Inschriftenkatalog: Landkreis Northeim

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 96: Lkr. Northeim (2016)

Nr. 107 Elvershausen, St. Valentin 1. V. 16. Jh., 1662

Beschreibung

Kelch. Silber, teilweise vergoldet. Der mehrfach profilierte Sechspassfuß verjüngt sich steil ansteigend zum sechsseitigen Schaft. Über einem Kranz die älteren Schaftstücke mit eingravierten Mustern (Andreaskreuze, Sterne o. ä.). Dazwischen der flache Nodus mit gravierten spätgotischen Ornamenten auf den Laschen und der auf die sechs rautenförmigen Rotuli verteilten, konturiert gravierten Inschrift A. Schaftstücke und Nodus sind vergoldet. Auf der zusammen mit dem Fuß 1662 erneuerten Kuppa die eingravierte, teilweise konturierte Inschrift B. Auf der gegenüberliegenden Seite das Northeimer Beschauzeichen mit der Stadtmarke (S1) und ein Meisterzeichen (M8),1) die sich beide auf dem untersten Profil des Fußes wiederholen.

Maße: H.: 21,5 cm; D.: 16 cm (Fuß), 12,2–12,6 cm (Kuppa); Bu.: 1 cm (A), 0,3 cm (B).

Schriftart(en): Frühhumanistische Kapitalis (A), Minuskeln mit Kapitalis-Versalien (B).

DI 96, Nr. 107 - Elvershausen, St. Valentin - 1. V. 16. Jh., 1662

 Akademie der Wissenschaften zu Göttingen (Lara-Sophie Räuschel) [1/4]

  1. A

    I H E S V S

  2. B

    SVrreptVs fraCtVs.qVe CaLIX ego reDDItVs eCCe / ELVershVsIanIs reparatVs serVIo ChrIstIsa) : / Pastore . Andrea . Grctsereb) .

Übersetzung:

Nachdem ich entwendet und zerbrochen war, sieh, da wurde ich zurückgegeben und diene als durch den Pastor Andreas Gretherus reparierter Kelch den Elvershäuser Christen. (B)

Versmaß: Chronodistichon, bestehend aus zwei Hexametern, mit der Jahreszahl 1662 (B).

Kommentar

Bemerkenswert sind die Formen der in frühhumanistischer Kapitalis ausgeführten Inschrift A: Die Schaft- und Bogenenden sind gespalten, der Nodus des I wird durch außen angesetzte, schlaufenförmige Linien und einen Punkt in der Mitte geformt. Das unziale H ist mit einem geschwungenen, unten spitz zulaufenden Bogen versehen, die Bögen des unzialen E wirken ungelenk ausgeführt; die Schäfte des V sind zu den Enden hin keilförmig verbreitert und leicht abgeknickt. Die Schäfte der teilweise konturierten Versalien der Inschrift B sind mit Binnenschraffur und serifenartigen Sporen versehen; ein Wechsel von Schatten- und Haarstrichen wird angestrebt: während beim V der Rechtsschrägschaft als Haarstrich ausgeführt ist, ist es beim A der Linksschrägschaft; beim X ist zumindest der obere Abschnitt des Rechtsschrägschaftes ebenfalls konturiert. Bogenschwellungen an C und S sind nur schwach ausgeführt und zumeist ohne Binnenschraffur; an den Bogenenden finden sich, wie am G, weit ausgezogene, hakenförmige Sporen. Die Minuskeln sind der lateinischen Schreibschrift entlehnt, die Schäfte des t sind ebenfalls konturiert.

Die Verbindung von gotisierenden Schmuckformen an den Schaftstücken und dem Nodus mit der Schriftform der Buchstaben auf den Rotuli deutet auf eine Entstehung der älteren Teile des Kelches im ersten Viertel des 16. Jahrhunderts hin. Das kreuzförmige Muster auf den Schaftstücken stimmt mit dem Muster auf dem wahrscheinlich zwischen 1512 und 1523 entstandenen Kelch Nr. 99 überein. Der Vergleich mit zwei anderen Kelchen (vgl. Nr. 112, mit Kommentar) zeigt, dass der vorliegende Kelch von dem Northeimer Goldschmied Johann (Hans) Grote erneuert wurde.2) Andreas Gretherus aus Einbeck, der den Kelch 1662 reparieren ließ, war von 1647 bis 1666 Pastor in Elvershausen.3)

Textkritischer Apparat

  1. ChrIstIs] Aus metrischen Gründen statt Christianis.
  2. Grctsere] c statt e, der Anstrich des schreibschriftartigen e wurde offenbar vergessen.

Anmerkungen

  1. Meisterzeichen GH (M8) für Johann (Hans) Grote; vgl. Scheffler, Goldschmiede, Bd. 2, S. 977. Infrage kommt zwar auch CH für Johann Christoph Hildebrandt, die Entscheidung fällt aber zugunsten von Grote wegen der stilistischen Übereinstimmungen mit zwei 1660 von demselben reparierten bzw. neu angefertigten Kelchen, die eine etwas abweichende, sicherer als HG zu lesende Marke tragen; vgl. den Kommentar.
  2. Zu Grote vgl. Scheffler, Goldschmiede, Bd. 2, S. 977.
  3. Meyer, Pastoren, Bd. 1, S. 255.

Nachweise

  1. Mithoff, Kdm. Göttingen und Grubenhagen, S. 55 (nur A).

Zitierhinweis:
DI 96, Lkr. Northeim, Nr. 107 (Jörg H. Lampe, Christine Wulf), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di096g017k0010700.