Inschriftenkatalog: Mainz

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DIO 1: Mainz (2011)

SN1, Nr. 31 Dom und Diözesanmuseum um 1300, sicher vor 1308

Beschreibung

Querrechteckiges bemaltes Altarretabel aus Sandstein, bestehend aus sechs Tafeln. Entdeckt im Jahr 1958, als man während der Innenrenovierung der Seitenkapellen an der Ostwand der Michaelskapelle auf die vergleichsweise großen, vom Mauerverband abweichenden Steine aufmerksam wurde. Die ca. 8 cm dicken Steinplatten konnten im selben und im darauffolgenden Jahr geborgen werden und befinden sich seitdem in der mittelalterlichen Abteilung des Dom- und Diözesanmuseums (Inventar-Nr. M 00130).

Die gesamte Bildfläche ist in sieben Felder unterteilt. Im Zentrum des Bildes ist Christus als Weltenrichter innerhalb einer Mandorla auf einem roten Wolkenband thronend dargestellt. Er wendet die Hände, die die Wundmale zeigen, mit der Innenseite nach außen dem Betrachter zu. Über der Spitze der Mandorla ragt ein Kreuz auf, zu dessen Seiten zwei Engel die Passionswerkzeuge (Lanze und Nägel, Kreuz, Dornenkrone und Geißel) empor halten. Zu beiden Seiten der Mandorla schließt sich eine Arkade zu je drei genasten Spitzbögen an. Die Zwickel zwischen den einzelnen Bögen füllen stehende Dreipässe aus. Den Herrn flankierend bitten Maria und Johannes der Täufer kniend um Fürsprache bei Gott und bilden mit dem thronenden Christus eine Deesis-Gruppe. Seitlich schließen sich ihnen in den Arkaden stehende Heiligenfiguren mit Namensbeischriften an: neben Maria der heilige Martin (A) und Maria Magdalena (B), neben Johannes der heilige Nikolaus (C) und die heilige Katharina (D). Zu Füßen Christi knien in anbetender Haltung zwei Geistliche: Der linke trägt eine weiße Albe und ein schwarzes Birett, der rechte Bischofsornat. Beide Gestalten sind durch ein Spruchband namentlich benannt. Beide Inschriften (E, F) sind stark beschädigt. Als Worttrenner dienen regelmäßig gesetzte Punkte. Die Malerei ist in Temperatechnik ausgeführt.

Maße: H. 138; B. 377; Bu. 2 cm.

Schriftart(en): Gotische Majuskel.

  1. A

    ▪ S(ANCTVS)a) ▪ MARTINVS ▪

  2. B

    ▪ S(ANCTA)a) ▪ MARIA MAGDAL(ENA) ▪

  3. C

    ▪ S(ANCTVS)a) ▪ NICOLAVS ▪

  4. D

    ▪ S(ANCTA)a) ▪ KATHERINA ▪

  5. E

    [EMBRICH]O ▪ SCOL(ASTICVS)

  6. F

    SYMON EP(ISCOPV)S WORM(ATIENSIS)

Kommentar

Die Identität der beiden knienden Stifterfiguren konnte von Arens, dem es gelang, die Schriftbänder zu entziffern, eindeutig geklärt werden.1) Bei der rechten Figur im Bischofsornat handelte es sich um Simon von Schöneck, Mainzer Domdekan von 1267 bis 1283 und anschließend bis zu seinem Tod im Jahre 1291 Bischof von Worms. Die linke Stifterfigur stellt Simons Bruder Embricho von Schöneck dar, der von 1284 bis 1308 als Mainzer Domscholaster nachgewiesen ist und danach bis zu seinem Tod im Jahr 1318 ebenso wie sein Bruder Simon den Wormser Bischofssitz innehatte. Da Embricho nicht im Bischofsornat dargestellt ist und die Inschrift ihn als SCOL(ASTICVS) bezeichnet, muss das Altarretabel vor seiner Bischofserhebung 1308 entstanden sein. Offensichtlich gab Embricho den Altar noch als Domscholaster in Auftrag, wobei er nicht nur für seine eigene Memoria, sondern auch für die seines Bruders Sorge trug.

Die Datierung des Retabels in das frühe 14. Jahrhundert lässt sich auch aus kunsthistorischer Sicht bestätigen. So fügt sich diese Datierung gut in die Entstehungsgeschichte der südlichen Kapellenreihe ein. Diese wurde von Westen nach Osten von etwa 1300 bis 1319 errichtet. Die Michaelskapelle, deren Weihe nicht urkundlich bezeugt ist, entstand als erste dieser südlichen Kapellenreihe. Die darauffolgende Andreaskapelle war bereits im Jahr 1301 fertiggestellt2), so dass man annehmen kann, dass das Retabel aus der Erbauungszeit der Kapelle stammt.

Ursprünglich war dem Retabel ein steinernes Maßwerkgitter im Abstand von 30 cm vorgeblendet, das bei der Bergung der Platten jedoch nicht erhalten werden konnte.3) Das steinerne Maßwerk, das durch Eisenverstrebungen mit der Rückwand verbunden war, folgte im Wesentlichen den Formen des gemalten Maßwerks und bestand ebenso wie jenes aus einer Arkatur genaster Spitzbögen, die in den Zwickeln stehende Dreipässe aufwiesen. Wahrscheinlich überragte die mittlere Bogenstellung die übrigen, da sonst die Engel oberhalb der Mandorla nicht sichtbar gewesen wären.4)

Die sich über dem Altar als offenes Maßwerk bis zum Gewölbe hin fortsetzende Kapellentrennwand und das davor stehende Retabel mit vorgeblendetem steinernem Maßwerk sind als Gesamtkunstwerk aufzufassen.5) Dieses Ensemble wertete Dölling als Vorläufer eines gotischen Altargesprenges.6) In das Bildprogramm fügt sich auch der Schlussstein mit der Darstellung des Erzengels Michael als „Seelenbegleiter“.7) In der Zusammenschau von Altargemälde und Schlussstein mit dem Patron der Kapelle spiegelt sich die Hoffnung der Stifter, dass auch ihre Seelen beim Jüngsten Gericht vom Erzengel Michael in Empfang genommen und in den Himmel geleitet werden.8)

Vorbilder für die äußerst qualitätsvolle Malerei sah man im Kölner und im oberrheinischen Kunstkreis.9) Mittlerweile zieht man eher Anregungen aus Marburg, einem der wichtigsten Kunstzentren um 1290, in Betracht. Als mögliches Vorbild nennt Wilhelmy die um 1288 entstandene Wandmalerei in der Marburger Schlosskapelle, die den heiligen Christophorus, Christus auf dem Arm haltend, unter einer Spitzbogenarkatur zeigt. Die Gesichtszüge, die feingliedrigen Finger des Christus, vor allem aber die mit einer dicken roten Linie gerahmten Nimben finden sich auf dem Mainzer Retabel wieder.10) Weiter betont Wilhelmy die Ähnlichkeiten zu den nur fragmentarisch erhaltenen Malereien des Hochaltars der Marburger Elisabethkirche, der vermutlich zeitgleich mit dem Kirchenbau entstanden ist.11) Auch lassen sich stilistische Gemeinsamkeiten mit einem Steinretabel herstellen, das sich im Fritzlarer Dommuseum befindet und um 1320 datiert wird.12) Von diesen Beobachtungen ausgehend betont Wilhelmy, dass Mainz als Kunstzentrum um 1300 eine herausragende Rolle zugekommen sein müsse, dass man zwar Anregungen anderer Kunstzentren aufgenommen habe, diese aber nicht, wie bisher angenommen, von Köln ausgingen, sondern von Marburg und Frankreich, und dass die Mainzer Kunst wiederum innerhalb des Mainzer Bistums in den hessischen Raum und darüber hinaus nach Köln ausgestrahlt habe.13) Französischen Einfluss bemerkte schon Arens, der darauf hinwies, dass niedrige Zwischenwände von Kapellenräumen, die als Altarretabel fungieren, auf französische Vorbilder zurückgeführt werden können.14)

Die Größe der Majuskeln schwankt, was bei Wandmalerei nicht ungewöhnlich ist, Ansonsten weisen sie die zeitgenössische Mischung von kapitalen und unzial/runden Varianten sowie die Merkmale einer fortgeschrittenen Gotisierung auf. Für die vorgeschlagene Zeitstellung um 1300 spricht neben der relativ breiten Proportion vor allem das Phänomen der unter die Grundlinie geführten Bogenenden und Cauden, wie sie in Stein im Bestand des Klosters Maria Himmelskron in Worms-Hochheim bis 1301 und dann eine Generation später vorkommt.15)

Textkritischer Apparat

  1. S durchgeschnitten von einem linksschrägen Strich mit Sporen an den Enden.

Anmerkungen

  1. Arens, Bemerkungen (1965/66) 105f.
  2. Es ist bekannt, dass vor dieser Kapelle im Jahr 1301 der Kanoniker Johann von Lewenstein bestattet wurde; vgl. hierzu Schneider, Dom zu Mainz (1886) 34.
  3. Dieses für den Gesamteindruck wichtige Detail vom damaligen Dombaumeister Stockinger fotografisch dokumentiert; vgl. Arens, Bemerkungen (1965/66) 105 u. Anm. 29.
  4. Fuchß, Altarensemble (1999) 251, Anm. 735.
  5. Fuchß, Altarensemble (1999) 166f.
  6. Dölling, Frühe Retabel (1997) 134.
  7. Michael hält in seinen Armen ein kleines Kind, die Verbildlichung der Seele; vgl. Fuchß, Altarensemble (1999) 166f.
  8. Fuchß, Altarensemble (1999) 166f.
  9. Jung nennt als Beispiel das Diptychon aus St. Georg in Köln, das um 1310 datiert wird, und sieht Bezüge zur Manessischen Liederhandschrift; vgl. Jung, Gemaltes Altarretabel (1965/66) 103. Stilistische Ähnlichkeiten wurden auch zu zwei Kölner Altarretabeln aus St. Kunibert hervorgehoben; hierbei handelt es sich um das Quirinusretabel, entstanden im Jahr 1312, und das Margarethenretabel, entstanden 1324; vgl. hierzu Wilhelmy, Rheinschiene (1996/1997) 79.
  10. Wilhelmy, Rheinschiene (1996/1997) 79.
  11. Wilhelmy, Rheinschiene (1996/1997) 79.
  12. Glatz, Wandmalerei (1981) 248, der sogar Werkstattzusammenhang erwägt.
  13. Wilhelmy, Rheinschiene (1996/1997) 85f.
  14. Arens, Bemerkungen (1965/66) 105. Als Beispiele nennt Arens St. Nazaire in Carcassonne und die Kathedrale in Coutances.
  15. DI 29, Worms (1991) LX.

Nachweise

  1. Arens, Bemerkungen (1965/66) 105f. (E, F).
  2. Jung, Gemaltes Altarretabel (1965/66) 103ff. (B, C, D).
  3. Arens, Neue Forschungen (1975) 109 (erw.).
  4. Glatz, Wandmalerei (1981) 247f. (erw.).
  5. Arens, Mainzer Inschriften II (1985) 292 (A–F).
  6. Dölling, Frühe Retabel (1997) 134 (E, F) mit Abb. 1–3.
  7. Wilhelmy, Rheinschiene (1996/1997) 75f. mit Abb. 1–4.
  8. Fuchß, Altarensemble (1999) 250, Anm. 233 (E, F) mit Abb. 147–149.
  9. Wilhelmy, Hochgotisches Retabelfragment (1999) 738 (erw.) mit Abb. 7.
  10. Dommuseum, Führer (2008) Nr. 50 mit Abb.

Zitierhinweis:
DIO 1, Mainz, SN1, Nr. 31 (Rüdiger Fuchs, Britta Hedtke, Susanne Kern), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di002mz00k0003104.