Inschriftenkatalog: Landkreis Northeim

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 96: Lkr. Northeim (2016)

Nr. 70 Moringen, Liebfrauen 1490

Beschreibung

Stein. Die sechszeilige, erhaben in vertiefter Zeile ausgeführte Inschrift befindet sich an der Nordwestecke des Kirchturms. Die Unter- und Oberlängen der Buchstaben reichen konturiert in die erhabenen, breiten Stege und den Rahmen, auf denen sich auch ebenfalls konturierte Kürzungszeichen finden. Die beiden ersten Wörter wurden ausgehauen (Reste von Oberlängen sind im Rahmen zu erkennen) und vertieft durch die gegenwärtigen ersetzt. Am Ende der Inschrift ein Meisterzeichen (M2), danach ein eingeritztes Muster.

Maße: H.: 58 cm; B.: 181 cm; Bu.: 6,5 cm.

Schriftart(en): Gotische Minuskel mit Versalien.

DI 96, Nr. 70 - Moringen, Liebfrauen - 1490

 Akademie der Wissenschaften zu Göttingen (Julia Zech) [1/1]

  1. Dvth · warck · js · anghelecht · jn · sinte · vites · daghe1) / Gode · marien · vnde · alle · hyllighen · tobehage / Na · der · bort · (Christ)ia) · verthei(n)hu(n)dert · vn(n)d · neghe(n)tych · iar / H(er) · hinr(icus) · h(er).jans · was · do · ein · p(er)ner · vn(n)d · anheuer · dar / Up · de(n) · aue(n)t · walburg(is)2) · m° · cccc° · jn · deme · lxj · jare / Uth·br[e]nde · mori(n)ge(n) · dat · got · nu · be·ware

Übersetzung:

Dieses Werk wurde am Tag des heiligen Vitus angefangen, Gott, Maria und allen Heiligen zu Ehren, im Jahr 1490 nach der Geburt Christi. Herr Heinrich Herjans war zu dieser Zeit dort Pfarrer und der Urheber (des Baus). Am Tag vor Walpurgis im Jahr 1461 brannte Moringen ab (aus), das Gott nun bewahre.

Versmaß: Deutsche Reimverse.

Kommentar

Bemerkenswert an der Schrift sind die Zierhäkchen an den Bogenenden der runden s (auch an dem teilweise – in vites – enthaltenen Diagonalstrich) und an den gespaltenen bzw. gekerbten Oberlängen von b, h, l sowie an allen Unterlängen.

Auf Vorschlag des Pfarrers Heinrich Herjans einigten sich die Kirchenvorsteher, der Rat und die Gemeinde 1488 darauf, die bei dem in der Inschrift erwähnten Stadtbrand von 1461 zerstörte Liebfrauenkapelle als Gemeindekirche neu aufzubauen. Die Kapelle, in der Mitte des 14. Jahrhunderts von drei Brüdern von Rosdorf gegründet, war Filial der im Oberdorf vor der Stadt gelegenen Kirche St. Martin. Herzog Wilhelm, der von der Stadt mehrmals Geld geliehen hatte, billigte das Vorhaben und schenkte der Kirche zwei Kapellen (St. Crucis und Ulrich vor der Stadt sowie St. Georg in Lutterbeck) bzw. deren Einkünfte; der Sohn des Herzogs, Heinrich der Ältere, der seit 1487 im Fürstentum Calenberg Mitregent war, bestätigte die Regelungen am 21. Oktober 1490. Der Erzbischof von Mainz billigte die Verlegung der Pfarrkirche mit Ausnahme des Begräbnisrechtes, das bei St. Martin blieb, am 9. April 1492.3) Die Inschrift zeigt, dass mit dem Bau des Kirchturms schon vorher, am 15. Juni 1490, begonnen worden war. Der Pfarrer Heinrich Herjans schloss sich 1489 mit den Messpriestern der Kirche zu einer Bruderschaft zusammen, die ihre Statuten nach dem Vorbild des Kalands in Hardegsen einrichtete. Damit gewann gleichzeitig der Rat entscheidenden Einfluss auf die Kirchenverwaltung.4)

Das Meisterzeichen ist das des Johannes de Castro. Es findet sich auch auf einem Taufstein, den dieser im selben Jahr für die Kirche St. Martin in Dransfeld anfertigte und mit seinem Namen versah.5)

Textkritischer Apparat

  1. (Christ)i)] Befund: xpi.

Anmerkungen

  1. 15. Juni 1490.
  2. 30. April 1461.
  3. Vgl. Prietzel, Kalande, S. 61–63. Grundlage sind: Antiquitates Moringenses, S. 24–39. Domeier, Moringen2, S. 94–102. Danach auch Ohlmer, Moringen, S. 140f.
  4. Vgl. Prietzel, Kalande, S. 63–70; zu Herjans siehe ebd., Anh. 2 (Nr. 9), S. 468. Domeier, Moringen1, S. 77–85; Ders., Moringen2, S. 68–72. 1512 werden die Kinder des verstorbenen Heinrich Herjans erwähnt; HStAH Cal. Br. 15, Nr. 2573 (zit. nach Findbuch).
  5. Vgl. DI 66 (Lkr. Göttingen), Nr. 73 (M6). Der Taufstein befindet sich heute im Landesmuseum in Hannover; vgl. von der Osten, Katalog der Bildwerke, S. 89f. Fastenau bringt den Namen mit der kleinen Ortschaft Lagershausen bei Northeim (heute Stadtteil) in Verbindung; Fastenau, Mittelalterliche Steinskulpturen, S. 26. Die Namensform Lagerßhausen ist aber erst 1537 und 1588 belegt, noch 1542 heißt es Lawershausen; Casemir/Menzel/Ohainski, Ortsnamen Lkr. Northeim, S. 237f. Eine Latinisierung Castro aus der hochdeutschen Form „Lager“ bereits 1490 erscheint eher unwahrscheinlich.

Nachweise

  1. Mithoff, Kdm. Göttingen und Grubenhagen, S. 132.
  2. Letzner, Klösterchronik (Cod. Ms. Hist. 248), S. 864; (Cod. Ms. Hist. 249), fol. 959r/v. (beide normalisiert).
  3. Antiquitates Moringenses, S. 25.
  4. Domeier, Moringen2, S. 98.
  5. Krack, Kirche in Moringen, S. 127 (nach Domeier).
  6. Ohlmer, Moringen, S. 144 (Schluss, nach Domeier).

Zitierhinweis:
DI 96, Lkr. Northeim, Nr. 70 (Jörg H. Lampe, Christine Wulf), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di096g017k0007007.