Inschriften: St. Michaeliskloster und Kloster Lüne bis 1550

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 24: Lüneburg: St. Michaeliskloster, Kloster Lüne (1984)

Nr. 59 Kloster Lüne 1503

Beschreibung

Teppich, sog. Auferstehungs- oder Erscheinungsteppich, mit 16 Darstellungen aus dem Leben Jesu von der Auferstehung bis zur Himmelfahrt. In vier Reihen untereinander sind je vier Szenen nebeneinander angeordnet, eingefügt in eine mit Fialen und Wimpergen versehene Arkadenstellung. Über jede Reihe läuft eine durchgehende Schriftleiste hinweg, die eine erläuternde Überschrift für jede Einzelszene enthält. Es handelt sich um folgende Darstellungen:

Erste Reihe, von links nach rechts: 1.) Christi Auferstehung. Überschrift: (A). 2.) Christus erscheint seiner Mutter Maria. Überschrift: (B). Maria kniet rechts an einem Betpult und wendet sich dem links stehenden Christus zu. Von seiner rechten Hand geht ein Schriftband mit der Inschrift (C) aus. 3.) Christus erscheint Maria Magdalena. Überschrift: (D). Links Christus, in der Hand einen Spaten haltend. Von seinem Munde geht ein Schriftband mit dem Text (E) aus. Rechts kniet Magdalena, vor sich das Salbgefäß. Über ihrem Kopf ein Schriftband mit (F). 4.) Christus erscheint den drei Frauen. Überschrift: (G). Links Christus mit der Siegesfahne, von seinem Munde ein Schriftband mit (H) ausgehend. Rechts knien die drei Frauen, jede mit einem Salbgefäß.

Zweite Reihe, von links nach rechts: 5.) Christus erscheint dem Petrus. Überschrift: (I). 6.) und 7.) Christus und die Emmausjünger. Über beide Szenen läuft die Inschrift (K) hinweg. Die linke Darstellung zeigt die Begegnung auf dem Felde. Christus befindet sich als Pilger in der Mitte zwischen zwei Jüngern, ihm zugeordnet ist ein Schriftband mit (L). Um den Kopf des rechts stehenden Jüngers ist ein Schriftband mit (M) gelegt. 8.) Christus erscheint seinen Jüngern. Überschrift: (N). Oberhalb des Nimbus Christi, der von zehn Jüngern umgeben ist, befindet sich ein Schriftband mit (O), von seiner rechten Hand hängt ein weiteres mit der Inschrift (P) herab.

Dritte Reihe, von links nach rechts: 9.) Christus erscheint dem Thomas. Überschrift: (Q). Rechts steht der segnende Christus, in der linken Hand die Siegesfahne. Von seinem Mund geht ein Schriftband mit der Inschrift (R) aus. Links kniet Thomas, seinen Finger in Christi Seitenwunde legend, mit dem Schriftband (S). 10.) und 11.) Christus erscheint den sieben Jüngern. Über beide Szenen laufende Überschrift: (T). In der linken Darstellung sechs Jünger, die das Netz auswerfen, in einem Boot, in der rechten Christus am Ufer stehend, von seiner Hand ein bis in die linke Szene hineinreichendes Schriftband mit (U). Links neben ihm steht der siebente Jünger (Petrus) im Wasser. 12.) Der Fischzug der Jünger. Überschrift: (V). Vierte Reihe, von links nach rechts: 13.) Zubereitung des Mahls. Überschrift: (W). Über dem in der Mitte sitzenden Christus ein Schriftband mit (X). 14.) Erscheinung Christi in Galiläa. Überschrift: (Y). Christus, in der linken Hand die Siegesfahne, steht erhöht inmitten der Jünger, links von ihm ein Schriftband mit der Inschrift (Z). 15.) Christi letztes Mahl. Überschrift: (AA). Weitere Inschriften besitzt die personenreiche Darstellung nicht. 16.) Christi Himmelfahrt. Überschrift: (BB).

Das gesamte Darstellungsfeld wird, in Ergänzung der über der ersten Reihe eingearbeiteten Schriftleiste, rechts, unten und links von weiteren solchen Leisten eingerahmt, die, oben rechts beginnend, die fortlaufende Umschrift (CC) tragen. Den äußeren Abschluß des Teppichs bildet ein Rahmen mit Medaillons, die verschiedene Tiere zeigen. In der unteren Reihe, die acht solcher Medaillons aufnimmt, sind einigen Tieren Schriftbänder beigegeben. Das zweite, sechste und siebente Medaillon hat keine Inschrift, die übrigen tragen, von links nach rechts, die Buchstabenfolgen (DD). In den vier Ecken befinden sich Wappendarstellungen. Alle Inschriften sind eingestickt. Bei (A) bis (BB) wurde auf weißem Schriftgrund rotes Garn verwendet, alle Versalien sind blau. (CC) zeigt auf weißem Schriftgrund in regelmäßigem Wechsel rote und blaue Buchstaben, ebenso (D).

Maße: H.: 365,0 cm; B.: 307,0 cm; Bu.: 2,4 cm (A bis BB), 5,1 cm (Überschriften), 4,5–5,2 cm (CC), 1,6 cm (DD).

Schriftart(en): Gotische Minuskel mit Versalien (A bis BB), Gotische Majuskel (CC und DD).

  1. A

    Resurrexio · domini ·

  2. B

    Hic · apparet · m(at)ri · sue ·

  3. C

    Salue · s(an)c(t)a · parens

  4. D

    Hic · magdalene ·

  5. E

    Maria ·1)

  6. F

    Rabbi ·2)

  7. G

    Hic · tribus · marijs ·

  8. H

    Auete3)

  9. I

    Hic · apparet · petro

  10. K

    Hic · duob(us) · disciplisa) · euntibus · i(n) · emaus ·

  11. L

    O stulti · et · tardi · corde ·4)

  12. M

    Mane · nobiscum · domine ·5)

  13. N

    Hic · o(mn)ib(us) · disciplisa)

  14. O

    Pax · vobis ·6)

  15. P

    Habetisb) · hic · aliquid · quod ·c)7)

  16. Q

    Hic · apparet · thome ·

  17. R

    Infer · digitum · tuum · huc ·8)

  18. S

    D(omi)n(u)s · meus · (et) deus ·9)

  19. T

    Hic · septe(m) · disciplis · ad · mare · tiberiadis

  20. U

    Mittite · in · dexteramd) · nauigij · rethe ·10)

  21. V

    H(ic) trahu(n)t · rethe ·

  22. W

    Hic · ma(n)duca(n)t · c(um)e) · ih(es)u

  23. X

    Venite · pra(n)dete ·11)

  24. Y

    H(ic) apparet · i(n) galilea

  25. Z

    Data · e(st) · michi · potestas ·12)

  26. AA

    (H(ic) i(n)f) cenac(u)lo · i(n) ier(usa)l(e)m

  27. BB

    Hic · ascendit · i(n) celu(m)

  28. CC

    ANNO · DOMINI · M° · QUI(N)GENTESIMO · TERCIO · FECIT · DOMINA · SOPHIA · DE · BODE(N)DIKE · PRIORISSA / CO(N)SUERE · ISTVD · TAPETE · PER · MANUS · SORORVM · IN · LUNE · AD · LAUDE(M) · / DEI · ET · SVE · GENITRICIS · MARIE · AC · SANCTI · BARTOLOMEI · PATRONI · NOSTRI · A(NNO) · xx°iij° REFORMACIONIS ·

  29. DD

    HE / AL / KE / MRO / AG / ESM filatrix

Übersetzung:

Die Auferstehung des Herrn. – Hier erscheint er seiner Mutter; Sei gegrüßt, heilige Mutter! – Hier [erscheint er] der Magdalena; Maria!; Rabbi! – Hier [erscheint er] den drei Marien; Seid gegrüßt! – Hier erscheint er dem Petrus. – Hier [erscheint er] den beiden nach Emmaus gehenden Jüngern; Oh ihr Einfältigen und Zögernden im Herzen!; Bleibe bei uns, Herr! – Hier [erscheint er] allen Jüngern; Friede sei mit euch!; Habt ihr hier etwas, das [gegessen werden kann]? – Hier erscheint er dem Thomas; Lege deinen Finger hierher!; Mein Herr und Gott! – Hier [erscheint er] den sieben Jüngern am Meer bei Tiberias; Werft das Netz rechts vom Schiff aus! – Hier ziehen sie das Netz ein. – Hier nehmen sie mit Jesus das Mahl ein; Kommt und nehmt! – Hier erscheint er in Galiläa; Mir ist gegeben die Gewalt [im Himmel und auf Erden]. – Hier [speisen sie] in einem Speisezimmer in Jerusalem. – Hier steigt er in den Himmel auf.

(CC) Im Jahre des Herrn 1503 ließ die Domina Sophia von Bodenteich, Priorissa, diesen Teppich zusammenfügen durch die Hand der Schwestern in Lüne zum Lobe Gottes und seiner Gebärerin Maria und des heiligen Bartholomäus, unseres Schutzpatrons, im 23. Jahr der Reform.

Wappen:
a) oben links: Schomaker (wie Nr. 58)
b) oben rechts: Bodenteich (wie Nr. 45)
c) unten links: Lorbeer (in Schwarz lorbeergekrönter Jünglingskopf)
d) unten rechts: Wilde (in Gold ein springendes braunes Reh auf grüner Fläche)

Kommentar

Die unter (DD) angeführten Buchstabengruppen hält Marie Schütte mit Recht für die Initialen der mit den Arbeiten an diesem Teppich befaßten Nonnen13). Diese Auffassung wird gestützt durch den Zusatz filatrix (Näherin) bei ESM. Die Wappen beziehen sich auf die Pröpste Nikolaus Schomaker (1493–1506) und Johannes Lorbeer (1506–1529) sowie der Priorissinnen Sophia von Bodenteich (1481–1504) und Mechthild Wilde (1504–1535)14). Bereits das Vorkommen der Wappen Lorbeer und Wilde deutet darauf hin, daß die in der Umschrift des Teppichs genannte Jahreszahl 1503 den Beginn der Arbeiten an diesem Textil bezeichnet und sich seine Fertigstellung über mehrere Jahre hinzog.

Durch Hinweise aus der Klosterannalistik wird diese Vermutung zur Gewißheit. Dort heißt es zum Jahre 1507, es sei der Teppich cum septem apparitionibus vollendet worden15). Weitere Aufschlüsse gewährt das Amtsbuch der Sakristanin mit einer Eintragung zum selben Jahr16): feria tertia Invocavit in vigilia sancti Mathie apostoli presentaverunt istae sorores KE, HE, AG et AL tapete cum septem apparationibus [!]. Diese Notiz bestätigt nicht nur den Abschluß der Arbeiten im Februar 1507, sondern macht zugleich auch deutlich, daß es sich bei den Buchstaben in den Medaillons ohne jeden Zweifel um die Initialen der sorores handelt, die den Teppich hergestellt haben17).

Mit seiner friesartig angeordneten Darstellungsfolge weicht dieser Teppich vordergründig vom Schema der Zentralkomposition ab, wie es kennzeichnend für die übrigen Textilien dieser Produktionsphase ist18). Da aber die Szenen 6 und 7 sowie 10 und 11 durch eine übergreifende Beschriftung miteinander verbunden sind und beide Gruppen in der Mitte des Teppichs untereinander stehen, entsteht dennoch ein formal zu bestimmendes Zentrum. Da die hier dargestellten Ereignisse, das Emmauswunder und der Fischzug der Jünger, von besonderer Prägnanz in der Aussage sind, kann man ihnen durchaus auch eine zentrale Bedeutung für das Bildprogramm zusprechen, das aus den Berichten der Evangelien über Erscheinungen Christi in der Zeit zwischen Auferstehung und Himmelfahrt zusammengestellt worden ist.

Textkritischer Apparat

  1. Schütte: discipulis.
  2. Mithoff: Habete.
  3. Textabbruch aus Platzmangel.
  4. Mithoff: dextram.
  5. Mithoff: i(n).
  6. Fehlt bei Mithoff.

Anmerkungen

  1. Io. 20, 16.
  2. Io. 20, 16.
  3. Mt. 28, 9.
  4. Luc. 24, 25.
  5. Luc. 24, 29.
  6. Luc. 24, 36.
  7. Luc. 24, 41.
  8. Io. 20, 27.
  9. Io. 20, 28.
  10. Io. 21, 6.
  11. Io. 21, 12.
  12. Mt. 28, 18.
  13. Schütte, S. 50.
  14. Amtsdaten nach Nolte, S. 129.
  15. Item ipso anno presentauerunt sorores tapete cum septem apparitionibus: Nolte, S. 115.
  16. Nolte, S. 115. – Nolte bezieht diesen Eintrag aus nicht ersichtlichen Gründen auf den Osterteppich (Nr. 60). Die Formulierung cum septem apparationibus ist jedoch in einem Maße eindeutig, daß der Bezug auf jeden anderen im Kloster gefertigten Teppich völlig ausscheidet.
  17. Vgl. die Zusammenstellung aller Initialen im Kommentar zum Osterteppich (Nr. 60).
  18. Besonders deutlich wird dieses Prinzip am Osterteppich (Nr. 60), aber auch am Weihnachtsteppich (Nr. 57) ist es stärker erkennbar als im hier vorliegenden Fall.

Nachweise

  1. Mithoff, S. 127.
  2. Schütte, S. 48–50.
  3. Beschreibung: Knauf, S. 33, 47.
  4. Abbildung: Schütte, Taf. 50, 51; Knauf, S. 119.

Zitierhinweis:
DI 24, Lüneburg: St. Michaeliskloster, Kloster Lüne, Nr. 59 (Eckhard Michael), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di024g002k0005906.