–1516) mit der Witwe eines Mindener Bürgermeisters, die aus der Ratsfamilie Vogt stammte. Die Eltern des Liborius waren Johann von Münchhausen (gest. 1462) und eine geborene von Wiede.13) Die Familie Post hat den Namen der bürgerlichen Vorfahren unterschlagen, aber deren Wappen übernommen und diesem einen erfundenen Namen Weige oder Weihe zugeordnet, der vermutlich vom Wappenbild – zwei abgewendete Federn – inspiriert ist (die Weihen gehören zu den habichtartigen Vögeln);14) außer auf dem vorliegenden Epitaph ist dies auch auf den Grabplatten des 1568 verstorbenen Bruders der Anna Post, Johann Post, ihres Neffen Hilmer Post und ihrer gleichnamigen Nichte Anna Post (in Bodenburg) zu beobachten.15)

Anna Post, geboren um 1500, war möglicherweise dreimal verheiratet: in erster Ehe (vor 1517) mit Gerd von Wettberg, in zweiter Ehe (nach 1520) mit Jobst von Zerssen (gest. 1531) und in dritter Ehe mit Johann von Rebock.16) Nach dem Tod ihres 1565 in Ungarn im Türkenkrieg gefallenen dritten Mannes (vgl. Nr. 128) stiftete sie 1571 gemeinsam mit ihrer Schwägerin aus dem Nachlass des Johann von Rebock den Armen im Spital zum Heiligen Geist in Moringen 100 Rtlr.; aus eigenem Besitz gab sie 32 Gulden hinzu.17) In ihrem Testament vermachte sie den Armen 400 Rtlr. und den Predigern in Moringen 100 Rtlr., wie Inschrift C bezeugt. Im Jahr 1580 hat sie auch den Einwohnern von Dassel nach einem Stadtbrand geholfen.18)

Textkritischer Apparat

  1. WeIGE] Das e über das I gestellt. Weige Domeier; Wiege Antiquitates und Grote. Die Position des e lässt beide Lesarten zu. Weige auch in der Parallelüberlieferung; vgl. die in Anm. 14 angegebene Literatur.
  2. [STOCK]EM] Ergänzt nach Antiquitates, Domeier u. Grote (Stöcken). Vgl. auch das Epitaph des Neffen der Anna Post, Hilmer Post, mit der entsprechenden Ahnenprobe; wie Anm. 14.
  3. VER(MACHT)] Doppelte Schrägstriche als Kürzungszeichen. Ergänzt wie Antiquitates, Domeier und Grote.

Anmerkungen

  1. Antiquitates Moringenses, S. 65. 1970 links vom Altar an der Nordwand der Apsis; Zeichnung der Lage in einer Moringer Schuljahresarbeit von 1970, S. 5a (vorhanden im Moringer-Magistrats-Archiv).
  2. Vgl. das im Jahr 1970 entstandene Gesamtfoto des Aufbaus vor der Umsetzung; ebd.
  3. Io. 19,19.
  4. Wappen Post (steigender, gekrönter Löwe); hier gewendet und ohne Krone. Vgl. Spießen, Wappenbuch, Bd. 1, S. 100; Bd. 2, Tafel 247.
  5. Wappen Bock (steigender Steinbock), gewendet. Möglicherweise Bock von Carsem aus dem Osnabrückischen. Vgl. Spießen, Wappenbuch, Bd. 1, S. 15 u. Tafel 36. Vgl. Anm. 11.
  6. Wappen Wiede (gezackte Raute). Zuschreibung nach Antiquitates Moringenses, S. 20 (hier: Winden); danach Mithoff. Vgl. auch Kdm. Kreis Grafschaft Schaumburg, S. 93 u. Tafel 120 (Grabplatte des Hilmer Post, gest. 1587: Wienn). DI 58 (Stadt Hildesheim), Nr. 516 (hier: Wide). DI 88 (Lkr. Hildesheim), Nr. 389 (hier: Wiehe). Die Namensform nach Lenthe/Mahrenholtz, Stammtafeln Münchhausen, S. 34, Anm. 1.
  7. Wappen Stöckheim (gestümmelter Ast). Vgl. Siebmacher, Wappenbuch 1605, S. 190 (Tafel 170).
  8. Wappen Münchhausen (Mönch). Vgl. Siebmacher/Hefner, Wappenbuch, Bd. 3, Abt. 2,1, S. 274 u. Tafel 325.
  9. Wappen Weihe (zwei abgewendete [Straußen-?]Federn). Vgl. DI 88 (Lkr. Hildesheim), Nr. 389 (dort blasoniert als abgewendete Haken, da stark verwittert). Tatsächlich das Wappen der bürgerlichen Ratsfamilie Vogt aus Minden; vgl. DI 46 (Stadt Minden), Nr. 89 u. 99. Dazu siehe den Kommentar. Nicht das Wappen der Familie von Weyhe; zu diesem vgl. Nr. 150.
  10. Wappen Warpke (pfahlweise gestellte Lanzenspitze). Vgl. Spießen, Wappenbuch, Bd. 1, S. 128; Bd. 2, Tafel 328.
  11. Wappen Lathusen (Balken mit drei Rosen belegt). Vgl. Kdm. Kreis Grafschaft Schaumburg, S. 14 u. Tafel 12.1; ebd., S. 93 u. Tafel 120. DI 76 (Lüneburger Klöster), Nr. 111 (48 u. 49) u. Nr. 201.
  12. Vgl. Mahrenholtz, Grabsteine, S. 128; Kdm. Kreis Grafschaft Schaumburg, S. 87. Vgl. Willeke, von Post, S. 88–90 (Statius Post, Nr. 132), S. 86 (Werner Post, Nr. 123) u. S. 79 (Friedrich Post, Nr. 101). Laut Mahrenholtz und Willeke gehörte Anna Bock zu der Familie Bock von Northolz, die allerdings zwei übereinandergestellte Steinböcke im Wappen führten; vgl. Siebmacher, Wappenbuch 1605, S. 205 (Tafel 185). Vgl. Anm. 4.
  13. Vgl. Lenthe/Mahrenholtz, Stammtafeln Münchhausen, S. 54 (Nr. 104), 41f. (Nr. 71) u. 33f. (Nr. 49).
  14. Vgl. Anm. 8. Mahrenholtz, der die Wappenverwandtschaft mit Vogt nicht gesehen hat, schreibt, die Familie Post habe das erfundene Wappen einer nicht existierenden Familie Weige in die Ahnenprobe eingefügt; Lenthe/Mahrenholtz, Stammtafeln Münchhausen, S. 54 (Nr. 104).
  15. Vgl. Kdm. Kreis Grafschaft Schaumburg, S. 93 u. Tafel 120. Zur Grabplatte der 1639 gestorbenen jüngeren Anna Post vgl. DI 88 (Lkr. Hildesheim), Nr. 389.
  16. Vgl. Zerssen, Familie von Zerssen, S. 70–72. Danach Willeke, von Post, S. 102f. (Nr. 144).
  17. Der Text: Antiquitates Moringenses, S. 62–64. Domeier, Moringen1, S. 136f. Vgl. Ders., Moringen2, S. 135.
  18. Domeier, Moringen1, S. 138; Ders., Moringen2, S. 136.

Nachweise

  1. Letzner, Chronik Ludwigs des Frommen und des Stifts Corvey, fol. 135v (C, Reimverse).
  2. Antiquitates Moringenses, S. 20 (B u. Anfang von C) u. 65 (B, Reimverse).
  3. HStAH Hann. 74 Northeim, Nr. 607.
  4. Grote, Denkmalpflege, S. 2 (nach Hann. 74 Northeim, Nr. 607).
  5. Domeier, Moringen1, S. 139.
  6. Domeier, Moringen2, S. 136f.
  7. Mithoff, Kdm. Göttingen und Grubenhagen, S. 131.

Zitierhinweis:
DI 96, Lkr. Northeim, Nr. 158 (Jörg H. Lampe, Christine Wulf), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di096g017k0015803.