Inschriftenkatalog: Landkreis Northeim

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 96: Lkr. Northeim (2016)

Nr. 85 Hardegsen, St. Mauritius 1505

Beschreibung

Glocke („Susanna“). Bronze. 2005 gereinigt und restauriert.1) Die erhaben gegossene Inschrift A verläuft zwischen zwei glatten Stegen um die Glockenschulter, darunter ein Fries von hängenden, abwechselnd großen und kleinen Kreuzblumen. Auf dem Schlagring die erhaben gegossene Inschrift B. Als Worttrenner dienen sechsstrahlige Sternchen. An der Flanke etwa mittig drei auf kleinen Konsolen stehende, halbplastische Figuren, die Maria mit dem Kind, eine Anna Selbdritt (16 cm hoch) und den heiligen Mauritius mit Fahne darstellen; zudem im Flachrelief ein Medaillon mit der Darstellung des heiligen Georg als Drachentöter.

Maße: H.: 119 cm; Dm.: 134 cm; Bu.: 3,5 cm (A), 2,7 cm (B).

Schriftart(en): Gotische Minuskel.

DI 96, Nr. 85 - Hardegsen, St. Mauritius - 1505

 Akademie der Wissenschaften zu Göttingen (Jörg Lampe) [1/5]

  1. A

    anno · d(omi)ni · m° · d° · v° · hoc · opus · almigena · resona(n)s · modulami(n)a · laudisa) · cedere · des · satis · fulmina · seua · sono · · ·

  2. B

    mester · hans · arneman · me · fecit ·

Übersetzung:

Im Jahr des Herrn 1505. Du, diese Glocke, die die edlen Melodien des Gotteslobes ertönen lässt, mögest hinreichend bewirken, dass die wilden Blitze durch deinen Klang weichen. (A)

Meister Hans Arnemann hat mich gemacht. (B)

Versmaß: Elegisches Distichon (A, hoc … sono).

Kommentar

Der linke Abschnitt des oberen gebrochenen Bogens des doppelstöckigen a läuft in einen in das Innere des Buchstabens gerichteten Zierstrich aus; am oberen Schaftende des l ein Zierstrich, der schlaufenförmig geschlossen ist, die Oberlängen von f und d sind in das Mittelband gedrängt. Der waagerechte Abschnitt des gebrochenen unteren Bogens des g liegt auf der unteren Begrenzung des Mittelbandes und drängt den Körper des Buchstabens nach oben; das gebrochene runde Schluss-s weist senkrechte Bogenabschnitte auf.

Inschrift A, die von den seit dem Mittelalter den Glocken zugeschriebenen Zwecken nur die Schadensabwehr aufgreift, ist offenbar eine Neudichtung, deren Verfasser der gebürtige Hardegser Letzner (1531–1613) in seinem Bericht über die Entstehung der Glocke leider nicht erwähnt. Dieser Bericht lässt den zeitlichen Vorlauf des Gusses, dessen Durchführung und die Feierlichkeiten der Glockenweihe sehr plastisch werden: Fast ein Jahrzehnt vor dem Ereignis hatten sich die (sechs) Priester der örtlichen Kalandsbruderschaft2) und die Vorsteher (Furmunden) der Kirche zu dem Guss einer größeren Glocke entschlossen, die in Kriegszeiten und bei Brandgefahr aus den umliegenden Dörfern Hilfe rufen sollte. 1496 wurde ein Ausschuss von ‚treuen und glaubwürdigen‘ Männern aus der Bürgerschaft gewählt, die mit einem Gnadenbrief des in Heiligenstadt residierenden Mainzischen Weihbischofs, einer Erlaubnis des Herzogs Erich I. sowie einem Bild des heiligen Mauritius ausgestattet damit begannen, eine Abgabe zu erheben und Spenden zu sammeln. Seit 1499 wurden an Sonn- und Festtagen an den Kirchtüren Schalen (Becken) aufgestellt und das volck vermanet etwas zu der Glocke zu geben. An den Stadttoren wurden wohlhabende Durchreisende umb eine zulage vnd hilff gebeten. Außerdem wurden die Opfergaben aus vier vor der Stadt gelegenen Clausen und Heiligen stocken in Anspruch genommen.3) 1505 kam Hans Arnemann, ein Einbecker Bürger, der von 1487 bis 1508 als Glockengießer erscheint (vgl. Nr. 69), nach Hardegsen, um vor dem ‚Oberen Tor‘ der Stadt die Form zu erstellen und den Schmelzofen zu bauen; die Einwohner gaben für die Form freiwillig vnd ungefurdert Flachs und Eier. Zum Guss versammelte sich eine große Menschenmenge, darunter alle Geistlichen des Ortes. Meister Arnemann aber verwies etzliche verdechtige und unartige leut, die mit offentlichen schanden und unthaten behafftet gewesen seien, des Platzes. Von ihnen befürchtete er – im religiösen Sinn – eine Störung des Gusses. Die Anwesenden ermahnte er zu Andacht und Gebet. Danach und nach Gesängen ließ der Gießer unter weiteren Gebeten die Glockenspeise fließen. In diesem Moment kam, angeblich zufällig, Herzog Erich I. auf dem Weg von Hann. Münden nach Burg Calenberg vorbei. Er stieg ab, betete und warf etzliche stuck goldes in die speiss; Männer aus seinem Gefolge taten es ihm nach. (Dabei dürfte es sich um eine Steigerung des Glaubens handeln, ein Zusatz von Silber mache den Klang der Glocken besonders hell und rein.4)) Nach dem Guss grüßte der Herzog den Meister und zog weiter. Später wurde die aus der Form gelöste Glocke von Ehefrauen und Jungfrawen des Ortes, die ihre besten Kleider angelegt hatten, unter Anleitung eines Zimmermanns und Bürgersohns, Heinrich Spangenberg, einem Großonkel Letzners,5) zum Kirchhof gezogen. Ihnen voran wurden ein Kreuz, Fahnen und Weihwasser getragen; während des Zuges wurde Musik gespielt, gesungen, Weihrauch verbrannt und Weihwasser versprengt. Die Bürger Hardegsens und die Einwohner der umliegenden Dörfer folgten in ständischer Ordnung (nach Graden). Auf dem Kirchhof angekommen, wurde die Glocke gereinigt und gewaschen. Diese Prozedur wurde von dem aus Halberstadt erschienenen Weihbischof wiederholt, der die Glocke schließlich mit sauberen Leinentüchern abtrocknete. Danach hat er sie mit sieben Kreuzen gezeichnet, den Teufel beschworen und ausgetrieben, die Glocke mit Weihrauch und Thymian beräuchert, gesegnet und ihr die vollkommene macht vnd Gewalt gegeben, alle Vngewitter zu stillen vnd zu vertreiben, die hertzen deren, die sie horen, zum andechtigen Gebete zubewegen, vnd die todten zubeklagen.6) Der Weihbischof fragte die Frauen, wie die Glocke heißen solle, worauf sie riefen: Sie soll Susanna heissen. Auf diesen Namen wurde die Glocke getauft. Einige Tage später schaffte Zimmermeister Heinrich Spangenberg die Glocke an ihren Platz in dem 1505 neu erbauten und noch heute weitgehend erhaltenen Glockenstuhl; zum Erstaunen der Einwohner gelang ihm dies mit Hilfe eines Systems von Flaschenzügen viel mher mit list, als mit gewalt.7) Später gab es zwischen dem Rat einerseits sowie dem Kaland und den Kirchenvorstehern andererseits Streit über die Forderung des Rates, die Glocke auch zu weltlichen Zwecken läuten zu lassen, was die letzteren verweigerten, weil sie das Geld für Gott, Maria und St. Mauritius aufgebracht hätten. Der geistliche Richter gab ihnen Recht, gestand aber zu, dass die Glocke in Notfällen (Unwetter, Feuer, Überfällen) auch von der weltlichen Obrigkeit geläutet werden könne.8)

Textkritischer Apparat

  1. laudis] Der oben angesetzte Zierstrich des l ist gestört, a ist beeinträchtigt.

Anmerkungen

  1. Konnerth/Ropeter, Glocken, S. 1f.; darin auch: Ropeter, Profil, S. 36f.
  2. Zur Kalandsbruderschaft, der Vereinigung aller Priester in Hardegsen, deren Gründung im Jahr 1386 die Herzogin Margarethe von Berg (Nr. 39) gefördert hatte, vgl. Prietzel, Kalande, S. 54–59. Lechte, Hardegsen, S. 130–133, 210 u. 303f. Nach Letzner, Hardessische Chronik, fol. 46r/v. (Prietzel benutzte die in der GWLB Hannover vorhandene Handschrift der Chronik, daher bei ihm eine andere Foliierung.)
  3. Zu der wichtigsten „Klus“, der um 1300 entstandenen St. Nikolaus-Kapelle bei der Schmiedewiese, vgl. Lechte, Hardegsen, S. 172f.
  4. Vgl. Pfeifer, Kirchenglocken (1919), S. 50.
  5. Ein Bruder des Zimmermanns war Johann Spangenberg (1484–1550), seit 1524 evangelischer Prediger in Nordhausen und seit 1546 Superintendent der Grafschaft Mansfeld; der Vater hieß Tile(mann). Der Großvater Konrad, aus Erbsen (Lkr. Göttingen) gebürtig, hatte im hessischen Spangenberg als Schlossermeister gewirkt, den Namen des Ortes angenommen, und war 1447 nach Hardegsen gekommen; vgl. Lechte, Hardegsen, S. 273–279 u. 302. Letzner, Hardessische Chronik, fol. 52. Zu Johann Spangenberg siehe auch ADB, Bd. 35, 1893, S. 43–46 (P. Tschackert). Die Schwester Gesa Spangenberg war die mütterliche Großmutter Letzners; vgl. NDB, Bd. 14, 1985, S. 360 (H. Klinge).
  6. Daher der häufige Glockenspruch vivos voco, defunctos plango, fulgura frango; im vorliegenden Band Nr. 41. Zur Glockensegnung vgl. Steffens, Kirchweihe und Glockensegnung, S. 42–45. Poettgen, Theologie früher Glockeninschriften, S. 75–77.
  7. Das Vorstehende nach Letzner, Hardessische Chronik, Kap. 21, fol. 50r–54v. Abdruck bei Ropeter, Profil, S. 60–63. Vgl. Prietzel, Kalande, S. 57. Lechte, Hardegsen, S. 301f. Zu den vor 1505 vorhandenen Glocken vgl. Ropeter, Profil, S. 39; nach Letzner, Hardessische Chronik, fol. 49v–50r. Zum Glockenstuhl vgl. Konnerth/Ropeter, Glocken, S. 14f. Die verwendeten Balken wurden zumeist 1504 gefällt.
  8. Prietzel, Kalande, S. 57f.

Nachweise

  1. Domeier, Hardegsen, S. 54.
  2. Mithoff, Kdm. Göttingen und Grubenhagen, S. 96.
  3. Lechte, Hardegsen, S. 125.
  4. Ropeter, Profil, S. 28 (nach einem Gutachten der Göttinger Inschriftenarbeitsstelle von 2005).

Zitierhinweis:
DI 96, Lkr. Northeim, Nr. 85 (Jörg H. Lampe, Christine Wulf), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di096g017k0008504.