Inschriften: St. Michaeliskloster und Kloster Lüne bis 1550

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 24: Lüneburg: St. Michaeliskloster, Kloster Lüne (1984)

Nr. 16 Hannover, Niedersächsisches Landesmuseum um 1415

Beschreibung

Vier Flügel vom Altar mit der „Goldenen Tafel“ aus der St. Michaeliskirche. Eichenholz. Außenflügel und Außenseiten der Innenflügel bemalt.

Zur Ausstattung der seit 1376 innerhalb der Stadt Lüneburg neu errichteten und 1418 im wesentlichen fertiggestellten Klosterkirche wurde ein großer doppelter Flügelaltar geschaffen, in dessen 2,31 m hohen und 3,70 m breiten Schrein eine massive, im Kern aus romanischer Zeit stammende Goldplatte mit Reliefdarstellungen eingearbeitet wurde1). Diese „goldene Tafel“ gab dem gesamten Altarwerk den Namen. Als Rahmung der Goldplatte im Schrein diente eine umlaufende Doppelreihe von Fächern verschiedener Größe, die zur Aufnahme des klösterlichen Reliquienschatzes bestimmt waren. 88 Gegenstände wurden hier verwahrt2). Dieser Reliquienschatz der Lüneburger „Goldenen Tafel“ zählte neben dem Welfenschatz zu den bedeutendsten und größten mittelalterlichen Kirchenschätzen Deutschlands3). Zwei Beraubungen im 17. Jahrhundert haben seinen Bestand in großem Umfang dezimiert und auch zum Verlust der Tafel selbst geführt4). Ferdinand Stuttmann kommt in seinen Untersuchungen zu der Ansicht, daß die längsrechteckige Tafel um 1179 als Retabel für einen in diesem Jahr in der Klosterkirche am Kalkberg gestifteten Apostelaltar geschaffen wurde5). Das Goldblech zeigte in der Mitte eine Maiestas Domini, beiderseits von jeweils sechs Apostelfiguren begleitet. Bald darauf wurde sie zu einem Antependium umgearbeitet und als solches in den Schrein des Schnitzaltars übernommen. Zwischen 1432 und 1532, also vor Einführung der lutherischen Lehre, wurde die Tafel durch Hinzufügung verschiedener szenischer Darstellungen, vornehmlich aus dem Leben Jesu, um etwa das Doppelte ihrer ursprünglichen Fläche vergrößert.

Wie die Tafel ist auch die Mehrzahl der Reliquiare verloren und nur durch ältere Aufzeichnungen bekannt. Die wenigen Stücke des Schatzes, die – zumeist wegen ihres geringen Materialwertes – erhalten blieben, wurden 1792 in das neu eingerichtete Museum der Ritterakademie verbracht6). Nach Auflösung der Akademie kam der größte Teil dieser Gegenstände aus der „Goldenen Tafel“ nach Hannover und wurde zusammen mit dem Welfenschatz in der Kapelle des dortigen Schlosses verwahrt7). Die Reste des Lüneburger Schatzes wurden dann in das 1862 eröffnete Welfenmuseum gegeben8) und gehören heute zu den Beständen des Niedersächsischen Landesmuseums Hannover.

Einen Eindruck von der Monumentalität des Altars mit der „Goldenen Tafel“ vermitteln die hier zu behandelnden Flügel, die die Beraubungen ohne nennenswerte Schäden überstanden haben. Als Friedrich Ernst von Bülow sein Konzept einer Umgestaltung des Kircheninneren durch tiefgreifende, 1794 abgeschlossene Veränderungen verwirklicht hatte, bestand für den Altar keine Verwendung mehr9). Der Schrein, von dem sich nur sehr geringe Reste des Maßwerkornaments in Lüneburg und Hannover erhalten haben, wurde zerstört10), die vier Flügel in das Museum der Ritterakademie gegeben. Zwischen 1861 und 1863 gelangten sie an das Welfenmuseum in Hannover und gingen mit anderen Beständen dieses Hauses an das heutige Niedersächsische Landesmuseum über (Inventar-Nummer: WM. XXIII. 27)11).

Beide Innenseiten der Innenflügel zeigen in zwei übereinander angeordneten Reihen je fünf geschnitzte Heiligenfiguren. Jede der ca. 58,0 cm hohen, bemalten und vergoldeten Statuen steht auf einer maßwerkverzierten Konsole unter einem reich ornamentierten Baldachin. Ihre Attribute sind zum Teil verloren. Getrennt werden die Figuren durch schmale Leisten, die mit Hilfe von Fialenvorsätzen als Strebepfeiler ausgebildet sind. Auf halber Höhe dieser Leisten waren – ebenfalls auf Konsolen unter Baldachinen – zwölf ca. 28 cm hohe Zwischenfiguren angebracht. Nur vier von ihnen haben sich erhalten. Sie stellen weibliche Heilige dar. In Ludwig Albrecht Gebhardis Kollektaneen finden sich Zeichnungen eines jeden Flügels, die die Attribute der größeren Figuren unversehrt und in der Mehrzahl bestimmbar darstellen12). Zwei Zwischenfiguren des rechten Flügels fehlten bereits, als diese Zeichnungen angefertigt wurden. Gert von der Osten hat diese Abbildungen benutzt, um folgende Identifizierung der Schnitzfiguren vorzunehmen13): 1. Linker Flügel, obere Reihe: Maria Magdalena (mit Salbgefäß, von dem der Fuß erhalten ist) – Cyriacus (mit Buch und Resten eines Palmzweiges) -Benedikt (mit verlorenem Abtsstab in der linken Hand) – Laurentius (Rost in der rechten, Zweig in der linken Hand verloren) – Michael (die Lanze fehlt); untere Reihe: Johannes Ev. (Kelch) – Thomas – Andreas – Philippus (mit dem Rest des Schlangenstabes). Zwischenfiguren: Heute fehlende Heilige in langem Gewand mit Buch – Heilige mit Kelch – Odilia (fehlt) – Apollonia (fehlt) – Klara – Heute fehlende Heilige mit geschlossenem Buch. 2. Rechter Flügel, obere Reihe: Johannes Bapt. (Agnus Dei verloren) – Jacobus minor – Matthäus – Simon (mit Resten eines Schwertes) – Georg; untere Reihe: Maria mit dem Kind – Petrus (mit dem oberen Teil eines Schlüsselbundes) – Paulus (mit geöffnetem Buch und Knauf eines verlorenen Schwertes) – Matthias – Jacobus maior. Zwischenfiguren: Katharina – Helena (fehlt heute) – Bereits im 18. Jahrhundert fehlende Heilige – Heute fehlende Heilige – Agnes.

Maria hält in der rechten Hand ein Tintenfaß. Das Kind, auf ihrem linken Arm sitzend, beschreibt ein vor sich ausgebreitetes Blatt, das die Inschrift (A) enthält. Das geöffnete Buch des Paulus ist auf beiden aufgeschlagenen Seiten beschriftet. Zu jeweils vier Zeilen bietet es die Inschrift (B).

Die Außenseiten der Innenflügel und die Innenseiten der Außenflügel zeigen in Malerei 36 Szenen aus dem Leben Jesu und Mariens, friesartig in drei Reihen über die gesamte Breite der vier Flügel laufend. Die Darstellungen sind zum Teil mit Schriftbändern versehen. Alle Heiligenfiguren tragen Nimbeninschriften, die nur im Ausnahmefall vollständig ausgeführt sind, weil sie entweder durch andere Nimben oder aber andere Einzelheiten der Szenen verdeckt sind. Im einzelnen ist dargestellt:

I. Obere Reihe, a) linker Außenflügel: 1. Verkündigung an Maria. Der links kniende Engel hält mit der linken Hand ein geschwungenes Schriftband mit der Inschrift (C). Maria, dem Engel gegenüber auf der rechten Seite kniend, hält vor sich ein aufgeschlagenes Buch. Die Beschriftung des Buches (D) und Marias Nimbeninschrift (E) sind zum Teil durch eine im Bildvordergrund eingefügte Säule verdeckt. 2. Besuch Marias bei Elisabeth in Gegenwart dreier anderer Frauen. Im Nimbus Mariens: (F), im Nimbus der Elisabeth: (G). Über den beiden Nimben befinden sich zwei Schriftbänder, die jeweils etwa die halbe Breite der Darstellung einnehmen. Auf dem linken steht die Inschrift (H), auf dem rechten (I). 3. Christi Geburt. Im Nimbus Mariens: (K); b) linker Innenflügel: 4. Verkündigung an die Hirten. Am linken oberen Bildrand schwebt ein Engel, der mit der rechten Hand ein geschwungenes Schriftband mit der Inschrift (L) hält. 5. Darbringung Christi im Tempel. Der Nimbus der links stehenden Maria mit der Inschrift (M) ist teilweise durch die Altarbekrönung verdeckt. 6. Anbetung der Könige. Im Nimbus der Maria: (N); c) rechter Innenflügel: 7. Beschneidung. Der Nimbus Mariens mit der Inschrift (O) ist durch eine Baldachinarchitektur zum Teil überdeckt. 8. Der Bethlehemitische Kindermord. Ohne Inschriften. 9. Flucht nach Ägypten. Im Nimbus Mariens: (P); d) rechter Außenflügel: 10. Der zwölfjährige Jesus im Tempel. Im Nimbus der rechts stehenden Mutter Gottes: (Q). 11. Hochzeit zu Kana. Die Nimben der am Tisch sitzenden Personen verdecken einander. Die Inschriften lauten von links nach rechts: (R). 12. Taufe Christi. In der linken oberen Bildecke ist eine Halbfigur Gottvaters dargestellt, die mit der linken Hand ein Schriftband mit der Inschrift (S) hält. Im Nimbus des links stehenden Johannes: (T). Der in der Bildmitte kniende Christus trägt einen Nimbus mit der Inschrift (U).

II. Mittlere Reihe, a) linker Außenflügel: 13. Auferweckung des Lazarus. Fünf der dargestellten Personen tragen Nimben, die sich teilweise überlagern. Die Inschriften lauten von links nach rechts: (V). 14. Einzug in Jerusalem. In den Nimben: (W). 15. Abendmahl. In den Nimben, die sich größtenteils überdecken, erscheinen von links nach rechts die Inschriften (X); b) linker Innenflügel: 16. Fußwaschung. Auch hier verdecken sich die Nimben gegenseitig. Die Inschriften lauten: (Y). 17. Gebet Christi am Ölberg. In den Nimben: (Z). 18. Christus weckt nach seinem Gebet die drei schlafenden Jünger. Die nur teilweise vollständigen Nimbeninschriften lauten: (AA); c) rechter Innenflügel: 19. Gefangennahme Christi. In den Nimben: (BB). 20. Verhör vor Pilatus. Der Nimbus Christi mit der Inschrift (CC) ist zum Teil durch die Köpfe umstehender Männer verdeckt. 21. Verhör vor dem Hohenpriester. Im verdeckten Nimbus Christi: (DD); d) rechter Außenflügel: 22. Geißelung Christi. In seinem durch die Martersäule verdeckten Nimbus: (EE). 23. Jesus vor Pilatus, der ein Schriftband mit der Inschrift (FF) hält. Der Nimbus Christi zeigt die Inschrift (GG). 24. Verspottung. Im Nimbus des am rechten Bildrand sitzenden Christus: (HH).

III. Untere Reihe, a) linker Außenflügel: 25. Kreuztragung. Drei der dargestellten Personen tragen Nimben mit den Inschriften (II). 26. Losentscheid um den Rock Christi. Die Nimbeninschrift lautet: (KK). 27. Kreuzigung. Die zu lesenden Nimbeninschriften lauten: (LL). Der Nimbus der Maria ist fast vollständig durch die Figur des Johannes verdeckt und zeigt nur Reste von Buchstaben. Rechts neben dem Kreuz steht der Hauptmann vor seinem Gefolge. Von seiner rechten Hand fällt ein Schriftband mit der Inschrift (MM) herab; b) linker Innenflügel: 28. Kreuzabnahme. Titulus am Kreuz: (NN). In den Nimben erscheinen von links nach rechts die Inschriften (OO). 29. Grablegung. Drei der dargestellten Personen besitzen Nimbeninschriften: (PP). 30. Anastasis. Im Nimbus Christi: (QQ); c) rechter Innenflügel: 31. Auferstehung. Im Nimbus Christi: (RR). 32. Die drei Frauen am Grabe. Im leeren Sarkophag sitzt auf der quer darüber gelegten Verschlußplatte ein Engel. Von seiner linken Hand geht ein Schriftband mit der Inschrift (SS) aus. Die Nimben der in der linken Bildhälfte stehenden Frauen enthalten die Inschriften (TT). 33. Christi Himmelfahrt. In den Nimben: (UU); d) rechter Außenflügel: 34. Ausgießung des Heiligen Geistes. Die Nimben zeigen die Inschriften (VV). 35. Tod der Maria. In den Nimben der umstehenden Jünger: (WW), im Nimbus der Maria: (XX). 36. Krönung der Maria durch Christus. In den Nimben: (YY).

In vollständig geschlossenem Zustand zeigte der Altar links, also auf der Außenseite des linken Außenflügels, die Aufrichtung der ehernen Schlange. Auf der linken Seite der Darstellung ist Moses mit einem Schriftband abgebildet, das die Inschrift (ZZ) trägt. Auf der anderen Seite des Gerüstes stehen mehrere Personen, denen ein Schriftband mit der Inschrift (AAA) beigegeben ist. Die Außenseite des rechten Außenflügels enthält eine Darstellung der Kreuzigung Christi. In seinem Nimbus steht die Inschrift (BBB), der neben dem Kreuz stehende Hauptmann hält ein Schriftband mit der Inschrift (CCC).

Alle Nimbeninschriften sind erhaben in Goldpunzierung. Die Schriftbänder sind stets weiß, die Buchstaben mit schwarzer Farbe aufgemalt.

Eine im Jahre 1700 veröffentlichte Abbildung des Altars und verschiedene in Gebhardis Kollektaneen enthaltene Detailzeichnungen vermitteln einen Eindruck auch vom Aussehen der heute verlorenen Predella14). Sie bestand aus Fächern zur Aufnahme von Reliquiaren. Das mittlere war quadratisch, die beiderseits angrenzenden längsrechteckig in zweifacher Größe des mittleren. Diese Fächer waren vorn durch architektonische Baldachin- und Vierpaßornamentik abgeschlossen. Die Fächerzone war rechts und links von einem Verbindungsteil in Form eines gleichseitigen, auf eine Spitze gestellten Dreiecks mit wellenförmiger Basis flankiert, um auf diese Weise den Unterschied in der Breite von Altarmensa und Schrein auszugleichen. Diese Zwickel trugen in Malerei figürliche Darstellungen. Auf der linken Seite erschien ein alttestamentlicher Prophet, in seiner rechten Hand ein geschwungenes, unter der Gestalt hindurchführendes und hinter ihrem Rücken endendes Schriftband mit dem Text (DDD) haltend. Analog befand sich auf der rechten Seite die Figur eines Geistlichen über einem Schriftband mit der Inschrift (EEE). Offensichtlich konnte zwischen diese Seitenteile eine breite Tafel eingefügt werden, die die gesamte Fächerzone verschloß. Denn die Abbildung von 1700 zeigt auf der Predella sieben sitzende, von Schriftbändern umgebene Gestalten. Die Inschriften werden hier indessen nicht mitgeteilt.

Maße: Maße eines jeden Flügels: H.: 231,0 cm; B.: 184,0 cm; Bu.: ca. 1,8 cm (Nimben); ca. 2,5 cm (Schriftbänder); ca. 4,5 cm (BBB).

Schriftart(en): Gotische Minuskel mit Versalien.

DI 24, Nr. 16 - Lüneburg, St. Michaelis - um 1415

 Reproduktion nach: Sigismund Hosmann, Fürtreffliches Denck-Mahl der Göttlichen Regierunge ..., Celle 1700, Tafel nach S. 66. [1/2]

  1. A

    Ego sum15)

  2. B

    Paulus / s(er)uus + / Ihesu / (Christ)i · // domini / nostri / vocans / [ge]nt[e]s

  3. C

    aue gratia plena Dominus tecum16)

  4. D

    Ecce virgo / concipiet / [et par]iet / [filiu]m // et vocabi/tur no/m[en] / eius / emanuel17)

  5. E

    [s]a[ncta] maria : mater

  6. F

    sancta : maria : mater : dei : gen[iti]

  7. G

    sancta : Elizabet : mat[er Johannis bap]tistae :

  8. H

    Magnificat anima mea dominum18)

  9. I

    Exultauit infans in vtero meo19)

  10. K

    sancta : maria : mater : dei

  11. L

    Anu(n)cio + vobis + gaudium + magnum20)

  12. M

    s(ancta) : mar[ia :] ma[ter : dei]

  13. N

    sancta : maria : mater : de[i]

  14. O

    sanct[a :] mar[ia : mater : dei]

  15. P

    sancta : maria : m[ater : dei]

  16. Q

    sancta : maria : m[ater : dei]

  17. R

    [ih]es(us) (christus) ihes(us) (christus)[sancta :] maria : ma[ter : dei]sanctus : petrus : ap[ostolus]s(anctus) : iohanes a[postolus]

  18. S

    hic est filius me(us) dil(ec)tus in q(uo) m(ihi) b(e)n(e) (com)placui21)

  19. T

    sanctus : iohannes : bapt[ista]

  20. U

    [i]hes(us) (christus) ihes(us) (christus)

  21. V

    Maria : soror : laz[ari]ihes(us) (christus) ih[esus] (christus)[sa]n[ctus :] petrus : ap[ostolus][sanctus :] mathe[us : apostolus]

  22. W

    [sanctus :] andre[as : apostolus][sanctus :] iacob[us : apostolus]s(anctus) : thomas : a[postolus]ihes(us) (christus) ihes(us) (christus)

  23. X

    [san]ctus : symon [: apostolus]s(anctus) : philipus : ap[ost]o[lus]s(anctus) : thomas [: apostolus]ihes(us) (christus) ihe[sus] (christus)s(anctus) : petrus : apost[olus]s(anctus) : iacobus : min[or : apostolus][sanctus :] iuda[s : apostolus][sanctus :] mat[heus : apostolus]

  24. Y

    [sanctus :] bartholom[eus : apostolus][s]anct[us] : petrus : apostolu[s]ihes(us) (christus) ih[esus] (christus)s(anctus) : thomas : apos[tolus][sanctus :] andreas [: apostolus][sanctus :] symon [: apostolus]s(anctus) : iudas [: apostolus]s(anctus) : philipp[u]s [: apostolus][sanctus :] mathias [: apostolus]

  25. Z

    sanctus : petrus : apostolussanctus : iacobus : minor : a[postolus]sanctus : iohannes : ewa(n)gelis[ta]ihes(us) (christus) ihe[sus] (christus)

  26. AA

    s(anctus) : iohanne[s : ewangelista]sanctus : iacobus : mi[nor : apostolus][sanctus : p]etr[us : apostolus]ihes(us) (christus) ihe[sus] (christus)

  27. BB

    [sanc]tus : petrus [: apostolus][ih]es(us) (christus) ihes(us) [christus]

  28. CC

    [ihesus] (christus) ihes[us] (christus)

  29. DD

    [ihesus] (christus) i[hesus christus]

  30. EE

    ihes(us) [christus ihesus christus]

  31. FF

    Ecce homo22)

  32. GG

    ihes(us) (christus) ihe[sus] (christus)

  33. HH

    ihes(us) (christus) ihes(us) (christus)

  34. II

    [si]m[on]s(ancta) : maria : mater : d[ei]ihes(us) (christus) i[hesus christus]

  35. KK

    ihes(us) (christus) ih[esus] (christus)

  36. LL

    sanctus : iohannes [: ewangelista]ihes(us) (christus) [ihesus christus]INRI23)

  37. MM

    Vere filius dei erat iste24)

  38. NN

    INRI23)

  39. OO

    s(anctus) : iohannes : e[wangelista]sancta : maria : ma[ter : dei][ihesus] (christus) ihe[sus christus]

  40. PP

    [sancta :] magdal[ena]sancta : maria : mater : d[ei]sanctus : iohannes : ew[angelista]

  41. QQ

    ihes(us) (christus) ih[esus christus]

  42. RR

    ih[e]s[us] (christus) i[hesus] (christus)

  43. SS

    Non · est hic · quem · queritis · sed · cito eu(n)tes · nu(n)ciate25)

  44. TT

    sancta : magda[lena][sancta : maria] : iaco[bi]s(ancta) : maria : salo[me]

  45. UU

    s(anctus) : barthol[omeus : apostolus]s(anctus) : thom(a)s apo[stolus]ihes(us) (christus) ih[e]s(us) (christus)[s](anctus) petrus [: apostolus]s(anctus) matheus apo[stolus]

  46. VV

    s(anctus) : bartholome[us : apostolus][sanctus:] simon [: apostolus]s(anctus) : thomas : a[postolus]sancta : maria : mater : deisanctus : iohanes [: ewangelista][sanctus :] math[eus : apostolus]s(anctus) iacobus : [apostolus]

  47. WW

    [sanctus] : matheu[s : apostolus]sanctus : symon [: apostolus][sanctus :] petrus [: apostolus][sanctus :] paulu[s : apostolus][sanctus :] iudas [: apostolus][sanctus :] th[o]mas : a[postolus][sanctus :] phil[ippus : apostolus]

  48. XX

    sancta : maria : mater : dei

  49. YY

    sancta mar[ia mater dei][ih]es(us) (christus) ih[esus] (christus)

  50. ZZ

    MOyses · Qui aspexerit serpentem exaltatum · saluabitur26)

  51. AAA

    Peccauimus · q(uia) locuti sum(us) contra d(omi)n(u)m · Ora · vt tollat a nobis serpentes27)

  52. BBB

    Ihesus : cristus Ihes[us : crist]us

  53. CCC

    vere · filius · dei · erat · iste ·24)

  54. DDD†

    Amos p(ro)ph[et]a preparo te in occursum dei tui israhel28)

  55. EEE†

    transi hospes et orna mensam et que manu h(ab)es ciba ceteros29)

Übersetzung:

(B) Paulus, der Knecht unseres Herren Jesu Christi, Prediger der Völker. – (C) Sei gegrüßt, [du bist] voll Gnade, der Herr [ist] mit dir. – (D) Siehe, eine Jungfrau wird schwanger werden, und sie wird einen Sohn gebären, und sie wird seinen Namen Emanuel nennen. – (H) Meine Seele erhebt den Herrn. – (I) Es hüpfte das Kind in meinem Leib. – (L) Ich verkündige euch eine große Freude. – (S) Dieses ist mein geliebter Sohn, an dem mir Wohlgefallen ist. – (FF) Siehe, welch ein Mensch! – (MM; CCC) Wahrhaftig, jener war Gottes Sohn. – (SS) Er ist nicht hier, den ihr sucht, sondern [er ist auferstanden]. Geht schnell und berichtet es! – (ZZ) Wer die aufgerichtete Schlange angesehen hat, wird gerettet werden. – (AAA) Wir haben gesündigt, weil wir gegen den Herrn gesprochen haben. Bitte darum, daß er die Schlangen von uns nimmt! – (DDD) Bereite dich auf die Begegnung mit deinem Gott vor, Israel! – (EEE) Gehe weiter, Fremder, und decke den Tisch, und speise mit dem, was du in der Hand hast, die übrigen!

Kommentar

Worttrennung ist unregelmäßig durchgeführt, in den Nimbeninschriften überwiegend durch Doppelpunkte, in den Schriftbändern, sofern sie vorgenommen wurde, durch Punkte auf Zeilenmitte. Bei (L) stehen kleine rote Kreuze statt der Punkte. Die Inschriften der Schriftbänder haben mit Ausnahme von (CCC) zu Beginn eine Versalie, die bei (L), (ZZ) und (AAA) in roter Farbe gegeben ist. Rainer Blaschke hat die Malerei der „Goldenen Tafel“ in einer 1976 publizierten monographischen Arbeit untersucht30). Damit ist die ältere Literatur, deren teilweise divergierenden Meinungen referiert werden, weitgehend überholt. Nach Blaschke waren zwei Maler mit der Herstellung der szenischen Darstellungen befaßt. Der ältere von beiden, in der Werkstatt des Göttinger Jacobi-Altars von 1402 geschult, führte die Feldeinteilung sowie alle Entwürfe aus und stellte die Innenseite des linken Außenflügels und auf der Innenseite des rechten Außenflügels die beiden ersten Szenen sowie sämtliche Vergoldungen und Punzierungen fertig. Der Maler begann mit diesen Arbeiten nach 1410. Um 1420 übernahm ein anderer Künstler, der durch Kölner Werkstätten beeinflußt war, die Fortsetzung der Malereien. Er veränderte an den noch nicht fertiggestellten Teilen die Unterzeichnung und führte alle Arbeiten zu Ende. Den Wechsel bringt Blaschke, nicht ohne Berechtigung, mit dem 1419 erfolgten Amtsantritt des Abtes Boldewin von Wenden in Verbindung31). Der Abt könnte dem ersten Maler den Auftrag entzogen haben, weil er zu schleppend arbeitete. Diese Annahme bleibt letztlich Hypothese, die Herleitung der Datierung wirkt aber überzeugend. Deshalb sind die Inschriften hier mit der zeitlichen Bestimmung „um 1415“ eingeordnet worden.

In Blaschkes Argumentationsgang spielt die Ausführung der Nimbeninschriften bei den Christusdarstellungen eine gewisse Rolle. Nach seiner Beobachtung benutzte der erste Maler die Form ‚xps‘ mit „langem s“, der zweite das s in „runder“ Form32). Diese Beobachtung ist nur zum Teil zutreffend: bei dem vermeintlichen „langen s“ handelt es sich stets um ein c. Der erste Maler verwendete also die Form xpc – etwa bei (V) oder (W) –, und zwar mit dem Kürzungszeichen über dem p, das später auch der zweite Maler in der Buchstabenfolge xps benutzte. Diese Korrektur ändert freilich nichts an Blaschkes Folgerungen: da zwei verschiedene Formen bei der Wiedergabe des Christusmonogrammes auftreten, hat es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um zwei verschiedene Verfertiger gehandelt.

Die Schnitzfiguren der Innenflügel des Altars werden von Meyne in die Zeit um 1418 datiert und einer Lüneburger Werkstatt unter dem Einfluß Claus Sluters zugeschrieben33).

Anmerkungen

  1. Zur Baugeschichte vgl. Plath, Michaeliskloster, S. 13–17, bes. S. 15 und 17. – Die wichtigste ältere kunsthistorische Literatur zum Altar ist kommentiert aufgeführt bei: Blaschke, Studien, S. 2–10.
  2. Stuttmann, Reliquienschatz, S. 10.
  3. Welfenschatz, Schatz der Goldenen Tafel, Lüneburger Ratssilber, Hildesheimer Silberfund, S. 27.
  4. 1644 wurde der Altar von einem Dieb Matthias Reinecke beraubt, der einen Teil der Goldblechtafel und einige Reliquiare entwendete. Wesentlich folgenreicher war die Beraubung durch Nickel List im Jahre 1698. Vgl. Stuttmann (wie Anm. 2), S. 13f. – Zur Beraubung von 1698: H[osmann], Denck-Mahl. Diese umfangreiche Publikation entstand anhand von Zeugenaussagen und Prozeßakten und schildert den genauen Hergang des Diebstahls. – Stuttmann hat alle erreichbaren Aufzeichnungen über die „Goldene Tafel“ dazu benutzt, in seiner unter Anm. 2 genannten Publikation den Bestand des Reliquienschatzes zu rekonstruieren. S. 33–92 führt er die 41 erhaltenen Stücke beschreibend auf.
  5. Stuttmann (wie Anm. 2), S. 17–29, bes. S. 28f.
  6. Stuttmann (wie Anm. 2), S. 14. – Von diesen Stücken sind hier diejenigen behandelt, die Inschriften tragen: der Kreuzfuß aus dem 11. Jahrhundert (Nr. 2), die beiden Armreliquiare aus der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts (Nr. 3 und 4) sowie die 1432 entstandenen Gegenstände: die beiden Straußenei-Reliquiare (Nr. 24), zwei weibliche Reliquienbüsten (Nr. 25) und das Reliquiar in Form eines Triptychons (Nr. 26). Die Geschicke dieser Reliquiare teilte seit 1792 auch das mit Leder bezogene Holzkästchen von 1305 (Nr. 7).
  7. Wie Anm. 3.
  8. Vgl. Das Königliche Welfen-Museum, S. 38–41 über die Goldene Tafel und S. 61–65 über die Reste des Reliquienschatzes.
  9. Uber Friedrich Ernst von Bülow und die Umgestaltung der Kirche: Mittig, St.-Michaelis-Kirche.
  10. Osten (Bearb.), Katalog, S. 78, Nr. 63, mit Abb. S. 80. Es handelt sich hier um einen Doppelbaldachin, der als Bekrönung zweier Fächer des Schreins diente. – Körner, Leitfaden, S. 22f., Nr. A 15.
  11. Aus sicherungstechnischen Gründen, die aus der Aufstellung der Flügel im Museum resultieren, konnten Flügel und Inschriften nicht vermessen werden. Die Maßangaben sind deshalb der Literatur entnommen, die Buchstabenhöhe wurde geschätzt.
  12. Gebhardi, Coll. VI, 1772, S. 460, S. 462. – Wieder abgebildet bei Stuttmann (wie Anm. 2), Taf. 11.
  13. Osten (wie Anm. 10), S. 74 und 76, Nr. 62, mit Abb. S. 75 und 77, hier S. 74. – Mithoff, S. 163, hat in der oberen Reihe des linken Flügels anstelle von Cyriacus: Stephanus.
  14. Abbildung von 1700: H[osmann] (wie Anm. 4), nach S. 66 des dritten Teils. – Gebhardi, Coll. VI, 1772, S. 464; wieder abgebildet bei Stuttmann (wie Anm. 2), Taf. 14, die Abbildung von 1700: Taf. 7.
  15. Vermutlich nach Joh. 14,6: „Ego sum via et veritas et vita; nemo venit ad patrem, nisi per me.“
  16. Luc. 1, 28.
  17. Is. 7, 14.
  18. Luc. 1, 46.
  19. Luc. 1, 44.
  20. Luc. 2, 10.
  21. Mt. 3, 17.
  22. Joh. 19, 5.
  23. Iesus Nazarenus, Rex Iudaeorum: Joh. 19, 19.
  24. Mt. 27, 54.
  25. Mt. 28, 6 + 7: „Non est hic; surrexit enim, sicuit dixit: venite et videte locum, ubi positus erat dominus. Et cito euntes dicite discipulis eius, quia surrexit.“
  26. Nm. 21, 8 + 9: „Et locutus est dominus ad eum: fac serpentem et pone eum pro signo; qui percussus aspexerit eum, vivet. Fecit ergo Moses serpentem aeneum et posuit pro signo; quem cum percussi aspicerent, sanabantur.“
  27. Nm. 21, 7.
  28. Am. 4, 12.
  29. Sir. 29, 33.
  30. Blaschke (wie Anm. 1). Danach das Folgende, bes. nach S. 20f., 53f., 78f., 91, 109. Eine verkürzte Fassung seiner Dissertation ist veröffentlicht unter dem Titel: Blaschke, Meister.
  31. Zu Boldewin von Wenden vgl. Nr. 30.
  32. Blaschke (wie Anm. 1), S. 19 und passim.
  33. Meyne, Lüneburger Plastik, S. 158.

Nachweise

  1. Mithoff, S. 163f. (Nur B, C, D, H, I, S, MM, SS, ZZ, AAA und CCC).
  2. Osten (Bearb.), Katalog, S. 74 (nur A, B).

Zitierhinweis:
DI 24, Lüneburg: St. Michaeliskloster, Kloster Lüne, Nr. 16 (Eckhard Michael), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di024g002k0001604.