Inschriftenkatalog: Landkreis Northeim

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

  • Erste Katalognummer
  • Letzte KatalognummerInschrift
  • Zu Datensatz springen
  • Gesamtübersicht

DI 96: Lkr. Northeim (2016)

Nr. 1 Edemissen, Friedhofskapelle 2. V. 12. Jh.

Beschreibung

Glocke. Bronze. DI 42, Nr. 5 (12. Jh.). Die schlanke Glocke mit rauer, nicht geglätteter Oberfläche weist auf der gewölbten Haube zwei Foramina auf; am Schlagring außen eine Erhebung mit einem abgeschliffenen Zapfen. Die schlanke Form ähnelt dem Typus der Zuckerhutglocken, die gleichmäßige und relativ starke Wandung sowie die gerundete Haube folgen dagegen der älteren Bienenkorbform.1) Zwischen Schlagring und Flanke zwei Stege, unterhalb der Schulter die vertieft gegossene, linksläufige Inschrift zwischen jeweils zwei vertieften Linien. Die teilweise grob in die Form der „verlorenen Glocke“ eingeschnittenen Buchstaben reichen unten mit Ausnahme des S bis zur inneren Linie, oben nur in einzelnen Fällen (I, N, A). Die Krone ist abgeschlagen, die Aufhängung geschieht heute durch vier Bohrungen in der Glockenhaube.

Die Glocke, die sich seit einem nicht mehr feststellbaren Zeitpunkt in der früheren, 1781 abgerissenen Kapelle des Ortes befunden hatte, wurde anschließend im 1778 errichteten Schulhaus und dann im Dachreiter des Nachfolgebaus von 1870/71 aufgehängt. Aus Furcht vor einer Ablieferung zu Kriegszwecken haben Gemeindemitglieder sie im September 1944 abgehängt und unter Stroh versteckt. Bei der Abnahme wurde die Krone abgeschlagen. 1973 wurde die Glocke im Dachreiter der 1953 errichteten Friedhofskapelle aufgehängt.2) Da die rückläufige Form der Inschrift in der Erstedition im Band Einbeck nicht erkannt wurde, blieb deren Sinn verborgen, den jüngst Christian Riemenschneider aufgedeckt hat. Die neue Lesung wie auch die veränderte zeitliche Einordnung begründen die Neuedition im vorliegenden Band.

Maße: H.: 49 cm; Dm.: 46 cm; Bu.: 3 cm.

Schriftart(en): Romanische Majuskel.

DI 96, Nr. 1 - Edemissen, Friedhofskapelle - 2. V. 12. Jh.

 Akademie der Wissenschaften zu Göttingen (Jörg Lampe) [1/4]

  1. + IN HONOR(E) S(AN)C(T)E TRTINTATISa) ET Ib)

Übersetzung:

Zu Ehren der heiligen und (unteilbaren) Dreifaltigkeit.

Kommentar

Die mit breitem Strich in die Wachsform vertieften Buchstaben sind an den Schaft-, Balken- und Bogenenden mit dreieckigen Sporen versehen. Das breite A ist flachgedeckt. Spiegelverkehrt sind E, R und das runde N in TRTINTATIS. Das bemerkenswerte R ist aus der Grundform des runden N abgeleitet; die gerade Cauda setzt im unteren Drittel des Bogens an und zeigt, da spiegelverkehrt, nach links. Auffallend ist die linksläufige, allerdings nur teilweise spiegelverkehrte Anbringung der Inschrift. Die spiegelverkehrte Anbringung der Buchstaben wurde im Mantelabhebeverfahren, das sich seit dem zweiten Viertel des 12. Jahrhunderts im Glockenguss durchzusetzen begann, erforderlich, um nach dem Guss rechtsläufig lesbare Inschriften zu erzielen. Bei einer noch in dem älteren Wachsausschmelzverfahren hergestellten Glocke lässt diese Art der Anbringung auf eine Unsicherheit im technologischen Übergang schließen, der auch die Fehler in TRTINTATIS zuzuschreiben sind.3) Die Ergänzung des einzeln stehenden I am Ende der Inschrift zu I(NDIVIDUE) ist inhaltlich naheliegend (dazu s. u.). Die Weglassung des Schlusses einer Inschrift aus Platzmangel ist im Hochmittelalter gängige Praxis auf Glocken.4)

Vom selben Gießer stammt eine in der Form sehr ähnliche Glocke aus dem ehemaligen Kloster Walbeck (Sachsen-Anhalt), die sich heute im Besitz des Bode-Museums in Berlin befindet. Diese weist den identischen Text (mit einem anderen, ungeklärten Schluss statt ET I ) und dieselben Buchstabenformen auf, einschließlich des außergewöhnlichen R und des runden N. Der Text der Inschrift ist außerdem noch auf der ebenfalls im Wachsausschmelzverfahren hergestellten Zuckerhutglocke in Groß Schwarzlosen (Gemeinde Lüderitz, Lkr. Stendal) zu finden. Die Inschrift zeigt keine runden Buchstabenformen, die Glocke ist also möglicherweise etwas älter als die vorliegende.5) Weitgehend übereinstimmend kommen Riemenschneider und Poettgen zu einer Datierung der Edemisser Glocke in das 2. Viertel des 12. Jahrhunderts.6)

Die Glocke wird mit der Formel In honore sancte et individue trinitatis der Dreifaltigkeit geweiht. In honore leitet die Weiheformel von Kirchen, Altären und Glocken ein.7) Kirchen, vor allem aber Kapellen und Altäre sind im Mittelalter der heiligen und unteilbaren Dreieinigkeit geweiht worden.8) In nomine sanctae et individuae trinitatis, die in der Reichskanzlei vom frühen 9. bis zum 12. Jahrhundert gebräuchliche Invocatio von Urkunden, ist selbst der Weiheformel entlehnt, nicht aber, wie Riemenschneider annimmt,9) Quelle der Glockeninschrift. Weitere vier im 11. oder frühen 12. Jahrhundert entstandene Glocken aus Großkühnau (Stadt Dessau), Waldau (Sachsen-Anhalt), Diepholz und Eicklingen (Lkr. Celle) sind, ebenfalls mit der Formel in honore, der Jungfrau Maria bzw. allen Heiligen geweiht.10)

Die Glocke stammt möglicherweise aus der früheren Friedhofskapelle am Kloster Fredelsloh, die das älteste Gotteshaus am Ort war. Das Patrozinium dieser Kapelle wurde 1332 mit Trinitatis angegeben; Ende des 16. Jahrhunderts existierte sie nicht mehr.11) Da Edemissen in enger Beziehung zum Kloster Fredelsloh stand, das im Ort seit dem zweiten Viertel des 14. Jahrhunderts einen 1529 verkauften Hof besaß,12) ist es gut möglich, dass die Glocke vor 1529 aus der Friedhofskapelle von Fredelsloh nach Edemissen gelangt ist.

Textkritischer Apparat

  1. TRTINTATIS] Statt TRINITATIS; das zweite T wurde aus einem I „nachgebessert“ und die anschließenden Buchstaben N und I vertauscht.
  2. I] Möglicherweise zu ergänzen: I(NDIVIDUE); vgl. den Kommentar.

Anmerkungen

  1. Vgl. Riemenschneider, Theophilusglocke, S. 401f.
  2. Vgl. Riemenschneider, Theophilusglocke, bes. S. 400f. Für die dort nicht gefüllte Lücke von 1781 bis 1870 vgl. den Beitrag des früheren Lehrers Otto Miehlke in der handschriftlichen Schulchronik von Edemissen, S. 29. Für die Einsicht in eine Fotokopie der Chronik danke ich Ernst-August Halbfaß, Edemissen.
  3. Vgl. Riemenschneider, Theophilusglocke, S. 403. Poettgen, Beitrag der Inschriften, S. 8 u. 15.
  4. Vgl. Schilling, Glocken, S. 111.
  5. Riemenschneider, Theophilusglocke, bes. S. 403f. Poettgen, Beitrag der Inschriften, S. 7f.
  6. Riemenschneider, Theophilusglocke, bes. S. 405. Poettgen, Beitrag der Inschriften, S. 14f.
  7. Vgl. Braun, Der christliche Altar, Bd. 1, bes. S. 722–725. 1021 wurden z. B. die Kirche und der Hochaltar der Halberstädter Kirche geweiht in honore sanctae et individuae trinitatis; Annales Quedlinburgenses, S. 563. – DI 35 (Stadt Braunschweig I), Nr. 19 (1188, Reliquiengefäß). DI 38 (Bergstraße), Nr. 41 (1404, Glockenweihe). DI 60 (Rhein-Hunsrück-Kreis 1), Nr. 66 (1422, Glockenweihe). DI 79 (Rhein-Hunsrück-Kreis 2), Nr. 35 (1475, Glockenweihe). DI 49 (Darmstadt), Nr. 102 (4. V. 15. Jh., Kirchstiftung).
  8. Vgl. Krumwiede, Kirchen- und Altarpatrozinien, Ergänzungsband, S. 200. DI 49 (Darmstadt), Nr. 75 (1480, Stiftungsinschrift).
  9. Vgl. Riemenschneider, Theophilusglocke, S. 402f.
  10. Vgl. Poettgen, Beitrag der Inschriften, S. 6–8 u. 14. Zur Glocke in Eicklingen vgl. DI 76 (Lüneburger Klöster), Nr. 1. In der Frage der Datierung ist Poettgen (1. Viertel 12. Jahrhundert) gegenüber dem späteren Ansatz in DI 76 zuzustimmen. Vgl. auch die Inschrift auf den Glocken in Lüthorst: Nr. 12.
  11. Vgl. Gramatzki, Stift Fredelsloh, S. 120–122.
  12. Vgl. Gramatzki, Stift Fredelsloh, S. 66f. Riemenschneider, Theophilusglocke, bes. S. 399f.

Nachweise

  1. Riemenschneider, Theophilusglocke, S. 402f.
  2. Poettgen, Beitrag der Inschriften, S. 8 u. 16 (Abb. 10).

Zitierhinweis:
DI 96, Lkr. Northeim, Nr. 1 (Jörg H. Lampe, Christine Wulf), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di096g017k0000106.