Inschriftenkatalog: Mainz

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DIO 1: Mainz (2011)

SN1, Nr. 20† Dom, Westchor um 1239

Zu dieser Katalognummer gibt es einen ergänzenden Kommentar. [Dorthin springen]

Beschreibung

Gewölbefigur. Eine besondere Bedeutung erhält diese Inschrift durch den Schöpfer der Plastik des Mainzer Westlettners, den Naumburger Meister. Die Beschreibung und Inschrift kommt in der Fragmenta Gamans Seite 5 mit gleichem Wortlaut wie bei Bourdon Seite 12 vor, demnach hat wohl Bourdon seinen Text aus Helwich, der Quelle von Gamans abgeschrieben. (Wörtlich:) „Einst befand sich im Lettner und im Ausgang aus dem Chor oben im Gewölbe eine menschliche Figur, die Arme und Beine in Kreuzform ausstreckte und sehr alt war. Sie hielt in der rechten Hand eine Waage und in der linken zwei Krüge mit einem Schriftband:

  1. Quatuor hic posita mixtura leo draco libra,signant temperiem vim ius prudenter agentem

Übersetzung:

Zu viert sind dargestellt Mischkrug, Löwe, Drache und Waage, darzustellen Mäßigkeit, Kraft, Recht und kluges Handeln.

Versmaß: Zwei Hexameter, leoninisch einsilbig gereimt.

Kommentar

Außerdem hatte die Figur unter dem rechten Fuß einen Drachen, unter dem linken einen Löwen. Über dem Eingang zum hohen Chor begegnet zuerst die Jahreszahl 1682, in dem die Einbauten abgebrochen und die neuen, die man sieht (1727), errichtet wurden. (Letzter Satz natürlich von Bourdon dazugesetzt.)

Die Datierung 1239 ergibt sich aus der Einweihung des Westchors. Es ist anzunehmen, dass bei dieser hochfestlichen Gelegenheit der Lettner fertiggestellt war. Vergleichbare Figuren der vier Kardinaltugenden befinden sich im Chorgewölbe von St. Emmeran1) (um 1350) und in der Ritterkapelle zu Haßfurt (um 1420–30), die ebenfalls mit ihrem Körper über der Kreuzung der Diagonalrippen des Gewölbes sitzen, also einen Schlußstein bilden, und ihre Arme und Beine längs der Rippen ausstrecken. – Reste dieser Lettnerfigur kamen 1926–28 bei Anlage der neuen Bischofsgruft aus den Fundamenten der 1682 errichteten barocken Chorschranken zum Vorschein, nämlich ein an eine Rippe angearbeiteter Arm und eine Kniescheibe, wahrscheinlich gehört auch noch der Kopf mit der Binde dazu. – Eine Beziehung der Figur auf die Zeremonien der Königskrönung ist unwahrscheinlich, denn in St. Emmeran zu Mainz und und in der Ritterkapelle zu Haßfurt sind Anspielungen auf die Krönung oder den König unmöglich2). Eher ist an eine Verknüpfung mit Christus zu denken, denn auf den Tragaltären aus Öttingen und aus Watterbach und auf der Patene des heiligen Bernward im Welfenschatz werden die vier Kardinaltugenden in enger Verbindung mit Christus oder der eucharistischen Hostie dargestellt. – An gleicher Stelle wie in Mainz „im Lettner und im Ausgang aus dem Chor“ breitet über den Türen des Naumburger Westlettners, der vom gleichen Meister geschaffen ist, der gekreuzigte Heiland seine Arme aus.

Anmerkungen

  1. Kdm. Kirchen S. 106. – Am 27. Februar 1945 ging diese Figur im Fliegerangriff unter.
  2. O. Schmitt, Zur Deutung der Gewölbefigur am ehemaligen Westlettner. Festschrift Schrohe (Mainz 1934) S. 70.

Nachweise

  1. Kdm Dom S. 153.
  2. Falk in: Kirchenschmuck 23 (1838) S. 61.
  3. O. Schmitt in: Oberrheinische Kunst 5 (1932) S. 13.
  4. Neeb in MZ XI (1916) S. 38 ff.
  5. DI 2, Mainz (1958) Nr. 19.
Addenda & Corrigenda (Stand 30. Juli 2013):

Diese Inschrift wurde nicht neu bearbeitet und weitgehend in der Form bei Arens (Di 2) belassen, da die in Kürze stattfindende Ausstellung zum Naumburger Meister neue Erkenntnisse zu seiner Kunst und damit auch zum Mainzer Westlettner verspricht. Der Naumburger Meister, Bildhauer und Architekt im Europa der Kathedralen. Landesausstellung Sachsen-Anhalt / Naumburg-Saale, 29.6.-2.11.2011.

Zitierhinweis:
DIO 1, Mainz, SN1, Nr. 20† (Rüdiger Fuchs, Britta Hedtke, Susanne Kern), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di002mz00k0002009.