Inschriften: St. Michaeliskloster und Kloster Lüne bis 1550

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 24: Lüneburg: St. Michaeliskloster, Kloster Lüne (1984)

Nr. 55 Kloster Lüne 1500

Beschreibung

Zwei Banklaken mit Darstellungen aus der Legende der hl. Katharina von Alexandrien.

Erster Streifen
Auf dem längsrechteckigen Textil erscheinen in kreisrunden, nebeneinanderstehenden Medaillons elf szenische Darstellungen. Jedes Medaillon ist von einem ringförmigen Rahmen umschlossen, der vollständig als Schriftraum genutzt ist. Von links nach rechts finden sich darin die Umschriften (A) bis (L), die zur Erläuterung der jeweiligen Darstellung dienen. Die gesamte Medaillonzone ist mit Hilfe von Schriftleisten rechteckig gerahmt. Die Leisten enthalten, unten links beginnend und umlaufend von außen her zu lesen, die Inschrift (M). In die durch die Rahmung zwischen den Medaillons entstandenen Zwickel wurden außer den Evangelistensymbolen in den Ecken in regelmäßigem Wechsel Darstellungen von weiblichen Heiligen und Engelsfiguren eingearbeitet. Den Evangelistensymbolen sind Schriftbänder beigegeben, die jedoch nicht vollständig ausgefüllt wurden, sondern lediglich zu Beginn den Buchstaben S zeigen. Die Attribute der Heiligen sind teilweise sehr schematisch ausgeführt, so daß eine eindeutige Identifizierung nicht in jedem Fall möglich ist. Im einzelnen erscheinen, mit der Umschrift (M) fortlaufend, folgende Darstellungen: Unterkante: Markuslöwe – Heilige mit Palme (?) und Blume (?) – Engel – Heilige mit Korb und Blütenzweig – Engel – Gekrönte Heilige mit Palmzweig und Brotlaib (?) (Elisabeth ?) – Engel – Gekrönte Heilige mit Palmzweig und kleiner Blume (?) (Katharina ?) – Engel – Heilige in geistlicher Tracht mit Stab und Kerze (Brigida von Kildare ?) – Engel – Lucasstier; Oberkante: Johannesadler – Ursula – Engel – Heilige in geistlicher Tracht mit Stab und Buch (Scholastika ?) – Engel – Dorothea – Engel – Apollonia – Engel – Margaretha – Engel – Matthäusengel. Den äußeren Abschluß des Streifens bildet ein Zierfries aus pflanzlichem Dekor, Tierdarstellungen und Drolerien. In den vier äußeren Ecken befinden sich Wappendarstellungen, von denen die diagonal gegenüberstehenden identisch sind. Wappen sind auch im vierten und achten Feld der Medaillonzone als Fensterschmuck eingefügt. Die Inschriften (A) bis (L) sind mit rotem Garn auf weißen Schriftgrund gestickt, die Konturen der Buchstaben blau abgesetzt. Bei (M) sind die Farben permutiert, die blaue Konturierung wurde beibehalten.

Maße: H.: 68,0 cm; B.: 550,0 cm; Bu.: 3,4 cm (A–L), 2,6 cm (M).

Schriftart(en): Gotische Majuskel (A–L), gotische Minuskel mit Versalien (M).

  1. A

    H(IC) UENATUR · SANCTA · KATHERINA ·

  2. B

    HIC · CONUERTITUR · SANCTA · KATERINA ·

  3. C

    HIC · BAPTISATUR · SANCTA · KATHERINA ·

  4. D

    HIC · DESPONSATUR · A CRISTO · IHESU ·

  5. E

    HIC · EXPROBRAT · IDOLATRIAM ·

  6. F

    HIC · DUCITUR · AD · TEMPLUM · IDOLORUM ·

  7. G

    HIC · INCLUDITUR · IN CARCEREM ✶

  8. H

    HIC · PRESENTATUR · CORAM · CESARE ·

  9. I

    HIC · CONFORTATUR · A · MICHAELE ANGE[LO]a)

  10. K

    HIC · UENIUNT · ORATORES · AD · CESAREM ·

  11. L

    HIC · CONUERTUNTUR · RETHORES · ✶ ·

  12. M

    Hic i(n)cipit vita (et) passio beate Katherinevirginis et martiris glorioseAue virgo gloriosa Katherinaclarior syderibus ·cui(us) vultu(m) ac decoremconcupiuit d(omi)n(u)s ·funde p(re)ces creatoripro tuis supplicibus ✶Martir s(an)c(t)a Katherinaspo(n)sione(m) spo(n)si tui(et) extreme p(re)cis tueiam effectu(m) i(m)petra ·vt det pacem (et) salute(m)fine(m) bonu(m) (et) eterna(m)vitam nobis celitus.Virginis filius virginalem / p(re)cem libens exaudit ·[e]t cet[era]b) /Surge virgo Kathernac) (et) n(ost)raspreces sponso aperi ·tua vox est dulcis in aure deid):que pausas sub vmbra dilecti ·Ab estu mu(n)ditransfer nos ad amena paradysi ·Pulchre syon filiapro mortali tunica ·agni tecta vellere(et) corona glorie ·Amica dei Katherina virginitatis decorata infula ·omnibus se amabilem exhibuit:ip(s)a intercedat pro nobis: /Anno d(omini) xvco. in Jubileo

Übersetzung:

Hier ist die heilige Katharina auf der Jagd. – Hier wird die heilige Katharina bekehrt. – Hier wird die heilige Katharina getauft. – Hier wird sie von Christus Jesus zur Verlobten genommen. – Hier prangert sie den Götzendienst an. – Hier wird sie zum Tempel der Götzenbilder geführt. – Hier wird sie in den Kerker eingeschlossen. – Hier wird sie vor den Kaiser geführt. – Hier wird sie vom [Erz]engel Michael gestärkt. – Hier kommen die Ratgeber zum Kaiser. – Hier werden die Redner bekehrt.

Hier beginnt [die Darstellung] des Lebens und des Leidensweges der heiligen Jungfrau und ruhmreichen Märtyrerin Katharina. Sei gegrüßt, ruhmreiche Jungfrau Katharina, [die du] strahlender als die Gestirne [bist], deren Antlitz und Anmut der Herr begehrte. Breite dem Schöpfer deine Bitten für diejenigen aus, die dich anflehen. Heilige Märtyrerin Katharina, erwirke du jetzt die Einlösung des Versprechens deines Verlobten und die Erfüllung deines letzten Gebetes, daß er uns Frieden und Heil, ein seliges Ende und das ewige Leben vom Himmel her gebe. Der Sohn der Jungfrau erhört gern das Gebet einer Jungfrau usw. Erhebe dich, Jungfrau Katharina, und eröffne unsere Bitten deinem Bräutigam. Deine Stimme klingt süß im Ohr Gottes, die du ruhst in dem vom Geliebten gespendeten Schatten. Aus der Hitze der Welt geleite uns in die Lieblichkeit des Paradieses hinüber. Schöne Tochter Zions, anstatt mit sterblichem Gewand bist du bedeckt mit dem Vlies des Lammes und der Krone der Herrlichkeit. Die Freundin Gottes, Katharina, ausgezeichnet mit der Krone der Jungfräulichkeit, hat sich allen liebenswürdig gezeigt; sie möge für uns eintreten. Im Jahre des Herrn 1500, im Jubeljahr.

Wappen:
a) vierte Szene: von Estorff? (in Gold weiße Lilie)1)
b) achte Szene, links: ungedeutet (in Gold drei rote Scheite)
c) achte Szene, rechts: ungedeutet (in Gold drei rote Rosen 2 : 1)
d) Randstreifen, unten links und oben rechts: Landsberg (wie Nr. 58)
e) Randstreifen, unten rechts und oben links: Bodenteich (wie Nr. 45)

Zweiter Streifen
Die im ersten Streifen begonnene Darstellung wird hier in gleichartigem Aufbau und gleichartiger Gestaltung mit weiteren elf Medaillons fortgesetzt und zu Ende geführt. Die Medaillons tragen die Umschriften (A) bis (L), die rechteckige Rahmung aus Schriftleisten enthält die Inschrift (M). In den Zwickeln sind dargestellt: Unterkante: Gregor der Große – Engel – Anna Selbdritt – Engel – Heilige in geistlicher Tracht mit Kreuz und Herz (Klara von Montefalco ?) – Engel – Katharina – Engel -Heilige in geistlicher Tracht mit Monstranz – Engel – Figur ohne Nimbus in geistlichem Habit mit Hirtenstab – Kniende, betende Nonne mit der Inschrift (N) auf beigegebenem Schriftband; Oberkante: Engel – Hieronymus – Engel – Magdalena – Engel – Heilige in geistlicher Tracht mit Stab, Tasche und Buch (Brigitta von Schweden ?) – Engel – Apollonia – Engel – Nonne mit Kelch – Engel – Augustin. In zwei der Medaillons ist zur weiteren Ergänzung ein Schriftband eingearbeitet; in der vierten Szene geht es vom Munde Christi aus und enthält die Inschrift (O), in der zehnten die Inschrift (P). Im fünften und neunten Medaillonfeld erscheinen in den Fenstern Wappendarstellungen. Die äußere Begrenzung des Banklakens ist wie die des ersten Streifens gestaltet, auch die Anordnung der Wappendarstellungen in den äußeren Ecken ist identisch. Die Inschriften (A) bis (L) stehen hier auf rotem Schriftgrund, die Buchstaben sind mit weißem Garn eingestickt, die Konturen blau abgesetzt. Maße und Schrift wie oben.

  1. A

    HIC · CREMANTUR · QUINQUAGINTA · ORATO[RES]a) ·

  2. B

    HIC · FLAGELLATUR · SANCTA · KATHERINA ·

  3. C

    H[IC] CONUERTIT · REGINAM · ET · PORPHIRIU(M)a) ·

  4. D

    HIC · UISITATUR · A CRISTO · IN · CARCERE ✶

  5. E

    HIC · PRESENTATUR · CORAM · INPERATORE ·

  6. F

    HIC · DUCITUR · AD · TORMENTUM · ROTARUM ·

  7. G

    HIC · DECOLLATUR · INPERATRIX · ✶✶✶ ·

  8. H

    HIC · DECOLLATUR · MILES · PORPHIRIUS ✶ ·

  9. I

    HIC · ADIUDICATUR · MORTI · SANCTA · KATE[RINA]a) ·

  10. K

    HIC · ORAT · SANCTA · KATHERINA · UIRGO ·

  11. L

    H(IC) · DECOLLATUR · ET · SEPELITUR · AB · ANGELIS ·

  12. M

    Katherina martir (christi) · terre p(ri)ncipem vicisti · riuos sa(n)g(ui)nis fudisti · nacta regni gl(ori)am Amore flagras diuino · co(n)secrata deo trino · q(ua)si corde masculino · co(n)su(m)mans victoriam · Triu(m)pha(n)s (con)tra q(ui)nq(ua)gi(n)ta doctores · efficis hos p(ro)fessores · (christ)iani no(min)is · Horrida rota p(ar)atur · v(ir)go (christum) dep(re)cat(ur) · ars / feralis (con)quassatur · v(ir)tute / no(n) ho(min)is Edocta credit regina · p(er) te felix Katherina · dogmata sume(n)s diuina · cu(m) duce porphirio Rapit(ur) augusta crede(n)s · nec minis n(ec) morti cedens · cesar furit lede(n)s · utrosq(ue) m(a)rtirio · Iussit cesar decollari · v(ir)gine(m)q(ue) tumulari · (christus) fecit ma(n)ib(us) a(n)g(e)licis · Anno d(omi)ni mo · do · co(m)pletu(m) e(st) h(oc) sca(m)pnale · p(er) man(us) soror(um) n(ost)rar(um) hic i(n) lune tu(n)c dege(n)ciu(m) te(m)p(or)e / regimi(ni)s d(omi)ne Sophie de Bode(n)dike

  13. N

    Consta(n)s esto filia

  14. O

    Ueni spo(n)sa (christi) quod postulas i(m)petrstic)

  15. P

    O s(an)cta Katherina ora p(ro) nob(is)

Übersetzung:

Hier werden die fünfzig Redner verbrannt. – Hier wird die heilige Katharina gegeißelt. – Hier bekehrt sie die Königin und Porphirius. – Hier wird sie von Christus im Kerker besucht. – Hier wird sie vor den Kaiser geführt. – Hier wird sie zur Folter durch Räder geführt. – Hier wird die Kaiserin enthauptet. – Hier wird der Ritter Porphirius enthauptet. – Hier wird die heilige Katharina dem Tod überantwortet. – Hier betet die heilige Jungfrau Katharina. – Hier wird sie enthauptet und von Engeln begraben.

Katharina, Märtyrerin Christi, du hast den Fürsten der Welt besiegt, hast Ströme von Blut vergossen, hast die Herrlichkeit des Gottesreiches erlangt. Du brennst vor Leidenschaft durch göttliche Liebe, geweiht dem dreifachen Gott. Gleichsam mit männlichem Herzen kämpfend, hast du den Sieg davongetragen und über fünfzig Doktoren triumphiert und sie dadurch zu Bekennern des christlichen Namens gemacht. Das schreckliche Rad wird vorbereitet. Die Jungfrau betet zu Christus, und das todbringende Werk wird durch übermenschliche Kraft zerstört. Die Königin findet zum Glauben, belehrt durch dich, glückselige Katharina, und sie nimmt die christliche Lehre an zusammen mit dem Heerführer Porphirius. Die gläubige Kaiserin wird ergriffen, doch sie weicht weder Drohungen noch dem Tod. Der Kaiser wütet und quält beide mit der Marter. Der Kaiser befiehlt, die Jungfrau zu enthaupten; begraben ließ sie Christus durch Engelshände. Im Jahre des Herrn 1500 ist dieses Banklaken vollendet worden durch die Hände unserer Schwestern, die hier in Lüne damals lebten, zur Zeit der Amtsführung der Domina von Bodenteich.

Sei standhaft, Tochter! – Komme, du Braut Christi, was du erbittest, hast du erlangt! – O heilige Katharina, bitte für uns!

           
Wappen
a) fünfte Szene: ungedeutet (wie oben, c)
b) neunte Szene, links: ungedeutet (in Gold halbes, gehörntes Tier)
c) neunte Szene, Mitte: von Bülow (in Blau 15 goldene Kugeln)2)
d) neunte Szene, rechts: ungedeutet (in Rot halbes weißes Tier)
e) wie oben d): Landsberg
f) wie oben e): Bodenteich

Der kompositorische Aufbau der beiden Katharinenstreifen folgt dem Schema, das durch die Gestaltung des um einige Jahre älteren Banklakens mit Szenen aus der Legende des hl. Bartholomäus vorgegeben war (vgl. Nr. 45). Nach welcher Quelle die Zusammenstellung der einzelnen Szenen erfolgte, ist nicht genau festzustellen. Den Darstellungen des zweiten Banklakens liegt ausnahmslos die Legendenfassung der Legenda aurea zugrunde, aus dem ersten Streifen sind dieser Quelle mit Sicherheit nur die Szenen mit den Umschriften (G), (H), (I), (K) und (L) entnommen3). Dabei gehört das Feld mit (I) in der Abfolge der Ereignisse zwischen die Felder mit (K) und (L), das Feld mit (G) zwischen die Felder mit (B) und (C) des zweiten Lakens. Die ersten sechs Szenen des ersten Streifens sind nicht aus der Legenda nachzuweisen; allenfalls die Darstellung mit der Umschrift (E) könnte von der Fassung Jakobs de Voragine beeinflußt sein; er schildert einen Disput Katharinas mit dem Kaiser Maxentius, in dem sie den heidnischen Götzendienst anprangert4). Ob die übrigen Szenen aus einer im Kloster zu diesem Zweck vorgenommenen Erweiterung der Legende hervorgegangen sind oder einer anderen Vorlage entstammen, ließ sich nicht klären5).

Hervorzuheben ist, daß eine dieser Szenen die besondere Ausprägung monastischen Lebens widerspiegelt, wie sie für die lüneburgischen Frauenklöster charakteristisch war: das Feld mit der Umschrift (D) ist Zeichen für eine stark mystisch ausgerichtete Spiritualität, die ihren Niederschlag vor allem auch im Andachtsschrifttum der Konvente fand6). Möglicherweise hat man zur besonderen Hervorhebung des mystischen Akzents die Vorlage der Legenda aurea ausgeweitet und eigene Szenen hinzugefügt.

Daß man nämlich Vorlagen veränderte, um eigene Vorstellungen deutlicher sichtbar zu machen, wird an den Texten auf den rahmenden Schriftleisten kenntlich, die sich freilich nur lückenhaft in anderer Überlieferung nachweisen lassen. Ein Teil der Umschrift des ersten Katharinenstreifens ist einem Reimoffizium entnommen, das sehr weit verbreitet war7). In der Fassung, wie es vornehmlich Handschriften klösterlicher Provenienz bieten, bilden die Verse Ave ... supplicibus die dritte Antiphon in der dritten Nokturn am Festtag der Heiligen, die Abschnitte Surge ... paradysi und Pulchre ... glorie ein Responsorium mit dazugehörigem Versus für die zweite Nokturn8). In Kloster Lüne hat man diesen Texten an zwei Stellen das Wort Katharina eingefügt, um den Bezug auf die Darstellungen deutlicher herauszustellen. Daß damit prosodische Zusammenhänge gestört wurden, nahm man in Kauf.

Diese Beobachtung wiederholt sich an den umlaufenden Texten des zweiten Streifens. Es handelt sich hier um einen mehrstrophigen Hymnus, der in den einschlägigen Editionen solcher Texte nicht enthalten ist. Vollständig sind drei nach einheitlichem Schema gestaltete Strophen: 1.) Katherina ... victoriam, 2.) Triumphans ... hominis, 3.) Edocta ... martirio. Demselben Aufbau folgen auch die Verse Iussit ... angelicis. Intakt ist indessen nur die erste Strophe. Sie besteht aus acht Versen, die nach dem Schema aaabcccb gereimt und damit in zwei Halbstrophen gegliedert sind. Bei a und c sind die Reime zweisilbig weiblich, bei b dreisilbig männlich. Die prosodische Grundform ist der bereits in der Antike gebräuchliche trochäische Septenarius9), dessen erster Teil zweimal wiederholt wird, so daß sich Halbstrophen zu vier Versen bilden. In der zweiten Strophe ist dieses Schema durch verändernde Eingriffe gestört. Eingefügt wurde das Wort quinquaginta, der zweite Vers der ersten Halbstrophe fehlt. Auch die dritte Strophe zeigt eine – wenn auch geringfügige – Störung: in Vers 7 fehlt ein Trochäus. Der Abschnitt Iussit ... angelicis ist der verstümmelte Teil einer weiteren Strophe. Das Wort angelicis läßt sich nicht in das Schema einordnen; erhalten sind indessen zwei weiblich zweisilbig reimende Verse (decollari/tumulari) und als Schluß eines weiteren Verses das Wort manibus, das als dreisilbig männliches Reimwort dienen kann. Die an der ersten Strophe dargestellten formalen Kriterien sind Kennzeichen des ausgebildeten Sequenzenschemas10). So bietet die Umschrift des Banklakens vermutlich den Text eines Hymnus, der im Kloster zum Offizium der hl. Katharina gesungen wurde. Für den hier verfolgten Zweck einer zusätzlichen Erläuterung der Szenenfolge wurde er verändert, eine Strophe konnte offensichtlich aus Platzmangel nicht mehr vollständig aufgenommen werden. Diese Beobachtungen sind Anzeichen dafür, daß der Entwurf für die Banklaken im Kloster selbst hergestellt wurde.

Wie an allen anderen Textilarbeiten aus der Herstellungsphase der Zeit um 1500 treten durch die Textauswahl auch hier deutliche liturgische Akzente hervor, die als Zeugnis klösterlicher Frömmigkeit gelten müssen und den Banklaken mehr als nur eine ornamentale Funktion zuweisen11). Dem entspricht, daß in der gestalterischen Auffassung des Szenariums mystische Züge vorherrschen, die ein besonderes Licht auf die im Kloster gepflegte Praxis der Religionsausübung werfen.

Textkritischer Apparat

  1. Textabbruch aus Platzmangel.
  2. Die in Klammern stehenden Buchstaben sind nicht ausgeführt; anstelle des e ist eine Lücke.
  3. Sic!
  4. Schütte: domini.

Anmerkungen

  1. Vgl. Ledebur, Wappen, S. 74–80.
  2. Hildebrand-Mieste (Bearb.), Der Hannöverische Adel, S. 5, dazu Taf. 4.
  3. Die Edition der Legenda aurea durch Graesse ist unzulänglich. Deshalb wurde hier eine Ausgabe in deutscher Übersetzung benutzt, die auf einem verbesserten lateinischen Text beruht: Die Legenda aurea des Jacobus de Voragine, aus dem Lateinischen übersetzt von Benz. Die Legende der hl. Katharina ebd., S. 917–927.
  4. Benz (wie Anm. 3), S. 919.
  5. Es ist denkbar, daß im Kloster eine ältere und ausführlichere Fassung der Legende vorhanden war, wie auch Jacobus de Voragine seiner Darstellung eine umfangreichere Passio zugrunde gelegt hat. Vgl. Knust, Geschichte, S. 18 f.
  6. Axel Mante hat ein Gebetbuch aus dem 14. Jahrhundert ediert, das vermutlich aus Lüne stammt und eine Fülle von mystisch geprägten Passagen enthält: Mante, Gebetbuch; vgl. etwa ebd., S. 4 (Texte zur Osternacht): O myn alder-soteste begrauene! Ik dyn vnwerdigheste creature ... bidde dik dor desser vthirwelden nacht willen ..., dat du my an-drepen willest vth dynen erbaren wunden den alder-sotesten dow dyner gotliken leue vnde soticheyt vnde dat blot vnde water, dat vt der wunden dyner syden vlot, mote my waschen van allen sunden, dat ik dy hute mit dy- ner lefhebberschen sunte Marien Magdalen myt groter begheringhe soken mote, dat ik dy morne an dem vroliken osterdaghe vinden mote an myneme herten vnde dar sotliken inne rouwen moghe an dynen paschelken vrouden ...
  7. Mit umfangreichen Nachweisen der Überlieferung abgedruckt in: Analecta Hymnica, Bd. 26, S. 197–204. – Der Hinweis auf diese Fundstelle bereits bei Schütte, S. 40.
  8. Analecta Hymnica (wie Anm. 7), S. 203. – Ebd., S. 207–210, findet sich der Abdruck eines in zwei Kölner Zisterzienserhandschriften des 13. und 14. Jahrhunderts überlieferten Reimoffiziums, das diese Texte ebenfalls enthält.
  9. Vgl. Strecker, Einführung, S. 34.
  10. Vgl. Adam von Sankt Viktor, Anhang I, S. 342 f.
  11. Vgl. die Ausführungen im Kommentar unter Nr. 45.

Nachweise

  1. Schütte, S. 36–40.
  2. Abbildung: ebd., Taf. 41, 42.

Zitierhinweis:
DI 24, Lüneburg: St. Michaeliskloster, Kloster Lüne, Nr. 55 (Eckhard Michael), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di024g002k0005501.