Inschriften: St. Michaeliskloster und Kloster Lüne bis 1550

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 24: Lüneburg: St. Michaeliskloster, Kloster Lüne (1984)

Nr. 19 Kloster Lüne (um 1420)

Beschreibung

Prozessionsfahne, auf dem Nonnenchor rechts vom Altar in einem beweglichen, vitrinenartigen Rahmen an der hölzernen Lettnerwand verwahrt. Leinen, beiderseits bemalt. An einer Seite ist in der unteren Ecke ein etwa 27 cm breites und 55 cm hohes Stück herausgeschnitten. Die Fahne ist am rechten und linken Rand mit einer nur noch teilweise erhaltenen Borte besetzt, die rote, blaue, weiße und gelbe Quasten trägt. Die Malerei zeigt auf beiden Seiten purpurroten, mit goldenen Sternen besäten Grund, die Darstellungen sind in eine dreigliedrige Baldachinarchitektur eingefügt, bei der die äußeren Baldachine etwa die halbe Breite des mittleren haben. Die eine Seite zeigt im Zentrum Christus in der Vorhölle, links den Apostel und Evangelisten Matthäus1). Die rechte Assistenzfigur ist mit dem herausgelösten Textilstück verloren. Die Gegenseite zeigt die Verkündigung an Maria. Sie sitzt rechts unter dem Mittelbaldachin auf einem Stuhl, rechts neben sich ein Betpult mit aufgeschlagenem Buch. Darauf sind Zeichen zu erkennen, die Buchstaben darstellen sollen, jedoch nicht als solche ausgeführt sind. Auf der linken Seite kniet der Verkündigungsengel, in der linken Hand ein Szepter haltend, das von einem Schriftband umschlungen ist. Über dem Baldachin erscheint als kleine Halbfigur Gottvater, über dem Nimbus Mariens die Taube des Heiligen Geistes. Unter dem rechten Baldachin steht wiederum der Apostel Matthäus, die linke Assistenzfigur ist verloren. Die Inschrift befindet sich auf dem Schriftband am Szepter des Engels, in schwarzer Farbe mit roter Versalie auf weißem Schriftgrund gemalt.

Maße: H.: 89,0 cm; B.: 103,0 cm; Bu.: 0,8 cm.

Schriftart(en): Gotische Minuskel mit Versal.

DI 24, Nr. 19 - Lüneburg, Kloster Lüne - (um 1420)

 Kloster Lüne [1/3]

  1. Aue · gracia · p[l]ena ·2)

Übersetzung:

Sei gegrüßt, [du bist] voll Gnade.

Kommentar

Das Gegenstück zu dieser Fahne, am selben Ort links vom Altar zu finden, ist gleichartig gestaltet und zeigt als Hauptdarstellungen die Anbetung der Könige und die Auferstehung Christi. Inschriften besitzt es nicht.

Helmut Reinecke hat beide Stücke mit Hilfe von Stilvergleichen der Lüneburger Werkstatt zugeschrieben, in der die Malereien der ersten Wandlung des Altars mit der „Goldenen Tafel“ aus der St. Michaeliskirche (Nr. 16) entstanden3). Im Zusammenhang damit datiert er die Prozessionsfahnen in die Zeit „um 1420“. Dieser Ansatz wurde hier übernommen. Der wenig aussagekräftige epigraphische Befund steht dem nicht entgegen.

Anmerkungen

  1. Der Apostel erscheint hier mit einem in den Rücken gebohrten Schwert als Attribut. Abbildung dieser Darstellung bei: Braun, Tracht und Attribute, Sp. 523, Abb. 280. Die dort in der Bildlegende gegebene Datierung „frühes 14. Jh.“ muß auf einem Versehen beruhen. – Knauf, S. 42, identifiziert die Figur fälschlich als Paulus.
  2. Luc. 1,28.
  3. Reinecke, Buchmalereien, S. 108 f. – Dem folgend Knauf, S. 24, mit dem Hinweis, daß die Malerei der Prozessionsfahnen „die Spätphase der höfischen Kunst des Weichen Stils“ repräsentiere. – Reinecke bringt auch die Miniaturenmalerei im „Wevelkoven-Missale“ und den beiden in der Lüneburger Ratsbücherei verwahrten Rechtsspiegelhandschriften aus dem frühen 15. Jahrhundert (Ms. Jurid. 2 und 3) mit dem Maler der „Goldenen Tafel“ in Verbindung. Dieser Ansatz ist wieder aufgegriffen von: Ott, Titelminiaturen, bes. S. 6 f.

Nachweise

  1. Mithoff, S. 124.
  2. Abbildung: Knauf, S. 63.

Zitierhinweis:
DI 24, Lüneburg: St. Michaeliskloster, Kloster Lüne, Nr. 19 (Eckhard Michael), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di024g002k0001902.