Inschriftenkatalog: Landkreis Northeim

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 96: Lkr. Northeim (2016)

Nr. 4 Moringen, Liebfrauen 1263

Beschreibung

Glocke. Bronze. Viertelstundenglocke. Schlanke Form mit breitem Schlagrand. Die erhaben gegossene Inschrift zwischen Schnurstegen unterhalb der Schulter. Die Buchstaben wurden in den Mantel eingekerbt. Zwischen Alpha und Omega ein von einem Kreuznimbus umgebener Kopf Christi.

Maße: H.: 58 cm; Dm.: 60,5 cm; Bu.: 3,5 cm.

Schriftart(en): Romanische Majuskel, griechischer Kleinbuchstabe ω.

DI 96, Nr. 4 - Moringen, Liebfrauen - 1263

 Akademie der Wissenschaften zu Göttingen (Julia Zech) [1/3]

  1. + ANNO · D(OMI)NI · M° · C°C · LX · I · I · I · XII · K(ALENDAS) · IVL(II)1) · А · ω2) ·

Übersetzung:

Im Jahr des Herrn 1263 am 12. Tag vor den Kalenden des Juli. Alpha Omega.

Kommentar

Die Buchstaben weisen Ansätze zu einer keilförmigen Verbreiterung der Schaft-, Balken- und Bogenenden auf, die beim C eine gewisse Tendenz zum Abschluss zeigen. Die Schrägschäfte des flachgedeckten A berühren sich oben fast; neben ein kapitales N (an erster Stelle in ANNO) tritt zweimal das runde N. Das links geschlossene, unziale M weist geknickte Bögen mit angedeuteter Schwellung auf, das unziale D mit waagerechtem oberen Bogenabschnitt und O sind spitzoval, beides vermutlich aus technischer Unvollkommenheit. Der Schaft des L ist gebogen, der Balken am Ende nach unten in ein Häkchen ausgezogen; der am Ende nach rechts umgebogene untere Schrägbalken des K weist eine Schwellung auf, der obere ist (vermutlich versehentlich) gebrochen. Insgesamt sind die Tendenzen zu Formen der gotischen Majuskel (bei C und L) nur schwach ausgeprägt. Das für das griechische Alpha stehende A trägt über dem Deckbalken ein Kreuz; der nach oben verlängerte Mittelschaft des ω ist ebenfalls als Kreuz gestaltet;3) vgl. Nr. 10. Die Schrift deutet darauf hin, dass die vorliegende Glocke in zeitlicher Nähe zu der Glocke Nr. 5 entstanden ist.

Alpha und Omega versinnbildlichen als erstes und letztes Zeichen des griechischen Alphabets eine kosmische Universalität; diese wird in der Offenbarung des Johannes auf Gottvater und Sohn übertragen. Seit dem Ende des 12. Jahrhunderts wurden die apokalyptischen Buchstaben auf Glocken angebracht. Sie erhielten dabei eine Weihe- und Schutzfunktion, die auch in der Liturgie der Glockenweihe Niederschlag fand.4)

Da die Glocke von Letzner, der die Inschriften auf zwei Glocken der Martini-Kirche genau zitiert (vgl. Nr. 5, 18), weder für St. Martin noch für Liebfrauen erwähnt wird, muss offenbleiben, ob auch die vorliegende Glocke aus der früheren Martini-Kirche im Oberdorf stammt.

Anmerkungen

  1. 20. Juni.
  2. Apc. 1,8; 21,6; 22,13.
  3. Dazu vgl. DI 11 (Merseburg), Nr. 8 (Clinsa, um 1180); DI 46 (Stadt Minden), Nr. 7 (Wandmalerei), 16 u. 20; DI 52 (Zeitz), Nr. 11; DI 64 (Lkr. Querfurt), Nr. 3, 5, 6, 16; DI 66 (Lkr. Göttingen), Nr. 5; DI 88 (Lkr. Hildesheim), Nr. 2 (1249). Schilling, Glocken, S. 135–147.
  4. Der Kommentar zur Funktion von Alpha und Omega folgt den Ausführungen von Ilas Bartusch in: DI 64 (Lkr. Querfurt), Nr. 3. Vgl. bes. Poettgen, Theologie früher Glockeninschriften, S. 70–73. Zur Wettersegensformel alpha et o sit nobis salus, defensio atque protectio. Amen ‚Alpha und Omega sei unser Heil, Abwehr und Schutz. Amen‘ vgl. Franz, Die kirchlichen Benediktionen, Bd. 2, S. 95.

Nachweise

  1. Mithoff, Kdm. Göttingen und Grubenhagen, S. 132 u. Tafel II.
  2. Antiquitates Moringenses, S. 58.
  3. Domeier, Moringen1, S. 114 (Nr. V).
  4. Domeier, Moringen2, S. 105 (Nr. V).

Zitierhinweis:
DI 96, Lkr. Northeim, Nr. 4 (Jörg H. Lampe, Christine Wulf), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di096g017k0000400.