Inschriftenkatalog: Landkreis Northeim

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 96: Lkr. Northeim (2016)

Nr. 3 Hardegsen, St. Mauritius 2. H. 12.–1. V. 13. Jh.

Beschreibung

Glocke. Bronze. Schlanke Zuckerhutform mit doppeltem Steg am breiten Schlagring. Auf der Flanke mit rauer Oberfläche eine Rautenschraffur. Die Krone ist neu aufgeschweißt. Im Inneren der Glocke die Inschrift unterhalb der Schulter. Die erhaben gegossenen, retrograd angebrachten Buchstaben verteilen sich symmetrisch um die Rundung.

Maße: H.: 94 cm; Dm.: 83 cm; Bu.: ca. 5–6 cm.

Schriftart(en): Romanische Majuskel.

DI 96, Nr. 3 - Hardegsen, St. Mauritius - 2. H. 12.-1. V. 13. Jh.

 Akademie der Wissenschaften zu Göttingen (Sabine Wehking) [1/1]

  1. + A G L A1)

Kommentar

Das erste A ist mit breitem Deckbalken versehen, das oben abgeflachte A am Ende weist einen gebrochenen Mittelbalken und keilförmig verbreiterte Schaftenden auf; das eingerollte G zeigt gleichfalls ein keilförmig verbreitertes oberes Bogenende, der weit ausgezogene Balken des L hat ein Pendant zur rechten Seite, das vermutlich auf einer Verwirrung in Bezug auf die Schreibrichtung beruht. Die schlanke Form der bereits im Mantelabhebeverfahren hergestellten Glocke lässt eine Entstehung ab der Mitte des 12. Jahrhunderts denkbar erscheinen; ein Rautenmuster auf der Flanke weist auch die ins 12. Jahrhundert datierte Zuckerhutglocke aus Weidenhain bei Torgau auf.2) Die vier Buchstaben können kaum für eine Präzisierung des Entstehungszeitraums herangezogen werden, da die beschriebenen keilförmigen Verbreiterungen allein wenig aussagekräftig und auch noch nicht sehr ausgeprägt sind.

Inhaltlich handelt es sich bei der Inschrift um einen kabbalistischen Gottesnamen, der aus den Anfangsbuchstaben der hebräischen Segensformel A(tha) G(ibbor) L(e-Olam) A(donaj) besteht, die am Beginn der zweiten Lobpreisung Gottes im jüdischen Achtzehnbittengebet steht; vgl. Anm. 1. Die Schutz- und Beschwörungsformel AGLA findet sich seit dem frühen Mittelalter auf verschiedenen Inschriftenträgern.3) Für Glocken ist sie von der zweiten Hälfte des 12. bis in die erste Hälfte des 14. Jahrhunderts belegt.4) Sie soll der Glocke die zugedachte Schutzfunktion einschreiben.5)

Die Herkunft der Glocke ist ungeklärt. Entweder hing sie bereits im Vorgängerbau der 1423/24 fertiggestellten Mauritiuskirche (vgl. Nr. 31 u. 33) oder sie wurde später angekauft, was Letzner für die älteren Glocken der Kirche andeutet. Letzner berichtet auch, dass nach der Zerstörung des nahe Hardegsen gelegenen Dorfes Ertinghausen im Jahr 1486 Glocken und Vasa Sacra aus der dortigen Kirche nach Hardegsen gekommen seien; um welche es sich dabei handelt, lässt sich nicht mehr feststellen.6) Die Glocke wurde 1942 abgenommen, kehrte aber 1947 von der Hamburger Sammelstelle unversehrt zurück.7)

Anmerkungen

  1. A(tha) G(ibbor) L(e-Olam) A(donaj) ‚Du bist stark in Ewigkeit, Herr‘. Notarikon, gebildet aus den Anfangsbuchstaben der zweiten Lobpreisung Gottes im jüdischen Achtzehnbittengebet; vgl. Encyclopaedia Judaica 1, 1928, Sp. 1042. Zum Text und zur Textgeschichte vgl. Kellermann, Achtzehn-Bitten-Gebet, S. 58–60.
  2. Schilling, Glocken, Abb. 105, S. 68f. Vgl. auch die ebenfalls ins 12. Jahrhundert gesetzte, in derselben Technik, aber einem anderen Muster verzierte Glocke aus Weddersleben bei Quedlinburg; ebd., S. 156, Abb. 319. Eine Glocke mit Rautenschraffur auch in Hunzen (Lkr. Holzminden); Pfeifer, Kirchenglocken (1901), S. 113f. (mit Nennung weiterer Glocken ähnlichen Musters) u. Abb. 3; danach Kdm. Kreis Holzminden, S. 300.
  3. Vgl. Otte/Wernicke, Handbuch, Bd. 1, S. 400. Walter, Glockenkunde, S. 158f. Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, Bd. 1, 1927, Sp. 213. LCI, Bd. 1, Sp. 89f. (s. v. Akelei).
  4. Aus dem 12. oder frühen 13. Jahrhundert stammen folgende Glocken: DI 11 (Merseburg), Nr. 8 (Dom, Clinsa); DI 27 (Würzburg), Nr. 15; DI 64 (Altkreis Querfurt), Nr. 3 (Nemsdorf, Saalekreis); ebd., Anm. 5, Nachweise für Glocken in Alsleben, Vockerode, Jüterbog und Bremen (Liebfrauen). Diese wurden zum Teil bereits verzeichnet bei Walter, Glockenkunde, S. 158f., Anm. 3; vgl. auch ebd., S. 182, Anm. 3. CIMAH 4, Nr. 21 (Willisau, Kanton Luzern). Aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts stammen: DI 64 (Altkreis Querfurt), Nr. 10 (Barnstädt); Thurm, Glockenatlas 1, Nr. 741 (Melchingen, Zollernalbkreis, 1273). Die frühere Klosterkirche von Heiligenrode (Gemeinde Stuhr, Lkr. Diepholz) besitzt eine Glocke mit der Inschrift aus dem frühen 14. Jahrhundert; Mithoff, Kdm. Bremen und Verden, S. 161f. Eine verlorene Glocke der Göttinger Marienkirche wird ebenfalls ins 14. Jahrhundert datiert; DI 19 (Stadt Göttingen), Nr. 24.
  5. Dazu vgl. Poettgen, Theologie früher Glockeninschriften, S. 77.
  6. Vgl. Letzner, Hardessische Chronik, Kap. 31, fol. 49v u. 86v. Danach Ropeter, Profil, S. 27 u. 39. Lechte, Hardegsen, S. 210.
  7. Ropeter, Profil, S. 27 u. 52–56.

Nachweise

  1. Ropeter, Profil, S. 26 (nach einem Gutachten der Göttinger Inschriftenarbeitsstelle von 2005).

Zitierhinweis:
DI 96, Lkr. Northeim, Nr. 3 (Jörg H. Lampe, Christine Wulf), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di096g017k0000302.