Inschriftenkatalog: Landkreis Northeim

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 96: Lkr. Northeim (2016)

Nr. 2 Braunschweig, Landesmuseum 2. H. 12.–1. V. 13. Jh.

Beschreibung

Glocke.1) Bronze. Die aus der Kapelle in Olxheim stammende, schlanke Glocke in Zuckerhutform mit gewölbter Haube, großem Mittelöhr und sechs Seitenöhren befand sich seit 1901 im Herzog-Anton-Ulrich-Museum in Braunschweig; 1975 wurde sie an das Landesmuseum abgegeben. Die aus dünnen, parallel gelegten, in den Bögen verdrehten Wachsfäden modellierte, erhaben gegossene Inschrift linksläufig unterhalb der Schulter; die Buchstaben sind teilweise spiegelverkehrt und auf dem Kopf stehend angebracht. Pfeifer vermutet, dass der Gießer von oben über die „falsche Glocke“ gebeugt die Buchstaben aufgesetzt hat.2)

Maße: H.: 60 cm; Dm.: 58 cm; Bu.: 4,5 cm.

Schriftart(en): Romanische Majuskel.

DI 96, Nr. 2 - Braunschweig, Landesmuseum - 2. H. 12.-1 V. 13. Jh.

 Akademie der Wissenschaften zu Göttingen (Jörg Lampe) [1/3]

  1. + SIGEFRIDVS

Kommentar

Die Schaft-, Balken- und Bogenenden sind durch Aufbiegen der doppelten Wachsfäden keilförmig verbreitert und gekerbt. D ist spiegelverkehrt, V auf dem Kopf stehend, R und das eingerollte G sind beides. Die Balken des E sind gleich lang, der obere Balken des F ist nach oben hochgebogen, die Cauda des R ist geschwungen und am Ende eingerollt; die Bogenenden des D sind eingerollt.

Sowohl die schlanke Form der Glocke, die in der gewölbten Haube noch Anklänge an die ältere Bienenkorbform aufweist,3) wie auch die Ausführungstechnik der Inschrift deuten auf eine Entstehung der Glocke zwischen der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts und dem Anfang des 13. Jahrhunderts hin. Die Art, wie die Wachsfäden gelegt sind, findet sich sehr ähnlich auch auf einer Glocke in Rödelwitz bei Orlamünde (Thüringen), deren Datierung damit übereinstimmt.4) Die noch keinerlei Formen der gotischen Majuskel aufweisende Schrift spricht ebenfalls für eine Datierung vor 1250.

Wahrscheinlich handelt es sich bei dem Namen um den des Stifters und nicht den des Gießers.5) Bei den zahlreichen Trägern des nicht seltenen Namens ‚Siegfried‘ ist eine Identifikation allerdings nicht sicher möglich. Zeitlich infrage kommen könnte ein Verweis auf Erzbischof Siegfried II. von Mainz (1200/08–1230).6) (Olxheim lag am nördlichen Rand der Erzdiözese Mainz, das Dorf gehörte allerdings zum Besitz des Stiftes Gandersheim.7)) Der Gandersheimer Kanoniker Siffridus, der 1241 im Goslarer Urkundenbuch erscheint, dürfte ebenso wie der 1242 genannte Einbecker Kanoniker Sifridus de Gandersem für die wahrscheinliche Entstehungszeit der Glocke zu spät sein.8) Eine noch größere zeitliche Distanz besteht zu der in Nürnberg seit dem Ende des 13. Jahrhunderts nachzuweisenden Gießerfamilie, in der Siegfried als Leitname vorkommt.9)

Anmerkungen

  1. Inv. Nr. LMB 27052.
  2. Pfeifer, Kirchenglocken (1919), S. 53.
  3. Vgl. Schilling, Glocken, S. 55 u. 51f. Poettgen, Beitrag der Inschriften, bes. S. 15.
  4. Schilling, Glocken, S. 112, Abb. 175–177 u. S. 133.
  5. Vgl. den Überblick bei Poettgen der Inschriften, Beitrag, S. 13.
  6. Vgl. NDB, Bd. 24, 2010, S. 348f. (R. Schäfer).
  7. Vgl. Goetting, Kanonissenstift Gandersheim, S. 264. Kdm. Kreis Gandersheim, S. 247. – Eine Verbindung zu Bischof Siegfried von Hildesheim (1216–1221), von der Pfeifer aufgrund seiner Zuordnung von Olxheim zur Diözese Hildesheim ausgeht, liegt daher nicht nahe.
  8. Vgl. Goetting, Kanonissenstift Gandersheim, S. 396.
  9. Vgl. NDB, Bd. 6, 1964, S. 459 (C. Schaper).

Nachweise

  1. Pfeifer, Kirchenglocken (1901), S. 114 mit Abb. 4.
  2. Kdm. Kreis Gandersheim, S. 248 mit Abb. 139.
  3. Pfeifer, Kirchenglocken (1919), S. 53.

Zitierhinweis:
DI 96, Lkr. Northeim, Nr. 2 (Jörg H. Lampe, Christine Wulf), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di096g017k0000204.