Inschriftenkatalog: Landkreis Northeim

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 96: Lkr. Northeim (2016)

Nr. 58 Northeim, Am Münster 30 1474

Beschreibung

Haus. Fachwerk. In der sogenannten Kloster- oder Lateinschule, dem späteren Pächterwohnhaus,1) ist gegenwärtig (2013) das Bürgerbüro untergebracht. Das auf einem älteren, steinernen Sockel errichtete Fachwerkgebäude ist zehn Gefache breit; die beiden oberen Geschosse jeweils vorkragend. Auf der südlichen Traufseite Inschrift A auf dem Schwellbalken des zweiten Obergeschosses, Inschrift B auf dem Schwellbalken des ersten Obergeschosses. Die Inschriften sind erhaben in leicht vertiefter Zeile geschnitzt und farbig (gold) vor braunem Hintergrund gefasst. Am Anfang sind durch Ersetzung der Balken jeweils die ersten Buchstaben ausgefallen und erneuert. Als Worttrenner dienen Rosetten. Inschrift A war im späten 19. Jahrhundert so verwittert, dass Mithoff (1873) und Vennigerholz (1894) sie nicht lesen konnten.

Maße: Bu.: 11cm.

Schriftart(en): Gotische Minuskel mit Versalien.

DI 96, Nr. 58 - Northeim, Am Münster 30 - 1474

 Akademie der Wissenschaften zu Göttingen (Lara-Sophie Räuschel) [1/4]

  1. A

    <omn>es · habitantes · in · ista · conserua · domine · in · ea · timentes · te · pusillos · cum · maioribus · per · infinita · secula · Gloria · patri · et · filio · et · spiritui · sancto · per · infinita · secula · amen2) ·

  2. B

    <Quib>usa) · te · laudibus · efferam · nescio · quia · quem · celi · capere · non · poterant · tuo · gremiob) · contulisti3) · Benedicta · tu · in mulieribus etc) · benedictus · fructus · uentris · tui4) · ihesus · Anno d(omi)ni · m · cccc · lxxiiii · maria

Übersetzung:

Alle, die in dieser Einrichtung wohnen, die Geringen/Schwachen und die Großen/Starken, bewahre, Herr, in dieser, weil sie dich fürchten, in alle Ewigkeit. Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist in alle Ewigkeit. Amen. (A)

Ich weiß nicht, wie ich dich preisen soll, (Maria), weil du den in deinem Leib getragen hast, den die Himmel nicht fassen konnten. Gesegnet bist du unter den Frauen und gesegnet ist die Frucht deines Leibes, Jesus. Im Jahr des Herrn 1474. Maria. (B)

Kommentar

Inschrift B entstammt einer Responsio, beginnend mit den Worten Sancta et immaculata virginitas, quibus te laudibus …, die Teil der Messe am Weihnachtstag, in der Woche nach Weihnachten sowie am Vorabend von Epiphanias war. Die Responsio wurde auch in das Officium beatae Mariae virginis bzw. Officium parvum übernommen. Die seit dem 10. Jahrhundert entstandene, dem Stundengebet nachgebildete und in vielen Varianten überlieferte Liturgie war im Spätmittelalter für Ordens- und Weltgeistliche verpflichtend.5) Ihre Texte gingen auch in Stundenbücher ein; in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts gewann das Marienoffizium auch unter Laien große Beliebtheit.

Die überwiegend liturgischen Zusammenhängen entnommenen Inschriften weisen das Bauwerk als Teil des Klosterkomplexes von St. Blasius aus. Die traditionelle Zuschreibung als „Lateinschule“ ist nicht aufrechtzuerhalten, pusillos cum maioribus ist nicht als ‚Kinder‘ und ‚Erwachsene‘ bzw. ‚Lehrer‘ zu verstehen, sondern als Formel für „alle Menschen“. Die seit der Mitte des 13. Jahrhunderts nachweisbare Klosterschule verlor im 15. Jahrhundert mit der Einrichtung einer vom Rat getragenen Schule an St. Sixti an Zulauf. 1477, drei Jahre nach der Anbringung der Inschrift, einigten sich Abt und Rat darauf, dass nur noch die Schule bei der Stadtkirche weitergeführt werden sollte.6)

Textkritischer Apparat

  1. <Quib>us] Fehlt Mithoff u. Vennigerholz.
  2. gremio] Die Unterlänge des g ist nicht farbig gefasst, aber zu erkennen.
  3. et] Das t farbig gefasst als r.

Anmerkungen

  1. So noch die Bezeichnung bei Vennigerholz, Beschreibung, Bd. 1, S. 48. Um 1725 wird der Bau, damals noch mit einem absidialen Abschluss nach Osten, als „Gefängnis und Untervogts-Wohnung“ bezeichnet; Hueg, Lageplan, S. 122 (Nr. 3). Zu der – hier nicht interessierenden – Frage, ob der Bau ursprünglich die Nikolai-Kapelle mit der Grablege der Klostergründer, der Grafen von Northeim enthielt, vgl. zuletzt Sven Schütte, Die Grabkapelle des Otto von Northeim, in: Hartwig Lüdtke u. a., Archäologischer Befund und historische Deutung. Festschrift für Wolfgang Hübener, Neumünster 1989 (Hammaburg N.F. 9), S. 247–263. Möglicherweise wurde die Kapelle erst mit Errichtung des Fachwerkaufbaus aufgegeben; ebd., S. 249–252 u. 263.
  2. Gloria patri …: Anfangsworte der kleinen oder trinitarischen Doxologie, des gebetsabschließenden Lobpreises Gottes in der Liturgie, ursprünglich im Introitus der Messe, später als Antiphon zu verschiedenen Versen des Psalters; vgl. Jungmann, Missarum Sollemnia, Bd. 1, S. 423f. Hier ist der Wortlaut am Ende sinnerhaltend gekürzt; eigentlich: … sicut erat in principio et nunc et semper et in saecula saeculorum. Auch im Marienoffizium; vgl. die folgende Anm.
  3. Responsio im Tageszeitengebet am Weihnachtstag, in der Woche nach Weihnachten und am Vorabend von Epiphanias, beginnend: Sancta et immaculata virginitas, quibus te laudibus …; vgl. Corpus antiphonalium officii, Bd. 4, Nr. 7569, S. 389. Übernommen in die hoch- und spätmittelalterliche Marienliturgie, hier nach der lectio prima oder der lectio secunda in der Matutin, dem Nachtgebet; vgl. Baltzer, Little Office, S. 475. Horae Eboracenses, S. 39f., zusammen mit der Tabelle S. xxviii. Horae nostrae dominae secundum usum ecclesiae Romanae, [Faksimile der Ausgabe] Kirchheim i. E[lsass], Markus Reinhard c. 1490, Zwickau 1915 (Zwickauer Facsimiledrucke No. 22), Bl. a[4v].
  4. Versiculus nach Lc. 1,28 im Anschluss an die in der vorigen Anm. genannte Responsio; die Nachweise ebd.
  5. Vgl. LThK3, Bd. 7, Sp. 1006f., s. v. Officium parvum BMV (Hans-Jürgen Feulner). Baltzer, Little Office, passim. Vgl. Anm. 3.
  6. Vennigerholz, Beschreibung, Bd. 1, S. 54f.

Nachweise

  1. Hueg, Lageplan, S. 125.
  2. Mithoff, Kdm. Göttingen und Grubenhagen, S. 155f. (B).
  3. Vennigerholz, Beschreibung, Bd. 1, S. 48 (B).
  4. Bilder aus dem Landkreis Northeim, Tafel [45].
  5. Jörns/Engel, Zeugnisse des Bürgertums, S. 8 (Abb. 1).
  6. Merl, Marientradition, S. 172 (B).

Zitierhinweis:
DI 96, Lkr. Northeim, Nr. 58 (Jörg H. Lampe, Christine Wulf), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di096g017k0005807.