Inschriftenkatalog: Mainz

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DIO 1: Mainz (2011)

SN1, Nr. 5 Dom, nördliches Langhaus, Marktportal vor 29. August 1009

Beschreibung

Sogenannte Willigistür. Bronzene, jeweils aus einem Stück gegossene Türflügel. Die ursprüngliche Provenienz ist nicht eindeutig geklärt. Mehrheitlich wird angenommen, dass die bronzenen Türflügel für den 1009 geweihten Willigis-Dom geschaffen wurden. Eine Urkunde aus dem Jahr 1274 bringt diese Türflügel mit der sich ehemals im Osten anschließenden Liebfrauenkirche in einen baulichen Zusammenhang. Möglicherweise befanden sich die Türflügel um 1200 schon einmal am Marktportal des Domes, da sie 1804, nachdem die Liebfrauenkirche abgebrochen worden war, exakt in die Türöffnung und in die Angeln des Portals passten.1)

Profilierte Rahmenleisten unterteilen die beiden Türflügel in je zwei hochrechteckige Felder. Die mittlere horizontale Leiste, die stärker ausgebildet ist, bildet zusammen mit den Leisten des Türschlusses ein Kreuz. Die äußeren Leisten sind weniger stark profiliert. Die beiden oberen Türfüllungen enthalten die nachträglich hinzugefügte Inschrift des Adalbert-Privilegs (Nr. 12). In den beiden unteren Türfüllungen wurden im oberen Drittel je zwei Türzieher in Form von Löwenköpfen angebracht. Die kraftvoll modellierten Tierköpfe, gerahmt von einem Kranz zweireihig angeordneter Locken, halten in ihren weit aufgerissenen Mäulern die kreisrunden Türzieherringe. Die Inschrift wurde dreizeilig von oben nach unten über beide Türflügel hinweg auf den horizontalen Rahmenleisten eingegraben. Als Verstrenner dienen in den ersten vier Zeilen, da das dort nötig ist, Dreifachpunkte und einmal ein Punkt auf Zeilenmitte in der dritten Zeile der Inschrift.

Maße: H. 370; B. li. 107; B. re. 102; Bu. 5,0–6,5 cm.

Schriftart(en): Kapitalis.

  1. POSTQVA(M) MAGNV(S)a) IMP(ERATOR) ▪KAROLVSb) / SVV(M) ESSE IVRI DEDITc) NATVRAEd) ▪ /WILLIGISVSe) ARCHIEP(ISCOPV)Sf)EX METALLIg) SPECIE / VALVAS EFFECERAT PRIMVS ▪ /BERENGERVSh) HVIVSi) OPERISj) ARTIFEXk) LECTORl) /VT P(RO) EO D(EV)Mm) ROGESn) POSTVLATo) SVPPLEXp)

Übersetzung:

Nachdem der große Kaiser Karl sein Sein (= sein Leben) dem Recht der Natur gegeben hatte, hat Erzbischof Willigis als erster die Türen aus Bronze hergestellt. Berenger, der Künstler dieses Werkes, bittet Dich, Leser, demütig, dass du Gott für ihn bittest. (JB)

Versmaß: Vier rhythmische Hexameter (Zeile 2 und 4–6 der Edition).2)

Kommentar

Die Türflügel wurden von einem Bronzegießer namens Berenger geschaffen, der sich in der Inschrift selbstbewusst als ARTIFEX bezeichnet. Es wurden vorsichtige Versuche unternommen, diesen Künstler mit dem Goldschmied Beringer, der um 1011 im Kloster Tegernsee tätig war, zu identifizieren, ohne dies jedoch beweisen zu können.3) Der Name BERENGER, der sich vor allem in Oberitalien nachweisen lässt, könnte auf eine lombardische Abstammung des Künstlers hindeuten. Demnach wäre der Künstler bestens mit der antiken Handwerkstradition vertraut gewesen.4) Der antikisierende Hintergrund drückt sich vor allem in der Gliederung der Türflügel in Rahmen und Füllungen sowie in den Löwenköpfen aus. Letztere wurden mehrheitlich aufgrund ihrer Naturnähe und der Art, wie sie auf die Fläche montiert wurden, als Zutaten des späten 12. oder frühen 13. Jahrhunderts betrachtet.5) Mittlerweile hält man diese antikisierenden Reliefs wieder für Produkte der Willigiszeit.6)

Aus der Inschrift geht hervor, dass man die Türflügel als erste wieder nach jenen schuf, die an einem anderen Ort von Karl dem Großen in Auftrag gegeben worden waren. Mehrheitlich wird angenommen, dass hiermit die Aachener Türflügel gemeint sind, wenn auch vereinzelt auf Türflügel anderer Bauten wie die von St. Alban in Mainz7) oder die verloren gegangenen Türflügel der Pfalzkapelle in Ingelheim8) hingewiesen wurde. Wenn die Überlegung stimmt, Willigis habe mit seinem Dombau eine Krönungskirche schaffen wollen9), muss er sich an den Türflügeln in Aachen orientiert haben, wo Otto III. kurz zuvor das Grab Karls des Großen öffnen ließ. Seit 936 wurden die römischen Könige in Aachen gekrönt. Dank seines ihm im Jahr 975 verliehenen Vikariatsprivilegs erhielt Willigis eine herausragende Position (Praeeminenz) unter allen Bischöfen im nordalpinen Reich. Er durfte daher auch außerhalb der Mainzer Kirchenprovinz Krönungen vornehmen. So krönte er 983 Otto III. in Aachen zum römischen König. Dieses Recht, einen König in Aachen zu krönen, verlor Willigis im Jahr 997, als ein von Papst Gregor V. erlassenes Kardinalsprivileg festschrieb, dass liturgische Handlungen in Aachen nur noch von den vom Papst eingesetzten Kardinälen, dem Lütticher Bischof und dem Kölner Erzbischof vorgenommen werden durften; somit war letzterem die Salbung und Krönung des Königs vorbehalten. Eine Krönung konnte Willigis danach nur noch in seinem eigenen Sprengel vornehmen. Wahrscheinlich veranlasste er aus diesem Grund den Bau eines neuen Domes, der sich als Krönungskirche sowohl am Petersdom in Rom als auch am Aachener Münster orientierte. Deshalb ließ Willigis die Bronzetür nach Aachener Vorbild anfertigen, an einer prominenten Stelle am neuen Dom anbringen und den Bezug zu Aachen über die Nennung Kaiser Karls in einer Inschrift thematisieren. Falls diese Annahme stimmt, betont die Inschrift der Bronzeflügel in „plakativer Art und Weise“10) das von Willigis (wieder) beanspruchte Recht, den römischen König zu krönen.

Die Inschrift setzt sich aus zwei nicht rhythmischen Passagen und vier rhythmischen Hexametern zusammen. Rhythmische Hexameter sind vor allem in den Langobardenreichen und in Oberitalien bis in das 9. Jahrhundert häufig; bei der Mainzer Inschrift handelt es sich daher nach Arens um einen „Nachzügler“11), dessen Singularität im nördlichen Reichsgebiet aber die Hypothese stützt, es handele sich bei den Türen um aus Oberitalien importierte Kunstfertigkeit. Die Bildung des Halbverses VALVAS EFFECERAT PRIMVS im Plusquamperfekt führte zu der Annahme, Türen und Inschrift seien eine Reaktion auf die Bronzetüren des Bernward von Hildesheim von 1015.12) Die Verwendung des Plusquamperfekts dürfte jedoch allein der Wahrung des Versmaßes gedient haben.13)

Passagenweise klassizierende Proportion wird durch gehäufte Buchstabenverbindungen – verursacht durch Raumnot – unterbrochen. Dieser Rückbezug auf die Antike war offenbar gewollt und zeigt sich insbesondere auch in Linksschrägenverstärkung, Ableitung von Bögen aus dem Kreis, Sporenbildung, etwa auch im breiten M mit bis zur Grundlinie gezogenem Mittelteil und im offenen P. Dem setzen die Buchstabenverbindungen (Nexus litterarum, Enklaven, über-, untergestellte und verschränkte Buchstaben), die eingestreuten unzialen Buchstaben (H, Q), das A mit links überstehendem Mittelbalken, das eckige C (SPECIE, LECTOR), das runde G, das K mit kurzem oberen Balken und das R mit geschwungener Cauda einen eigenen Akzent entgegen, der auf die Entwicklung der Romanischen Majuskel vorausweist. Einige besondere Buchstabenformen finden sich in zeitgenössischen Inschriften: Der Balken des A schneidet in den linken Schrägschaft ein, zusätzlich reicht der Deckbalken nach links, ein Phänomen, das auf dem Sarkophag des Bischofs Bernward von Hildesheim († 1022),14) der Grabinschrift der Äbtissin Ruothildis von Trier-Pfalzel († vor 1016)15) und auf dem Bronzeleuchter des Essener Doms16) vorkommt. Rundes G und offenes R mit geschwungener Cauda samt leichter Schwellung gehören zu den ersten Buchstaben, die den karolingischen Vorbildkanon verließen.17) Das K mit dem verkürzten oberen Schrägschaft ist zwar konventionell, kommt so aber auch auf dem erwähnten Stein der Ruothildis vor. Die Formensprache der Willigisinschrift zeigt eine Version der sich aus der karolingischen Kapitalis weiterentwickelnden Monumentalschrift. Außerdem bietet sie dafür einen engen Zeitkorridor kurz vor der Weihe des Willigisdomes am 29./30. August 1009, denn nach dem oben Gesagten muss der Bau des Domes ein von Willigis präzise geplantes Vorhaben gewesen sein, dem an dem die Führungsgruppen des Reiches vereinigenden Weihetag der „goldglänzende Schlüssel“ der Türinschrift nicht gefehlt haben wird.

Textkritischer Apparat

  1. S klein aus dem rechten Schaft des V wachsend oder nur als Haken dargestellt.
  2. K mit verkürztem oberen Schrägbalken.
  3. E in D eingestellt; I unter den Balken des T gestellt.
  4. V unter Balken des T gestellt; Cauda des R verschränkt mit linkem Schrägschaft des A.
  5. I klein zwischen W und L eingestellt; I klein über Balken des L eingestellt.
  6. Kleines I mit unzialem H verschränkt.
  7. I klein auf dem Balken des L eingestellt.
  8. E in G eingestellt; kleines S mit dem rechten Schrägschaft des V verschränkt.
  9. I klein zwischen die Schrägbalken der beiden V eingestellt; kleines S mit dem rechten Schrägschaft des V verschränkt.
  10. Kleines E mit Bogen des P verschränkt.
  11. I klein unter dem Balken des T eingestellt.
  12. E klein über dem Balken des L eingestellt.
  13. Bei Dibelius wird auch eine Auflösung als D(OMINV)M in Erwägung gezogen; das ist wegen der Abkürzung und des Metrums nicht möglich.
  14. E in G eingestellt.
  15. O klein unter den Bogen des P eingestellt; Schaft des T verschränkt mit kleinem V.
  16. E klein über den Balken des L eingestellt.

Anmerkungen

  1. Schaab, Stadt Mainz II (1844) 35f. Dibelius meinte, dass die Türen gar nicht so exakt in das Marktportal hineinpassen, wobei er anmerkt, dass jenes Portal seine heutige Gestalt erst um 1200 erhalten hat. Dibelius, Bernwardstür (1907) 142, Anm. 1.
  2. So schon Arens nach einer Analyse von Otto Schumann.
  3. Kraus, Christliche Inschriften II (1894) Nr. 239; DI 2 (1958) Nr. 5; Jung, Bauherr und Förderer (1975) 52; Mende, Bronzetüren (1983) 133.
  4. Jung, Bauherr und Förderer (1975) 52.
  5. Dibelius, Bernwardstür (1907) 124f.; Goldschmidt, Deutsche Bronzetüren (1926) 12. Kautzsch/Neeb, Dom zu Mainz (1919) 58.
  6. Mende, Bronzetüren (1983) 26.
  7. Kraus, Christliche Inschriften II (1894) Nr. 239; Goldschmidt, Deutsche Bronzetüren (1926) 12 Anm. 2.
  8. DI 2, Mainz (1958) Nr. 5.
  9. Hehl, Dom für König (2010) 67.
  10. Hehl, Dom für König (2010) 72.
  11. DI 2, Mainz (1958) Nr. 5.
  12. So nach einer Spätdatierung bei Falk, Kunstthätigkeit (1869) 2, irrtümlich bei Dibelius, Bernwardstür (1907) 143. Zur Hildesheimer Tür vgl. Mende, Bronzetüren (1983) 135f.; DI 58, Stadt Hildesheim (2003) Nr. 9.
  13. Kraus, Christliche Inschriften II (1894) Nr. 239.
  14. DI 58, Stadt Hildesheim (2003) Nr. 11.
  15. DI 70, Trier I (2006) Nr. 71
  16. Bauer, Mainzer Epigraphik (1926) 26.
  17. Vgl. Koch, Inschriftenpaläographie (2007) 151.

Nachweise

  1. Müller, Beiträge (1832) 12 mit Nachzeichnung Abb. XV.
  2. Falk, Kunstthätigkeit (1869) 2 (unvollst.).
  3. Kraus, Christliche Inschriften II (1894) Nr. 239 mit Abb.
  4. Bergner, Kunstaltertümer (1905) 397 (unvollst.).
  5. Dibelius, Bernwardstür (1907) 143.
  6. Kautzsch/Neeb, Dom zu Mainz (1919) 58f.
  7. Bauer, Mainzer Epigraphik (1926) 26.
  8. Goldschmidt, Deutsche Bronzetüren (1926) 12.
  9. DI 2, Mainz (1958) Nr. 5.
  10. Götz, Bildprogramme (1971) 49.
  11. Arens/Bauer, Einführung (1945) Nr. 5.
  12. Falck, Mainz im frühen und hohen Mittelalter (1972) 102.
  13. Jung, Bauherr und Förderer (1975) 52.
  14. Kloos, Einführung (1980) 124 mit Tafel III, 1.
  15. Mende, Bronzetüren (1983) 133 mit Abb. 7.
  16. Grimme, Bronzebildwerke (1985) 17f.
  17. Arens/Binding, Dom zu Mainz (1998) 54.
  18. Hehl, Goldenes Mainz (1999) 846 mit Abb. 417–422.
  19. Koch, Inschriftenpaläographie (2007) 152.
  20. Blänsdorf, Siste viator (2008) 13, Nr. 1a.
  21. Blänsdorf, Siste viator, (2. Aufl. 2009) 13, Nr. 1a.
  22. Blänsdorf, Mainzer lateinische Inschriften (2009) 39.
  23. Müller in: Geschichte der bildenden Kunst I (2009) 221.
  24. Hehl, Dom für König (2010) 70, Anm. 65.
  25. Mende, Was das Feuer nahm (2010) 87 mit Abb. 7.

Zitierhinweis:
DIO 1, Mainz, SN1, Nr. 5 (Rüdiger Fuchs, Britta Hedtke, Susanne Kern), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di002mz00k0000505.