Inschriftenkatalog: Landkreis Northeim

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 96: Lkr. Northeim (2016)

Nr. 38 Greene, St. Martin 1439

Beschreibung

Stein. Eingelassen in die Südwand des Kirchenschiffes, östlich des ersten Strebepfeilers. Auf dem Stein befindet sich links ein gelehntes Vollwappen, erhaben im vertieften Feld. Rechts davon die vertiefte Inschrift in sechs Zeilen, mit eingehauenen Linien zwischen den Zeilen und als Rahmen; die Zehner der Jahreszahl sind (noch im 15. oder im frühen 16. Jahrhundert) nachgearbeitet. Am Ende der letzten Zeile Schmucklinien als Füller. Die verwitterte Inschrift ist an einigen Stellen schwer zu entziffern, was die Abweichungen der früheren Lesungen aus der Mitte des 18. und der Mitte des 19. Jahrhunderts erklärt.1) Aufgrund des Erhaltungszustandes kann eine Entscheidung über die u/v-Schreibung nicht getroffen werden; es wird daher nach dem Lautwert ediert.

Maße: H.: 56,5 cm; B.: 106,5 cm; Bu.: 5 cm.

Schriftart(en): Gotische Minuskel mit Versalien.

DI 96, Nr. 38 - Greene, St. Martin - 1439

 Akademie der Wissenschaften zu Göttingen (Jörg Lampe) [1/1]

  1. Hermena) · unde · ludolf · van · / frederkeshusenb)2) · demec) · ghena(n)td) de / ruscheplate · laten · dusse · cappelle(n) · / buwen · dut · is · war · do · me · screfe) / na · godes · bort · M · cccc · nege(n) / unde · <xxx>f) · iarg)

Übersetzung:

Hermann und Ludolf von Friedrichshausen, die Rauschenplat genannt werden, (haben) diese Kapelle bauen lassen. Dies war, als man das Jahr nach Gottes Geburt 1439 schrieb.

Wappen:
Rauschenplat3)

Kommentar

Bemerkenswert ist die ohne Brechungen auskommende Form des f in ludolf, das dem Versal-F in der acht Jahre späteren, ebenfalls vertieften Inschrift an der Kirche in Dassel ähnelt; auch die Form der vier c der Jahreszahl, bei denen der waagerechte Teil des gebrochenen oberen Bogenabschnitts in einer Linie miteinander verbunden ist, kommt dort vor; vgl. Nr. 42.

Die Kirche war 1424 bei einem Streit des Bischofs von Hildesheim mit dem Herzog von Braunschweig um den Besitz der Burg Greene vom Bischof zerstört worden. Die Inschrift bezeichnet vermutlich den Wiederaufbau des Turms und des westlichen Teils des Kirchenschiffs.4) Hermann und Ludolf sind die Leitnamen der Familie Rauschenplat, die seit dem 14. Jahrhundert als Lehnsleute des Bischofs von Hildesheim und der Äbtissin von Gandersheim nachzuweisen sind. 1408 wird erstmals ein Brüderpaar dieses Namens genannt, Söhne des Burgmannen Hermann von Rauschenplat auf der Winzenburg, die mit drei Hufen bei Kreiensen belehnt werden. 1418 kaufen sie gemeinsam drei Hufen in Hilprechtshausen.5) Mahrenholtz unterscheidet von diesen ein gleichnamiges Brüderpaar, das von 1422 an gemeinsam in Urkunden genannt wird. 1440 verpfändete der Bischof von Hildesheim die Burg Greene an sie.6)

Textkritischer Apparat

  1. Hermen] Herman Corpus bonorum, S. 1 u. Bl. III.
  2. frederkeshusen] Der vom Schaft getrennte Mittelbalken des f ist mit dem nach links gerichteten Quadrangel des folgenden r verschmolzen; s frederkeshusen Corpus bonorum, S. 1; Frederkeshusen ebd., Bl. III; vederkeshusen Kdm., Ehlers; Suederkeshusen Wittkopp. Zum Ortsnamen siehe Anm. 2.
  3. deme] de oc ? Kdm.; bei Ehlers und im Corpus bonorum, S. 1, ausgelassen.
  4. deme · ghena(n)t] deinegot Corpus bonorum, Bl. III.
  5. scref] Auch Corpus bonorum, Bl. III; screif ebd., S. 1; sref ? Kdm. Das r ist mit schwachem Strich ausgeführt, der Schaft des f verschmilzt mit der rechten Begrenzungslinie.
  6. <xxx>] Andere Ausführungstechnik und Buchstabenformen: in vertiefter Zeile mit breitem Strich eingehauen.
  7. von Ruschnplat leten düsse kapelle buwen da man screif na Gades bort M CCCC unde darna im XXX iar Corpus bonorum, S. 1; van rvscheplatt · leten · düsse · kapelle(n) · buwen · dat · is · war do me(n) scref na · Godes bort M · CCCC · nege(n) unde XXX · iar ebd., Bl. III.

Anmerkungen

  1. Im Corpus bonorum von Greene von 1752 findet sich (S. 1) die früheste Überlieferung; davor ein nachträglich eingeklebter Zettel (Bl. III) mit folgender Bemerkung: Der hier bemerkte Stein ist diplomatisch genau copirt, was eben noch möglich war, am 19. u. 22. Juni 1842; StAW 129 Neu 72, Nr. 99. Vgl. bes. Anm. g. Das Papier der vermutlich 1869 entstandenen Durchreibung von Brackebusch ist sehr brüchig; an der rechten Seite sind Teile verloren. Auch hat Brackebusch seine Pause mit Tinte nachgezogen und dabei Zweifelsfälle überkorrigiert; StAW 9 Slg, Nr. 7.
  2. Für die Lesung mit s im Anlaut ergibt sich keine plausible Zuordnung zu einem Ortsnamen im Raum südlich von Hannover. In Friedrichshausen bei Dassel, das zu der Lesung frederkeshusen etymologisch passt (vgl. Casemir/Menzel/Ohainski, Ortsnamen Lkr. Northeim, S. 142f.), ist bisher kein Besitz der Rauschenplat bekannt. In Friedrichshausen hatten seit dem 13. Jahrhundert die von Garmissen größeren Besitz; vgl. Reden-Dohna, Rittersitze, S. 137–142. Ihnen gehörte aber nur ein Anteil des Dorfes, den sie 1415 verpfändeten; vgl. HStAH Cal. Or. 100 Einbeck Augustiner, Nr. 28 (zit. nach Findbuch). Infrage kommt außerdem noch Fredericshusen, eine Wüstung im Lkr. Göttingen (vgl. Casemir/Ohainski/Udolph, Ortsnamen Lkr. Göttingen, S. 143f.), bei der allerdings auch keine Beziehung zu den Rauschenplats zu erkennen ist. Für Hinweise und die Klärung von Zweifeln danke ich Uwe Ohainski vom Niedersächsischen Ortsnamenbuch.
  3. Wappen Rauschenplat (drei ins Dreieck gestellte Äste mit daraus nach außen hervorwachsenden Kleeblättern). Vgl. Siebmacher/Hefner, Wappenbuch, Bd. 2, Abt. 2, S. 8 u. Tafel 6.
  4. Kdm. Kreis Gandersheim, S. 438 u. 440. Es gibt keinen hinreichenden Grund, die Inschrift einem Kapellenanbau zuzuschreiben, wie dies Steinacker (ebd., S. 440) tut. Vgl. auch St.-Martins-Kirche in Greene, S. 11f.
  5. Vgl. Mahrenholtz, Rauschenplat, S. 65f., Regesten 12 u. 20.
  6. Ebd., S. 66–71; bes. die Regesten 22, 24, 28, 40, 41, 43 (Verpfändung von Greene) u. 44. Zur von Mahrenholtz rekonstruierten Generationenabfolge vgl. ebd., S. 5–7. Wenn Hermann (II.2) nicht nur bis etwa 1408, sondern bis etwa 1422 (Regest 24) gelebt hat, würden Hermann (III.1 u. IV.1) sowie Ludolf (III.2 mit Ludolf, dem dritten Sohn von Hermann [III.1]) zusammenfallen.

Nachweise

  1. Kdm. Kreis Gandersheim, S. 442.
  2. Corpus bonorum von Greene (1752); StAW 129 Neu 72, Nr. 99, S. 1 u. Bl. III (1842). – StAW 9 Slg, Nr. 7 (Durchreibung Brackebusch, ca. 1869).
  3. Ehlers, Greene, S. 70.
  4. Wittkopp, Chronik von Greene, S. 39.

Zitierhinweis:
DI 96, Lkr. Northeim, Nr. 38 (Jörg H. Lampe, Christine Wulf), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di096g017k0003803.